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Istanbul-Attentat: Alle Opfer sind Deutsche +++ 3 Russen verhaftet +++ Geheimdienst warnte Polizei

Der türkische Geheimdienst hat offenbar mit einem Anschlag auf Touristen gerechnet – und die Polizei zweimal gewarnt. Doch wer steckt hinter der Attacke von Istanbul? Fahnder suchen nach 19 verdächtigen Frauen und Männer aus Syrien.

13.01.16, 08:55 13.01.16, 10:46

Hasnain Kazim, Istanbul

Ein Artikel von

Touristen, diplomatische Vertretungen, Büros der Nato und internationaler Organisationen sowie Ausländer ganz allgemein sind in der Türkei offenbar Ziel der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS): Das geht aus Informationen des türkischen Geheimdienstes MIT hervor. Zweimal, am 17. Dezember 2015 und am 4. Januar 2016, soll der MIT die Regierung in Ankara und Sicherheitsbehörden über seine Erkenntnisse informiert haben, berichtet die Tageszeitung «Hürriyet». Ein hochrangiger Polizist bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass es «entsprechende Warnungen» gegeben haben soll.

Alle 10 Opfer waren Deutsche

Die türkischen Behörden gehen nach vorläufigen Erkenntnissen davon aus, dass es sich bei allen zehn beim Terroranschlag von Istanbul getöteten Personen um Deutsche handelte, hiess  es aus türkischen Regierungskreisen. (sda/dpa)

Türkei nimmt nach Anschlag drei Russen fest

Die türkische Polizei hat einem Medienbericht zufolge nach dem Bombenanschlag in Istanbul drei russische Staatsbürger mit angeblichen Verbindungen zur Terrormiliz IS festgenommen. Die Polizei habe in deren Unterkunft in der Mittelmeerstadt Antalya auch zahlreiche Dokumente und CDs sichergestellt. Der russischen Nachrichtenagentur RIA zufolge bestätigte das russische Konsulat die Festnahmen. (sda/reu)

Demnach bereite der IS Angriffe in türkischen Städten vor, und man gehe davon aus, dass Selbstmordattentäter nach Ankara und Istanbul gelangt seien, heisst es in den Warnungen. Nach Angaben von «Hürriyet» seien deshalb die Polizeizentralen und Anti-Terror-Einheiten in beiden Städten sowie Sicherheitskräfte entlang der türkisch-syrischen Grenze informiert worden.

In der zweiten Warnung wurde demnach namentlich auf Verdächtige hingewiesen, die sich in der Türkei aufhalten sollen, darunter neun Frauen und zehn Männer aus Syrien. Diese Personen würden immer noch gesucht.

Nach Angaben deutscher Sicherheitskreise ist der MIT gut informiert über die Aktivitäten des IS. «Die sind nah dran und haben ein gutes Netzwerk an Informanten, sowohl im eigenen Land als auch in Syrien und im Irak», sagte ein deutscher Sicherheitsexperte. Die Türken sollen Deutschland auch vor mutmasslichen Vorbereitungen von Anschlägen in München in der Silvesternacht gewarnt haben. Es habe in sechs Ländern gleichzeitig Anschläge geben sollen, hiess es.

Hinweise über einen geplanten Anschlag in München hatten auch der deutsche Geheimdienst BND und die US-Bundespolizei FBI erhalten. Als sich die Informationen verdichteten, wurden der Münchner Hauptbahnhof und der Fernbahnhof in Pasing evakuiert und für mehrere Stunden gesperrt. Das neue Jahr begann in München mit Terroralarm. Nach sieben möglichen Tätern wurde gesucht, die ein Informant im Irak dem BND genannt hatte.

Deutschland schätzt den MIT

Nach dem Jahreswechsel, am 4. Januar, warnten die Türken dann mehrere Länder erneut vor möglichen Anschlägen, darunter Deutschland, die Niederlande und Frankreich. Der MIT übermittelte diesmal die Namen von 13 potenziellen Selbstmordattentätern. Die Erkenntnisse stammen aus der Vernehmung zweier IS-Mitglieder, die in Ankara festgenommen wurden, heisst es.

