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Liebesgrüsse aus Moskau: François Fillons gefährliche Russland-Kontakte

Russland feiert François Fillon: Der Überraschungssieger der republikanischen Vorwahlen wird in den staatlichen Medien als «französischer Freund» beschrieben: Steilvorlage für Konkurrent Juppé.

Publiziert: 22.11.16, 16:55 Aktualisiert: 22.11.16, 17:12

Stefan Simons, Paris

Sind per Du: Fillon und Putin. Bild: EPA/RIA Novosti POOL

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Der Applaus kommt zur Unzeit und eher von der falschen Seite: Vier Tage bevor Frankreichs Bürger endgültig über die Kandidatenkür der Republikaner (LR) abstimmen, wird François Fillon, Überraschungssieger der ersten Runde, von Russlands staatlichen Medien mit Lobpreisungen überschüttet.

«Ein pro-russischer Kandidat» freut sich das Wirtschaftsblatt «Wedomosti» über das Abschneiden Fillons, dessen aussenpolitische Vorstellungen «ausgewogener» seien als die seines Gegners Alain Juppé. Auch der TV-Sender Rossija 24 beschreibt den Franzosen als «Russland entgegenkommend» und rühmt die persönliche Nähe zwischen Fillon und Präsident Wladimir Putin: «Die beiden sind per Du».

Das Magazin «Expert» wägt bereits die Konsequenzen ab, sollte – nach dem Einzug von Putin-Bewunderer Donald Trump ins Weisse Haus – nun «Freund François» bei den Präsidentenwahlen im Frühjahr 2017 Nachmieter im Élysée werden. «Eine für Russland extrem nützliche Tendenz ist da im Werden», so das Blatt, das schon eine Generation von Führern im Kommen sieht, die Moskau gegenüber «geneigter» sind und gar «eine Bresche in die gemeinsame Haltung des Westens schlagen könnten.»

«Putin hat die französischen Wahlen gewonnen»

Die Liebesgrüsse aus Moskau – kurz vor der TV-Debatte am Donnerstag – sind vor allem eine Steilvorlage für den LR-Konkurrenten Alain Juppé. Hatte er Fillon bislang als ultraliberal gerügt, mit einem «brutalen Wirtschaftsprogramm» und «rückwärtsgewandten gesellschaftlichen Entwürfen», so könnten nun auch Fillons aussenpolitische Vorstellungen in die Schusslinie geraten.

Zumal auch angelsächsische Medien über die Auswirkungen der Männerfreundschaft Fillon-Putin orakeln. «Fillon glaubt, dass der Westen Russland schlecht behandelt», schreibt die Londoner «Times». Die US-Nachrichtenagentur Bloomberg News orakelt schon: «Wladimir Putin hat die französischen Wahlen gewonnen.»

François Fillon. Bild: CHARLES PLATIAU/REUTERS

Die pessimistische Vision von einem Lakaien Moskaus im Élysée «fast so russophil wie Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Front National», ist freilich überdreht. Fillon wie Juppé sind überzeugte Europäer mit denselben Zielen: Stärkung der gemeinsamen Grenzen, Konvergenz in der Politik in den Feldern Budget, Steuern, Wirtschaft. Und Fillon plädiert gar für ein «politisches Direktorium», zusammengesetzt aus den Regierungschefs der Euro-Zone.

Aussenpolitisch setzt er auf einen eigenen Kurs – in bester Tradition von General de Gaulle. Doch wenn er unter Frankreichs Republikanern zu den Politikern mit den engsten Kontakten zu Wladimir Putin zählt, liegt das vor allem an der Zeit, als beide Politiker als Ministerpräsidenten amtierten – und damit protokollarische Partner waren.

«Sie begegnen sich seither mit gegenseitiger Wertschätzung», sagt Jean de Boishue, ein Berater Fillons. Schon beim ersten Treffen 2008 war der Franzose von seinem russischen Partner fasziniert. «Drei Stunden hat er mir gewidmet», jubelte Fillon seinerzeit, schreibt das Magazin «Le Point» und zitiert einen Zeugen: «Es war, als sei er Gottvater begegnet.»

