International

Flüchtlinge in Serbien: Das letzte Land ohne Zäune

Die Nachbarländer schotten ihre Grenzen ab, nun landen in Serbien immer mehr Flüchtlinge. Die bisherige, freizügige Politik erweist sich als Falle für das Land. Gleichzeitig boomt das Geschäft der Schlepper.

18.02.16, 20:40 18.02.16, 20:57

Keno Verseck

Ein Artikel von

Serbien dürfe kein «Parkplatz für Flüchtlinge» werden, kein «Sammellager für Migranten auf dem Balkan» – solche drastischen Worte sind derzeit in Belgrad vom serbischen Regierungschef Aleksandar Vucic oder von Mitgliedern seines Kabinetts immer öfter zu hören.

Aus gutem Grund, denn in Serbien könnte genau das eintreten, wovor die Regierung warnt: Im grössten Land des Westbalkans stranden immer mehr Flüchtlinge – sie sind von Süden her legal oder illegal eingereist, wollen weiterziehen nach Westeuropa, stossen aber im Norden auf abgesperrte Grenzen oder werden aus den Nachbarländern abgeschoben.

Noch geht es nach Schätzungen von Beobachtern nur um höchstens einige Tausend Menschen, die vor allem in Belgrad und in der nordserbischen Wojwodina an der Grenze zu Ungarn umherirren und eine Gelegenheit zur illegalen Weiterreise suchen. Doch die Zahl könnte sich bald vervielfachen.

Flüchtlinge auf ihrem Treck durch Serbien: «Parkplatz für Flüchtlinge»
Bild: DJORDJE SAVIC/EPA/KEYSTONE

«Serbien ist eingequetscht zwischen Abschottung im Norden und dem Strom der Flüchtlinge von Süden», sagt Rados Djurovic, der Direktor des Belgrader «Zentrums zum Schutz für Asylsuchende» (CZA). Und die Politologin Jelena Milic vom Belgrader «Zentrum für euro-atlantische Studien» (CEAS) prognostiziert ein «Desaster für Serbien, wenn Österreich, Slowenien und Kroatien dichtmachen».

Serbien ist bisher, abgesehen von Griechenland, der einzige Staat auf der Balkanroute für Flüchtlinge, der noch keine Grenzzäune gebaut oder seine Grenze nicht zumindest mit Polizei und Militär stark abgeschirmt hat.

Das war ein Kalkül des nationalistisch-autoritären Regierungschefs Vucic, der sich vor einigen Jahren plötzlich vom überzeugten Kriegshetzer zum vorgeblichen Pro-Europäer wandelte und der in der Flüchtlingskrise als einziger Regierungschef der Region explizit immer wieder die Linie Angela Merkels unterstützte.

Vucic setzt auf Annäherung

Vucic betonte wiederholt, Zäune und Abschottung seien keine Lösung - er hoffte darauf, dass er mit dieser Linie Serbiens Annährung an die EU beschleunigen könnte und dass westliche Politiker die politischen Verhältnisse in Serbien weniger kritisch beäugen würden: Ein Grossteil der politischen Elite ist in Korruption und organisiertes Verbrechen verstrickt, die Justiz vielfach politisch gelenkt, es gibt nur wenige unabhängige Medien, und unabhängige Journalisten leben gefährlich.

Serbiens Regierungschef Vucic: «Ich bin kein Freund von Mauern»
Bild: Darko Vojinovic/AP/KEYSTONE

Zugleich ist Serbien wegen der prekären wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Land dringend auf eine europäische Integration, auf Investitionen und auf finanzielle Entwicklungshilfe durch die EU angewiesen.

Vucics Rechnung schien aufzugehen – Ende letzten Jahres eröffneten die EU und Serbien die ersten beiden Kapitel der Beitrittsverhandlungen, weitere sollen demnächst folgen. Doch Jelena Milic sagt, dass die serbische Flüchtlingspolitik sich als Falle für das Land erweisen könnte. Denn die Nachbarstaaten schaffen weiter Fakten:

Mittendrin liegt Serbien – praktisch kaum geschützt. Erstmals wurde in dieser Woche eine grössere Gruppe von Flüchtlingen durch mehrere Länder der Balkanroute nach Serbien zurückgereicht: 217 Menschen, die meisten von ihnen Afghanen, wurden von Slowenien nach Kroatien und von dort aus wiederum nach Serbien abgeschoben. Serbische Behörden sind ratlos, was sie mit ihnen machen sollen – Mazedonien will sie vorerst nicht zurücknehmen, vermutlich würden sie irgendwann in ihre Herkunftsländer ausgeflogen, sagt die Sprecherin des Innenministeriums, Biljana Popovic.

