International

«Redet oder tretet zurück!» In ganz Spanien wächst der Frust über die Krisenmacher

07.10.17, 16:16 12.10.17, 11:40

Knapp eine Woche nach dem Abspaltungsreferendum bleibt die Lage in Katalonien unübersichtlich. Ob und wann die Regionalregierung die Unabhängigkeit ausrufen will, ist weiter unklar. Die Krise hält das Land in Atem - aber immer mehr Spanier wünschen sich einen Dialog.

Im Konflikt um die nach Unabhängigkeit strebende spanische Region Katalonien haben am Samstag Zehntausende Menschen bei Grosskundgebungen zum Dialog aufgerufen.

Barcelona, Plaça Sant Jaume

Bild: EPA/EFE

Unter dem Motto «Hablamos?» (Reden wir?) versammelten sich die Demonstranten vor den Rathäusern zahlreicher Städte, darunter in Madrid und Barcelona. Die meisten Demonstranten waren in Weiss gekleidet und trugen weisse Schriftbänder und Luftballons.

Immer wieder brandeten Sprechchöre auf: «Wir wollen, dass geredet wird», hiess es. Mit Blick auf Ministerpräsident Mariano Rajoy und den Chef der katalanischen Regionalregierung, Carles Puigdemont, riefen die Menschen: «Redet oder tretet zurück!» und «Weniger Hass und mehr Gespräche!»

Santiago de Compostela, Praza do Obradoiro

Bild: EPA/EFE

In Madrid fand wenige Hundert Meter vom Rathaus entfernt eine zweite, noch grössere Demonstration statt. Die Menschen protestierten hier gegen die Trennungspläne der wirtschaftsstarken Region und für die Einhaltung der Verfassung. Die Regierung bezifferte die Teilnehmerzahl auf 50'000.

Die zentrale Plaza Colón hatte sich in ein Meer aus spanischen Nationalflaggen verwandelt. «Viva España» und «Mit Putschisten führt man keinen Dialog», skandierten die Leute. «Katalonien darf sich nicht abspalten, wir sind für die Einheit Spaniens», sagte eine Demonstrantin der Nachrichtenagentur dpa.

Madrid, Plaza de Colon

Bild: EPA/EFE

Die Fronten zwischen beiden Seiten sind seit dem umstrittenen und von der Justiz verbotenen Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober verhärtet. Dabei hatten sich rund 90 Prozent der Teilnehmer für die Abspaltung der Region ausgesprochen. Allerdings waren nur 43 Prozent der Wahlberechtigten zu den Urnen gegangen. Rajoy lehnt seit der Volksbefragung jeden Dialog mit Barcelona ab.

Saragossa, Plaza del Pilar

Bild: EPA/EFE

Spaniens Aussenminister Alfonso Dastis sagte dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» (Samstag), die Regierung weise die Forderung aus Barcelona zurück, den Konflikt mit Hilfe internationaler Vermittler zu lösen. «Die spanische Regierung muss den Rechtsstaat gegen eine Regionalregierung verteidigen, die einen Staatsstreich durchziehen will», sagte er.

Deshalb halte er die Forderung nach internationaler Vermittlung für «nicht hilfreich». Madrid habe «genügend legale Möglichkeiten», um auf die Herausforderung einer Unabhängigkeitserklärung Puigdemonts zu antworten.

San Sebastian, City Hall

Bild: EPA/EFE

Eine für Montag geplante Parlamentssitzung, bei der die Erklärung der Unabhängigkeit erwartet worden war, wurde vom spanischen Verfassungsgericht am Donnerstag verboten. Die Sprecherin der linken Parlamentspartei CUP, Nuria Gibert, sagte der dpa am Freitagabend, die Sitzung werde nicht stattfinden.

