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Der King of Rock'n'Roll ist tot – diese Songs werden immer bleiben 

Chuck Berry revolutionierte die Popkultur und schrieb mit seinem Sound Musikgeschichte. Unvergessen: wie er Keith Richards eine Lehrstunde erteilte.

19.03.17, 18:43 20.03.17, 07:21

Werner Theurich / spiegel online

Ein Artikel von

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel ist erstmals anlässlich des 90.Geburtstags von Chuck Berry am 18. Oktober 2016 auf Spiegel Online erschienen, unter dem Titel «Gitarrengott beim Ententanz». Passend zum Beitrag führen wir einige seiner besten Songs (als YouTube-Videos) auf.

«Roll over Beethoven, and tell Tchaikovsky the news!» Eine klare Anweisung, ganz ohne falsche Bescheidenheit.

Eigentlich richtete Chuck Berry den Befehl «Zieh Leine!» in diesem frühen Rocksong nicht wirklich an Beethoven, sondern an seine eigene Schwester, die in Berrys bürgerlichem Elternhaus das einzige Klavier für ihren Musikunterricht bekam. Und doch dokumentiert der Text 1956 schon im Ansatz den Bewusstseinswandel, für den Berrys Musik von Beginn an stand. Der Song «Roll Over Beethoven» wurde einer seiner grössten Hits.

«Roll Over Beethoven»

Video: YouTube/Maganagarapa

Chuck Berry (18. Oktober 1926-18.März 2017), der am Samstag im Alter von 90 Jahren starb, gilt nicht nur als einer der wichtigsten Innovatoren des Rock'n'Roll und etablierte die Gitarre als Hauptinstrument des neuen Stils – er begründete auch das Selbstbewusstsein einer jungen Community, die sich der etablierten Erwachsenenkultur nicht mehr unterordnete. Rock'n'Roll, das war für Chuck Berry nicht nur Tanzmusik, sondern umfassender künstlerischer Ausdruck und der erste Schritt zu einer nicht mehr in Schwarz und Weiss getrennten Popkultur.

Auch die Anfang der 60er Jahre aufkommende Beatmusik schöpfte daraus. Schon 1962 spielten die Beatles Berrys «Beethoven»-Song im Hamburger Star Club. Ein Jahr später nahmen sie ihn für ihr zweites Album «With the Beatles» auf. «Their music is very 'berrychuck'», attestierte man den frühen Beatles.

Neuer Hit mit altem Song

Berrys prägnante Texte waren ein wichtiger Teil seiner Kunst, im Verbund mit der suggestiven Musik entfalteten sie ihre Faszinationskraft. Etwa im Song «Memphis, Tennessee»: Er beginnt wie eine normale Liebesgeschichte, in der ein Mann die Telefonnummer eines Mädchens namens Marie bei der Auskunft herausfinden will. Dann schält sich langsam heraus, dass es sich um eine bittere Scheidungsgeschichte handelt, und der Vater nur noch einmal mit seiner sechsjährigen Tochter sprechen will, bevor er sie nie mehr wiedersieht. Perfekte Dramaturgie in Form und Inhalt, zeitloser Pop.

«Memphis, Tennessee»

Video: YouTube/HoneyboyWalter

Eine Wirkung von Dauer: Noch 1994 twisteten Uma Thurman und John Travolta in Quentin Tarantinos «Pulp Fiction» nicht etwa «Let's Twist Again» von Chubby Checker, sondern zu Chuck Berrys «You Never Can Tell» von 1964. Auch hier geht es («It was a teenage wedding and the old folks wished them well») um sehr konkrete Inhalte: schlecht bezahlte Arbeit für junge Leute, viel billiges Essen und jede Menge Alltagsschwierigkeiten. Aber vielleicht schaffen es die beiden Teenager ja trotzdem, you never can tell, man kann ja nie wissen.

«You Never Can Tell»

Video: YouTube/MinorThreat81

Zu Beginn seiner Karriere hatte Berry noch versucht, mit traditionellen Stücken den Durchbruch zu schaffen – etwa mit dem langsamen Blues «Wee Wee Hours» oder dem Countrysong «Ida Red». Mit dem Demotape, das Berry an das renommierte Black-Music-Label Chess Records schickte, hoffte er, in dessen Bluesprogramm aufgenommen zu werden.

Doch Labelchef Leonard Chess hatte andere Pläne: Er veränderte das Arrangement von «Ida Red», betonte den Beat stärker und benannte das Stück in «Maybellene» um. Das schamlose Recycling älteren Materials zu scheinbar neuen Stücken war damals verbreitete Praxis – und zahlte sich aus für Berry: Mit dem Song landete er seinen ersten Hit. Viele weitere sollten folgen, denn seine Fantasie und sein Geschäftssinn schienen grenzenlos.

