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Derzeit im globalen Fokus: US-Präsident Donald Trump und Nordkorea Machthaber Kim Jong Un. Bild: AP/AP

Nordkorea-Konflikt: Warum Kims Kalkül aufgehen könnte

Nordkorea hat die Wasserstoffbombe und Interkontinentalraketen – aber wird das Regime sie jemals einsetzen? Mit seinem jüngsten Raketentest hat Diktator Kim Jong Un gezeigt, wie ein Atomkrieg beginnen könnte.

15.09.17, 20:17

Markus Becker

Ein Artikel von

Auf den ersten Blick war Nordkoreas neuester Raketentest wenig spektakulär: Die Mittelstreckenrakete vom Typ Hwasong-12 wurde zuvor bereits mehrfach getestet. Diesmal aber flog sie auf einer Flugbahn, wie sie bei einem echten Angriff typisch wäre: flacher und weiter. Nach Angaben des südkoreanischen Militärs klatschte sie erst nach 3700 Kilometern in den Pazifik. Damit ist klar: Nordkoreas Mittelstreckenraketen können die 3400 Kilometer entfernte US-Militärbasis auf Guam erreichen.

Zwar bezweifeln Experten, dass Nordkorea in der Lage wäre, eine kleine Insel mitten im Pazifik zuverlässig zu treffen. Der Münchner Raketenexperte Markus Schiller schätzt, dass die Hwasong-12 eine Treffgenauigkeit von 10 bis 20 Kilometern hat, der US-Fachmann David Wright kommt auf 5 bis 10 Kilometer. Das könnte bedeuten, dass Guam selbst bei einem starken Atomsprengsatz gute Chancen hätte, von grösseren Schäden verschont zu bleiben.

Doch das ist ein vergleichsweise schwacher Trost. Denn Nordkoreas Regime hat eine Botschaft von hoher Symbolkraft gesendet: Sie deutet an, wie Diktator Kim Jong Un als Erster Atomwaffen einsetzen und trotzdem an der Macht bleiben könnte.

Nordkorea sorgt mit seinen Raketentests für Aufruhr. Bild: AP/KCNA via KNS

Die bisher am weitesten verbreitete Ansicht lautet, dass Kim seine Atomwaffen als eine Art Lebensversicherung betrachtet: Sie sollen die USA von einem Angriff abhalten und vielleicht auch Erpressungspotenzial in internationalen Verhandlungen bieten. Niemals aber würde Kim die Bombe als erster einsetzen, heisst es - schliesslich würden die USA ihn und sein Regime dann umgehend mit einem Gegenschlag auslöschen.

Das aber könnte ein gefährlicher Irrtum sein. Denn neben dieser klassischen Doktrin des garantierten Gegenschlags gibt es auch die der sogenannten asymmetrischen Eskalation: Ein Land, das seinem Gegner militärisch weit unterlegen ist, führt einen begrenzten nuklearen Erstschlag - um einen Krieg schon in der Anfangsphase zu stoppen. Frankreichs Atomdoktrin im Kalten Krieg etwa fusste auf dieser Denkweise, die von Pakistan gegenüber Indien tut es noch immer.

Nuklearschlag wäre aus Kims Sicht rational

Kim Jong Un weiss, dass er einen konventionellen Krieg gegen Südkorea und die USA nicht gewinnen kann. Sollte er zu der Überzeugung kommen, dass ein Angriff der USA unmittelbar bevorsteht, könnte er sich dem «Use it or lose it»-Dilemma gegenübersehen: Entweder er setzt die Bombe ein, oder er verliert sie - womöglich zusammen mit der Macht und seinem Leben.

So ist der Raketentest am 15. September 2017 abgelaufen.

Ein begrenzter Erstschlag gegen Guam wäre in einem solchen Szenario kein Akt des Irrsinns, sondern das Ergebnis kühler Kalkulation. «Auf der Grundlage von Angst und Verzweiflung ist der Einsatz von Atomwaffen völlig rational», bemerkte Van Jackson vom US-Korea-Institut der US-Eliteuniversität Johns Hopkins bereits 2015 in einer Analyse. Auch der Atomwaffenexperte Vipin Narang vom Massachusetts Institute of Technology hält Kim für «brutal rational». «Und eben deshalb könnte er sich zum Einsatz von Atomwaffen gezwungen sehen», schrieb Narang kürzlich in der «Washington Post».

