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Ein paar wenige Nein-Flaggen an der Istikal-Strasse in Istanbul. bild: watson

So waren die letzten Stunden vor der Abstimmung

Wenige Stunden bevor die Urnen öffnen, macht in Istanbul jeder, was er am besten kann: Erdogan schwingt pathetische Reden, seine Gegner schweigen und die Einwohner tun so, als wäre alles ganz normal.

15.04.17, 22:08 16.04.17, 12:04

sarah serafini, istanbul

Recep Tayyip Erdogans Kopf ist überall. Auf riesigen Flaggen, auf Plakaten, an Hausmauern. Von überall her lächelt er den Leuten zu, die an ihm vorbeischlendern. Istanbul ist in diesen Stunden in rote Farbe gehüllt. Das türkische Wort «Evet» prangt an jeder Ecke. Es fordert das türkische Stimmvolk auf, am Sonntag, dem 16. April ein «Ja» in die Urne zu legen. Ein «Ja» für Erdogans Präsidialsystem, das ihn mit fast uneingeschränkter Macht ausstatten würde.

Auf den letzten paar Metern gibt Erdogan noch einmal richtig Gas. Wenige Stunden vor der Abstimmung tourt er an diesem Samstag durch Istanbul, hält Reden, lässt sich feiern. An verschiedenen Orten gibt es Public Viewings, die seine Auftritte live übertragen. Immer wieder werden Menschen in Bussen hingekarrt, die fahnenschwingend einmarschieren und auf den Plastikstühlen Platz nehmen. Es sind junge Menschen, die sagen, dass sie sich ein starkes Land mit einem starken Führer wünschen. Es sind ältere Männer, die sagen, dass es keine Zukunft für die Türkei gibt ohne Erdogan. Eine Frau bricht in Tränen aus, als sie auf dem Bildschirm den Präsidenten sieht und seinen Worten lauscht.

Unsere Reporterin vor Ort

Video: streamable

Das Nein-Lager hingegen ist kaum wahrnehmbar. Hin und wieder flattern ein paar weisse Hayir-Fähnchen im Wind, die von einer Häuserzeile zur gegenüberliegenden gespannt sind. Auf dem Boden, an Strassenlaternen oder auf Treppengeländern kleben Nein-Stickers. Auftritte von oppositionellen Politikern finden keine statt. Ein Mann erklärt, das habe einerseits damit zu tun, dass das Nein-Komitee nicht über dieselben finanziellen Mitteln verfügt, wie die Befürworter des Referendums. Andererseits komme es auch immer wieder zu willkürlichen Verhaftungen, wenn Leute öffentlich für ein «Nein» am Sonntag werben. Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) kritisierte kürzlich, dass die Türkei hart gegen Kritiker des Referendums vorgehe. Eine faire Abstimmung ist so nicht möglich.

Keine grossen Plakate, dafür viele Kleber: das «Nein»-Lager ist in Istanbul wenig präsent. bild: watson

Und trotzdem sagen die Umfragen einen knappen Ausgang voraus. Noch ist völlig offen, was mit der Türkei am Sonntag geschehen wird.

Die Türkinnen und Türken versuchen indes den Ausnahmezustand ein wenig zu vergessen. Dass nur in wenigen Stunden über die Zukunft des Landes entschieden wird, ist an der Haupteinkaufsstrasse, der Istikal-Street, nicht spürbar. Hier wird gemächlich an Kleiderläden, Marroniverkäufern und Strassenkünstlern vorbei flaniert. Ein Eisverkäufer lockt Kundschaft an und bimmelt mit den Glöckchen an seiner Theke. Ein alter Bettler stützt sich auf einem Stock und streckt den Passanten die hohle Hand entgegen. So als wäre es ein ganz normaler Tag, in der 15 Millionen Metropole.