Schon im Oktober hatte der MIT Warnungen herausgegeben und nach vier mutmasslichen IS-Terroristen gesucht, darunter nach einer Frau mit deutschem Pass. Damals hiess es, die vier wären von Syrien aus in die Türkei eingereist und planten nun einen Anschlag, möglicherweise auf eine Bosporus-Fähre oder eine U-Bahn in Istanbul, oder die Entführung eines Flugzeugs.

Aus Deutschland heisst es, man nehme Warnungen des türkischen Geheimdienstes «sehr ernst» und arbeite eng mit ihm zusammen – auch weil Frankreich Hinweise der Türken vor dem Terror von Paris im November 2015 ignoriert hatte. Nach Angaben aus der Regierung in Ankara hatten türkische Sicherheitsbehörden Frankreich zweimal über den Aufenthaltsort von Ismaël Omar Mostefaï informiert, der sich später als einer der Angreifer im Pariser Konzertsaal Bataclan herausstellte. Der 29-Jährige sprengte sich in dem Saal in die Luft, insgesamt 89 Menschen wurden dort getötet.

Anschlag in Istanbul

Aus der türkischen Regierung ist zu hören, die Gefahr vor Anschlägen sei «längst nicht gebannt». Nun befürchten Politiker, vor allem aber die Geschäftsleute vor Ort – Restaurant- und Hotelbetreiber, Markthändler, Souvenirverkäufer –, dass der in letzter Zeit ohnehin schwache Tourismus noch weiter einbricht. Deshalb, sagt ein Regierungsvertreter, wolle man die Warnungen «ernst nehmen, aber keine Panik schüren», sondern «besonnen» gegen Terroristen vorgehen.

Der Chef der grössten Oppositionspartei CHP kritisierte die Regierung dafür, den Terror kleinreden zu wollen. «Eine Bombe explodiert im Zentrum des Tourismus, und was machen Sie? Sie verhängen eine Nachrichtensperre, noch bevor die Krankenwagen weggefahren sind», sagte Oppositionschef Kemal Kilicdaroglu.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • Gelöschter Benutzer 13.01.2016 10:35
    Highlight Kann bitte mal jemand eine Liste erstellen, in welchen Ländern DAESH (IS) bisher terroristisch aktiv wurde oder ist?

    Frankreich, England, Dänemark, Deutschland, Australien, USA, Türkei, Syrien, Irak, Afghanistan, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Philippinen, Ägypten, Algerien, Libyen, Nigeria, Tunesien, ... bitte ergänzen!

    Ich möchte eine komplette Liste sehen. Und dann will ich wissen, wie die Regierungen der Länder ihre Völker in Zukunft davor schützen wollen.