Sein Erstschlag wäre nach dieser Logik nicht gegen eine US-Grossstadt gerichtet, sondern gegen kleinere militärische Ziele - wie etwa Guam. Dass die USA in einem solchen Fall mit einem massiven nuklearen Gegenschlag reagieren, ist keinesfalls sicher. Denn Kim hätte nach wie vor seine nuklearen Interkontinentalraketen in der Hinterhand. US-Präsident Donald Trump stünde dann womöglich vor dem Dilemma, nach Guam auch Städte wie San Francisco einem Angriff auszusetzen.

San Francisco für Pjöngjang?

Zwar haben die USA ein Raketenabwehrsystem. Bei bisherigen Tests kam es jedoch immer wieder zu Fehlschüssen, und Fachleute bezweifeln, dass das System jemals hundertprozentige Sicherheit bieten wird - erst recht nicht, wenn die Nordkoreaner mehrere Raketen zugleich abfeuern sollten. Die USA müssten in jedem Fall mit einem Risiko leben, dass Kims Bombe eine amerikanische Metropole verwüstet. Würde die US-Regierung riskieren, San Francisco gegen Pjöngjang zu tauschen?

In noch grösserer Gefahr schweben Kims unmittelbare Nachbarn. Denn neben dem neuesten Raketentest fand eine weitere alarmierende Nachricht wenig Beachtung: Die US-Regierung hat am Donnerstag bestätigt, dass die Nordkoreaner bei ihrem Test am 3. September eine Wasserstoffbombe gezündet haben. Die Grösse der Explosion - Experten schätzen sie auf 250 bis 350 Kilotonnen TNT, dem 19- bis 27-Fachen der Hiroshima-Bombe - «weist darauf hin, dass es eine Wasserstoffbombe war», sagte John Hyten, Oberbefehlshaber der US-Atomstreitkräfte.

Hier feiert die Kommunistische Partei in Nordkorea

Damit verfügt Kim über eine Waffe, die ganze Städte auf einen Schlag in Schutt und Asche legen kann. Mit dem «Nukemap»-Tool, das auf Daten der Angriffe auf Hiroshima basiert, lässt sich berechnen, welche ungefähren Folgen ein Angriff auf Südkoreas Hauptstadt Seoul hätte. Ein 300-Kilotonnen-Sprengsatz würde demnach rund eine Million Menschen sofort töten und 2.7 Millionen weitere verletzen. Die Zahl der Menschen, die den nachfolgenden Bränden oder Jahre später den Folgen der radioaktiven Strahlung zum Opfer fielen, ist darin noch nicht berücksichtigt.

«Das Zeitfenster hat sich geschlossen»

Das Problem: Wann und wodurch Kim zu dem Schluss kommt, dass ein US-Angriff bevorsteht, ist von aussen nur schwer einzuschätzen. Eines aber scheint sicher: Trumps «Feuer und Zorn»-Rhetorik trägt nicht zur Beruhigung bei. Auch Vizepräsident Mike Pence, Aussenminister Rex Tillerson und Uno-Botschafterin Nikki Haley haben wiederholt betont, dass gegenüber Pjöngjang «alle Optionen auf dem Tisch liegen». Kritiker halten das für einen Fehler. Die USA müssten die Drohung mit einem Präventivkrieg zurücknehmen, schrieb kürzlich John Delury von der Yonsei University in Seoul in «Foreign Affairs», dem Zentralorgan des amerikanischen Aussenpolitik-Establishments.

Wie fällt die Reaktion Trumps aus auf die neusten Provokationen Nordkoreas? Bild: AP/AP

Denn in einem scheinen sich alle einig zu sein, von liberalen Thinktanks bis hin zu Trumps rechtsnationalem Ex-Berater Steve Bannon: Eine militärische Lösung für das Nordkorea-Problem gibt es nicht – zumindest keine, die Nordkorea entwaffnen und zugleich einen Konflikt mit Hunderttausenden Todesopfern verhindern könnte.

«Das Zeitfenster für einen erfolgreichen US-Angriff auf das nordkoreanische Atomprogramm hat sich geschlossen», bemerkte Scott Sagan von der Stanford University kürzlich in «Foreign Affairs». Es gehe nun nicht mehr um die Verbreitung von Atomwaffen, sondern um Abschreckung. Die USA müssten Nordkorea abschrecken und eindämmen wie einst die Sowjetunion – und «geduldig und wachsam darauf warten, dass das Kim-Regime unter dem Gewicht seiner eigenen wirtschaftlichen und politischen Schwäche kollabiert».

Die Frage ist, ob Donald Trump in der Lage ist, diese Geduld aufzubringen.

Die Zusammenfassung: Ein Atomkrieg zwischen Nordkorea und den USA könnte wahrscheinlicher sein als allgemein angenommen wird. Experten warnen: Sollte Diktator Kim Jong Un zu der Überzeugung kommen, dass ein Angriff der USA bevorsteht, könnte es aus seiner Sicht sogar rational sein, als Erster einen begrenzten Nuklearschlag zu führen.

