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Erdowies, äh, SORRY, Erdogans Verständnis von Pressefreiheit

Der türkische Präsident Erdogan duldet keine Kritik, weder von Demonstranten noch von Journalisten. Jetzt fühlt er sich von Diplomaten angegriffen – besonders heftig trifft Erdogans Reaktion den deutschen Botschafter.

29.03.16, 13:40

Hasnain Kazim

Ein Artikel von

«Er lebt auf grossem Fuss, der Boss vom Bosporus. Bei Pressefreiheit kriegt er'n Hals, drum braucht er viele Schals», singt eine Männerstimme zur Melodie von Nenas «Irgendwie, irgendwo, irgendwann».

Und weiter: «Ein Journalist, der was verfasst, das Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast.» Dazu unvorteilhafte Bilder des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, von Protesten gegen ihn, Schlägereien zwischen Polizisten und Regierungskritikern.

Das eine Minute und 52 Sekunden lange Video heisst «Erdowie, Erdowo, Erdogan» und ist ein Beitrag aus der NDR-Satiresendung «extra 3». Man kann das Lied lustig finden oder auch nicht. In der Türkei aber wird so etwas zur Staatsaffäre.

Das Aussenministerium in Ankara hat den deutschen Botschafter Martin Erdmann einbestellt und liess ihn den kurzen Film rechtfertigen. «Der Beitrag setzt unseren Präsidenten herab. Das ist nicht zu akzeptieren», sagte ein Mitarbeiter des Ministeriums «Spiegel Online».

Türkisches Verständnis von Pressefreiheit

Der Vorgang sagt einiges aus über das türkische Verständnis von Pressefreiheit: Offensichtlich glaubt die Regierung, ein deutscher Botschafter könnte Einfluss nehmen auf die Programmgestaltung eines Fernsehsenders. Denn nur dann wäre er in diesem Fall die richtige Adresse für Kritik.

Ob Erdogan das auch gesehen hat? Die ZDF-«heute-show» nimmt den «Sultan» aufs Korn.
YouTube/DavidLovesNY

Im Normalfall werden Botschafter einberufen, wenn gegen staatliches Handeln protestiert oder Aufklärung eines kritisierten Sachverhalts erbeten werden soll. Ankara berief zuletzt mehrmals den russischen Botschafter ein, nachdem ein russischer Kampfjet angeblich in türkischen Luftraum eingedrungen war und die Türkei die Maschine daraufhin abgeschossen hatte. Diesmal geht es hingegen um eine deutsche Satire.

Die Wut des Präsidenten haben westliche Diplomaten in den vergangenen Tagen aber auch deshalb auf sich gezogen, weil sie am Freitag in Istanbul zur Prozesseröffnung gegen die beiden regierungskritischen Journalisten Can Dündar und Erdem Gül gekommen waren . Mehrere Diplomaten, darunter auch der deutsche Botschafter Martin Erdmann und der britische Generalkonsul Leigh Turner, waren unter den mehr als 200 Prozessbeobachtern.

Turner twitterte, die Türkei entscheide mit diesem Prozess selbst, was für ein Land sie sein möchte. Dündar, Chefredakteur von «Cumhuriyet», und Gül, Ankara-Büroleiter der Zeitung, wird Spionage, Preisgabe von Staatsgeheimnissen, Vorbereitung eines Staatsstreichs und Beihilfe zur Bildung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Es sind Vorwürfe, die im Falle einer Verurteilung zu einer lebenslangen Haftstrafe führen können. «Cumhuriyet» berichtete über verdeckte Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes MIT an islamische Extremisten in Syrien.

Vor elf Monaten berichtete BBC übere Erdogans Humorverständnis in Zusammenhang mit quasi kriminellen Cartoons.
YouTube/BBC News

«Intervention in einen laufenden unabhängigen juristischen Prozess»

Weil Erdmann, seit vergangenem Jahr deutscher Botschafter in der Türkei, als Beobachter zu dem Prozess erschienen war, muss er dem Vernehmen nach an diesem Dienstag erneut im Aussenministerium in Ankara vorstellig werden.

Demnach wurde er zum dritten Mal innerhalb von vier Wochen förmlich einbestellt. In anderen Ländern, wo Diplomaten «ein solches Benehmen an den Tag legen», würden sie «nicht einen Tag geduldet», sagte Erdogan. Der Prozess soll unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, wie das Gericht am Freitag entschied. Auch die Botschaften und Konsulate anderer Länder hätten eine «diplomatische Note» erhalten, heisst es aus dem türkischen Aussenministerium.

Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Verbreitung von Fotos aus dem Gerichtsgebäude durch ausländische Diplomaten. Das sei eine «Intervention in einen laufenden unabhängigen juristischen Prozess» und damit «unvereinbar mit dem Prinzip der gerichtlichen Unvoreingenommenheit».

Türkei verhaftet Journalisten

Dabei hatte Erdogan, der ebenso wie der Geheimdienst MIT als Nebenkläger gegen Dündar und Gül auftritt , persönlich Einfluss genommen auf das Verfahren: Nachdem das Verfassungsgericht die Freilassung der beiden Journalisten aus der Untersuchungshaft angeordnet hatte , stellte Erdogan die Existenzberechtigung des Gerichts infrage . Denn die Entscheidung der obersten Richter sei eine «gegen die Türkei und ihr Volk».

Erdogan störte sich bereits an der Tatsache, dass die Diplomaten überhaupt zum Prozess gekommen waren. «Wer sind Sie? Was machen Sie da?», fragte er sie in einer im Fernsehen übertragenen Rede. «Dies ist nicht Ihr Land, dies ist die Türkei!» Und weiter: «Diplomatie unterliegt einem gewissen Anstand und Umgangsformen.» Die Diplomaten könnten zwar in ihren Botschaften und Konsulaten tätig werden, ausserhalb sei jedoch eine Erlaubnis nötig.

Die Betroffenen reagieren empört. Eine westliche Diplomatin sagte «Spiegel Online»: «Es ist wirklich unglaublich: Jetzt brauchen wir schon eine Ausgangsgenehmigung von Seiner Exzellenz, dem Präsidenten, wenn wir die Botschaft oder das Konsulat verlassen wollen!» Sie selbst habe sich an diesem Tag schon mehrfach darüber hinweggesetzt: «Ich war einmal einkaufen und habe zwei Einladungen angenommen.»

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Brikne, 20.7.2017
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  • Toerpe Zwerg 29.03.2016 21:12
    Highlight Jeder Mensch, der nicht über sich selber lachen kann, ist zu bedauern. Sitzt dieser Mensch an den Schalthebeln der Macht, ist es ein Gebot der Menschlichkeit, ihn auszulachen. Jeden Tag und immer. Die Türken sind nun gefragt. Lacht ihn aus, euren humorlosen Macho. Macht ihn klein. Macht ihn lächerlich. Macht ihn nackt. Führt ihn vor.
    13 0 Melden
  • Angelika 29.03.2016 20:59
    Highlight Erdowiiieee, erdowooo, erdogaaaaan... Herrlich. Und dass extra 3 nach der humorlosen, aber Aufmerksamkeit generierenden Reaktion Erdogans ihn gleich zum Mitarbeiter des Monats gemacht hat, ist noch viel besser. Ich wünsch den Türkinnen und Türken alles Gute auf dem Weg in die Zukunft (jetzt ganz unironisch gemeint)!
    9 0 Melden
  • elivi 29.03.2016 19:34
    Highlight berlusconi next generation .... jetzt dürfen sich gemäsigte türken über ihren eigenen präsidenten schämen ...
    zum glück is unser bundesratspräsident nur langweilig beim reden XD
    13 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 29.03.2016 19:19
    Highlight Die türkische Regierung verlangt also, dass das Video gelöscht wird. Kann denen mal jemand das Internet erklären?😅
    25 0 Melden
  • Electric Elephant 29.03.2016 18:59
    Highlight [In anderen Ländern, wo Diplomaten «ein solches Benehmen an den Tag legen», würden sie «nicht einen Tag geduldet», sagte Erdogan.] - Da fragt man sich doch irgendwie welche Länder er da meint... Somalia? Nordkorea? Traurig dieser Mann... Jetzt hat er mit der Flüchtlingskrise sozusagen das goldene Schäufelchen gekriegt und ist plötzlich der Chef im Sandkasten! Und wie ein Kleinkind in der Allmachtsphase gebärdet er sich daraufhin noch schlimmer! Dabei war er doch vorher schon ein korrupter Autokrat! Tja, aber es geht halt immer noch schlimmer...
    20 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 29.03.2016 18:22
    Highlight Einfach nur krank, wie sich die feigen Europäer von diesem Despoten abhängig machen.
    14 0 Melden
  • Kamy 29.03.2016 17:04
    Highlight Der gute Erdolf.. hätte er mal besser nichts gesagt.
    42 0 Melden
  • tinmar 29.03.2016 16:14
    Highlight .. ein vergleich mit Putin ist da fast schon zu mild .. das ist schon eher a la Nordkorea .. genauso lächerlich.
    47 0 Melden
  • zombie woof 29.03.2016 15:16
    Highlight Cäsarenwahnsinn bezeichnet eine spezifische Form des Größenwahns und der Paranoia, die insbesondere bei einigen römischen Kaisern aufgetreten sein soll. Der Ausdruck bezeichnet weniger eine Krankheit im medizinischen Sinne als vielmehr ein Bündel von Merkmalen eines zur Herrschaft ungeeigneten Monarchen. Quelle Wikipedia
    55 0 Melden
  • Asmodeus 29.03.2016 14:52
    Highlight Tja. Kritische Stimmen und Diplomaten die bei Gerichtsterminen zusehen.