    Laut einiger Experten wäre der Stopp der Geldflüsse dabei wesentlich effizienter als militärische Schläge. Kann das stimmen?
    19 7 Melden
    • FrancoL 13.01.2016 11:35
      Highlight Einen tragbaren Schutz vor dem Terrorismus zu erreichen ist eine der schwierigsten Aufgaben! In der EU ist in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder diese Schutzproblematik geprobt worden und von Ländern wie D, IT oder E ganz unterschiedlich gehandhabt worden. Die RAF und die BRIGADE ROSSE hat man in gewisser Weise ausgehungert, es hat lange gedauert aber es führte zum Erfolg. Den IS müsste man m.E. auch aushungern, die finanzielle Alimentation abwürgen, doch das ist fast unmöglich. Solange der IS Rohöl anbieten kann wird sich immer ein Abnehmer finden. Das nur als eine kleine Teilsicht.
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    • Gelöschter Benutzer 13.01.2016 11:46
      Highlight Ich fürchte, bei einigen der Terroraktionen waren "Trittbrettfahrer" beteiligt. Diese müssen sich nicht einmal gross "outen" und die Daesh ist froh um jede solche "gratis" Aufmerksamkeit. In der Türkei z.B. zweifle ich ob da ein Interesse an der Identität des eigentlichen Verursachers besteht oder ob man nicht die Gelegenheit nutzt, dies einem ach so bösen Feindbild unter zu jubeln. Und dann wird die Statistik etwas aufgelockert - aber bestimmt noch beeindruckend.
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    • Pjotr 13.01.2016 12:11
      Highlight Dass DAESH primär nicht militärisch zu bekämpfen ist, damit bin ich einverstanden. Die Wirkung wirtschaftlicher Sanktionen ist jedoch begrenzt da sich der Islamische Staat vor allem durch Steuern finanziert. Der Ölhandel wird als Geldquelle oft überschätzt.
      3 1 Melden
    • sheimers 13.01.2016 12:13
      Highlight Das beste Mittel gegen Terror sind sogenannte Gutmenschen in der Regierung. Alle von sogenannten Gutmenschen regierten Länder haben kaum Probleme mit Krieg oder Terror. Die welche sich in fremde Konflikte einmischen, oder Minderheiten im eigenen Land disktiminieren, haben solche Probleme.
      10 5 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.01.2016 13:09
      Highlight Rhabarber. Guter Ansatz. Ich persönlich glaube aber es geht nur mit mehreren Ansätzen zugleich. Geldströme, Bodentruppen, etc. Solange der IS in Syrien wirkt, solange wird es Nachahmer überall auf der Welt geben. Erst wenn man den IS als klarer Verlierer präsentieren kann, wird sich auch ein lebensmüder Irrer überlegen, ob er im Namen einer Verliererkultur sich das Leben nehmen will. Carla del Ponte hat es gut gesagt: Bodentruppen und Ausradierung des Bösen. Jeder Einzelne ist zu eliminieren.
      3 2 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.01.2016 13:36
      Highlight der daesh ist aktuell das beste schmiermittel der kriegsindustrie. keiner will die ernsthaft besiegen. man liefert waffen an alle parteien und schafft gleichzeitig die schätze weg. warum glaubt ihr hat die franz. polizei die warnungen des tr-geheimdienstes ignoriert und diesen anschlag geschen lassen.. weil es ihnen gelegen kam. jetzt können sie panik verbreiten, gesetze biegen und drehen wie sie wollen. seit 30 jahren beobachte ich nun schon dieses muster und es funktioniert immer besser dank neuen medien.
      5 3 Melden
    • FrancoL 13.01.2016 14:18
      Highlight @infonaut; Teilweise ist Dein Post nachvollziehbar.

      Betreffend Frankreich kann ich Deine Aussage nun aber gar nicht nachvollziehen. Das würde heissen dass der Französische Präsident Holland bei den INFOS aus der Türkei übergangen worden wäre! Denn er gehört nun mal nicht zu den Gewinnern bei der Bewirtschaftung des Terrors, auch wenn er eine kurze Zeit mehr Zuspruch bekommen hat, aber nur gerade 1-2 Wochen!
      2 0 Melden
  • ferox77 13.01.2016 10:00
    Highlight Jeden Tag liest man von Unruhen in der islamischen Welt.
    Wann wird erkannt, dass hier ein ganzes System gescheitert ist?
    Aus Europa hört man hierzu noch viel zu wenig Religionskritik.
    Dazu gehen den Europäern immer mehr Urlaubsorte im islamischen Raum verloren.
    Den Menschen die davon abhängen wird nach Überzeugung der Attentäter wohl nur eine Möglichkeit bleiben; Flucht nach Europa.
    Ist das der Sinn hinter den Attentaten in Urlaubszentren?
    Wird dies auch auf den europäischen Kontinent überspringen?
    Oder soll es dazu führen, dass man nun Krieg mit Bodentruppen gegen den Daesh (IS) führen muss?
    11 22 Melden
    • Ruffy 13.01.2016 10:15
      Highlight 10 Menschen Sterben und du sorgst dich um Feriendestinationen...