Auch dafür geriet Kim in die Schlagzeilen: Otto Warmbier stirbt nach 17 Monaten Haft in Nordkorea

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Otto Warmbier stirbt nach 17 Monaten Haft in Nordkorea

Video: watson/Helene Obrist

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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  • Amarama 20.09.2017 12:41
    Highlight ja, wir befinden uns noch immer im kalten Krieg. Das Wettrüsten zwischen den Sowjets und der USA liegt noch nicht lange zurück. und jetzt gibt es das gleiche Szenario zwischen den Staaten und dem "Kommunistischem" Regime Nordkorea....

    Sprich, wir haben nichts aus den letzten 60 Jahren gelernt. Und das Themen wie San Francisco gegen Nordkorea überhaut geschrieben werden zeigt wieder mal wie unwichtig Zivilisten für die Führende Elite ist...

    Hoffe um all die guten Bürger in Nordkorea das sie heiler aus der Sache herauskommen als ihr Diktator.
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  • Rendel 16.09.2017 16:28
    Highlight Ich denke Nordkorea ist inzwischen eine Atommacht. Dies zu verhindern, dazu ist der Zug abgefahren.
    Ich glaube Nordkorea will als Atommacht anerkannt und ernst genommen werden. Vielleicht sind dann Verhandlungen möglich.
    1 0 Melden
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  • Max Havelaar 16.09.2017 08:39
    Highlight Ich mag diesen Kim Jong Un überhaupt nicht. Allerdings spricht er gegenüber den USA und seinen Verbündeten eine deutliche Sprache. "Lasst mich in Ruhe!"
    22 6 Melden
    • Lukas Küng (1) 16.09.2017 11:11
      Highlight Nicht eher "Nehmt mich ernst!"?
      22 0 Melden
    • Max Havelaar 16.09.2017 11:20
      Highlight Wohl beides.
      19 0 Melden
    • Dirk Leinher 17.09.2017 22:03
      Highlight Er wird bereits ernst genommen. Jedoch nicht respektiert. Das scheint das grössere Problem. Ich denke nur ein gegenseitiger Respekt kann zu einer wirklichen Beruhigung führen.
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  • gnp286 15.09.2017 23:21
    Highlight Der Wanderpreis fürs anzetteln eines Weltkrieges geht glaubich nächstens weiter vom zweimaligen Sieger Deutschland entweder zu den Amis oder zum Kimmy.

    War jetzt etwas gar zynisch, sorry...
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  • Silent Speaker 15.09.2017 22:47
    Highlight Wenn die USA schlau wären, würden sie sich aus Südkorea verkrümeln und sich gänzlich aus Asien fernhalten.

    Aber die USA sind bescheuert. Seit Dekaden tun sie nichts anderes als dies eindrucksvoll zu demonstrieren.
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    • RevOcelot 16.09.2017 03:14
      Highlight Danke, wird gemacht! Wir hauen ab und sparen nun eine menge Geld! Japan darf sofort wieder frei aufrüsten - das wird China sicher lieben. Den Südkoreanern geben wir dich als Bündnisspartner, um von nun an unsere alten Obligationen zu erfüllen.
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    • pascal.borel 16.09.2017 10:45
      Highlight RevOcelot es ist nicht Aufgabe der USA einen auf Weltpolizei zu machen.
      20 5 Melden
    • PhilippS 16.09.2017 14:10
      Highlight Nein, es wäre nicht die Aufgabe der USA. Aber entgegen den Aussagen im Wahlkampf macht es Trump mehr als erhofft.

      Aber als Europäer muss man auch zugestehen, dass wir die letzten 70 Jahre nichts dagegen hatten. War für uns aus mehrfacher Hinsicht ganz bequem...

      Bin geschichtlich zuwenig bewandert, aber wir sollten uns schon fragen, wie stark die USA diese Rolle gewählt haben vs. da rein gedrängt wurde.
      8 7 Melden
    • Pasch 16.09.2017 14:57
      Highlight @PhilippS

      Reingedrängt wohl eher nicht es geht schon seit je her um eigene Interessen. Die Anfänge sind irgendwo beim "Ersten Barbareskenkrieg" 1803 zu finden, alles was vorher war wohl eher der Kampf um Unabhängigkeit. Aber mit der Belagerung von Tripolis, hat man dann gemerkt das man, mit genügend Druck, alles bekommt!
      Ob dies auch hier das richtige Rezept ist wird sich herausstellen.
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