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Kämpfer der shiitischen Badr-Miliz bei einem Protestzug in Bagdad im März 2014. Bild: AHMED ALI/EPA/KEYSTONE

Aufmarsch der Todes-Schwadronen: Wie schiitische Milizen im Kampf gegen den IS Kriegsverbrechen begehen

Im Kampf gegen den IS setzen USA und Irak auf schiitische Milizen – die sollen die Dschihadisten endlich zurückdrängen. Doch die von Iran unterstützten Truppen stehen dem Islamischen Staat in Sachen Brutalität nichts nach.

22.05.15, 14:43 22.05.15, 21:44

Raniah Salloum / spiegel online

Ein Artikel von

Die Hoffnung der irakischen Regierung heisst Hadi al-Amiri. Der etwa 60-Jährige mit den buschigen Augenbrauen ist Anführer der «Haschd al-Schaabi», der Mobilisierten Volkskräfte. So nennt sich ein im Juni 2014 gebildetes Bündnis von rund 40 schiitischen Milizen.

Bislang konzentrierten sich die schiitischen Milizen darauf, den Gürtel um Bagdad abzusichern. Doch im März kämpften sie plötzlich auch in Tikrit, 140 Kilometer nördlich der Hauptstadt.

Nun will die irakische Regierung sie für eine wohl noch wichtigere Aufgabe einsetzen: Hadi al-Amiris Männer sollen Ramadi von der Terrormiliz IS zurückerobern. Die Stadt liegt etwa 110 Kilometer westlich von Bagdad in der mehrheitlich sunnitischen Provinz Anbar. Tausende schiitische Milizionäre sollen schon vor Ramadi eingetroffen sein. Sie bereiten eine Offensive gegen den IS vor.

Die irakische Regierung setzt grosse Hoffnung auf die Mobilisierten Volkskräfte. Denn im Kampf gegen den «Islamischen Staat» (IS) hat sich die irakische Armee erneut als nicht sonderlich schlagkräftig erwiesen. Daran ist Bagdad selbst schuld: Religionspolitik und Korruption haben Iraks Armee geschwächt. Die von Schiiten dominierte Regierung rüstet lieber die eigenen Milizen auf als die nationale Armee.

Aus einem Bericht über  Schiitenführer al-Amiri:

«Eine seiner bevorzugten Methoden des Tötens soll es sein, mit einer Bohrmaschine die Schädel seiner Gegner anzubohren.»

60'000 bis 120'000 gut ausgerüstete Kämpfer sollen nach Schätzungen den Mobilisierten Volkskräfte angehören. Das sind mehr, als das irakische Militär hat.

Die meisten schiitischen Milizen kämpften schon in Iraks letztem Bürgerkrieg (ungefähr 2005 bis 2007) – allen voran Hadi al-Amiri. Der Chef der Schiiten-Milizen-Allianz war vier Jahre lang Verkehrsminister in der letzten Regierung von Nuri al-Maliki.

Der Führer der radikal-schiitischen Badr-Miliz, Hadi al-Amiri.  Bild: STRINGER/IRAQ/REUTERS

Doch berüchtigt ist er für seine Rolle während des Bürgerkrieges. Eine US-Diplomatendepesche von 2009, die auf Wikileaks veröffentlicht wurde, hält über Amiri fest: «Eine seiner bevorzugten Methoden des Tötens soll es sein, mit einer Bohrmaschine die Schädel seiner Gegner anzubohren.» Amiri soll die Ermordung von tausenden sunnitischen Zivilisten angeordnet haben.

Er stand damals wie heute der grössten schiitischen Miliz vor: Die Einheit nannte sich früher Badr-Brigaden und inzwischen Badr-Organisation.

Badr-Organisation

Bild: AHMED JADALLAH/REUTERS

Doch auch andere Mitglieder der Mobilisierten Volkskräfte sind gefährlich.

Kataib Hisbollah

Bild: ALI MOHAMMED/EPA/KEYSTONE

Asaib Ahl al-Haq

Bild: BARAA KANAAN/EPA/KEYSTONE

«Diese Kräfte haben aussergerichtliche Hinrichtungen, Folter, Entführungen und Vertreibungen von einer grossen Anzahl von Menschen begangen – und dies straffrei.»

Bagdad lässt Dschihadisten für sich kämpfen

Noch immer ermorden, entführen und terrorisieren Iraks schiitische Milizen sunnitische Zivilisten, weil sie die Andersgläubigen pauschal für Feinde halten. Im Kampf gegen die radikalsunnitischen Dschihadisten des IS setzt Bagdad auf radikalschiitische Dschihadisten, die dem IS in Sachen Brutalität kaum nachstehen.

In einem Bericht über Menschenrechtsverletzungen im Irak im Sommer 2014 hielt die Uno-Menschenrechtsbehörde über die schiitischen Milizen fest: «Diese Kräfte haben aussergerichtliche Hinrichtungen, Folter, Entführungen und Vertreibungen von einer grossen Anzahl von Menschen begangen – und dies straffrei.»

Im September 2014 wüteten die Schiiten in der Stadt Amerli: Sie brannten Häuser von geflohenen sunnitischen Zivilisten nieder, plünderten ihre Geschäfte und verwüsteten mindestens 47 mehrheitlich sunnitische Dörfer, berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW).

Was ist das Ziel der Schiiten-Miliz? «Die demographische Zusammensetzung von Iraks traditionell bunt gemischten Provinzen Salah al-Din und Kirkuk zu verändern», schrieb HRW – man könnte es auch als ethnische Vertreibungen bezeichnen.

Von der Regierung hofiert, vom Iran unterstützt: Die Schiiten-Milizen im Irak

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  • Stratosurfer 22.05.2015 17:16
    Highlight Wenn ich das lese, bin ich noch mehr davon überzeugt, dass die Iraner in ihrem erklärten Streben zur Hegemonialmacht Atomwaffen entwickeln. Ob IS oder Schiitische Milizen, da besteht für mich wirklich kein Unterschied. Leidtragende, ist einmal mehr die Zivilbevölkerung.
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    • Raphael Bühlmann 22.05.2015 18:21
      Highlight Man kann dem iranischen Regime vieles vorwerfen, aber dumm ist es bestimmt nicht! Wichtigstes Ziel ist die Aufhebung der Sanktionen. Um diese zu erreichen, wird sich der Iran unglaublich strengen Kontrollen unterwerfen. Sie werden unmöglich Atomwaffen entwickeln können, ausserdem hat der Revolutionsführer Atomwaffen für "haram" erklärt. Der Iran ist unaufhaltbar auf seinem Weg zur bestimmenden Regionalmacht und erreicht dies durch eine stärkere Wirtschaft, mehr Einfluss und bessere Beziehungen mit dem Westen.
      Ich habe die Folgen der unmenschlichen Sanktionen selber mitbekommen und hoffe darum sehr, dass diese endlich Geschichte werden.
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    • Gelöschter Benutzer 22.05.2015 22:13
      Highlight wann ist das letzte mal ein krieg oder agression von iran gemacht worden? und wann zum letzten mal von den USA?
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  • Gelöschter Benutzer 22.05.2015 15:19
    Highlight Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. In diesem Falle der Rest der Welt. Die Vertreibungen sind tatsächlich ein Problem. Wir in Europa wollen die nicht bei uns haben. Beweis: 20'000 Flüchtlinge auf EU verteilt, und es regt sich dort schon Widerstand. Lächerlich! Aber ich glaube, die USA wartet ab, denn dann kann man Waffen liefern. Ich bin entschlossen gegen Krieg, aber wenn schon, dann mit Schweizer Waffen.
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