      Natürlich ist ein System gescheitert, das System ist aber nicht der Islam sondern die Diktaturen und Monarchien in diesem Raum. Was diese Länder brauchen ist ein Rechtsstaat nach westlichem vorbild sowie die Demokratie. Religion und Staat gehören getrennt!
      30 9 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.01.2016 10:35
      Highlight Ruffy. Genau Staat und Religion gehören getrennt. Deshalb geht es um den Islam. Du hast das schön dargestellt. Rückständigkeit, Rassismus, Diskriminierung anders Denkender, etc. gehören rausgeputzt.
      18 4 Melden
    • Markus86 13.01.2016 11:07
      Highlight @Ruffy Grundsätzlich einverstanden, bloss mit dem Versuch von George W. Bush im Irak Demokratie und Rechtsstaat durch Gewalt zu installieren, hat der ganze Schlamassel überhaupt erst angefangen. Ich sag nicht, dass es vorher besonderst toll war. Aber irgendwie halbwegs stabil. Wir haben auch mit diversen Rückschlägen 200 Jahre von Feudalismus bis Rechtsstaat gebraucht. Und gerade jetzt würden nicht wenige den Rechtsstaat am liebsten wieder zu Türe rauskicken. Es ist absurd.
      11 2 Melden
    • Ruffy 13.01.2016 11:48
      Highlight Das Kernproblem ist aber nicht der Islam sondern das dort Herrschende System. Das ist eben nicht Islamisch (nicht das das Besser wäre) es war eine Diktatur, genauso im Irak und in Afgahnistan.

      Ich bin grundsätzlich der Meinung eine veränderung des Systems muss von innen geschehen, durch revolutionen, Unruhen und was so dazu gehört. Das eingreiffen der Amerikaner im Irak hätte länger und konsequenter (Maliki weg Gleichberechtigung durchsetzen) durchgeführt werden sollen, dann hätte sich auch etwas geändert. Aber das kostet unsummen und keiner war dazu bereit.
      3 1 Melden
    • FrancoL 13.01.2016 12:27
      Highlight @An Alle; Die Trennung von Kirche und Staat ist sicherlich ein Ansatzpunkt, auch das Durchsetzen der Demokratie und das Ablösen von Diktaturen ist mehr als wünschenswert, doch das sind sehr langfristige Unterfangen die zudem in der gewünschten Form wohl kaum möglich sind! Man muss in den arabischen mehr autonom ausgestalten, die Wege einschlagen die die Region überhaupt angehen und verkraften kann, keine Modelle überstülpen die nicht assimiliert werden können, weniger Einmischung und weniger wirtschaftliche Interessen durch uns in der Region wahrnehmen.
      8 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.01.2016 14:37
      Highlight FrancoL, es war die eintrittskarte für le grand nation.
      die rolle frankreichs ist imer noch die selbe wie im ersten wk. was da geschieht ist im grunde eine art fortsetzung der unbeendeten streitereien um die aufteilung der besetzten gebiete.

      hab extra für dich diesen bericht wieder ausgegraben.
      http://www.welt.de/geschichte/article149555835/Frankreich-hat-seine-ganz-eigenen-Ziele-in-Syrien.html
      0 0 Melden
    • FrancoL 13.01.2016 15:00
      Highlight @infonaut; Danke für den Artikel; Aber sind Sie sicher dass sie diesen als Einwendung zu meinem Kommentar (@an alle, unmittelbar oberstehend) posten wollten?
      2 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.01.2016 15:08
      Highlight ups... falsche diskussion, sorry!
      schiebe die schuld mal auf die schlechte haptik des forums..😇
      2 0 Melden
  • Radiochopf 13.01.2016 09:41
    Highlight so und was steht als nächstes im Terror-Drehbuch von Herr Erdogan? ..
    23 5 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.01.2016 09:48
      Highlight Bomben auf die Kurden vielleicht...?
      15 2 Melden
    • Dä Brändon 13.01.2016 09:51
      Highlight King Kong greift die Türken an und Erdoman stellt sich ihm entgegen wärend er nebenbei, mit den sanften Klängen seiner Stimme, Selbstmörder von der Brücke holt und Kinder aus brennenden Häuser rettet.
      20 2 Melden
    • Dä Brändon 13.01.2016 10:00
      Highlight and the Oscar goes to....
      15 0 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.01.2016 10:21
      Highlight ... für den ... bösewicht, das ... drehbuch, die ... regie, die ... hauptrolle, ...

      man darf einsetzen was man will.
      4 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.01.2016 13:12
      Highlight ud was für eine auszeichnung habt ihr verdient? trolle des tages..!?
      3 6 Melden
    • Dä Brändon 13.01.2016 15:24
      Highlight Äääh ja genau...
      0 1 Melden

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