Puigdemont will nun Medienberichten zufolge am Dienstag vor dem Parlament in Barcelona Stellung zur «aktuellen politischen Lage» beziehen. Ob er dabei die Unabhängigkeit ausrufen oder lediglich das weitere Vorgehen seiner Regierung vorstellen will, blieb offen. (sda/dpa)

Madrid, Plaza de Colon

Bild: AP/AP

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  • Imagine 08.10.2017 15:15
    Highlight Die Regierung in Madrid hat schlicht Angst, dass eine unabhängiges Katalonien weitere Unabhängigkeitsbestrebungen (Baskenland, Andalusien) nach sich ziehen würde. Angst hat auch die EU vor Abspaltungen in anderen Ländern.
    Das Vorgehen der Katalanen scheint wenig sinnvoll, es ist vor allem provozierend. Auch die Regierung in Madrid hat nicht gezeigt, dass sie fähig ist, Kompromisse zu finden.
    Ich wünsch mir, dass die Bewegung der "Weissen" überhand nimmt und es zu einem konstruktiven Gespräch kommt.
    2 0 Melden
  • WeischDoch 08.10.2017 02:23
    Highlight Was ist das Problem dieser Menschen in Madrid? Sorry aber kann doch euch pieps egal sein, wenn katalonien nicht mehr zu euch gehören will. Als hättet ihr persönlich IRGENDWAS damit zu tun. Was ausser eurem Stolz (auch sinnlos) wird verletzt, wenn die unabhängig werden? Ahja das Portmonai. Also ist euch Geld wichtiger als das glückliche Leben dieser Menschen in Katalonien. Mit solch einer Einstellung habt ihr sowieso nichts gutes verdient. Traurig!
    8 10 Melden
  • Domsh 08.10.2017 00:01
    Highlight Jep, aufgrund der Wegzüge oder deren Drohungen von grossen Firmen (La Caixa, Banco Sabatell, Gas Natural, Cordoniu, Freixenet) werden die Katalanen wohl klein beigeben.
    Mittelmässiger Bluff und Rajoy wollte sehen, der sture Bock.
    4 4 Melden
  • dä dingsbums 07.10.2017 23:08
    Highlight Gemäss dem Wahlgesetz das die Separatisten in Katalonien selbst verabschiedet haben, hätte die Unabhängigkeitserklärung 48h nach dem bekanntwerden des Resultats erfolgen sollen.

    Nicht mal die eigenen Gesetze zu befolgen, ist keine gute Basis für die Zukunft.
    4 6 Melden
    • rodolofo 08.10.2017 10:45
      Highlight Flexibilität und Situationsgerechtes Reagieren ist aber noch wichtiger fürs Überleben.
      2 1 Melden
  • Gelöschter Benutzer 07.10.2017 21:11
    Highlight "In Madrid fand wenige Hundert Meter vom Rathaus entfernt eine zweite, noch grössere Demonstration statt. Die Menschen protestierten hier gegen die Trennungspläne der wirtschaftsstarken Region..."

    Weshalb protestieren die denn? Zahlreiche grosse Unternehmen haben den Wegzug aus Barcelona angekündigt. Ist doch gut für Spanien, weniger gut für Barcelona.
    23 9 Melden
    • Pedro Salami 07.10.2017 23:32
      Highlight Ich denke kurz- und mittelfristig wird es nur Verlierer geben wenn es zu einer Abspaltung kommen sollte.
      11 2 Melden

Diese 5 Fakten zeigen dir, warum Katalonien seit 300 Jahren unabhängig sein will

Wie geht es weiter in Katalonien? Nach dem Unabhängigkeitsreferendum sind die Fronten auf allen Seiten verhärtet. Wie es soweit kommen konnte, zeigt der Blick in die Vergangenheit. 

Es heisst, der Streit zwischen Katalonien und der spanischen Zentralregierung, sei vor allem finanzieller Natur. Die Katalanen wollten frei sein, weil sie alleine finanziell besser dastehen würden. Auch heisst es, bei dem Streit gehe es um eine alte Rivalität zwischen Spaniens grössten Städten Barcelona und Madrid. In Wahrheit sitzt der Konflikt aber viel tiefer. Kataloniens Zerwürfnis mit der Zentralregierung von Spanien ist über 300 Jahre alt. 

Bis ins 15. Jahrhundert waren die Staaten …

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