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Mafia-Mord an Kleinkind: Dreijähriger Coco sollte als Zeuge ausgeschaltet werden

Bei einem Mafia-Massaker wurde der dreijährige Coco per Kopfschuss getötet und verbrannt. Jetzt kam heraus: Der ebenfalls ermordete Grossvater soll das Kind zuvor als Schutzschild missbraucht haben.

13.10.15, 16:55 13.10.15, 17:15

Annette Langer

Ein Artikel von

Der kleine Nicola Campolongo mit seiner Mutter Antonia Maria
ROPI

Die Mafia tötet Menschen, die im Weg stehen. Abtrünnige, die sie als Verräter betrachtet, deren Familien, unliebsame Zeugen. So weit, so berüchtigt.

Doch was sich am 16. Januar 2014 in der kalabrischen Provinz Cosenza ereignete, liess auch altgedienten italienischen Ermittlern die Haare zu Berge stehen: Drei verkohlte Leichen fand die Polizei in einem Auto in der Kleinstadt Cassano allo Ionio, eine davon in einem Kindersitz. Es waren die Überreste des dreijährigen Nicola Campolongo, zu Lebzeiten Coco genannt. Zusammen mit seinem Grossvater und dessen marokkanischer Freundin war das Kind mit mehreren Schüssen aus einer Pistole des Kalibers 7,65 Millimeter getötet und dann in dem Fiat Punto verbrannt worden.

Am Montag stellte die Polizei in Cosenza zwei Haftbefehle aus: Gegen Cosimo Donato, 38, alias «Ratte», und Faustino Campilongo, 39, Spitzname «Dickbauch». Beide Tatverdächtige sitzen bereits hinter Gittern, wegen Erpressung. Jetzt müssen sie sich wegen vorsätzlicher Tötung und Vernichtung einer Leiche verantworten. Strafverschärfend ist der Vorwurf, das Duo habe im Auftrag einer kriminellen Vereinigung gehandelt – ganz konkret des 'Ndrangheta-Clans Abbruzzese, der in der Provinz Cosenza aktiv ist und auch Clan der Zigeuner genannt wird.

Einen dreijährigen Jungen per Kopfschuss hinzurichten – dazu gehört selbst im kalabrischen Mafia-Milieu besondere Kaltblütigkeit. Papst Franziskus hatte das abscheuliche Verbrechen aufs Schärfste verurteilt und im Sommer 2014 in Cassano erklärt, unbelehrbare Mafiosi seien exkommuniziert. Jetzt veröffentlichten italienische Medien Zeugenaussagen, aus denen hervorgeht: Der kleine Coco starb nicht nur einen schrecklichen Tod, er wurde schon zu Lebzeiten von seinem mafiösen Grossvater skrupellos instrumentalisiert.

Pressekonferenz der Polizei zu Tatverdächtigen: «Ratte» und «Dickbauch» unter Verdacht.
ROPI

Der 52-jährige Giuseppe Iannicelli war zunächst Mitglied des Abbruzzese-Clans, für den er den Drogenhandel in der Region organisierte. Seit einer Mafia-Fehde in den Jahren 2003 und 2004 soll er sich mehr und mehr dem rivalisierenden Clan Forastefano zugewandt haben. In letzter Zeit soll Iannicelli zudem versucht haben, auf eigene Rechnung Kokain zu verkaufen. Ausserdem gab es Gerüchte, er wolle mit den Strafverfolgungsbehörden kooperieren. In Mafia-Kreisen kommt ein solches Verhalten einem Todesurteil gleich. An einem bestimmten Punkt hätten die dominierenden Clans beschlossen, «aufzuräumen», sagte ein Staatsanwalt aus Catanzaro der Tageszeitung «Repubblica».

«Nach den alten Regeln der 'Ndrangheta»

Die mutmasslichen Killer waren nicht nur Konkurrenten im Kampf um Drogenmärkte, sie waren auch Teil der Familie: Iannicellis Sohn ist demnach verheiratet mit der Tochter des verhafteten Cosimo Donato. Der kleine Coco war öfter bei dem Paar zu Besuch. Das bedeutet: Der Dreijährige kannte «Onkel Cosimo» und hätte ihn gegebenenfalls als Mörder seines Opas identifizieren können. Deshalb, da sind sich die Ermittler sicher, musste er sterben.

Doch auch der eigene Grossvater ging offenbar wenig zimperlich mit Coco um: Monatelang soll er mit der 27-jährigen Ibtissam Touss und dem Dreijährigen im Schlepptau geschäftlich unterwegs gewesen sein. «Mein Bruder ist mit seiner marokkanischen Freundin und mit Coco ins Stadtviertel Timpone Rosso gegangen, weil er überzeugt war, dass ihm mit einer Frau und einem Kind an der Seite niemand etwas tun werde, ganz nach den alten Regeln der 'Ndrangheta», sagte Battista Iannicelli den Ermittlern. Doch diese Regeln scheinen nicht mehr zu gelten. Sie galten auch nicht für den Grossvater, der Coco offenbar als lebenden Schutzschild missbraucht hat.

Zur Ermittlung der Tatverdächtigen sollen Aussagen von Hinterbliebenen der Opfer sowie sogenannter Pentiti geführt haben, Ex-Mafiosi die mit der Justiz kooperieren.

Ministerpräsident Matteo Renzi lobte via Facebook die Arbeit der italienischen Ermittler: «Nichts kann den Schmerz über das Geschehene lindern, aber wir sind stolz auf die Italienerinnen und Italiener, die jeden Tag gegen Kriminalität und für Gerechtigkeit kämpfen. Danke.»

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