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Türkei schliesst Fruchtbarkeitsklinik – wegen Terrorverdachts

Der türkische Staat hat eine Klinik für Paare mit Kinderwunsch dicht gemacht. Der Leiter soll Gülen-Anhänger sein. 77 Mitarbeiter sind nun arbeitslos – und Tausende Patientenakten mit persönlichen Details verschwunden.

30.07.16, 22:14 31.07.16, 08:58

Hasnain Kazim

Alles nur ein Missverständnis?
Bild: Petros Karadjias/AP/KEYSTONE

Ein Artikel von

Doktor Aret Kamar, Experte für Fertilitätsmedizin, muss hilflos zuschauen, als am Samstagmorgen, 23. Juli, der türkische Staat plötzlich sein Lebenswerk zerstört.

Gut eine Woche nach dem gescheiterten Militärputsch tauchten Mitarbeiter des Gesundheitsamts, der Stadtverwaltung und des Finanzamts in seiner Fruchtbarkeitsklinik in Istanbul auf und erklärten ihm, dass der Betrieb ab sofort eingestellt sei und die Klinik geschlossen werde.

Kamar, Jahrgang 1967, betreibt in Istanbul eine Fruchtbarkeitsklinik, in die Paare aus der ganzen Welt kommen. Es ist ein Haus mit gutem Ruf. Nach dem Umsturzversuch war die Lage angespannt in Istanbul, auch in der Gegend um die Klinik, die nicht allzu weit vom Taksim-Platz entfernt ist.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte den Ausnahmezustand verhängt, aber Kamar, Direktor der Klinik, versuchte, seiner Arbeit so normal wie möglich nachzugehen. Keine Sekunde habe er daran gedacht, selbst ins Visier der Regierung zu geraten.

Make Turkey great again: Erdogan.

Aber dann war von einem Moment auf den nächsten alles aus.

Türkei fing verschlüsselte Nachrichten ab

Die Türkei hat nach Angaben eines Behördenvertreters schon lange vor dem Putschversuch am 15. Juli verschlüsselte Nachrichten von Anhängern des islamischen Predigers Fethullah Gülen abgefangen. Dadurch habe Ankara die Namen von zehntausenden Mitgliedern des Gülen-Netzwerks gehabt, sagte der ranghohe Behördenvertreter, der anonym bleiben wollte, am Samstag. Demnach begann der türkische Geheimdienst MIT bereits im Mai vergangenen Jahres damit, über die Handy-App ByLock versendete Nachrichten zu entschlüsseln. Darüber seien fast 40'000 Namen von Gülen-Anhängern, darunter die von 600 Militärangehörigen, identifiziert worden. Eine «grosse Anzahl» der auf diese Weise Identifizierten sei «direkt» in den Putschversuch verwickelt gewesen, sagte der Behördenvertreter weiter. (sda/afp)

«Man warf mir vor, ein Anhänger der Gülen-Bewegung zu sein», sagt er – jener Organisation, der Erdogan vorwirft, hinter dem Putsch zu stecken. «Ich dachte im ersten Moment, da müsse ein Missverständnis vorliegen. Ich habe mit Gülen doch nichts zu tun», sagt Kamar. «Ich bin armenischer Christ, warum soll ich eine islamische Bewegung unterstützen?»

32'000 Patientenakten beschlagnahmt

Ob er denn ein Kritiker Erdogans sei, will man von ihm wissen. Nein, antwortet er, er sei «von morgens bis abends» in seinem Zentrum. Für Politik habe er gar keine Zeit. Er sei nicht politisch, nicht einmal Mitglied eines Vereins. Und er behandele jeden, der einen Babywunsch habe, egal ob schwarz oder weiss, ob Türke, Armenier oder Kurde, ob Christ oder Muslim, sagt er.

Die Ermittler durchsuchten Kamars Klinik, sie beschlagnahmten insgesamt 32'000 Patientenakten – Dokumente, in denen sich unter anderem Angaben über die Qualität der Eizellen und über die Spermienzahl im Ejakulat befinden, hochgradig private Informationen also.