«Maybellene»

Video: YouTube/John1948ThreeA

Rocklegende mit forschen Ansagen

Aus der Gitarre als blosser Begleiterin macht er das stilprägende Instrument für die kommenden Dekaden der Rockmusik. Sein legendäres Intro zu «Johnny B. Goode» kopieren berühmte und weniger berühmte Bands bis heute. Dabei verstand Chuck Berry allerdings überhaupt keinen Spass, was die Perfektion und den Ausdruck bei dem Song anging, der sein Markenzeichen wurde.

«Johnny B. Goode»

Video: YouTube/osiris1822

In einer fast peinigenden Lektion, die er einmal seinem Bewunderer Keith Richards erteilte, liess er den Stones-Gitarristen das ähnliche Intro zu «Oh Carol» wieder und wieder spielen, bis er einigermassen zufrieden war. «Nein, stopp, du hörst mir nicht zu! So geht das! Pass besser auf!», kanzelt Berry den gewiss nicht ignoranten Richards ab. Die zermürbende Lehrstunde wurde eine Sequenz in dem fabelhaften Dokumentarfilm «Hail! Hail! Rock'n'Roll», den Regisseur Taylor Hackford 1986 zum 60. Geburtstag von Chuck Berry veröffentlichte.

Es geht die Sage, dass Chuck Berry dem Produzenten des Films, Keith Richards, die Miete für jedes Instrument, jedes Stück Equipment, jede Minute Studiozeit und so einiges anderes konsequent in Rechnung stellte. Berry nur zu bewundern, reichte eben nicht, es kostete auch etwas.

«Back In the U.S.A»

Video: YouTube/NRRArchives

Dazu passt auch ein Interviewmitschnitt zu Beginn des Films. Ein Journalist fragt Berry, der mit seinem Gitarrenkoffer am Flughafen ankommt, ob er denn wie manche seiner Kollegen ein besonderes Verhältnis zu seiner Gitarre habe. «Nein», antwortete Berry kalt, «das ist ein Arbeitswerkzeug für mich. Ich kaufe mir jedes Jahr eine neue, denn ich kann sie von der Steuer absetzen.» So klar wie seine Texte waren auch Berrys Ansagen in der Wirklichkeit.

Der amerikanische «Rolling Stone» berichtete im Rahmen einer Tournee-Reportage über das spontane Ansinnen eines lokalen Promoters, den Star des Abends nach dem Konzert noch schnell zu einem der oft üblichen Meet and Greets mit lokalen Prominenten zu schleppen. Eventuell hatte der PR-Mann seinen Wunsch einen Tick zu forsch vorgetragen. «Wie kommen Sie darauf, einfach über meine Zeit verfügen zu können?», fuhr Berry den verdutzten Mann an. «Ich habe hier ein Konzert absolviert, das besagte mein Vertrag. Niemand schreibt mir vor, was ich in meiner Freizeit tue!» Und schon war er weg.

«Rock and Roll Music»

Video: YouTube/MinorThreat81

Gitarrenriffs aus der Zukunft

Bei Touren reiste Berry stets mit leichtem Gepäck, er brauchte keine feste Band. Für die hatte der örtliche Konzertveranstalter zu sorgen. Berry hatte seine Songs so gearbeitet, dass versierte Profis sie sofort auf Zuruf, bestenfalls nach kurzer Probe spielen konnten. Was offenbar gut funktionierte.

Als Chuck Berry einmal gegenüber von New York in New Jersey spielte, soll er mit der lokalen Begleitband durchaus zufrieden gewesen sein. Vielleicht lag es an dem Gitarristen der Band, der offenbar Talent hatte: Bruce Springsteen. «Ich denke nicht, dass er sich an mich erinnerte», sagte der «Boss» später, «er gab nur kurze, präzise Anweisungen und machte sein Ding. Das allerdings perfekt.»

«Run Rudolph Run»

Video: YouTube/H. Enrique Chávez

Ein pfiffiges Denkmal bekam Chuck Berry, der 1986 das erste Mitglied der «Rock'n'Roll Hall of Fame» wurde, von Regisseur Robert Zemeckis in seinem Zeitreisefilm «Zurück in die Zukunft», als Marty McFly (Michael J. Fox) seine Mutter in den 50er Jahren beim Highschool-Abschlussball besucht und nebenbei mit seinem Zukunftswissen «Johnny B. Goode» und den Rock'n'Roll Marke Berry erfindet. Es war eben ein Riff aus der Zukunft, das Berry auf zauberischem Weg zuflog und die Musik von Generationen prägte.

Sollte Rock'n'Roll wirklich niemals sterben, dann geht das zu einem grossen Teil auf die Wirkung von Chuck Berry zurück. «Wenn es uns nicht gelingt, das generelle Konzept 'grosser Künstler' auf Marcel Proust ebenso anwendbar zu gestalten wie auf Chuck Berry», schrieb der New Yorker Musikkritiker Robert Christgau im Oktober 1972, «dann können wir den Begriff gleich ganz auf den Müll werfen.»

