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Bild: EPA/ANSA / ITALIAN RED CROSS

Laut UNICEF schossen Schlepper auf Flüchtlinge, um sie an Bord zu zwingen

Publiziert: 04.11.16, 20:48 Aktualisiert: 05.11.16, 13:22

Vor einer Katastrophe mit wahrscheinlich fast 240 Toten im Mittelmeer haben Schlepper nach UNO-Angaben auf Flüchtlinge geschossen, damit sie an Bord gehen. Das Kinderhilfswerk UNICEF teilte am Freitag mit, Augenzeugen hätten berichte, dass sie nicht auf das Schiff gehen wollten, weil es ihnen unsicher erschienen sei.

«Aber die Schlepper schossen auf sie und zwangen sie, zu gehen», sagte Helena Rodriguez vom UNO-Kinderhilfswerks UNICEF. Am Donnerstag war bekannt geworden, dass nach dem Kentern mehrerer Flüchtlingsboote wenige Kilometer vor der libyschen Küste mindestens 239 Menschen vermisst werden.

Der Ministerpräsident von Malta, Joseph Muscat, beklagte eine zunehmende Abgestumpftheit der EU-Staaten angesichts der Flüchtlingsdramen. «Diese Tragödie ereignete sich nur wenige Kilometer von Malta entfernt, und es wird nicht die letzte sein», warnte er.

Flüchtlinge nach ihrer Rettung durch das Italienische Rote Kreuz kurz vor der Insel Malta.  Bild: EPA/ANSA / ITALIAN RED CROSS

Eine Frau aus Libyen habe ihren zwei Jahre alten Sohn, ihre 13-jährige Tochter und ihren 21 Jahre alten Bruder verloren, sagte Rodriguez, die auf der italienischen Insel Lampedusa bei der Ankunft der Überlebenden dabei war.

«Die Tragödie hat die junge Frau in einen Schockzustand versetzt, nachdem ihre Kinder und ihr Bruder vor ihren Augen ertrunken waren.» Obwohl sie den Schleppern 2400 Dollar bezahlt habe, wollte sie zusammen mit anderen aus Angst nicht auf die seeuntüchtigen Boote.

Die Überlebenden seien in einem schrecklichen Zustand gewesen, als sie auf Lampedusa angekommen seien, einige waren im Koma andere hätten schwere Verbrennungen erlitten, weil sie dem Treibstoff ausgesetzt waren. «Es ist eine grauenhafte Situation hier», sagte Rodriguez der Mitteilung zufolge.

Immer öfter seeuntüchtige Boote

Bei der Flucht über das Mittelmeer sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in diesem Jahr bereits 4220 Menschen umgekommen und damit weit mehr als 2015. Bis Anfang November seien 725 Todesfälle mehr registriert worden als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, teilte die mit der UNO verbundene Organisation in Genf mit.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) erklärte, obwohl mittlerweile weniger Menschen auf dem gefährlichen Weg über das Mittelmeer fliehen würden, kämen dabei mehr denn je ums Leben. Die Experten führen das darauf zurück, dass Schlepper vor allem von der Küste Libyens aus immer öfter seeuntüchtige und zudem überladene Boote einsetzen.

«Europa muss das Recht der Menschen auf Zugang zum Asylrecht respektieren und dringend legale und sichere Fluchtwege schaffen.»

Ärzte ohne Grenzen

Appell für legale Fluchtwege

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen appellierte an Brüssel, Berlin und andere EU-Länder: «Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten können nicht weiter zuschauen und Komplizen sein. Sie müssen ihre Politik gegenüber Flüchtlingen und Migranten, die an ihren Grenzen ankommen, ändern.»

Statt Abschreckungsmassnahmen und Abkommen zur Grenzsicherung sollte Europa mehr in Aufnahmekapazitäten nach EU-Standards investieren. «Europa muss das Recht der Menschen auf Zugang zum Asylrecht respektieren und dringend legale und sichere Fluchtwege schaffen.»

Flüchtlinge vor Lampedusa

Italien ist das Land, an dessen Küsten derzeit besonders viele Menschen ankommen. Von Januar bis Oktober waren es fast 160'000 – 13 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum, wie der IOM-Sprecher für Italien, Flavio Di Giacomo, sagte.

Nach Aussagen von Flüchtlingen treiben die Schlepper die Menschen an Bord mit dem Argument, dass sie sonst von der libyschen Küstenwache aufgehalten würden, die bald mit ihren Patrouillen beginnen solle.

Papst Franziskus forderte mehr Solidarität mit Flüchtlingen und den Ländern, die sie aufnehmen. «Kann ein Land alleine die Probleme der Migration stemmen? Wir müssen von der Gleichgültigkeit wegkommen und der Angst davor, den anderen anzuerkennen», sagte er in einer Videobotschaft. (sda/dpa)

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