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Grobe Luftraum-Verletzung: Russischer Pilot erfasste türkische Jets 6 Minuten lang mit Gefechtsradar

Der Zwischenfall über der Türkei war offenbar gefährlicher als bisher bekannt. Ein russischer Kampfjet ist nicht nur in den Luftraum eingedrungen, sondern hat auch zwei Abfangjäger mit seinem Radar erfasst.

06.10.15, 20:07

Markus Becker, Brüssel

Ein Artikel von

Begegnungen zwischen Kampfflugzeugen Russlands und der Nato gehören über Nord- und Ostsee, dem Atlantik oder dem Schwarzen Meer fast schon zum Alltag. Doch der jüngste Vorfall hatte offenbar eine neue Dimension: Ein russischer Kampfjet hat nach Angaben der türkischen Armee zwei türkische F-16-Abfangjäger minutenlang mit seinem Gefechtsradar erfasst. Dieses «Beleuchten» ist der letzte Schritt vor dem Waffeneinsatz.

Die Nato hat das als «verantwortungslos» und «extrem gefährlich» bezeichnet - zu Recht, wie Experten meinen. «Das Erfassen eines Flugzeugs mit dem Gefechtsradar ist absolut ungewöhnlich und ein extrem unfreundlicher Akt», sagt Marcel Dickow, Experte für Sicherheitspolitik bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Suchoi Su-30: Gefährlicher Zwischenfall in türkischem Luftraum. 
Bild: /Archiv)

Dringt ein Flugzeug in den Luftraum eines Landes ein, stellen Abfangjäger üblicherweise zunächst Funkkontakt her. Hat das keinen Erfolg, nähert man sich dem Eindringling und gibt Zeichen. «Aber wenn man vom Radar beleuchtet wird, schrillen sofort die Alarmglocken», sagt Dickow.

Hinzu kommt, dass die russische Suchoi Su-30 die beiden türkischen Jets fast sechs Minuten lang erfasst haben soll - eine extrem lange Zeit. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg wollte den Radar-Einsatz zwar nicht offiziell bestätigen. Doch er zweifelte die russische Darstellung an, wonach die Verletzung des türkischen Luftraums ein Versehen war. «Das sieht nicht nach einem Missgeschick aus», sagte Stoltenberg am Dienstag im Brüsseler Nato-Hauptquartier.

SWP-Experte Dickow vermutet «das alte Spiel aus dem Kalten Krieg: Man versucht durch aggressives Verhalten herauszufinden, wie die Gegenseite reagiert».

Alarmsignal im Cockpit

Das Radar an Bord eines Kampfjets verfügt, grob gesagt, über zwei Modi: Im Suchmodus wird ein grosser Teil des Himmels gescannt, im Verfolgungsmodus können einzelne Ziele verfolgt werden. In letzterem Fall löst der Radar Warning Receiver (RWR) im erfassten Flugzeug Alarm aus. «Das bedeutet, dass der Abschuss einer Rakete unmittelbar bevorstehen könnte», erklärt Luftwaffenexperte Justin Bronk vom Londoner Royal United Services Institute. «Die türkischen Piloten haben wahrscheinlich unter Stress versucht, die Quelle zu identifizieren.»

Dies könne entweder durch passive Erkennung erfolgen, oder indem man sein eigenes Gefechtsradar auf den Eindringling richtet. «Das dauert von einigen Sekunden bis hin zu mehreren Minuten», sagt der italienische Militärluftfahrt-Experte David Cenciotti. Es sei «zweifellos» eine gefährliche Zeitspanne gewesen.

Zwar gibt es seit Mai 2015 wieder einen direkten Draht zwischen der Nato und dem russischen Militär. Der aber wurde bei dem jüngsten Vorfall nicht genutzt, wie Stoltenberg andeutete. Ohnehin hätte eine solche «Hotline» einen Schusswechsel zwischen dem russischen und den beiden türkischen Kampfjets womöglich nicht verhindern können - denn in einem solchen Moment hängt alles von den Einsatzregeln für die Piloten ab.