«Sweet Little Sixteen»

Video: YouTube/NRRArchives

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • Spooky 20.03.2017 00:09
    Highlight Ich bitte euch, ihr heutigen linken Füdlibürger! Hört auf mit euren Lobhudeleien für Chuck Berry!

    Heute würde ein heutiger Chuck Berry euch linke Füdlibürger zu Tode erschrecken.

    Ich bitte euch linke Füdlibürger um ein wenig Fairness gegenüber dem musikalischen Rebellen.

    Indem ihr schweigt.
    7 30 Melden
    • pamayer 20.03.2017 07:08
      Highlight als die rassentrennung in den usa noch wirkung hatte und eine tätowierung noch nicht ein cooler lifestyle trend war.
      als 'etwas jüngerer' als chuck berry mache ich mir nichts vor über die umstände, in denen er lebte, bis er so irgendwo in den 70ern etwas etablierter wurde und vor den weissen seine onkel tom possen reissen durfte.
      6 1 Melden
    • Hand-Solo 20.03.2017 12:47
      Highlight Ehm.
      What?
      Selten so.ein.STUSS.gelesen.
      8 0 Melden
    • AL:BM 20.03.2017 14:55
      Highlight Punkte, meist an Satzenden anzutreffen. Wie gerade eben.
      2 0 Melden
    • Hand-Solo 20.03.2017 15:13
      Highlight @AL:BM Gut beschrieben: Meist. Danke fürs klugscheissen.
      (Die eigentlichen Fehler wären die fehlenden Leerzeichen)
      2 1 Melden
    • AL:BM 20.03.2017 16:21
      Highlight My pleasure!😉
      0 0 Melden
    • Spooky 20.03.2017 17:40
      Highlight Sorry, mein Kommentar oben kommt ein bisschen seltsam rüber. Aber meine Katze hatte gestern Geburtstag und ist mir wiederholt über die gleichen Tasten gelaufen 😖
      3 0 Melden
    • pamayer 20.03.2017 18:40
      Highlight Spooky
      Du übertrumpfst noch Trump mit seinen nachträglichen Erklärungen für seine Schreibe...
      2 0 Melden
    • Spooky 20.03.2017 20:34
      Highlight pamayer

      😀🖐😇
      0 0 Melden
    • AL:BM 20.03.2017 21:35
      Highlight 😂
      0 0 Melden
    600
  • pamayer 19.03.2017 23:56
    Highlight Hail Hail Rock'n'roll!
    7 2 Melden
    600
  • fiodra 19.03.2017 21:17
    Highlight Die meisten Videos können aus Copyright Gründen nicht abgespielt werden! Schade!
    3 0 Melden
    • meine senf 20.03.2017 15:38
      Highlight Also bei mir gehen alle.

      Bist du in Deutschland?
      1 1 Melden
    • fiodra 21.03.2017 16:11
      Highlight Nein in der Schweiz.
      1 0 Melden
    600
  • The Origin Gra 19.03.2017 20:25
    Highlight Ruhe in Frieden. Rock die da ganz weit oben das der Himmel bebt ☺
    5 0 Melden
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  • Spooky 19.03.2017 19:42
    Highlight Damals war Chuck Berry aber in der Schweiz noch nicht akzeptierter Mainstream, wie heute. Das vergisst man immer wieder. Das war so ähnlich wie bei den Rolling Stones. Wir wurden damals noch aus den Beizen geschmissen, weil wir so aussahen wie Rock 'n' Roll Fanatiker.

    Die Musik von Chuck Berry war damals bei den Mainstream-Medien etwa so beliebt wie heute Death Metal.

    Es war die Musik der Halbstarken.
    14 2 Melden
    • AL:BM 20.03.2017 14:56
      Highlight Hat dies die Musik nicht irgendwie speziell GEIL gemacht?
      4 0 Melden
    • Spooky 20.03.2017 17:34
      Highlight Du hast recht. Und bei Chuck Berry war es nicht nur seine Show, die GEIL war, sondern die Spieltechnik: z.B. bei den Soli zwei Töne und Saiten gleichzeitig spielen.

      Ausserdem hat er "dreckig" gespielt. Oft hatte er seine Begleitmusiker erst am Tag seiner Konzerte zusammengestellt, sozusagen vor Ort.

      Und seine Gitarre war oft nicht einmal richtig gestimmt. Es kam auch etwa vor, dass seine Band eine andere Tonart spielte als er selber.

      Das hat aber weder ihn noch sein Publikum gross gestört.

      Quelle: Keith Richards Interview - und ich, selber gehört (am TV).
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Ehemaliger Zürcher Gemeinderat über Nordkorea: «In Pjöngjang sieht es aus wie in New York»

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