International

Es ist einsam, da wo Dimitrij Gudkow auftritt – trotzdem stehen die Chancen für den Einzug ins Parlament gut.  Bild: STAFF/REUTERS

Wie ein Ex-Basketballer in Russland die Fahne der Opposition hoch hält

Wo er auftritt, lärmen plötzlich Strassenreiniger. Oder Sicherheitskräfte gehen ihn auf der Bühne an: Der Oppositionelle Dimitrij Gudkow kämpft bei der Duma-Wahl gegen Putins mächtige Partei. Mit guten Chancen.

Publiziert: 17.09.16, 22:09 Aktualisiert: 18.09.16, 10:18

Christina Hebel, Moskau

Ein Artikel von

«Du bist ein Lügner, ein Betrüger», schreit eine Frau in einer violetten Jacke. Es folgen noch ein paar Flüche, dann rauscht sie ab. Dimitrij Gudkow guckt ihr kurz hinterher, dann spricht er ruhig und langsam weiter, fordert das Ende der Clanwirtschaft und unabhängige Gerichte in Russland – ganz so, als wäre nichts vorgefallen.

Das sei noch harmlos gewesen, wird er später sagen. Einmal, da hätten ihn staatliche Sicherheitsbeamte von der Bühne holen wollen, ohne Erfolg: «Ich bin einfach zu gross.» Trotzdem hat der Ex-Basketballer seitdem einen Bodyguard an seiner Seite.

Der 36-Jährige, in Jeans und schwarzer Jacke, steht auf einem Podest nahe einer Metro-Station im Nordwesten von Moskau. Gudkow kandidiert als Unabhängiger bei der Duma-Wahl am Sonntag im Wahlkreis Tuschino. Er wird von der sozialliberalen Jabloko und dem Bündnis Parnas unterstützt, den beiden einzig echten Oppositionsparteien in Russland. Umfragen zufolge werden sie die Fünfprozenthürde nicht nehmen. Zu übermächtig sind die Putin-Partei Einiges Russland und die mit ihr verbundene Pseudoopposition in der Duma.

Doch Gudkow, bisher der einzig unabhängige Kandidat im Parlament, könnte es dennoch schaffen – über ein Direktmandat. Selbst seine Gegner räumen ihm gute Chancen ein. Sein Moskauer Wahlkreis ist einer der wenigen, in denen es um wirklich etwas geht.

Anschein der Legitimität wahren

Dimitrij Gudkow bei einem Gedenkmarsch zur Ermordung des Kreml-Kritikers Boris Nemzow. Bild: MAXIM SHEMETOV/REUTERS

Erstmals seit 2003 wird die Hälfte der 450 Sitze der Staatsduma wieder über Direktmandate und nicht mehr über die Parteilisten besetzt. Es ist eine der Reaktionen des Kreml auf die Proteste 2011 und 2012, als Zehntausende gegen Wahlfälschungen auf die Strasse gingen. Auch Gudkow war dabei, damals noch als Mitglied der kremlfreundlichen Partei «Gerechtes Russland», die ihn später nach einer USA-Reise ausschloss.

Allzu grobe und offensichtliche Manipulationen sollen bei dieser Abstimmung nun eingedämmt, der Anschein der Legitimität gewahrt werden. Dafür soll Ella Pamfilowa sorgen, die neue Chefin der Zentralen Wahlkommission. Die resolute Ex-Menschenrechtsbeauftragte geniesst einen durchaus guten Ruf, anders als ihr Vorgänger, der «der Zauberer» genannt wurde.

Doch wie weit Pamfilowas Einfluss wirklich reichen wird, weiss niemand einzuschätzen. Wer kann das schon in einem so grossen Land wie Russland mit 110 Millionen Wahlberechtigten sagen?

Gudkow rechnet in seinem Moskauer Wahlkreis nicht mit grösseren Fälschungen: «Wir stehen hier sehr unter Beobachtung der unabhängigen Medien.» Das Problem sei vielmehr der unfaire Kampf um die Wähler, die Dominanz der Regierungspartei Einiges Russland, dessen offizieller Vorsitzender Dimitrij Medwedew ist.

Die Übermacht erlebt Gudkow jeden Tag. Mal fahren genau da Reinigungsfahrzeuge der Stadt auf und machen Lärm, wo er spricht. Mal werden Zeitungen verteilt, in denen behauptet wird, er sei Jude und habe den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko getroffen. Gudkow hat sich als einer von wenigen in der Duma bei der Abstimmung über die Krim-Annexion enthalten. In patriotischen Jubelzeiten lässt sich so Argwohn schüren.

Bald sind Wahlen in Russland, 450 Sitze in der Duma werden vergeben – Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Rede vor dem russischen Unterhaus.  Bild: SERGEI ILNITSKY/EPA/KEYSTONE

Die Skepsis ist spürbar

Es ist kühl und windig an diesem Morgen bei Gudkows Auftritt, fünf solcher Sprechstunden absolviert er am Tag. Die wenigen Menschen, die vor ihm auf den Klappstühlen Platz genommen haben, sind vor allem Alte.

