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Ein türkischer Soldat hält Wache vor dem Gerichtsgebäude in Silivri. Hier stehen 23 Armeeoffiziere vor Gericht, die beschuldigt werden, den Putsch im Juli 2016 geplant zu haben.  Bild: Lefteris Pitarakis/AP/KEYSTONE

Gülens Rolle beim Türkei-Putsch: Imam der Armee

Die Gülen-Gemeinde präsentiert sich im Westen als moderat-religiöse Bildungsbewegung. Etliche Indizien sprechen jedoch dafür, dass ihre Kader die treibende Kraft hinter dem Putschversuch gegen Erdogan waren.

15.07.17, 22:50 16.07.17, 10:56

Maximilian Popp, Ankara

Ein Artikel von

Der Luftwaffenstützpunkt Akinci liegt 25 Kilometer von Ankara entfernt auf einem Hügel. Er galt lange Zeit als einer der am besten gesicherten Flughäfen der Türkei. Das Militär hatte hier drei Staffeln F16-Jets stationiert. Bis in die Neunzigerjahre lagerten die US-Amerikaner in Akinci Nuklearwaffen. Zivilisten ist der Zugang zur Militäranlage verboten.

Trotzdem nahmen am frühen Morgen des 16. Juli 2016 türkische Polizisten den Theologen Adil Öksüz in Akinci fest. Er soll in den Stunden zuvor von dem Stützpunkt aus den Putsch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan koordiniert haben.

Soldaten hielten die Bosporusbrücke und den Atatürk-Flughafen in Istanbul besetzt. Sie bombardierten das Parlament und den Präsidentenpalast in Ankara. Erst nach schweren Gefechten gelang es der Regierung, die Kontrolle über das Land zurückzugewinnen. Fast 300 Menschen starben bei dem Aufstand, mehrere Tausend wurden verletzt.

Am Samstag jährt sich der gescheiterte Putschversuch zum ersten Mal. Die Regierung hat dem Land eine mehrtägige Gedenkfeier verordnet. Doch nach wie vor ist umstritten, was genau am 15. Juli 2016 in der Türkei geschehen ist.

Präsident Erdogan beschuldigt den Islamistenprediger Fethullah Gülen, den Aufstand angeführt zu haben. Gülen hingegen behauptet, der Umsturzversuch sei eine Inszenierung von Erdogan, der so seine Herrschaft ausdehnen wolle.

Erdogan will Putsch-Drahtziehern «den Kopf abreissen»

Ein Jahr nach dem gescheiterten Militärputsch hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ein erbarmungsloses Vorgehen gegen die Verantwortlichen angekündigt: «Wir werden diesen Verrätern den Kopf abreissen», sagte Erdogan vor zehntausenden Anhängern in Istanbul.
Der Präsident erneuerte auf der Gedenkveranstaltung am Samstagabend an einer Bosporusbrücke sein Plädoyer für eine Wiedereinführung der Todesstrafe. Sollte das Parlament eine derartige Vorlage verabschieden, werde er sie unterzeichnen, sagte er unter dem Jubel seiner Anhänger. Erdogan äusserte sich in seiner Rede voller Abscheu über die Putschisten. Die inhaftierten Drahtzieher sollten «Uniformen wie in Guantanamo» tragen, schlug er vor. Damit spielte er auf das umstrittene US-Gefangenenlager an, in dem Terrorverdächtige festgehalten wurden und werden.

SDA

Die Regierung hat bislang keinen Beweis für eine Beteiligung Gülens am Putsch erbracht. Doch zahlreiche Indizien deuten darauf hin, dass Gefolgsleute des Predigers tatsächlich die treibende Kraft hinter dem Aufstand waren. Die türkische Staatsanwaltschaft hält den Theologen Adil Öksüz dabei für eine Schlüsselfigur.

Die Soldaten gehorchten dem Imam – nicht den Generälen

Öksüz, 50 Jahre alt, ein gedrungener Mann mit Schnauzer und Halbglatze, hat in seiner Laufbahn als Akademiker an einer Provinzuniversität in Westanatolien ausser seiner Doktorarbeit nichts publiziert. Sein Einfluss ist trotzdem gross. Öksüz gilt als Vertrauter Gülens. Videos zeigen die beiden beim gemeinsamen Gebet und auf Gülens Anwesen in Pennsylvania, USA.

Gülen hat ein Reich aus Schulen, Universitäten und Medienhäusern in mehr als hundert Ländern geschaffen. Seine Anhänger besetzten Schlüsselstellen im türkischen Staat. Gülen hat für jede Institution einen Führer bestimmt, einen sogenannten Imam. Adil Öksüz, das sagen Gülen-Kader, war der «Imam der Armee» und dafür verantwortlich, den Einfluss der Gülen-Bewegung auf die Streitkräfte zu wahren. Etliche Soldaten gehorchten ihm angeblich mehr als dem Generalstab.

Lange Zeit kontrollierten Erdogan und Gülen die Türkei gemeinsam. Spätestens 2013 zerstritten sie sich endgültig über Machtfragen. Erdogan verfolgt die Anhänger des Predigers seither als Terroristen, die Gülen-Gemeinde will den Staatschef loswerden.