Angst vor Schusswechsel mit den Russen

«Wenn die Regeln vorschreiben, dass man auf Befehle warten muss, dann wartet man», erklärt Cenciotti. «In der Zwischenzeit versucht man, sich aus der Radar-Erfassung herauszuwinden oder den Gegner selbst zu erfassen.» Allerdings: Der russische Pilot konnte die Regeln, unter denen die Türken operieren, nicht kennen. «Sie hätten auch eine Rakete abfeuern können», so Cenciotti.

Bronk sieht das ähnlich: «Angesichts der Tatsache, dass schon syrische Kampfflugzeuge und Drohnen im türkischen Luftraum abgeschossen wurden, war ein Waffeneinsatz durch die türkische Seite möglich.»

Der Vorfall im türkischen Luftraum lässt Gefahren für den syrischen Luftraum befürchten - auch dort könnten sich äusserst heikle Situationen ergeben. Denn während die USA gemeinsam mit fünf arabischen Staaten den «Islamischen Staat» bombardieren, greift die Türkei zusätzlich die kurdische Arbeiterpartei PKK und ihren syrischen Ableger PYD an. Die Russen dagegen attackieren laut Stoltenberg nicht wie angekündigt den «Islamischen Staat», sondern «die syrische Opposition und Zivilisten». Russland weist das zurück.

Nach russischen Angaben fliegen derzeit mehr als 50 Flugzeuge und Helikopter insgesamt 20 bis 25 Missionen pro Tag - etwa dreimal so viel wie die US-geführte Allianz. Hinzu kommt, dass die Russen auch Flugabwehrraketen in Syrien stationiert haben.

Um in dieser unübersichtlichen Lage folgenschwere Missverständnisse zu verhindern, verlangte das US-Verteidigungsministerium bereits vergangene Woche von den Russen, ihre Einsätze mit den Alliierten abzusprechen. Doch darauf wartet der Westen offenbar noch immer, denn Stoltenberg forderte am Dienstag erneut die sogenannte «deconfliction» des syrischen Luftraums. «Das ist die Minimalanforderung», sagte der Nato-Chef. «Wir nehmen das sehr ernst.»

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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16Alle Kommentare anzeigen
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  • Zeit_Genosse 06.10.2015 23:16
    Highlight Statt auf Kriegerbuben zu machen die insgeheim auf einen Schlagabtausch hoffen, sillte man erkennen, dass Russland in der Luft und zu Boden neue Fakten schafft. Das schränkt die Handlungsoptionen für die Türkei und westliche Allianz ein. Dass die Russen unerschrocken zu Werke gehen konnte man nach der Machtdemonstration in der Ukraine sehen erahnen. Die USA werden schon bald Flugabwehrsysteme in der Türkei stationieren. Wir sind vor einem Weltkrieg, den die gebeutelten Russen weniger fürchten und mit hohem Risiko operieren. Uns bringt das nur noch mehr Flüchtlinge.
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    • Openyourmind 07.10.2015 00:02
      Highlight Und wie Recht Du hast! Sehe ich genau so.
      3 4 Melden
  • AL:BM 06.10.2015 23:04
    Highlight Ähm, ein Zielerfassungssystem kennt keine Staatsgrenzen...
    6 2 Melden
  • herpderpschlerp 06.10.2015 22:49
    Highlight im vergleich zum bombardierten spital von MSF durch die amis, sollte man das hier nicht zu stark an die grosse glocke hängen, aber das wurde vermutlich bereits wieder verdrängt, der russki ist ja der böse, dieses bild muss aufrecht erhalten werden
    17 10 Melden
  • Chili5000 06.10.2015 22:28
    Highlight Irgendwie warte ich nur darauf das die Türken die russischen Kampfjets "runterholen". Bin gespannt ob Russland sich mit der Nato anlegen wird!
    8 19 Melden
    • Openyourmind 06.10.2015 23:15
      Highlight Die türkische Maschinen sind zwar günstiger, schneller, schmaller, können aber mit der Flughöhe, Geschwindigkeit im Steigflug, Flugdauer, Menge der Bewaffnung usw. leider nicht wirklich mithalten mit der Russischen Maschinen. Hoffe dass die Türken nicht so dumm sind so was zu versuchen... kommt in einem DogFight bestimmt nicht gut.