Wann endlich die Renten erhöht werden, will eine ältere Frau wissen. Ein anderer Mann fragt, wie Gudkow eigentlich seine Kampagne finanziere, etwa mit Geld aus den USA? Mit Spenden über das Internet, sagt Gudkow. Die Skepsis ist spürbar.

Standaktion der Partei Einiges Russland in Moskau. Beobachter erwarten einen deutlichen Sieg der Regierungspartei bei den Unterhauswahlen. Bild: Pavel Golovkin/AP/KEYSTONE

Gudkows Gegner im Kampf um das Direktmandat, Gennadi Onischtschenko, muss sich mit solchen Geldfragen nicht beschäftigen. Er vertritt die dominante Regierungspartei Einiges Russland. Seine Termine macht er – anders als Gudkow – im Internet nicht öffentlich. Der ehemalige oberste Amtsarzt Russlands, bekannt durch fragwürdige Parolen wie «Die Teilnahme an Protesten führt zu Grippeepidemien», lässt Flyer verteilen, wie man gefälschte Medikamente erkennt. Sein Wahlslogan: «Triff die gesunde Wahl». Onischtschenko umwirbt die älteren Wähler – und die erreicht er vor allem über das Staatsfernsehen, wo er dauerpräsent ist.

Wie in Russland die Politik zu einer Reality-TV-Show wurde

Gudkow darf dort nicht auftreten, er sagt, er sei ausgeladen worden. So sei er nie auf seinen Konkurrenten getroffen – selbst im unabhängigen Radiosender Echo Moskwy nicht, einer der wenigen Medien, in denen er sprechen kann. Das habe Onischtschenko zu verhindern gewusst. Die unabhängigen Medien besitzen in Russland nur eine geringe Reichweite, Gudkow setzt deshalb auf die sozialen Medien.

Der Oppositionspolitiker zeigt auf seinem Handy, wie viele Freiwillige für ihn gerade Wahlkampf machen. 2831 sind laut seiner Internetseite gerade aktiv: Sie verteilen Flyer, besuchen Wohnblöcke, von denen es in Tuschino Hunderte gibt, über 500'000 Wahlberechtigte leben in dem Wahlkreis. Eine Sisyphusarbeit.

Die grosse Müdigkeit

Es sind vor allem junge Leute, die Gudkow helfen, sie waren bereits im Bürgermeisterwahlkampf für den Oppositionsführer Alexej Nawalny aktiv. Der allerdings hält sich mit Unterstützung für Gudkow zurück. Das mag auch daran liegen, dass er sich mit dessen Wahlkampfmanager, der damals bereits für ihn die Kampagne führte, zerstritten hat.

Die Opposition zerfasert – viele haben sich zurückgezogen, andere sind noch im Gefängnis oder haben sich zerstritten, ob nun aus egoistischen Gründen oder angestachelt durch Intrigen der Kreml-Propaganda, das ist nicht eindeutig.

Und so hat sich eine seltsame Müdigkeit über Russland gelegt. Den Wahltermin hat der Kreml auf September vorgezogen, die meisten Russen sind erst Anfang des Monats aus dem Sommerurlaub zurückgekehrt.

Auch Gudkow weiss, dass diese Apathie sein eigentlicher Feind ist, eine niedrige Wahlbeteiligung hilft traditionell der Putin-Partei. Deshalb ruft er den wenigen, die sich versammelt haben, am Ende seiner Sprechstunde zu: «Gehen Sie wählen, es kommt auf jede Stimme an.»

Mitarbeit: Makar Butkow

Die Wahlen beginnen im Osten

Bei der Parlamentswahl in Russland haben im Fernen Osten am Sonntagmorgen Ortszeit (Samstagabend MESZ) die ersten Wahllokale geöffnet. Die Abstimmung begann auf der dünn besiedelten Tschuktschen-Halbinsel und auf der Halbinsel Kamtschatka am Pazifik. Weil sich das grösste Flächenland der Erde über elf Zeitzonen erstreckt, dauert die Abstimmung bis Sonntagabend 20.00 Uhr MESZ. Dann schliessen die letzten Wahllokale in der westlichen Ostsee-Exklave Kaliningrad. Bei der Parlamentswahl will die Kremlpartei Geeintes Russland trotz einer tiefen Wirtschaftskrise ihre Macht festigen. Der Urnengang gilt zugleich als Stimmungstest vor der Präsidentenwahl 2018, bei der Staatschef Wladimir Putin absehbar wieder antreten wird. Wahlberechtigt sind nach offiziellen Angaben 111 Millionen Menschen. (wst/sda/dpa)

Mehr zum Thema Russland

Der Urner Metzgermeister, der in Russland mehr Einfluss hat als ein Bundesrat

Wie Putin den Nationalismus entdeckte – und was das für den Westen bedeutet

Trump, Putin, Erdogan – die Machos sind auf dem Vormarsch: Ist es den Männern ganz einfach zu langweilig geworden?