Die Akten sind seither verschwunden, ebenso Eizellen, Spermien und Embryos, die in der Klinik gelagert waren. Gerüchten zufolge sollen sie an andere medizinische Einrichtungen gebracht worden sein, aber das will keine staatliche Stelle bestätigen. Ebenso gibt es keine Information darüber, ob das Material fachgerecht transportiert wurde.

Kamar klingt verzweifelt, wenn er über die vergangenen Tage spricht. «Ich darf meine Klinik nicht mehr betreiben, was bedeutet, dass meine 77 Mitarbeiter ihre Jobs verlieren.» Und was solle er seinen Patientinnen sagen, die sich ohnehin in emotional angespannten Situationen befänden? Viele seien in hormoneller Behandlung. Jetzt stünden sie allein da, er dürfe und könne sie nicht mehr weiterbehandeln.

«Alles nur ein Missverständnis?»

Ein Verfahren gegen ihn persönlich sei nicht eingeleitet worden, aber auch für die Beschlagnahmungen und die Schliessung habe es keinen rechtsstaatlichen Beschluss gegeben. Das Vorgehen werde mit dem Ausnahmezustand begründet. «Vielleicht ist alles ja doch ein Missverständnis?», hofft er. Einen juristischen Ausweg aus seiner Lage sieht Kamar jedenfalls nicht. Gegen wen solle er klagen? Und welche Aussicht auf Erfolg hätte das?

Anrufe bei der Stadtverwaltung von Istanbul ergeben nichts. Man könne oder dürfe nichts sagen, es herrsche Ausnahmezustand, heisst es.

Kamar will jetzt versuchen, Beziehungen spielen zu lassen. Er will den Gesundheitsminister kontaktieren. Vielleicht kann so doch noch herauskommen, dass alles nur ein Missverständnis ist.

Ein ganz grosses Missverständnis.

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  • rodolofo 31.07.2016 11:19
    Highlight 32'000 Patientenakten von wem?
    Wenn diese sogenannten "Patienten" in dieser Klinik ein- und ausgegangen sind, dann sind das vermutlich alles getarnte Gülen-Anhänger, die sich noch dazu VERMEHREN wollen!
    Wehret den Anfängen!
    Der nächste Schritt nach der Klinik-Schliessung muss sein:
    Alle "Patienten" verhaften und einsperren, Männer und Frauen säuberlich separieren, wie sich das bei einer anständigen Säuberung so gehört. So kann eine Weitervermehrung dieser Gülen-Viren und Volks-Schädlingen ein Riegel geschoben werden!
    (Achtung, Alergiker-Alarm! Dieser Beitrag kann Spuren von Ironie enthalten.)
    4 0 Melden
  • pamayer 30.07.2016 22:50
    Highlight Erdogan sollte den präsidentenpalast wegen akuter terrorgefahr schliessen.


    Das ist schlicht und einfach ein unverschämter Raubzug unter dem Deckmantel des Ausnahmezustandes.
    44 0 Melden
  • Pokus 30.07.2016 22:41
    Highlight Wir haben doch alle nichts zu verbergen. Alle sollten alles über einen wissen.
    Der Mann wird schon was angestellt haben.

    Ne ganz ehrlich, die Türkei ist von meinem inneren Globus verschwunden. Wie können die Leute da mitmachen?!
    46 2 Melden
    • pamayer 30.07.2016 22:52
      Highlight Wie können Leute da mitmachen.

      Mitmachen oder Gefängnis und Enteignung.
      Und wenn du mitmachst, bist du - mal bis auf weiteres - auf der sicheren Seite.
      21 0 Melden
  • Mr.Raw 30.07.2016 22:32
    Highlight Habt ihr auch ein Doppel L bei Gülen gesehen? *peinlich 😳 * http://?
    4 13 Melden
    • axantas 30.07.2016 22:59
      Highlight Claire Zachanassian war dort, zudem fällt es mit dem Schreibfehler durch die Suchfunktion von Erdowahn. Somit ist das akzeptabel.
      6 1 Melden

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