Private Zusammenkünfte in Putins Datscha

Der diplomatischen Begegnung folgten private Zusammenkünfte in der Datscha des russischen Präsidenten ausserhalb von Moskau, in Putins Residenz von Sotschi gab es Treffen bei einer Partie Billard.

Was Putin in seiner Freizeit macht

Trotz der Männerfreundschaft blieben Differenzen – vor allem in der Beurteilung des Syrien-Krieges. «Wie kannst Du den Halunken von Baschar al-Assad unterstützen, den Henker des syrischen Volkes?» rügte Fillon seinen Gesprächspartner 2011. «Und Du, François, weisst Du, wer die Leute sind, die Baschar gegenübersehen? Nein, weisst Du nicht.»

Das Argument gab Fillon offenbar zu denken. Zwei Jahre später, während eines Auftritts im Moskauer Forum «Club Wladai», schlug sich der Ex-Premier auf die Seite seines «lieben Wladimir»: Fillon rügte Frankreichs Unterstützung für die US-Luftangriffe gegen das Regime in Damaskus. «Ich wünsche, dass Frankreich in dieser Frage seine Unabhängigkeit in der Beurteilung und seine Freiheit im Handeln wiedergewinnt».

«Lakai der Wolga»

Ein Statement, was Fillon von einem erbosten Sozialisten den Titel «Lakai der Wolga» einbrachte. Doch der lobte noch im vergangenen Jahr Russlands militärische Operationen. «Man kann nur froh sein, dass Moskau intervenierte», so der Republikaner in einem Interview mit dem Magazin «Valeurs actuelles». «Anderenfalls hätten wir uns gegenüber einen noch mächtigeren Islamischen Staat.»

Annäherung an Moskau sucht Fillon auch und trotz Russlands Einmischung in der Ukraine. Im Widerspruch zu LR-Konkurrent Juppé, der von Putin verlangt, die «internationalen Verträge zu respektieren, auf denen der Frieden Europas beruht», fordert Fillon das Ende der Wirtschaftssanktionen: «Eine verrückte Geste», nennt er die EU-Reaktion – eine Bewertung, mit der Fillon allerdings nicht mehr alleine ist.

Grund genug für Putin, auch künftig die Beziehung zum neuen starken Mann Frankreichs zu pflegen. Und der Kreml-Zar versteht sich auf Gesten: Zwei Wochen nach dem Tod von Fillons Mutter 2012 empfing er seinen Gast in Moskau und überreichte eine Flasche Mouton Rothschild – mit dem Hinweis: «Schau, François, sie stammt aus dem Geburtsjahr deiner Mutter.»

Zusammengefasst: Dem Sieger bei den Vorwahlen der französischen Konservativen, Francois Fillon, wird eine ungute Nähe zu Russlands Präsident Wladimir Putin nachgesagt. Die beiden mögen sich persönlich, Fillon bringt Verständnis für Russlands machtpolitische Ambitionen auf. Doch das macht ihn, sollte er wirklich französischer Präsident werden, nicht unbedingt zu einem willfährigen Diener Moskaus.

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User-Review:
naja, mir - 16.4.2016
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  • Beobachter24 22.11.2016 23:46
    Highlight "Der diplomatischen Begegnung folgten private Zusammenkünfte in der Datscha des russischen Präsidenten“
    ...
    "Sie begegnen sich seither mit gegenseitiger Wertschätzung"
    ...
    "Putin hat die französischen Wahlen gewonnen"

    "Zusammengefasst: … Francois Fillon ... wird ... eine ungute Nähe zu Russlands Präsident Wladimir nachgesagt
    [immerhin:] …das macht ihn … nicht unbedingt zu einem willfährigen Diener Moskaus."

    Herzlichen Dank für diese sachlichen, objektiven Eischätzungen zum französischen Wahlkampf.
    Jetzt wissen wir Bescheid.
    9 1 Melden
    • D(r)ummer 23.11.2016 10:37
      Highlight Wie mir der Artikel begegnet ist:
      1."Sind per Du"
      2. Ah ok, Spiegel.
      3. "Pro-Russischer Kandidat"
      4. "Putin hat die französischen Wahlen gewonnen".

