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USA behaupten, Assad verbrenne Leichen von Oppositionellen – Beweise liefern sie keine

Das Assad-Regime soll ein Krematorium errichtet haben, in dem die Leichen von Oppositionellen verbrannt werden - behauptet das US-Aussenministerium. Doch klare Beweise bleibt Washington schuldig.

16.05.17, 18:44 16.05.17, 19:45

Christoph Sydow

Luftaufnahmen des Lagers Bild: EPA/DVIDS/US DOS and DigitalGlobe

Ein Artikel von

Die Landschaft in den Ausläufern des Qalamun-Gebirges liegt tief verschneit da, eine dichte Schneedecke bedeckt Felder, Strassen und Häuser. Mit einer Ausnahme: Auf dem Dach eines Gebäudes, das zum Militärgefängnis Sednaja gehört, ist der Schnee geschmolzen.

Das zeigt eine Satellitenaufnahme vom 8. Januar 2015, die das US-Aussenministerium nun veröffentlicht hat. In dem Haus mit dem schneefreien Dach soll das Regime von Baschar al-Assad ein Krematorium errichtet haben, in dem die Leichen hingerichteter Oppositioneller beseitigt werden, behauptet die US-Regierung. Wegen der Öfen sei der Schnee auf dem Gebäude geschmolzen. Doch wie glaubhaft sind solche Indizien?

Die Verbrechen des Assad-Regimes in Sednaja sind in den vergangenen Jahren ausführlich dokumentiert worden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schätzt, dass in dem Gefängnis in der Nähe von Damaskus allein zwischen September 2011 und Dezember 2015 mindestens 13'000 Gefangene hingerichtet wurden.. Die Aktivisten bezeichnen Sednaja als «Schlachthaus für Menschen». Das syrische Regime betreibe in dem Gefängnis «Ausrottung».

Warum äussern die USA den Vorwurf erst jetzt?

Aber: Amnesty hat in den vergangenen Jahren mit ehemaligen Häftlingen, Gefängniswärtern und Richtern gesprochen. Keiner von ihnen hat jemals ein Krematorium in Sednaja erwähnt. Stattdessen hatten geflüchtete Beamte des Regimes berichtet, dass das syrische Militär die Toten auf Friedhöfen verscharre, die auf Armeegelände im Umland von Damaskus liegen.

Entsprechend überrascht reagierte nun Amnesty auf die Enthüllung des Aussenministeriums in Washington: «Es muss noch viel mehr geforscht werden», sagte Geoffrey Mock, Nahost-Spezialist von Amnesty, mit Blick auf die Vorwürfe. Paulo Pinheiro, Vorsitzender einer Uno-Untersuchungskommission zur Menschenrechtslage in Syrien, teilte mit: «Ich habe keine Informationen zu diesem Krematorium.»

Tatsächlich wirft der Zeitpunkt der Veröffentlichung Fragen auf: Stuart Jones, Leiter der Nahost-Abteilung im US-Aussenministerium, behauptet, das Assad-Regime habe bereits 2013 begonnen, das Krematorium in Sednaja zu errichten. Die ältesten Bilder der Anlage, die Jones präsentierte, stammen aus dem August 2013. Doch warum äussert die US-Regierung erst jetzt diesen Vorwurf?

Bild: EPA/DVIDS/US DOS and DigitalGlobe

Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen haben in den vergangenen Jahren ebenfalls Satellitenbilder von Sednaja veröffentlicht - aber nie gab es einen Hinweis darauf, dass der Anbau am sogenannten weissen Gebäude ein Krematorium beherbergen könnte. Was allerdings passt: Im selben Gefängnistrakt soll sich nach Angaben von Zeugen der Exekutionsraum befinden, in dem Häftlinge gehenkt werden.

Doch auch was die Zahl der Toten betrifft, nennt das US-Aussenministerium nun Zahlen, die deutlich von bisherigen Angaben abweichen. In Amnesty-Berichten war die Rede davon, dass in Sednaja zwei bis drei Mal pro Woche zwischen 20 und 50 Häftlinge gehenkt werden. Jones behauptet jetzt, das Regime töte dort bis zu 50 Gefangene täglich.

Syriens Regime nennt Vorwürfe «Hollywood-Geschichte»

Die Vorwürfe der US-Regierung kommen praktisch zeitgleich mit dem Beginn einer neuen Verhandlungsrunde in Genf. Dort sollen Vertreter des Regimes und der Opposition unter Uno-Vermittlung nach einer Friedenslösung suchen. Die Aussichten sind gering, bislang setzen sich Vertreter beider Lager noch nicht einmal an einen Tisch. Offenbar versucht Washington mit der Veröffentlichung der Satellitenbilder den Druck auf die syrische Regierung und ihre Unterstützer in Russland und Iran zu erhöhen.

