International

SP-Nationalrat Mathias Reynard pflegt enge Beziehungen nach Katalonien.  Bild: KEYSTONE

«Viele Leute in Barcelona sagen: ‹Jetzt reicht es›»

Der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard kennt den katalanischen Regierungschef Carles Puigdemont persönlich. Im Interview sagt der Co-Präsident der parlamentarischen Gruppe Schweiz-Katalonien, warum er nicht mehr an eine einvernehmliche Lösung mit Madrid glaubt.

10.10.17, 23:21 12.10.17, 11:39

Herr Reynard, was hat der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont Ihrer Meinung nach mit seiner Rede bezweckt?
Mathias Reynard:
Es war ein letzter Versuch, Madrid die Hand zu reichen und gemeinsam über eine Lösung zu diskutieren. Aber die spanische Regierung erstickte diese Hoffnung sogleich wieder im Keim. Sie machte deutlich, dass sie nicht gesprächsbereit ist. Nun müssen die Katalanen zu anderen Mitteln greifen, wenn Sie das Ziel der Unabhängigkeit tatsächlich erreichen wollen. Das ist wohlgemerkt meine eigene Meinung, nicht jene meiner Partei.

«Wenn es keinen Platz gibt für Diskussionen, sehen sie nur einen Weg: Raus aus Spanien.»

Sie kennen Carles Puigdemont persönlich. Glauben Sie, dass er sich getraut, Katalonien gegen den Willen Madrids in die Unabhängigkeit zu führen? Er riskiert, beim Versuch im Gefängnis zu landen.
Ich kann nicht sagen, was er vorhat. Ich werde Ende Monat nach Barcelona reisen, bei meinen Besuchen in der Stadt treffe ich mich jeweils auch mit Puigdemont. Ich hoffe, dass es auch dieses Mal wieder klappt. Im Moment kann ich nur wiedergeben, was ich von meinen Freunden in Barcelona höre. Viele, die davor selber gegen eine Abspaltung waren, sagen: «Jetzt reicht es.» Wenn es keinen Platz gibt für Diskussionen, sehen sie nur einen Weg: Raus aus Spanien. Rajoys Abfuhr hat ihren Kampfgeist geweckt.

Dass sich die Separatisten doch noch mit dem spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy einigen, schliessen Sie komplett aus?
Ich glaube, es gibt in der spanischen Bevölkerung sehr viele Leute, die offen für Gespräche wären. Aber die Haltung von Rajoy ist verrückt und unverständlich. Die Zentralregierung muss mit ihren Methoden der Gewalt und der Repression, diesem Erbe aus der Zeit Francos, brechen. Leider gibt es derzeit keine Anzeichen dafür, dass er noch Einsicht zeigen könnte.

«Die Situation, die wir jetzt sehen, ist traurig für Katalonien, und sie ist traurig für Spanien.»

Glauben Sie denn wirklich, dass es Katalonien allein besser ginge? Grosse Unternehmen haben bereits angekündigt, der Region aufgrund der Unsicherheit den Rücken zu kehren.
Ich will gar keine Position beziehen. Katalonien kann innerhalb und ausserhalb Spaniens fortbestehen. Sicher ist nur: Die Situation, die wir jetzt sehen, ist traurig für Katalonien, und sie ist traurig für Spanien.

«Die Beispiele des Kanton Jura und der Gemeinde Moutier zeigen, dass wir solche Fragen mit Diskussionen und Volksabstimmungen lösen.»

Auch in der Schweiz könnte sich ein Kanton nicht einfach vom Rest des Landes lossagen.
Natürlich, und das ist auch richtig so. Aber aus Schweizer Sicht ist es schlicht unvorstellbar, dass man in einer solchen Situation nicht miteinander redet und die Regierung des Landes einfach auf stur stellt. Die Beispiele des Kanton Jura und der Gemeinde Moutier zeigen, dass wir solche Fragen mit Diskussionen und Volksabstimmungen lösen. Das Verhalten der spanischen Zentralregierung hingegen ist für die Leute in Katalonien ein Affront sondergleichen.

Was, wenn es auch dieses Mal wieder nicht klappt mit dem Traum der Unabhängigkeit? Droht die Situation in Katalonien zu eskalieren?
Die Stimmung ist momentan brutal angespannt. Eine Eskalation ist nicht auszuschliessen. Aber ich will nichts heraufbeschwören.

Einmal Unabhängigkeit und wieder zurück

Die Separatisten in Katalonien spielen weiter auf Zeit. Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont unterzeichnete am Dienstagabend ein Dokument, in dem die Unabhängigkeit der Region von Spanien und zugleich deren Aussetzung erklärt wird. Indem er die Abspaltung «für einige Wochen» auf Eis legt, will er doch noch einen Dialog mit der Zentralregierung in Madrid erzwingen.

Die spanische Regierung wies Puigdemonts Erklärung umgehend zurück. «Es ist nicht zulässig, implizit die Unabhängigkeit zu erklären und diese dann explizit auszusetzen», erklärte ein Regierungssprecher in Madrid.