Fethullah Gülen. Bild: AP

Am 9. Juli 2016, sechs Tage vor dem Putsch, versammelte Öksüz in einer Villa im Nordwesten Ankaras eine Gruppe Männer: zwei Generäle der türkischen Armee, einen Admiral, Zivilisten.

Die Gruppe ging, so sagten Zeugen später gegenüber der türkischen Staatsanwaltschaft aus, die letzten Details eines Plans durch, den Öksüz ausgearbeitet hatte: Ein Team aus Elitesoldaten sollte den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan festnehmen und auf ein Schiff im Mittelmeer bringen. Armeechef Hulusi Akar sollte überredet werden, den Aufstand anzuführen.

Der Putschversuch scheiterte unter anderem am fehlenden Rückhalt durch das Volk. Auch die Militärführung beteiligte sich nicht an der Revolte. Öksüz wurde nach seiner Festnahme von einem Untersuchungsrichter freigelassen – aus Gründen, die nach wie vor rätselhaft sind. Er befindet sich seither auf der Flucht.

Der Militärputsch in der Türkei im Juli 2016

Die Gülen-Gemeinde stellt sich im Westen als moderat-islamische Bildungsbewegung dar. In Wahrheit ist sie eine Art Mafia, die bei der Verfolgung ihrer Ziele kriminelle Methoden nie gescheut hat. Gülen-Kader haben durch Schmutzkampagnen und Schauprozesse über Jahre hinweg Kritiker aus dem Weg geräumt, Menschen ins Gefängnis gebracht oder in den Selbstmord getrieben.

Erdogan hat die Kader der Gemeinde gefördert und instrumentalisiert. In den sogenannten Ergenekon- und Balyoz-Verfahren, die von Gülen-Richtern gesteuert wurden und zu grundlosen Verhaftung Hunderter säkularer Offiziere, Journalisten, Akademiker führten, ernannte er sich zum «obersten Strafverfolger».

Die Prozesse haben jenes Vakuum im Militär geschaffen, das Gülen-Kader später füllten. Nach den Säuberungen sei die Gülen-Gemeinde als einzige Fraktion im Militär stark genug gewesen, es mit Erdogan aufzunehmen, sagt James Jeffrey, der ehemalige US-Botschafter in Ankara, im Magazin «New Yorker». Jeffrey hat keinen Zweifel daran, dass die Gülen-Gemeinde den Putsch angeführt hat. Andere Gruppen, Kemalisten, Ultranationalisten, hätten sich womöglich angeschlossen.

Mehrere Beschuldigte haben inzwischen bekannt, am 15. Juli im Auftrag Gülens gehandelt zu haben. Militärchef Hulusi Akar sagt, die Aufständischen haben ihm angeboten, ihn mit ihrem Anführer Fethullah Gülen in Kontakt zu bringen.

Präsident Erdogan hat die Ermittlungen gegen mutmassliche Putschisten durch seine Hexenjagd gegen Oppositionelle diskreditiert. Er denunziert inzwischen so gut wie jeden, der ihm widerspricht, als Gülen-Anhänger. Fast 140'000 Staatsbeamte haben ihren Job verloren, etwa 50'000 Menschen wurden verhaftet. Das Verbrechen vom 15. Juli selbst ist dabei mehr und mehr in den Hintergrund getreten.

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  • olmabrotwurschtmitbürli 16.07.2017 01:43
    Highlight Hmmm... Als Leser würde man nun gern wissen, ob es nun wirklich Hinweise gibt, dass die Gülen-Gruppierung hinter diesem Putschversuch steckt.

    Dieser Artikel gibt dazu nach meinem Dafürhalten zuwenig Aufschluss.
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  • demokrit 15.07.2017 23:40
    Highlight Gülen mag wie fast alle religiösen Sektenführer hinter der zugänglichen Fassade kein Chorknabe sein. Allerdings waren auch viele Nicht-Gülenanhänger in den Putsch involviert. Was aber sicher ist: Seine Hismetbewegung hat Erdogan damals den Weg zur Macht überhaupt erst ermöglicht. Zerstritten haben Sie sich, als Hismetanwälte Korruption beim Sohnemann Erdogan zur Anklage bringen wollten. Da schimpft ein Dieb den anderen Dieb. Sperrt Sie am besten in eine Gummizelle, wo sie das unter sich ausmachen können. Die Bevölkerung wird es danken.

    Siehe: http://ow.ly/v92X30dEY9T
    1 1 Melden
    • Saraina 17.07.2017 06:47
      Highlight Die Bevölkerung hat Erdogan gewählt - mehr als einmal.
      2 0 Melden
    • demokrit 17.07.2017 09:54
      Highlight Beim letzten Mal zumindest nicht:
      http://science.orf.at/stories/2852212
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    • Saraina 17.07.2017 12:56
      Highlight Der Bericht bezieht sich auf das Referendum zur Verfassung, nicht auf die Parlamentswahlen. Die Türken haben Erdogan gewählt, und nachdem sie gesehen haben, was mit den Irakern, Lybiern, Syrern und Ägyptern passiert ist nachdem diese "befreit" wurden, reagieren sie auf ausländische Einflussnahme natürlich störrisch. Erdogan würde heute wieder gewählt.
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    • demokrit 17.07.2017 15:29
      Highlight Das Referendum zur Verfassung war sehr stark mit der Person Erdogan verknüpft.