    Sowas gefällt dem Erdoganz und gar nicht.


    Da zeigt man andauernd auf Nordkorea von wegen geisterkrankem Despoten und wir haben mit Putin und Erdogan gleich zwei direkt vor der Haustüre.
    60 1 Melden
    • Radiochopf 29.03.2016 16:19
      Highlight Wer zeigt ständig auf Nordkorea? Die USA die ständig Angriffsübungen auf Nordkorea üben? Wer sind nochmals beste/einzige Freunde von Erdogan? USA und die EU? Mit wem vergleichst du den Obama, den Friedensnobelpreisträger der ständig Bürgerkriege anzettelt und für tausende Drohnenangriffe und unsere totale Überwachung verantwortlich ist?.. Immer wieder traurig wenn man sich ernsthaft überlegt das es keine "Guten" mehr gibt...
      10 51 Melden
    • Fabio74 29.03.2016 21:29
      Highlight @Radiochopf: Die USA üben Angriffe auf Nordkorea?? Bis jetzt sind es die Stalinisten in Nordkorea die mit Vernichtung von allen drohen, obwohl sie ohne Lebensmittelhilfe des Satans längst verhungert wären.
      0 1 Melden
  • Scaros_2 29.03.2016 14:24
    Highlight Tja und dem gibt man 6 Mrd. Euro - Glückwunsch. Aus meiner Sicht: Ich war nie in der Türkei, werde nie da hinghen ausser es muss Businessmässig sein (gibt ja auch Telepresence) und unterstütze dieses Land in keiner Hinsicht wenn möglich. Für mich ist das nicht tollerierbar und sollte der wirklich annährungen zur EU bekommen dann weis ich auch nicht mehr was die Welt genau will/möchte.
    98 1 Melden
    • Gelöschter Benutzer 29.03.2016 19:24
      Highlight Man sollte immer unterscheiden zwischen Volk und Regierung. Die Türken sind freundliche, umgängliche Leute, wenn man nicht gerade gegen sie Fussball spielt (und auch noch gewinnt)😄
      9 1 Melden
  • amore 29.03.2016 14:02
    Highlight Unglaublich, dass ein solcher Despot demokratisch gewählt wurde. Liebe Türken, ändert das bei der nächsten Wahl. Hoffentlich ist es dann nicht zu spät.
    95 0 Melden
    • Nyasa 29.03.2016 15:14
      Highlight bei diesem türkischen Wahlsystem wird sich überhaupt nichts ändern.
      36 0 Melden
    • pamayer 29.03.2016 17:38
      Highlight "demokratisch": er erhielt beu den wahlen eben nicht die mehrheit resp die opposition war ihm glaubs zu stark, und darauf liess er nochmaks wählen. quasi, wenn ich beim lotto nicht den 6er ziehe, habe ich anrecht auf eine weitere ziehung, und dann wird so nachgebessert, bis eben der 6er zu meinen gunsten kommt.
      eigentlich ganz praktisch, er spielt gleich noch gute wahlfee.
      demokratie?? nicht nötig, es gibt ja erdogan.
      7 0 Melden
    • Kibar Feyzo 29.03.2016 18:16
      Highlight Wie funktioniert das türkische Wahlsystem denn? Komm erzähl mal..!
      5 3 Melden

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