Die spanische Zentralregierung will eine Abspaltung der Region im Nordosten Spaniens um jeden Preis verhindern. Madrid hatte nach dem Referendum damit gedroht, im Fall einer Unabhängigkeitserklärung die Regionalregierung zu entmachten, Katalonien seine Teilautonomie zu entziehen oder sogar den Ausnahmezustand auszurufen. (jbu)

Dass Puigdemont sich zwar für die Unabhängigkeit aussprach, diese sogleich aber wieder aussetzte, sorgte im Netz für Spott. «Puigdemont oder der Coitus interruptus», lautete etwa der Kommentar eines Users auf Tweitter.

Wahllokal in Katalonien gewaltsam gestürmt

1m 2s

Wahllokal in Katalonien gewaltsam gestürmt

Video: srf

Das könnte dich auch interessieren:

Schwangere Soldaten-Witwe bricht nach Trump-Anruf zusammen – das Drama in vier Akten

SCL Tigers überraschen Zug +++ Bern gewinnt

Was du dir am Wochenende so alles vornimmst – und was du tatsächlich tust

Sterbender Schimpanse umarmt zum letzten Mal seinen Freund und sorgt für Hühnerhaut-Moment

Swisscom und UPC sperren hunderte Webseiten: Jetzt kannst du sehen welche

«Steckt euch eure Schokolade sonst wo hin» – so schreiben die Nordiren über Gegner Schweiz

Schiesserei nahe Drehort von «House of Cards» fordert drei Tote ++ Täter verhaftet

Der jüngste Goalie der CL-Geschichte weint nach Patzer – doch dann wird es herzerwärmend

Callcenter-Mitarbeiter erleidet Hörschaden – pfiff Aargauer Senior zu laut ins Telefon?

Die «Streit-Frage», die unsere Meisterschaft entscheiden kann

Warum mein Freund R. erst glücklich wird, wenn er Tinder endlich gelöscht hat

Bevor geboxt wird, küsst die Herausforderin die verdutzte Weltmeisterin

«In diesem Sinne Allahu Akbar!» – Polizei ist obskurem Postkarten-Verteiler auf der Spur

Kinder? Nöö! Warum sich immer mehr junge Frauen unterbinden lassen wollen

Zwei Drittel sind genervt von ihren Nachbarn – rate mal, was am meisten stört

Zweistöckige Autobahn, Flüster-Asphalt und Tempo 85 – wilde Ideen in der Verkehrs-«Arena»

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

Yanik Freudiger, 23.2.2017
Die App ist vom Auftreten und vom Inhalt her die innovativste auf dem Markt. Sehr erfrischend und absolut top.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
19Alle Kommentare anzeigen
19
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • whatthepuck 11.10.2017 10:53
    Highlight "In einer solchen Situation" - wie ist sie denn, die Situation?
    1 0 Melden
  • Madmessie 11.10.2017 10:00
    Highlight Gibt es denn keinen offiziellen, rechtlichen Weg die Unabhängigkeit zu erreichen? Ist es wirklich nötig, das Katalonien so ein Kindergarten veranstaltet?
    8 3 Melden
    • Hansdamp_f 11.10.2017 10:47
      Highlight Nein, gibt es nicht, wenn der Zentralstaat jegliche Kompromissbereitschaft vermissen lässt.
      4 0 Melden
    • Rabbi Jussuf 11.10.2017 11:22
      Highlight Nein, es gibt keinen offiziellen Weg, weder rechtlich noch demokrastisch. Es gäbe nur einen diplomatischen Weg. Dazu bräuchte es aber beide Seiten und beide Seiten müssten Zugeständnisse machen.
      Eine völlige Unabhängigkeit kann Spanien verständlicherweise nicht dulden. Es bliebe bei einer Teilautonomie. Aber die hat Katalonien bereits. Darum gibt es von spanischer Seite aus auch nichts zu reden.
      3 0 Melden
  • Raembe 11.10.2017 09:21
    Highlight Wäre cool wenn ihr noch ein Interview mit einem Unterstützer der Gegenseite bringen würdet, so hätte man beide Seiten.
    9 1 Melden
  • Töfflifahrer 11.10.2017 08:52
    Highlight So wie ich es in Erinnerung habe, gab es seitens der Jurassier Anschläge und Gewalt. Beglin war damals an der Grenze zum poloitischen Sprachrohr, dieser Terroristen. Den Kanton JU gibts wohl nur weil die Schweiz hoffte die JU geben dann endlich Ruhe.
    Die Androhung der JU die Schweiz zu verlassen wurde hier eher positiv aufgenommen.
    Also so Friede, Freude, Eierkuchen war da nicht.
    Nur, jetzt habe ich die Befürchtung in Spanien endet es in Gewalt und die wird Jahre dauern bis man miteinander redet. Bis dann wird es unendliches Leid geben.
    Also, miteinander reden, jetzt!
    6 0 Melden
    • Snowy 11.10.2017 11:07
      Highlight Und vor allem hat der Jura keine grosse wirtschaftliche und geografische Bedeutung - im Gegenteil.