      "Erdogan würde heute wieder gewählt."

      Das kannst du nicht wissen. Die Syrer und Ägypter wurden im übrigen nicht befreit. Du verbreitest Verschwörungstheoretisches. Auch in Lybien lag der Ursprung des Aufstands damals im Inland (Nahrungsmittelpreise).
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    • Saraina 17.07.2017 21:40
      Highlight Die Nahrungsmittelpreise waren eine Ursache der Proteste in Syrien. Den Lybiern ging es materiell gut, Ghadaffi konnte auch noch afrikanische Staaten unterstützen. Und ohne Geld, Waffen und politische Stütze durch den Westen könnte sich Al-Sisi keine zwei Wochen halten. Gar nicht zu reden von der Horrorpropaganda gegen Mursi und dem permanenten Totschweigen der Menschenrechtsverletzungen durch das Regime Sisi.

      Es gibt zur Zeit nur noch zwei Staaten in der Gegend, die nicht die gewünschte Haltung einnehmen: Katar und die Türkei.
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    • demokrit 18.07.2017 10:44
      Highlight In Syrien wäre mir diese Rolle jetzt nicht bekannt. Nahrungsmittelpreise waren aber eine zentrale Ursachen in vielen dieser Aufstände (insbesondere in Lybien), denn Nahrungsmittel machen dort nicht nur unter 10% des Einkommens wie bei uns aus:

      http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-studie-wie-der-klimawandel-zum-arabischen-fruehling-fuehrte-a-887085.html

      Katars Stütze durch die Türkei hat nur mit den katarischen Investitionen in der Türkei zu tun. Die katarischen Alleinherrscher bestehen selbst aus ausgewanderten wahabitische Saudis. Es gibt schon lange keine festen Blöcke mehr.
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    • Saraina 18.07.2017 13:01
      Highlight Es ist dich egal, ob die Katarischen Herrscher Wahabiten sind oder nicht. Fakt ist, sie unterstützen Hamas und die Muslimbrüder, wie übrigens auch Erdogan diesen beiden Gruppen nicht abgeneigt ist. Es geht genau darum, die gesamte Region zu einem, mit Israel verbündeten Block zu schmieden. Dafür muss auch die Demokratie flächendeckend über die Klinge springen und Al-Jazeera Arab ausgeschaltet werden, weil die Bevölkerung der verschiedenen Länder bei dem Deal sonst nicht mitmachen würde.
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    • demokrit 18.07.2017 15:42
      Highlight Im Moment springt die Demokratie (sofern man die dürftigen Ansätze in der Türkei so bezeichnen will) in der Türkei über die Klinge. Alle anderen arabischen Staaten haben mit Ausnahme des Libanon keine Demokratischen Ansätze.

      "Es geht genau darum, die gesamte Region zu einem, mit Israel verbündeten Block zu schmieden."

      Auch das ist Verschwörungstheorie.
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  • Firefly 15.07.2017 23:07
    Highlight Auf der einen Seite haben wir also keine Beweise nur Indizien auf der anderen Seite erfahren wir wöchentlich von willkürlichen Verhaftungen durch ohne Prozess von seiten Erdogans...

    Ein Gemezel zweier Lager auf Kosten des Volkes und des Rechtstaats und der Freiheit.
    32 7 Melden
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  • kEINKOmmEnTAR 15.07.2017 23:01
    Highlight Gerade bei solchen hochkritischen und emtotionalen Artikeln würde ich mir mehr ein Artikel von Watson-Redaktueren wünschen als von einer anderen Zeitung.
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    • Hayek1902 16.07.2017 04:32
      Highlight Und wer von Watson hat mehr Ahnung als ein Korrespondent vor Ort?
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    • kEINKOmmEnTAR 16.07.2017 17:28
      Highlight Wenn man den Kommentaren hier Glauben schenken darf hat wohl auch der Korrespondent nicht viel gescheites zusammengeschrieben.
      Was es braucht ist eine kühle Analyse nach Sichtung und Bewertung der Fakten, Gerüchte, Indizien etc.
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  • Rubby 15.07.2017 23:00
    Highlight Dieser erdowahnsinnige, narzisstische, grössenwahnsinnige und absolut kranke typ...sollte des amtes enthoben werden...leider hat das türkische volk sich diese chance selber verbaut....diesen alten und sehr gefährlichen mann werden die nicht mehr los..!!
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  • Ridcully 15.07.2017 22:54
    Highlight Schöne Geschixhte. Ein paar Fakten dazu wären nicht schlecht.
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    • Namender 16.07.2017 10:45
      Highlight Ich hätte nach dem titel auch mehr hintergrund erwartet. Man erwartet indizien für die verantwortlichkeit des putsches, und erhält eine erklärung, wie die gülen bewegung so agiert, aber nichts über den putsch, ausser dem treffen vor dem putsch.
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