International

Am 22. Juli tragen Angehörige die Särge der Opfer durch Istanbul. Bild: MURAD SEZER/REUTERS

Nach Anschlag in Suruc: Türkische Regierung verbreitet Verschwörungs-Theorien

Die türkische Regierung weigert sich, einen nationalen Trauertag für die Toten des Anschlags von Suruc auszurufen, ein Versagen der Behörden will Ankara auch nicht erkennen. Stattdessen heizt Vize-Premier Arinc Verschwörungstheorien an.

23.07.15, 05:31

Ein Artikel von

Die türkischen Behörden stehen nach dem Anschlag auf ein Treffen sozialistischer Jugendlicher in Suruc in der Kritik. Freunde und Angehörige der 32 Toten werfen der Polizei Versagen vor, weil sie keine Beamten zum Schutz der Veranstaltung unweit der syrischen Grenze abgestellt hatte.

Die türkische Regierung weist die Vorwürfe zurück - und geht zum Gegenangriff über. «Jenen, die fragen, warum dort keine Polizei war, möchte ich eine Gegenfrage stellen», sagte der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc auf einer Pressekonferenz in Ankara. «Es war auch kein einziger Abgeordneter der HDP oder ein Vertreter der Stadtregierung anwesend. Wir werden Antworten auf diese Fragen finden», sagte Arinc.

Der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc. Bild: MURAD SEZER/REUTERS

Die HDP ist die stärkste politische Kraft in Suruc. Die prokurdische Partei, die bei den Parlamentswahl am 7. Juni überraschend stark abgeschnitten hatte, verfügt über enge Kontakte zu den Jugendorganisationen, die das Treffen in der Stadt organisiert hatten. Viele HDP-Vertreter waren einst Mitglieder der Jugendverbände.

HDP-Chef reagiert mit Sarkasmus

Die türkische Führung schürt damit Gerüchte, die zuvor bereits von regierungstreuen Medien verbreitetet wurden. Demnach habe die HDP vorab von dem Attentat gewusst, aber nichts unternommen, um Präsident Recep Tayyip Erdogan und die herrschende AKP schlecht aussehen zu lassen.

HDP-Chef Selahattin Demirtas reagierte sarkastisch auf die Bemerkungen des Vize-Premiers. «Keine Sorge, eines Tages werden wir alle unter den Getöteten sein», twitterte der Politiker, der seine Partei bei der Parlamentswahl zum stärksten Ergebnis ihrer Geschichte geführt und damit eine Fortsetzung der AKP-Alleinregierung verhindert hatte.

Arinc verteidigt Weigerung, Trauertag auszurufen

Am Mittwoch hatten die Behörden bekanntgegeben, dass der Selbstmordattentäter von Suruc ein 20-jähriger Türke gewesen sei, der von der Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) radikalisiert worden sei und erst kurz zuvor in Syrien gewesen sein soll.

Vize-Regierungschef Arinc verteidigte auch die Weigerung seiner Regierung, einen nationalen Trauertag für die Toten von Suruc auszurufen. Die Bedeutung des Trauertages gehe verloren, wenn er «für jeden solchen Vorfall» ausgerufen würde, sagte Arinc lapidar.

In den vergangenen Monaten hatte die Türkei unter anderem für die von Taliban getöteten Schüler in Pakistan, den verstorbenen saudi-arabischen König Abdullah und den verstorbenen Ex-Präsidenten Süleyman Demirel Staatstrauer ausgerufen.

Ausschreitungen in Istanbul

(syd)

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
4Alle Kommentare anzeigen
4
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • zombie1969 23.07.2015 10:52
    Highlight Nachdem man sieht, dass die Errichtung eines Kalifats in islamischen Ländern nicht nur funktioniert, sondern gemäss Meinungsumfragen (Al-Djasera) auch auf höchste Zustimmungswerte in den Bevölkerungen der sunnitisch-islamischen Welt stösst, wendet man sich jetzt auch nichtislamischen Ländern zu (von Bangladesh einmal abgesehen). Besonders in Myanmar zum Beispiel dürfte der Versuch, ein Kalifat zu errichten, für die Muslime ausserordentlich unerfreulich enden. Dort neigt man nicht zu übermässiger Gefühlsduselei im Umgang mit unerwünschten gesellschaftlichen Entwicklungen.
    2 1 Melden
    • zombie1969 23.07.2015 17:49
      Highlight 2)
      Spannend ist aber eine ganz andere Frage. Wenn man sich jetzt schon versuchsweise nichtislamischen Ländern zuwendet: Wann ist Europa fällig? Besonders lang dürfte es nicht mehr dauern.
      1 0 Melden
  • Linus Luchs 23.07.2015 09:26
    Highlight Die Reaktion des türkischen Regimes auf den Terroranschlag erinnert an Wladimir Putins Verhalten nach dem Abschuss der MH17 über der Ukraine. Erdogan hat seinem Vorbild im Kreml gut zugeschaut.
    3 1 Melden
  • Tropfnase 23.07.2015 07:46
    Highlight Ein Türkischer Einmarsch auf Syrisches/Kurdisches Gebiet muss in der Bevölkerung breit abgestützt werden und Aussenpolitisch einigermassen legitim erscheinen. Bald gehts los.
    1 1 Melden

Die vergessenen Jahre des Terrors: In den 70ern und 80ern zogen Terroristen eine Blutspur durch Europa

Weltweit gab es seit 1970 über 156'000 Terroranschläge. In der Schweiz ist seit 20 Jahren niemand mehr einem Attentat zum Opfer gefallen. Doch in den 70er- bis 90er-Jahren ermordeten Terrorgruppen teils Hunderte Menschen jährlich in Westeuropa. Eine Übersicht von 1970 bis Manchester 2017.

Zusammenfassung: In den 70er- bis 90er-Jahren töteten meist europäische Terrorzellen jährlich 100 bis 400 Menschen in Europa. Seit der Jahrtausendwende nehmen die Attentate in Westeuropa und in der Schweiz stark ab. Von 2001 bis 2015 entfielen nur 0,3 Prozent der Terroropfer auf Westeuropa. Hauptsächlich aufgrund der Attentate in Paris und Nizza stieg die Opferzahl zuletzt wieder auf rund 150 Menschen pro Jahr, sprich auf das Niveau der 80er-Jahre. Weltweit nimmt der Terrorismus seit 2005 zu …

Artikel lesen