Neuer Markt für Schlepper

Die Abschottungspolitik in Serbiens Nachbarländern hat auch zur Folge, dass immer mehr kriminelle Schlepper in serbischen Grenzgebieten aktiv sind, wie Rados Djurovic vom «Zentrum zum Schutz für Asylsuchende» sagt. «Die Leute, die nicht mehr durchgelassen werden, sind die perfekte Beute für Schlepper», so Djurovic. Vor allem an der Grenze zu Mazedonien und zu Ungarn blühe das Schlepperunwesen momentan wieder auf.

Noch ist unklar, wann und wie Serbien seine Flüchtlingspolitik ändern wird. Das Land ist besonders wegen Kosovo in einer schwierige Lage: Selbst wenn es seine Grenzen zu Bulgarien und Mazedonien schliesst, bliebe die zu Kosovo offen, da Serbien das Land nicht anerkennt, sondern als abtrünnige Provinz betrachtet.

Doch dass bald eine Änderung in der Flüchtlingspolitik anstehen könnte, daran lässt die serbische Regierung keinen Zweifel. «Ich bin kein Freund von Mauern», sagte Regierungschef Aleksandar Vucic kürzlich, «aber wir müssen unsere Grenzen schützen.» Sein Aussenminister Ivica Dacic ging dieser Tage noch weiter: «Wir werden es nicht zulassen, dass die Flüchtlinge in Serbien bleiben. Wenn alle anderen die Grenzen schliessen, machen wir es auch.»

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
6Alle Kommentare anzeigen
6
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • Gelöschter Benutzer 18.02.2016 23:53
    Highlight Gab es das eigentlich jemals - Zäune um jedes dieser Länder?
    0 2 Melden
    600
  • Gelöschter Benutzer 18.02.2016 22:00
    Highlight Vucic ist der Heuchler schlechthin, noch im Jahre 1999 sagte er im öffentlichen Jugoslawischen TV, er werde den Kroaten mit rostigen Löffeln die Augen auskratzen, für einen getöteten Serben 100 Muslime (Bosnier) töten lassen und alle Albaner mit HIV infizieren lassen. Zudem erklärte er den Westen, allen voran die EU als Werk des Teufels.
    17 12 Melden
    • InfinityLoop 18.02.2016 22:36
      Highlight Naja,1999 stand die EU,USA und ein paar andere Länder nicht gerade in der Gunst der Serben.Bei dem Bombenregen kein Wunder
      15 9 Melden
    • Milsen Plasen 22.02.2016 11:02
      Highlight Es war Vojislav Seselj der das gesagt hat und nicht Vucic. Bevor Sie posten, prüfen Sie Ihre Quellen.
      1 1 Melden
    600
  • Broesmu 18.02.2016 20:59
    Highlight Ich meine dass das Bild den jungen österreichischen Aussenminister zeigt und nicht Vucic
    4 3 Melden
    • jacoby 18.02.2016 20:59
      Highlight Vielen Dank! Ich habs angepasst :-)
      3 4 Melden
    600

Sizilianische Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Kapitän von Flüchtlingsrettungsschiff

Die Staatsanwaltschaft der sizilianischen Stadt Trapani hat Ermittlungen gegen den Kapitän des Schiffes «Vos Hestia» eingeleitet, mit dem die Nichtregierungsorganisation (NGO) «Save the Children» Flüchtlinge im Mittelmeer rettet. Der Vorwurf lautet auf Beihilfe zur Schlepperei, berichteten italienische Medien am Samstag.

Die Ermittlungen gegen den Kapitän laufen im Rahmen einer Untersuchung der Staatsanwaltschaft von Trapani gegen die deutsche Hilfsorganisation «Jugend Rettet». Diese wird …

Artikel lesen