Damaskus reagiert wie stets: Das Aussenministerium bestreitet die Existenz eines Krematoriums in Sednaja - so, wie das Regime bisher alle Vorwürfe von Amnesty zurückgewiesen hat. Die Berichte der US-Regierung seien «eine neue Hollywood-Geschichte, die nichts mit der Realität zu tun hat», teilte das Aussenministerium in Damaskus mit.

Die Uno-Untersuchungskommission hat mehrfach darum gebeten, das Militärgefängnis in Sednaja besuchen zu dürfen, um die Vorwürfe zu überprüfen. Das Regime in Damaskus lehnt das kategorisch ab.

Zusammengefasst: Die USA werfen Syrien vor, auf dem Gelände des Militärgefängnisses Sednaja ein Krematorium errichtet zu haben. Dort lasse das Assad-Regime demnach die Leichen von hingerichteten Oppositionellen verbrennen. Als Beleg legt das US-Aussenministerium Satellitenaufnahmen vor. Doch die Bilder sind mehrere Jahre alt und wenig aussagekräftig. Offenbar soll die Veröffentlichung Damaskus vor der neuen Syrien-Verhandlungsrunde in Genf unter Druck setzen.

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  • ElendesPack 16.05.2017 23:03
    Highlight Ich glaube eigentlich weder den USA noch AI irgendwas.
    8 2 Melden
    600
  • Bronko 16.05.2017 21:36
    Highlight Verstehe ich den Kontext nicht?
    Oder spielt es wirklich noch irgend jemandem eine Rolle, wo und wie diese unter tragischen Umständen zu Tode gekommenen Menschen, sprich Leichen, entsorgt werden?
    Wirklich empörend und schlimm ist dieses Gefängnis und das Foltern und Morden von Menschen durch den Assad-Clan. Was nach wie vor Grund genug wäre, dass massakrieren zu stoppen.
    12 6 Melden
    • Bronko 17.05.2017 01:19
      Highlight Was nach wie vor Grund genug wäre, das Massakrieren durch eine gezielte Intervention von aussen endlich zu stoppen.
      6 2 Melden
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  • Dä Brändon 16.05.2017 21:00
    Highlight Sowas ähnliches hatte doch Irak auch erlebt...?!
    18 4 Melden
    • dmark 16.05.2017 21:38
      Highlight Stichwort: Massenvernichtungswaffen...
      12 4 Melden
    600
  • Kaviar 16.05.2017 20:50
    Highlight Immerhin kriegen sie eine Feuerbestattung, statt dass man sie einfach den Hunden, Ratten und Geiern überlässt.
    5 20 Melden
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  • Ketsch 16.05.2017 20:40
    Highlight Und morgen lesen wir, dass der Autor Christoph Sydow ein Verschwörungstheoretiker, Rechtsextremist oder ein Antisemit ist.

    ah nein, kam ja schon vom Spiegel, ich vergass...
    24 6 Melden
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  • blackjack 16.05.2017 20:37
    Highlight Endlich ein nicht-reisserischer Titel zum Thema: ausgewogen und dem inhalt entsprechend, perfekt!
    13 3 Melden
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  • Chrutondchabis 16.05.2017 20:35
    Highlight Schuldengrenze anheben oder Krieg generieren, mehr haben die USA schon lange nicht mehr drauf wenns um die Erhaltung des Kapitalismus geht. Gähn...
    25 4 Melden
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  • banda69 16.05.2017 20:08
    Highlight Das mit den nicht belegbaren Behauptungen der USA unter republikanischer Kriegstreiber-Führung hatten wir doch schon Mal im Irak.

    Und das hat böse geendet.
    35 3 Melden
    • manhunt 16.05.2017 21:22
      Highlight das hat leider noch gar nicht geendet.
      15 1 Melden
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  • Str ant (Darkling) 16.05.2017 18:55
    Highlight WMD ziehen wohl nicht mehr seit Irak
    34 7 Melden
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  • zombie woof 16.05.2017 18:54
    Highlight Ganz einfach, Trump braucht Krieg um von dem Mist, den er tagtäglich baut, abzulenken.
    34 31 Melden
    • themachine 16.05.2017 19:06
      Highlight Und für was brauchte Obama den Krieg?
      47 18 Melden
    • Hierundjetzt 16.05.2017 19:15
      Highlight Einfach mal behaupten, Zombi, was?

