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Angela Merkel tritt wieder an: Weiter, immer weiter - aber wohin?

Endlich ist es raus, Angela Merkel will es noch mal wissen. Ihre Chancen auf eine vierte Amtszeit sind gut. Aber die Kandidatur birgt Risiken: für sie selbst, ihre Partei - und das Land.

Publiziert: 20.11.16, 18:07 Aktualisiert: 20.11.16, 18:42

Philipp Wittrock

Merkels Gesichtszüge

Ein Artikel von

Der «gegebene Zeitpunkt» ist gekommen. Endlich. Das mit dem Spannungsbogen hat zuletzt ja nicht mehr so geklappt. Also, Überraschung: Angela Merkel tritt noch mal an. Gewinnt sie die Wahl im Herbst und hält dann die volle Legislatur durch, wäre sie 16 Jahre im Amt. Helmut Kohl lässt grüssen.

Merkels Entscheidung ist konsequent, nachvollziehbar, logisch. Ein Abschied wäre ihr ohnehin negativ ausgelegt worden, als Flucht von der Brücke in stürmischen Zeiten. Und es drängt sich ja auch niemand anderes auf in der Union. Merkel dagegen wirkt kein bisschen amtsmüde, ihre Chancen stehen gut: Ihre einst ausserordentlichen Sympathiewerte mögen in der Flüchtlingskrise gelitten haben, aber sie ist immer noch ziemlich populär, CDU und CSU liegen in den Umfragen weit vor der SPD.

Seit die Amerikaner Donald Trump zu ihrem künftigen Präsidenten kürten, stellte mancher Merkels erneute Kandidatur zudem als geradezu alternativlos dar: Angela Merkel, die letzte Verteidigerin des freien Westens, die uns jetzt auf keinen Fall im Stich lassen kann. Präsident Barack Obama persönlich stellte sich bei seinem Abschiedsbesuch an die Spitze der Pro-Merkel-Kampagne.

Hier fangen die Probleme an.

Die Kanzlerin hält nichts von einer Überhöhung ihrer Person. Doch gegen die Erwartungen, die nun an sie herangetragen werden, kann sie sich kaum wehren. Wer aber Merkel die Rolle zuweist, umringt von Trump, Putin, Erdogan, womöglich bald Marine Le Pen, und bedrängt von all den anderen aufstrebenden Populisten, die Fahne der Freiheit hochzuhalten, der überschätzt Macht, Anspruch und Selbstverständnis der deutschen Regierungschefin. In dieser Rolle kann Merkel nur verlieren.

Merkel als Garant für Stabilität, das reicht auch nicht, um eine erneute Kanzlerschaft zu begründen. «Sie kennen mich», so hat die CDU-Chefin 2013 die Wähler umgarnt. Und im Grunde reichte das, um zu gewinnen. Diesmal würde mancher einen solchen Satz als Drohung verstehen.

Merkels Kandidatur ist für manche eine Provokation

Merkel hat in der Flüchtlingskrise polarisiert, die Stimmung im Land scheint unversöhnlich. Zwar hat sich die Kanzlerin längst von der Willkommenskultur verabschiedet - aber bei vielen, die früher brav ihr Kreuz bei der CDU gemacht haben, sitzt die persönliche Abneigung so tief, dass sie der Regentin bei öffentlichen Auftritten entgegenbrüllen: «Merkel muss weg!»

Für diese Menschen ist Merkels erneute Kandidatur eine Provokation. Damit es keine Missverständnisse gibt: Vor Pöblern und Krakeelern zu weichen, ist keine Option, sie können nicht der Anlass dafür sein, zurückzustecken. Doch Merkel sollte sich bewusst sein, dass eine weitere Amtszeit die Spaltung des Landes vertiefen kann.

Das gilt erst recht, wenn sie im Falle eines Sieges vier weitere Jahre mit einer Grossen Koalition regieren würde - wofür derzeit einiges spricht, weil CSU-Chef Horst Seehofer die Grünen als Feindbild braucht, nicht als Regierungspartner. Das Gefühl, angesichts einer regierenden Übermacht nicht mehr gehört zu werden, dürfte sich bei den Unzufriedenen dann noch verstärken.

Im kommenden Wahlkampf, so steht es im Entwurf für den Parteitagsleitantrag, will Merkel um die «Modernisierungsverlierer» werben, die derzeit den Populisten, etwa der AfD, nachlaufen. Aber es ist kaum zu erwarten, dass die sich mit vagen Steuersenkungsversprechen, Baukindergeld und ein paar deutlichen Sätzen gegen den radikalen Islam wieder zur Kanzlerinnen-Partei locken lassen. Merkel sollte eine grössere Idee für eine neue Amtszeit haben - doch die Entwicklung politischer Visionen war bisher nicht gerade ihre Stärke.