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  • Signor_Rossi 16.04.2017 11:56
    Highlight Bin gerade auch in Istanbul unterwegs, in Kadeköy(Asiatischer Teil) empfinde ich es genau umgekehrt, da ist die Hayir Fraktion in grosser Überzahl
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  • Bijouxly 16.04.2017 11:44
    Highlight Lustig, wie alle immer sagen, unvorstellbar wie das mit Hitler passieren konnte. Also wenn ich mir so Erdogan und die Türkei anschaue, frage ich mich, ob hier nicht die Alarmglocken schrillen sollten. Vor allem in Anbetracht dessen, dass die ein NATO-Mitglied sind!
    13 3 Melden
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  • Henzo 16.04.2017 11:12
    Highlight Können die leute die im gefängniss sitzen eigentlich auch abstimmen? Ist ja mittlerweile ein beachtlicher anteil der bevölkerung.
    16 2 Melden
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  • JonSerious 16.04.2017 10:23
    Highlight Das Beste an diesem Referendum?
    ...ich kann jetzt zwei Wörter auf Türkisch. 😁

    ...Sonst hält sich das Gute in Grenzen...
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  • Lord_Mort 16.04.2017 10:10
    Highlight Wie das Resultat lauten wird ist wohl keine grosse Überraschung. Viel mehr interessiert mich, ob die über 40'000 Inhaftierten eigentlich auch das Recht haben abstimmen zu gehen?
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  • Lil'Ecko 16.04.2017 10:05
    Highlight Wieso so einen Aufwand betreiben Watson? Das Ja ist sowieso schon vorprogrammiert, daran lässt sich nicht rütteln, ist doch eh alles abgekartet beim Sultan
    10 3 Melden
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  • acove 16.04.2017 09:52
    Highlight Eines muss doch allen klar sein, dass Erdogan nie und nimmer eine Niederlage in dieser Abstimmung hinnehmen wird und wenn sich eine solche abzeichnen sollte, werden die Resultate so hingebogen, dass er als Sieger da steht. Der Wahlbetrug in der Türkei ist nichts neues und Erdogan wird auch diesmal kein Resultat zulassen, dass ihm nicht passt. Der türkische Pinocchio weiß sich zu wehren, auch dann, wenn er sich damit selbst ins Abseits stellt. Scheint ihm aber echt Wurscht zu sein.
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  • N. Y. P. 16.04.2017 08:15
    Highlight 1. Wird die Wahl gefälscht.
    2. Wird er die Todesstrafe einführen.
    3. Wird er laufend Leute, nach einem fairen (wer's glaubt) Verfahren, der Todesstrafe zuführen lassen..
    8 3 Melden
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  • Scaros_2 16.04.2017 07:04
    Highlight Kennt ihr die Stelle aus Star wars in welcher der Senat dem imperator unter beifall sämtliche Macht gewährt?

    Voila - welcome to turkey
    90 9 Melden
    • L4c3 16.04.2017 07:42
      Highlight Von Beifall kann hier keine Rede sein.
      0 4 Melden
    • Caturix 16.04.2017 09:20
      Highlight Ja nur am Schluss war aber auch der Senator tod. Das Böse gewinnt nie.
      1 3 Melden
    • whiteshark 16.04.2017 12:33
      Highlight Traurig aber wahr...
      0 2 Melden
    • Scaros_2 16.04.2017 12:37
      Highlight
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  • Max Havelaar 16.04.2017 06:00
    Highlight Wieso darüber berichten? Es wird ja so oder so ein ja. Im Notfall wird einfach ein bisschen nachgeholfen. Also was solls. Die Türkei vom Westen abschreiben und weiter gehts.
    109 7 Melden
    • Mia_san_mia 16.04.2017 07:04
      Highlight Genau, so ein Land kann man vergessen.
      53 11 Melden
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  • Daylongultra 16.04.2017 02:10
    Highlight Eine demokratisch gefällter Entscheid ist immer nur so gut wie die Mehrheit des Volkes selbst...
    14 29 Melden
    • piewpiew 16.04.2017 09:42
      Highlight Und dann gibt es noch die Mehrheit, welche nicht existiert. Oder eine "Minderheit" welche mundtot geschlagen wird
      5 3 Melden
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  • mia83 15.04.2017 23:58
    Highlight Ein Horror, der sich (fast) vor unserer Haustüre abspielt!
    90 16 Melden
    • philosophund 16.04.2017 10:29
      Highlight Ungarn nicht vergessen...
      4 5 Melden
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  • DonPedro 15.04.2017 23:12
    Highlight Junge Männer sagen, das Land brauche einen starken Führer und alte Männer können sich eine Zukunft der Türkei ohne E. nicht vorstellen!
    Und dann gibt es noch die Frau, die in Tränen ausbricht, wenn sie ihn sieht und sprechen hört!
    Mit einem gewissen Schaudern denke ich, wie das in den 1930 er bis 1945 in Grossdeutschland gewesen sein muss oder heute in Nordkorea ist!
    Zweifelt noch jemand daran, dass der Führer ( Verzeihung- der Sultan- )die Machtmittel erhält, die er will.
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  • 1779prost 15.04.2017 22:24
    Highlight Worüber die Türken abstimmen oder wer US Präsident ist,sollen die jeweiligen Nationen entscheiden.Wir Schweizer mögen es auch nicht wenn sich andere in unsere Volksenscheide einmischen .Ob die Türken mehr Macht für den Staat wollen oder nicht ist Ihre nicht unsere Entscheidung
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    • Maett 15.04.2017 22:30
      Highlight @1779prost: zu Werten und darüber zu diskutieren ist schon OK, betrifft den Rest der Welt ja irgendwie auch.