      Ebenfalls ein gewichtiger Unterschied.
      4 0 Melden
  • Rdkay 11.10.2017 08:37
    Highlight Jegliche Art von Nationalismus (auch der katalanische ) sind hässlich! Dieser SP Typ sollte sich was schämen das schön reden zu wollen, noch dazu als linker.Pfui
    8 9 Melden
    • Hansdamp_f 11.10.2017 11:15
      Highlight Wirklich? Was ist mit Subsidiarität, Autonomie und demokratischer Selbstbestimmung anstatt Diktat von oben? Dasselbe Problem hat doch die EU.
      6 1 Melden
  • Grundi72 11.10.2017 08:00
    Highlight Ach muss die Welt durch eine linke Brille einfach und schön aussehen! Erste Firmen haben nicht angekündigt Katalonien zu verlassen, sie haben bereits ihr Hauptsitze nach Spanien verlegt! Aber ja, nöd so wichtig... Revolution! 🙄
    18 32 Melden
  • ujay 11.10.2017 06:35
    Highlight Bei Allem wird vergessen, dass 42% abgestimmt haben. 58% gingen nicht zur Urne. 90% von 42% sind = 38% Befuerworter. Die Anderen Stimmten nicht ab; da diese eh ungueltig ist, es sie nicht interessierte oder sich als pro Spanien Waehler bedroht fuehlten. Das ist Realitaet, lieber SP Traeumer Reynard.
    26 18 Melden
    • Der Rückbauer 11.10.2017 08:26
      Highlight Du vergisst wohl, dass Madrid die Demokratie in Barcelona niedergeprügelt hat.
      5 7 Melden
    • Raembe 11.10.2017 09:23
      Highlight Ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht, einige hatten sicher Angst ins Gefängnis zu kommen, weil die Abstimmung verboten war.
      9 2 Melden
    • ujay 11.10.2017 10:21
      Highlight @Rückbauer. Falsch, Puigdemont hat die Verfassung gebrochen, kleiner, aber feiner Unterschied.
      2 4 Melden
    • Der Rückbauer 11.10.2017 13:10
      Highlight Die Qualität einer Demokratie bestimmt sich nicht nach der Diktatur der Mehrheit gegenüber der Minderheit, sondern wie die Mehrheit mit der Minderheit umgeht. Das müsste ein Schweizer eigentlich im Blut haben (Jura). Switzerland, Minderheitenschutz since 1291. Willensnation.
      0 0 Melden
    • ujay 11.10.2017 17:54
      Highlight @Rückbauer. Das sind doch nur Allgemeinplätze, wenn Argumente fehlen. Wenn ein Puigdemont in völliger Absenz demokratischer Spielregeln handelt, kann er damit rechnen, dass Spanien dies entsprechend sanktioniert und sich nicht für dumm verkaufen lässt. Über den Rest deines Elaborats von wegen #Schweiz#Minderheitenschutz seit 1291 lege ich lieber den Mantel des schweigens.
      0 0 Melden
  • VileCoyote 11.10.2017 00:27
    Highlight Da sieht ja einer alles durch die Rosabrille der Separatisten. Bei den Genossen in Katalonien hat er wohl nicht nachgefragt.
    18 12 Melden
  • John Smith (2) 10.10.2017 23:56
    Highlight Also das mit den durch und durch friedlichen Diskussionen um die Jurafrage habe ich ein klein wenig anders in Erinnerung …
    31 0 Melden
  • Spötter 10.10.2017 23:52
    Highlight Das Juraproblem nicht schönreden. Ich war damals im WK als Beglin und c/o spinnte und den Jura zu Frankreich anbinden wollten. Gefährliche Anschläge wurden geplant. Diverses umgesetzt und wir bewachten scharf die Fahrzeuge. War nicht lustig! Ein Kollege, ein Kantonspolizist musste gar zügeln. Seine Frau machte den Fehler, beim einkaufen mit beiden Seiten zu plaudern. Fazit, an seinHaus sprayte man: Je suis un Pute! Siehe:

    https://www.nzz.ch/article9O090-1.269847
    26 1 Melden

Dieser Schaffhauser könnte schon bald die drittgrösste Stadt im Kosovo regieren

Faton Topalli wohnt im beschaulichen Dörflingen im Kanton Schaffhausen. Gleichzeitig sitzt er seit vier Jahren im Parlament des Kosovo – wo er auch schon mal eine Tränengas-Petarde zündete. Am Sonntag könnte Topalli Bürgermeister von Ferizaj werden, einer Stadt mit über 100'000 Einwohnern.  

Mehrere Hundert Menschen versammelten sich am Dienstagabend im Stadtzentrum von Ferizaj im Süden des Kosovo. Die Oppositionspartei «Lëvizja Vetëvendosje» (Bewegung für Selbstbestimmung) hatte zur Abschlusskundgebung des Lokalwahlkampfs gerufen. Angereist waren die Granden der Bewegung: Visar Ymeri, der Parteivorsitzende, und Albin Kurti, ihr Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten.

Doch der eigentliche Star des Abends war ein 53-jähriger, im Kanton Schaffhausen wohnhafter, …

Artikel lesen