      Mehr habe ich nicht gelesen, weil es mir zu Primitiv vorkommt.
      Ich hab mir dennoch eine Meinung zum Artikel gebildet, welche nix mit dem Wahlkampf zu tun hat. Irgendjemand (der Verfasser?) will keine Zusammenarbeit und ist Konservativ.


      2 1 Melden
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  • Radiochopf 22.11.2016 20:28
    Highlight Ok, wir wissen es langsam.. Putin ist böse, Russland ist böse, wer Putin die Hände schüttelt ist böse.. wer Russen kennt ist böse.. wer in Russland war ist böse... dieser Anti-Putin/Russland Haltung ist langsam echt paranoid.. wieso sollte es schlecht sein wenn Europa wieder gute Beziehungen zu Russland führt? Was soll daran gefährlicher sein als die jetzige Situation mit immer mehr Distanz und gegenseitigen Sanktionen und Provokationen? Das soll mir echt mal einer erklären, ich verstehe es nicht...
    16 8 Melden
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  • Kristjan Markaj 22.11.2016 17:05
    Highlight Ich will ein Europa ohne Amerikanischen, Russischen oder Chinesischen Einfluss! Europa muss selber über sich bestimmen können.
    27 4 Melden
    • phreko 22.11.2016 17:28
      Highlight Aber dafür muss es sich einigen und an einem Strang ziehen...
      15 0 Melden
    • undduso 22.11.2016 17:38
      Highlight Meine Meinung, mit dem Unterschied, dass ein russischer Einfluss berechtigt ist, da Russland zu einem Teil in Europa liegt und deshalb auch so behandelt werden sollte.
      23 13 Melden
    • Kristjan Markaj 22.11.2016 17:52
      Highlight Nein ist er nicht! Sie können mitbestimmen aber nicht ÜBER Europa bestimmen.
      10 8 Melden
    • Hoppla! 22.11.2016 18:27
      Highlight Hmm... Muslimischer Einfluss auch okay? Bosnien, Kosovo, Albanien, Türkei,... Oder ist das etwas anderes?

      Fremder Einfluss kann bereichernd sein. Dies von geografischen Gesichtspunkte abhängig zu machen eher weniger.
      6 10 Melden
    • Kristjan Markaj 22.11.2016 18:58
      Highlight Türkei ist nicht Europa. Und ich bin römisch-katholischer Albaner. Wir waren das erste christliche Volk Europas 50 n. Chr. bereits zum Katholizismus übergetreten. Ich verabscheue die türkische neo-osmanische Politik.
      12 4 Melden
    • Beobachter24 22.11.2016 22:58
      Highlight @Kristjan Markaj

      Wie kommen Sie zum Schluss, dass Russland ÜBER Europa bestimmen möchte?
      Lässt sich das irgendwie belegen?
      3 3 Melden
    • phreko 23.11.2016 00:02
      Highlight @Markaj, in der Geographie geschlafen? Bosporus ist die Grenze. So zum Beispiel in Istanbul: Von den 13.120.596 Einwohnern im Jahr 2010 lebten etwa 65 Prozent im europäischen Teil von Istanbul und rund 35 Prozent auf der asiatischen Seite. (ausser Wikipedia lügt...)
      Das sind Millionen Europäer in der Türkei.
      8 1 Melden
    • Maett 23.11.2016 02:08
      Highlight @Kristjan Markaj: die meisten Russen sind ebenfalls Europäer, da Europa (nicht zu verwechseln mit der EU) bis zum Uralgebirge reicht. Eine Partnerschaft mit Russland ist also einerseits sinnvoll und andererseits auch von grösserer Relevanz als mit China oder den USA, da die letzteren zwei keine Europäer sind.

      Damit lässt sich sagen, dass ich ein Europa mit russischem Einfluss möchte. Auch mit deutschem. Schweizerischem. Albanischem. Weissrussischem. Britischem. Isländischen. Französischen. Andorranischen. Und so weiter. Halt von all denen, die zu diesem Kontinent gehören.
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