      Siehe hier:

      http://planes.axlegeeks.com/compare/173-227/Lockheed-F-16-Fighting-Falcon-vs-Sukhoi-Su-30
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  • NikolaiZH 06.10.2015 21:09
    Highlight typische machtdemonstration: wir sind so viel besser. ihr könnt uns minutenlang weder abhängen noch selber ins zielvisier zu nehmen... blamage für amerikanische f16 und zukünftige verkäufe, deswegen protestieren usa so harsch
    18 25 Melden
    • Dä Brändon 06.10.2015 22:02
      Highlight An den Verkäufen wird sich nichts ändern, auch wenn die Russen momentan mit Abstand die besseren Kampfflugzeuge hat. Die NATO Staaten sind garantierte Abnehmer von amerikanischen Kampfflugzeuge. Gleichzeitig wird niemand der Führungsstaaten erlauben das russische Flieger in die NATO kommen.
      19 10 Melden
    • Gelöschter Benutzer 06.10.2015 22:50
      Highlight Eine SU-30 (Erstflug: 1989) konnte von alten F-16 (Erstflug: 1974) erfolgreich erkannt und abgefangen werden. Nicht gerade ein super gutes Zeugniss für russische Kampfflugzeuge.

      Zudem ist es eine grosse Blamage für den russischen Piloten selber, das er vergessen hat wo sein Einsatzgebiet liegt. Als Strafe sollte man ihn nun zwingen die Alibi-Suchoi zu fliegen, welche als einzige IS Ziele angreiffen muss.
      11 7 Melden
    • Tobi-wan 06.10.2015 22:57
      Highlight Es steht ja nirgends ob die F16 den Russen nicht auch anvisiert haben oder es vielleicht bewusst unterlassen haben. Bei solchen Zwischenfällen erfahren wir nicht mal ein Bruchteil dessen, was wirklich geschah.
      13 0 Melden
    • Friends w/o pants 06.10.2015 23:58
      3 0 Melden
    • Friends w/o pants 07.10.2015 00:01
      2 0 Melden
    • Openyourmind 07.10.2015 00:01
      Highlight @xero384, ahmm... k.A. woher du den Vergleich zwischen F-16 und SU-30 hast... Denke nicht dass, rein Aufgrund der Performancedaten beider Maschinen, eine F-16 überlegen ist. Im Gegenteil, leider...

      Die Amis meinen dazu neulich: "The Pentagon’s fourth-generation fighter fleet no longer enjoys a massive technological advantage as they did in years past. The United States must invest in next-generation fighters ( anm. F-22 Raptor und neuer) to replace the existing fleet as soon as possible."
      6 0 Melden
    • Dä Brändon 07.10.2015 00:06
      Highlight @Xero384 die F-16 waren 6 Minuten lang im Gefechtsradar. Ich übersetze mal für dich, die SU hat die F-16 vorgeführt und gezeigt das sie jederzeit die F-16 abschiessen kann und das 6 Minuten lang, wenn du etwas davon verstehst dann würdest du wissen dass das eine Ewigkeit ist.
      6 2 Melden
    • Openyourmind 07.10.2015 00:12
      Highlight @xero384, der mit "Alibi-Suchoi als Strafe" war guet, echt guet, hahaha 😂
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    • Gelöschter Benutzer 07.10.2015 01:34
      Highlight @Openyourmind Ich schrieb auch nicht das die F-16 der Suchoi überlegen ist. Ich war nur erstaunt das es alten F-16's gelang die einiges mordernere SU-30 zu erkennen und verfolgen.

      @Dä Brändon, das Pentagon sagt logisch immer sein material ist alt, bzw. nicht mehr so überlegen, damit Finanzierung von neuen Waffenprogrammen gesichert werden kann.
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