Merkel-Müdigkeit kommt auf

Nicht zu unterschätzen ist auch die aufkommende Merkel-Müdigkeit in der Union. Nicht nur in der CSU, auch in der CDU. Natürlich werden sich die christdemokratischen Funktionäre beim Parteitag diszipliniert hinter der Vorsitzenden versammeln. Aber der Frust grassiert in den eigenen Reihen.

Die schweren Niederlagen bei den zurückliegenden Landtagswahlen werden Merkel angelastet, jetzt die vergebliche Suche nach einem eigenen Bewerber fürs Schloss Bellevue - die CDU wird immer mehr zur Partei ohne Unterleib. Gegrummel darüber gibt es schon lange. Nur, so lange die Vorsitzende den Erfolg sicherte, war das kein Problem.

Doch Merkel ist nicht mehr unantastbar. Sie wird sich anstrengen müssen, ihre Partei zu motivieren und zu mobilisieren. Trotz des aktuellen Umfrage-Vorsprungs, ein Selbstläufer wird die Wahl 2017 nicht für Merkel. Auch wenn in Deutschland kein Trump in Sicht ist, die USA haben gezeigt: Das Unvorstellbare kann real werden.

Auf diesen Ernstfall aber wäre die CDU nicht vorbereitet. Was dann? Wer kommt nach Merkel? Die Fragen, die dieses Szenario aufwirft, muss sich die Chefin aber auch dann stellen, wenn sie das Kanzleramt noch einmal verteidigen sollte. Sie muss damit beginnen, den Übergang in die Nach-Merkel-Ära zu gestalten. Frühzeitig.

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User-Review:
Gina226 - 6.4.2016
Watson, du bist super. Ich möchte dich nicht mehr missen. ❤️
11 Kommentare anzeigen
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  • Libertas 20.11.2016 22:49
    Highlight Alles, nur nicht mehr Merkel. Am besten ein Kandidat von der AfD! Träumen ist ja erlaubt....
    12 26 Melden
    • OkeyKeny 21.11.2016 00:58
      Highlight Ja, lieber die Frauke Petry, die Klimaerwärmung für eine Verschwörungstheorie hält. Na bravo.
      14 8 Melden
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  • dmark 20.11.2016 19:35
    Highlight Diese Aussage bringt nun wohl automatisch rund 5% mehr Stimmen für die AfD...
    18 16 Melden
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  • Namenloses Elend 20.11.2016 19:30
    Highlight Ich glaube nicht, dass die Mutti nochmal gewählt wird. Zumindest wenn die Konkurrenz einen schlauen Kandidaten aufstellt.
    16 14 Melden
    • Gustav.s 20.11.2016 21:07
      Highlight Welche Konkurrenz?
      27 4 Melden
    • Saraina 21.11.2016 07:59
      Highlight Welcher schlaue Kandidat?
      1 2 Melden
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  • Rim 20.11.2016 19:26
    Highlight Löpfe. Denken Sie, dass A.M nicht um all die "Gefahren" weiss. Denken Sie , dass sie sich nichts "Befriedenders" vorstellen kann, als diese Würde/Bürde nochmals " auf sich zu nehmen"? In historisch schwierigen Zeiten stellen sich verantwortungsbewusste Politiker nur eine Frage: Was geschieht wenn ich gehe? Wer könnte den Spaltung des Landes aufheben? eben! Also: BK Merkel übernimmt noch einmal Verantwortung. Müdigkeit hin oder her. Das nennt sich Charakter. Egal wieviele populitstiche Wogen aufpeitschen. Sie bleibt Fels in der Brandung. (wie alle bedeutenden ,"historischen Figuren") ne?
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    • Rendel 20.11.2016 20:15
      Highlight Nicht jeder Philipp ist ein Löpfe.
      14 5 Melden
    • Rim 20.11.2016 23:29
      Highlight Danke richtig. Sorry! Hat mich schon etwas irritiert. Ich dachte, Himmel, nicht jeder Philipp ist doch Gut! ;-)
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  • elco 20.11.2016 19:22
    Highlight Die USA haben gezeigt bababla. Wir in Europa sind noch nicht so bescheuert. Und Trump ist der Anfang und das Ende des Populismus. Alles wird gut.
    10 19 Melden
    • mortdecai 20.11.2016 20:14
      Highlight Haha stimmt. Europa, vor allem Deutschland, würde nie einen populistischen Rechten in wichtige Ämter wählen. Und Parteien wie front national, AFD und SVP haben in Europa keine Chance. Zum Glück... Haha
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