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Stieftochter wirft Nicaraguas Präsident Ortega sexuellen Missbrauch vor

Nicaraguas Präsident Ortega steht vor dem nächsten Wahlsieg. Mit seiner Ehefrau verwandelt er das Land in eine bizarre Diktatur - rücksichtslos, selbst gegen die eigene Stieftochter. Diese erhebt schwere Vorwürfe.

Publiziert: 05.11.16, 20:40

Jens Glüsing

Ein Artikel von

Zoilamérica Ortega Murillo

Eine der schärfsten Kritikerinnen von Nicaraguas Präsidenten Daniel Ortega ist seine Stieftochter. Zoilamérica Ortega Murillo, 45, beschuldigt ihn, sie seit ihrem elften Lebensjahr sexuell missbraucht zu haben.

Im Jahr 1998 erstattete sie Anzeige beim Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen den damaligen Oppositionspolitiker. Ihre 50 Seiten lange Anklageschrift liest sich wie ein Dokument des Grauens. Zehn Jahre später zog sie die Anzeige zurück, weil das Verfahren nicht vorankam und sie Ortegas Macht fürchtete: Er war inzwischen zum Präsidenten gewählt worden. Ortega bestreitet ihre Vorwürfe.

Die Ortegas Bild: Esteban Felix/AP/KEYSTONE

Vor drei Jahren flüchtete Zoilamérica ins benachbarte Costa Rica, nachdem Ortega und seine Ehefrau Rosário Murillo - ihre Mutter - sie bedroht hatten und ihren bolivianischen Lebensgefährtin deportieren liessen. Die Soziologin lebt heute mit ihm und den drei Kindern in San José, wo sie bei einer Menschenrechtsorganisation arbeitet.

Ortega tritt am Sonntag zum dritten Mal zur Wiederwahl an. Sein Sieg gilt als sicher. Kritiker bezeichnen die Wahl als Farce, weil er die Opposition ausgeschlossen hat und die Wahlbehörde kontrolliert.

Ihre Mutter Rosário Murillo kandidiert als Vizepräsidentin in Nicaragua. Will sie ihren Mann Daniel Ortega politisch beerben?
Murillo Ortega: Durch meine Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs wurde meine Mutter zur Komplizin Ortegas, denn sie nahm ihn in Schutz und verleumdete mich als Lügnerin. Diese Komplizenschaft hat sich in eine politische Allianz verwandelt. Sie beruht auf Missbrauch und Korruption. Beide sehen sich genötigt, die Wahrheit zu vertuschen. Das hat ihnen geholfen, eine Ideologie zu entwickeln, die jeglicher Werte entbehrt. Sie glauben, dass nur sie Nicaragua führen können.​

Will sie Ortega vor Strafverfolgung schützen?
Wichtiger ist ihr, dass der Personenkult nicht Schaden nimmt. Murillo strebt nach absoluter Kontrolle; der Weg dazu führt über das Amt der Vizepräsidentin. Sie hat im Laufe der Jahre eine aktive politische Rolle eingenommen. Sie regieren gemeinsam.

Rosário Murillo ist sehr esoterisch veranlagt. Sie hat überall in der Hauptstadt Managua sogenannte Lebensbäume aufstellen lassen.
Ich nenne das nicht Esoterik, sondern Spiritismus. Ortega und Murillo benötigen Symbole, um das Bewusstsein zu manipulieren. Sie geben vor, dass sie über übernatürliche Kräfte verfügen, um das Land zu führen. So rechtfertigen sie die Konzentration der Macht. Sie manipulieren das religiöse Bewusstsein.

Bild: OSWALDO RIVAS/REUTERS

War Ihre Mutter immer schon abergläubisch?
Sie hat schon als junge Frau ihren katholischen Glauben mit spiritualistischen Praktiken vermischt, so wie viele Nicaraguaner. Sie behauptete, dass sie mit Verstorbenen sprechen könne. Anfangs hat sie mich mit diesem Aberglauben angesteckt. Heute vermischt sie Philosophie und Glauben. Sie predigt, dass es einen Gott gibt, der ihr Macht verleiht, um das Land zu kontrollieren.

Hat sie einen Guru?
Das weiss ich nicht. Man muss ihr Verhalten im Kontext der Macht sehen. Sie muss ihre Macht mythisch rechtfertigen. Als sie Ortega nach meiner Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs in Schutz nahm, hat sie damit aus ihrer Sicht ein Opfer erbracht. Sie hat im Dienst der Revolution gehandelt, so sieht sie das. Ortega hat ihr als Lohn für das Schweigen Macht verliehen.

Und dieser Deal funktioniert?
Macht ist ein Gegengift gegen die familiäre Tragödie. Sie lässt auf destruktive Weise vergessen, was geschehen ist, das funktioniert in vielen Familien so. Bevor ich Ortega angezeigt habe, hat meine Mutter viele politische Texte geschrieben. Nachdem ich den Missbrauch öffentlich gemacht habe, begann sie plötzlich, über die magische Kraft des Mondes zu schreiben. Jetzt befindet sie sich in einer neuen Phase: Sie braucht den Aberglauben, um ihre Macht zu sichern.

Ortega stützt sich vor allem auf seine Familie. Sieben Kinder hat er in Regierungsfunktionen berufen.
Das entspringt seiner Logik der Macht. Er kann niemandem ausser seiner Familie trauen.

Erstaunlich, dass er sich noch als Sozialist ausgibt. Er lässt Gewerkschafter verfolgen, zu seinen treuesten Verbündeten gehört der nicaraguanische Unternehmerverband.
Die Allianz mit der Privatwirtschaft ist ein Abkommen zum gegenseitigen Nutzen, kein politisches Bündnis. Die Unternehmer glauben, dass es unter seiner Regierung am einfachsten ist, noch reicher zu werden. Er hat ihnen Steuererleichterungen gewährt.

Werden Sie noch von Ihrer Familie verfolgt?
Ich habe mir nicht ausgesucht, mein Land zu verlassen. Bis 2013 bin ich geblieben, obwohl ich zehn Jahre lang von der Justiz verfolgt wurde. Meine Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs hat mich stigmatisiert. Ausserdem haben die Leute Angst, weil Ortega so viel Macht hat. So haben sie es geschafft, mich zu isolieren.

Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt mit Ortega oder Ihrer Mutter?
Mit Ortega habe ich seit meiner Anzeige nicht mehr gesprochen. Meine Mutter hat mich dreimal angerufen. Sie hat mich bedroht und klargestellt, dass ich Nicaragua verlassen müsste.

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1 Kommentar anzeigen
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  • Deverol 06.11.2016 11:51
    Highlight Irgendwie gibt es gegen Leute, die gewissen Ländern nicht genehm sind, immer wieder Vergewaltigungsvorwürfe. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
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