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Die Regisseurin Inas El Deghedy im Fernsehen (Archivbild) bild: youtube/lbcgroup

Tabubruch in arabischer Talkshow: «Man muss nicht verheiratet sein, um Sex zu haben»

Sex ausserhalb der Ehe ist Alltag in Ägypten, es spricht nur niemand darüber. Fast niemand: Die Regisseurin Inas El Deghedy hat sich jetzt öffentlich dazu geäussert. Prompt wollen sie konservative Muslime auspeitschen lassen.

04.05.15, 19:47

Christoph Sydow 

Ein Artikel von

Die ägyptische Regisseurin Inas El Deghedy hat etwas Selbstverständliches ausgesprochen: «Sex ist eine persönliche Freiheit. Sie gilt innerhalb wie ausserhalb der Ehe. Man muss nicht verheiratet sein, um Sex zu haben», sagte Deghedy bei «Shababtalk», einer Talkshow der Deutschen Welle, die sich an junge Menschen in der arabischen Welt richtet.

Doch für viele Menschen im Nahen Osten sind Deghedys Worte nicht selbstverständlich - sondern ein Skandal. Ihre Aussagen haben einen Sturm der Empörung ausgelöst. Eine unvollständige Auswahl der Reaktionen:

Regisseurin soll ausgepeitscht werden

Ahmed Korayema, Professor an der renommierten Azhar-Universität, sagte in einer Fernsehsendung, Deghedy propagiere «pornografische Akte, die allen himmlischen Gesetzen widersprechen».

Der Rechtsanwalt Nabih al-Wahsh forderte das ägyptische Innenministerium auf, dafür zu sorgen, dass die Regisseurin ausgepeitscht wird.

Die Kritiker verlangen von Deghedy, ihre Aussagen zurückzunehmen. Die unausgesprochene Drohung dahinter: Tut sie das nicht, könnte sie als Abtrünnige vom Islam angesehen werden. Nach Meinung radikaler Muslime steht darauf die Todesstrafe.

Doch es gibt auch Stimmen, die Deghedy unterstützen:

«Inas lügt nicht und beschönigt nichts», schreibt der Journalist Jihad Abdel Moneim in der vergleichsweise liberalen Tageszeitung «al-Wafd». Ausserehelicher Sex sei Alltag in Ägypten, weil sich viele junge Leute eine Hochzeit schlicht nicht leisten könnten. Ausserdem habe das Land dringendere Probleme als die Sexualmoral seiner Jugend.

Deghedy erläuterte ihre Position am Sonntag in einer weiteren Talkshow: «Ich habe nicht gesagt, dass vorehelicher Sex halal (nach islamischen Grundsätzen erlaubt, Anm. d. Red.) ist. Ich bin weder dumm noch eine Ungläubige, ich kenne meine Religion gut», sagte die Regisseurin. «Ich habe aber meine eigene Meinung dazu.» Das solle jedoch kein Aufruf dazu sein, ausserehelichen Sex zu praktizieren.

Film wurde zensiert

Die 62-jährige Deghedy hat in der Vergangenheit wiederholt Kontroversen in Ägypten ausgelöst. In ihren Filmen hat sie mehrfach Sexualität und Frauenrechte in den Mittelpunkt gestellt. Das Drehbuch zu ihrem bis dato letzten Film, «Das Schweigen», musste sie 2012 auf Anordnung der Zensurbehörde in Kairo umschreiben.

In dem Film geht es um ein Mädchen, das von seinem Vater sexuell missbraucht wurde. Die Behörden zwangen Deghedy dazu, den Plot so zu ändern, dass der Täter als geisteskrank dargestellt wird, der nicht repräsentativ für die ägyptischen Männer ist.

Minderheit hat Sex vor der Ehe

In einer Umfrage unter ägyptischen Studenten aus dem Jahr 2013 gaben 33 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen an, dass sie Sex vor der Ehe hätten. Andere versuchen das Verbot zu umgehen, indem sie eine sogenannte Urfi-Ehe eingehen. Dafür unterschreiben das Paar und mindestens zwei Zeugen einen Hochzeitsvertrag. Diese Ehe ist zwar günstig und kann gegen den Willen der Eltern geschlossen werden, wird jedoch von staatlicher Seite nicht anerkannt.

Die Urfi-Ehe mag zwar das Gewissen beruhigen, birgt aber erhebliche Risiken für die Frau. Kinder, die aus diesen Beziehungen entstehen, gelten vor dem Gesetz als unehelich. Trennt sich das Paar, hat der Mann keinerlei Unterhaltspflichten. Er kann die Urfi-Ehe gegenüber künftigen Partnerinnen geheim halten, für die Frau wird es deutlich schwieriger, einen neuen Mann kennenzulernen. Denn eine Partnerin zu heiraten, die keine Jungfrau mehr ist, erscheint vielen ägyptischen Männern undenkbar.

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • Rocky77 04.05.2015 21:55
    Highlight Ach, die katholische Kirche würde dies auch liebend gern machen, wenn der Staat und die Religion in den Ländern, in denen das Christentum verbreitet ist, nicht getrennt wären. Ja genau, und sexuelle Belästigungen von Priestern an Minderjährigen findet auch nicht statt!
    Alle grossen Religionen entsprechen nicht mehr dem Geist der Zeit und benötigten eine dringende Generalüberholung.
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    • SeKu 04.05.2015 22:10
      Highlight Und Gras ist grün und der Himmel blau wenn die Sonne scheint. Hat sonst noch jemand ein paar themenfremde Fakten?
      3 1 Melden
    • Mia_san_mia 04.05.2015 22:41
      Highlight Hä Rocky77? Was hast denn Du?
      0 0 Melden
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  • LucasOrellano 04.05.2015 21:17
    Highlight Und natürlich hat das alles nichts mit dem Islam zu tun, ne?
    4 1 Melden
    • Inti 04.05.2015 23:38
      Highlight Diese Problematik hat mit Religion im Allgemeinen zu tun! Vorehelicher Sex ist sowohl im Judentum, Christentum, Islam, als auch im Hinduismus nicht erlaubt. Strenger Glaube bedeutet immer auch Einschränkungen im persönlichen Leben der Praktizierenden.
      2 0 Melden
    • LucasOrellano 05.05.2015 08:03
      Highlight Absolut, als letzte Woche eine Christin dasselbe sagte, wurde sie ja auch sofort mit Peitschenhieben bedroht und beleidigt. War überall in den Medien.
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  • Silvio Recke 04.05.2015 20:38
    Highlight Man könnte denken es ist eine Story aus dem Mittelalter. Hier ist von auspeitschen oder gar Todesstrafe wegen Gotteslästerung die rede.
    Unglaublich das es so was unaufgeklärtes im 21. Jahrhundert noch gibt. Einfach traurig.
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