      Aber vor Ort zu sein (ist das überhaupt eine gute Idee, sich als deutschsprachige Touristin in der Türkei aufzuhalten?) und zu berichten dass "die Einwohner tun so, als wäre alles ganz normal" ist halt typisch westliche Überlegenheitslogik, im Sinne, "nur wir haben Recht".
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    • Maett 15.04.2017 22:36
      Highlight @Maett: "als deutschsprachige JOURNALISTIN" wollte ich schreiben.
      9 27 Melden
    • TheDude10 15.04.2017 22:41
      Highlight Das stimmt nicht ganz. Wenn Erdogans macht erweitert wird hatt dies auch auswirkungen auf uns. Die türkei ist ein Schlüsselland um frieden im nahen Osten zu generieren. Erdogan will sein reich vergrössern und minderheiten vertreiben oder sogar vernichten. Wenn man da sagt, es geht uns nichts an, lebt man geistig eingekapselt.
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    • Juliet Bravo 15.04.2017 23:17
      Highlight Soso, dann sollen wir also bitte schön die Fresse halten, oder wie?
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    • äti 15.04.2017 23:23
      Highlight @1779prost: über Wahlen, in aller Welt, wird doch immer berichtet. Warum denn nicht? Die Türkei ist auch nicht so weit weg und was dort passiert hat auch hier Folgen. Interesse haben und kommentieren ist noch längst keine Einmischung.
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    • Jasjmin 15.04.2017 23:26
      Highlight Musste ob der Aussage schmunzeln die Leute gehen auf der Istiklal Caddesi spazieren als wäre nichts. Das ist eine Touristenmeile. Die Türken, welche ihr alltägliches Leben dort führen sind wie bei uns hauptsächlich morgens und abends zu finden und meiden diese Strasse auch gerne.
      Ein insgesamt etwas magerer Bericht. Wenn man bedenkt, dass die Opposition nach den Gezi-Park-Protesten noch Jahre weiter getragen wurden und auch wöchentliche Grosseinsätze der Polizei/Militär diese nicht beenden konnten, würde ich gerne etwas detaillierter lesen, was genau geschehen ist, dass diese nun schweigen.
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    • wir sind alle menschen 16.04.2017 10:08
      Highlight @jasmin
      wieso der wiederstand/die oposition JETZT beinahe verstummt ist?

      - folgen des putsch-versuch/der -inszenierung?
      - zig zehntausende im knast?
      - verfolgung andersdenkender?
      - angst die eigene familie, verwandte, freunde zu gefährden?

      nur so ein paar möglichkeiten...
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    • AlteSchachtel 16.04.2017 10:19
      Highlight @1779prost: Ja, die Abstimmung betrifft die Türkei.
      Die Auswirkungen im Fall eines Sieges von Erdogan wird aber Europa extrem spüren.

      Viele Türken werden nach einem Sieg von Erdogan vor der Frage stehen:

      Gefangenschaft oder Flucht?




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    • James McNew 16.04.2017 10:21
      Highlight Als interessierte Person wissen Sie sicher von Massenentlassungen/-verhaftungen und Ausnahmezustand.
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