      Das Problem ist nicht, dass die Bilder "Jahre" alt sind. Das Problem ist, dass auch Du weisst, dass es im Bereich des möglichen liegt, dass es eben Tötungseinrichtungen mit industriellem Chrakter von Assad gibt, Du es aber aufgrund Deines engen kalten Weltbildes "Ami = blöd" nicht wahrhaben willst.

      Dieses Thema erinnert mich stark an 1943 als die Schweizer wussten, dass es Gaskammern gab, man es verdrängte und wir Menschen zurück in den Tod schickten. Obwohl der Krieg im 1943 bereits verloren war.

      24 31 Melden
    • MrOrange x 16.05.2017 19:16
      Highlight "Krieg brauchen" wenn ich das schon lese 😞
      20 1 Melden
    • Hoppla! 16.05.2017 19:22
      Highlight Welchen Krieg denn, tjemachine? Den in Irak oder Afghanistan den er begonnen hat? Oder den in Syrien den er nicht begonnen hat und für den er kritisiert wurde? Oder den Nato-Einsatz in Lybien?

      Teile deine Wissen mit uns.
      27 4 Melden
    • Ville_16 16.05.2017 19:25
      Highlight @Hierundjetzt Sie könnten doch glatt bei der CIA arbeiten. "Im Bereich des möglichen..." wenn ich sowas schon lese wirds mir andest. Lassen wir doch mal prophylaktisch einige Raketen los, könnte ja sein dass da was ist.
      18 11 Melden
    • Radiochopf 16.05.2017 20:21
      Highlight Ich bin überrascht das dieser Artikel von Herr Sydow ist.. hat er vielleicht langsam ein schlechtes Gewissen mit seinen hetzerischen Artikel die er sonst so geschrieben hat? Also wenn sogar Sydow zweifelt, dann sind die Beweise definitiv zu schwach...
      11 6 Melden
    • Hierundjetzt 16.05.2017 21:10
      Highlight Ville 16: die Amerikaner haben im Gegensatz zu uns einen richtigen Geheimdienst. Aber eben. Es sind ja nur Araber gäll. Wenn interessiert das schon. Hauptsache mein Fixi funktioniert und am WE gehts ins Hiltl. Voll easy.

      Auch das Assad Giftgas einsetzt und Kinder damit tötet, c'mon mein WG-Kolleg stinkt manchmal ja auch. Voll easy.

      Assad ist voll lieb. Amis voll blöd. Die Welt ist einfach
      4 12 Melden
    • Ville_16 16.05.2017 21:18
      Highlight @Hierundjetzt bitte, die Amis haben schon im Irak
      Bio- und Chemiewaffen geortet welche es nicht gab. Also, woher wissen Sie dass das Giftgas von Assad kam? Auch hier eine reine Vermutung, keine Beweise, nichts!
      8 2 Melden
    • Hierundjetzt 16.05.2017 21:56
      Highlight Selbstverständlich lügt das Rote Kreuz, die UNO und unser Bundesrat der dies verurteilt hat auch.

      Ernsthafte Zwischenfrage, Du erscheinst mir aufgrund Deiner sehr einfachen Wortwahl etwas sehr jung. Evtl. noch ein Schüler? Politisch vollkommen desinteressiert? Liest Du keine Tageszeitungen? Oder hörst Du nie das Echo der Zeit auf SRF?

      Das was Du in Frage stellst sind gesicherte Erkenntnisse... 😌
      6 6 Melden
    • ElendesPack 16.05.2017 23:09
      Highlight Hierundjetzt: Du drehst völlig am Rad. Woher nimmst Du die Gewissheit, dass die Organisationen, die Du erwähnst, die Wahrheit kennen?
      Und: Das mit dem Giftgas ist noch immer höchst umstritten, also tu nicht so, als würdest Du die absolute Wahrheit kennen.
      Und: 1943 haben die Schweizer die Wahrheit über die Gaskammern gekannt? Woher? Nenn mir mal überzeugende Quellen für diese Behauptung. Und wer waren "die Schweizer" eigentlich? Die selben, die heute "die Moslems" sind?
      3 1 Melden
    • Ville_16 17.05.2017 09:01
      Highlight @Hierundjetzt Alle von Ihnen genannten Institutionen und Medien haben ebenfalls nur Vermutungen und Behauptungen aufgestellt. Wer lesen und zuhören kann ist klar im Vorteil. Da ist nichts mit gesicherten Erkenntnissen.
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