Garri Kasparow: «Putins Russland ist heute offenkundig die grösste Bedrohung für die Welt»

Warum gibt es immer noch Linke, die Putin feiern?

Syrien – ein Spielball der Mächte? Wie watson auf einen Putin-Troll hereingefallen ist 

Bei euch, liebe zu Unrecht als Putin-Trolls Beschimpfte, möchte ich mich entschuldigen. Bei allen anderen nicht

Alle Artikel anzeigen

Meistgelesen

1

14 Dinge, die du nur kennst, wenn du einen grossen Bruder hast

2

Keine Gnade für Rösti: Wermuth und Co. demontieren den …

3

Nackte Schönheitsköniginnen und goldenes Besteck: Wie Pablo Escobars …

4

16 Dinge, die man nur als U25 im Ausgang macht

5

«Hahaha» und so weiter: Der PICDUMP ist da! 

Meistkommentiert

1

Steuerhinterzieher statt Ausländer – und plötzlich ist der SVP der …

2

Gott, dich gibt es nicht – oder würdest du unschuldige Kinder im …

3

Die besten Sportlerpics auf Social Media: Olympiasiegerin von Rio …

4

Wenn du für das NDG bist, klick hier nicht drauf! Diese Karikaturen …

5

Die Woche in Aleppo beweist: Sie lügen alle. ALLE!!!

Meistgeteilt

1

Innerer Dialog Heute: Die Menstruation

2

15 ungewöhnliche Wohnideen für deine eigenen vier Wände

3

Darum ist der World Cup of Hockey so richtig geil

4

Russland siegt und sichert sich Duell mit Erzrivale Kanada – USA mit …

5

Lausanne nach Derby-Pleite des ZSC neuer Leader +++ Biel deklassiert …

8 Kommentare anzeigen
8
Logge dich ein, um an der Diskussion teilzunehmen
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • rodolofo 18.09.2016 14:52
    Highlight Einige Keimlinge für den nächsten "russischen Frühling" sind also noch vorhanden.
    Dummerweise herrscht in diesem "Neo-Sowjetischen" Land trotz weltweiter Klimaerwärmung Putin'scher Permafrost...
    3 1 Melden
    600
  • secondtruth 18.09.2016 13:35
    Highlight fascho News zum 2.
    1 12 Melden
    • Fabio74 18.09.2016 18:49
      Highlight Wirr. Gehts mit Erklärung?
      3 0 Melden
    600
  • Maett 18.09.2016 08:02
    Highlight Zum Glück wird oft genug erwähnt dass es um Russland geht, den Bericht könnte man fast vollständig auf Deutschland adaptieren (betr. abhängigen Medien, Opposition und deren massiven Gängelung, Dominanz der Regierungsparteien, etc.), was mir viel mehr Sorgen bereitet, weil es immerhin unser Nachbarsland ist.

    Und in Russland ist bereits klar, wer die Wahlen gewinnt. Ausser EP (einiges Russland) kann niemand eine für die Mehrheit nachvollziehbare und einigermassen akzeptable Zukunftsvision verbreiten. Die Kommunisten sind bei vielen unten durch und die Rechten sind den meisten zu konservativ.
    8 26 Melden
    • Fabio74 18.09.2016 18:51
      Highlight Der Vergleich ist haarsträubend
      Die Dominanz der 2 grossen ist das Resultat der Wahlen.
      Die Geschichte mit den abhängigen Medien langsam langweilig.
      6 1 Melden
    600
  • Ivan der Schreckliche 17.09.2016 23:00
    Highlight Jetzt werden doch tatsächlichen in einem SPON Artikel unabhängige Medien in Russland erwähnt, ich dachte die gibt es dort nicht? Wird der Spiegel noch zum Troll?!
    15 33 Melden
    600
  • Atlantis 17.09.2016 22:24
    Highlight Ist nach dem Abgang Benjamin Bidders nun Christina Hebel für die "Berichterstattung" aus Moskau zuständig? Weiss jemand genaueres?
    Nicht dass dadurch die Objektivität gesteigert und die Propaganda vermindert würde.
    11 36 Melden
    • Fabio74 18.09.2016 02:54
      Highlight Jede noch so berechtigte Kritik am undemokratischen System Russlabf tut man als Propaganda ab. Man kann es sich einfach machen.
      Putins Macht verhindert freie und faire Wahlen. Im Prinzip wie früher in der DDR.
      38 12 Melden
    600

Liebes Mami, ich erkläre dir jetzt, warum ich kein Heimweh habe

Als meine Reise per Autostopp um die Welt immer näher rückte, heckte meine Mutter einen fiesen Plan aus. Zu meiner Freundin, meinen drei Schwestern und meinem Vater sagte sie:

Ihr Kalkül: Dann hätte ich schneller Heimweh und würde früher wieder nach Hause kommen.

Und wenn ich jeweils im Family-Chat Fotos postete von meiner Reise um die Welt, pflegte sie zu sagen:

Mittlerweile bin ich seit mehr als 15 Monaten unterwegs und meine Mutter hat ihre Taktik aufgegeben.

Sie, mein Vater und meine …

Artikel lesen