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Auch der Herausgeber von «Cumhuriyet» in der Türkei festgenommen

Publiziert: 11.11.16, 10:48 Aktualisiert: 11.11.16, 12:36

Der Herausgeber der türkischen Oppositionszeitung «Cumhuriyet» ist am Freitag in Istanbul festgenommen worden. Akin Atalay sei am Atatürk-Flughafen festgenommen worden, als er dort aus Deutschland eintraf, berichteten sowohl «Cumhuriyet» als auch die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.

Als Atalay das Flugzeug verlassen habe, sei er festgenommen worden, berichtete «Cumhuriyet» auf ihrer Website und Anadolu übereinstimmend. Polizisten hätten ihn in einem Fahrzeug mitgenommen, das bereits auf dem Flugplatz bereitstand.

Die türkische Staatsführung geht seit dem gescheiterten Putsch Mitte Juli massiv gegen oppositionelle Medien vor. Vergangene Woche liess sie neun Mitarbeiter der Zeitung wegen «terroristischer Aktivitäten» inhaftieren, darunter Chefredaktor Murat Sabuncu. Bei der Festnahmewelle gegen «Cumhuriyet» am 31. Oktober berichtete Anadolu, dass nach Atalay gefahndet werde.

Die türkische Staatsanwaltschaft wirft «Cumhuriyet» vor, in ihrer Berichterstattung den gescheiterten Militärputsch Mitte Juli «legitimiert» und Straftaten zugunsten der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen begangen zu haben. Gülen wird von der türkischen Regierung für den Putschversuch verantwortlich gemacht.

Früherer Chefredaktor im Exil

Der frühere «Cumhuriyet»-Chefredaktor Can Dündar wurde im Mai nach der Veröffentlichung eines Artikels über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien unter dem Vorwurf des Geheimnisverrats zu fünf Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt.

Im Februar wurde er bis zum Berufungsverfahren auf freien Fuss gesetzt. Im Juli verliess Dündar die Türkei und lebt seither in Deutschland.

Laut der Türkischen Journalistenvereinigung (TGC) wurden seit dem Putschversuch vom 15. Juli 170 türkische Medien geschlossen, 105 Journalisten festgenommen und 777 Presseausweise für ungültig erklärt. Auf einer Liste der Organisation Reporter ohne Grenzen belegt die Türkei bei der Pressefreiheit für das Jahr 2016 den 151. Platz von 180 Ländern.

Zehntausende Festnahmen

Seit dem gescheiterten Putsch haben die türkischen Behörden Repressionsmassnahmen gegen weite Teile der Gesellschaft ergriffen, darunter die Medien, das Bildungswesen, die Streitkräfte und die Justiz. Rund 35'000 Menschen wurden festgenommen, zehntausende weitere wurden aus dem Staatsdienst entlassen.

Seit Dienstag müssen sich der türkische Vertreter von Reporter ohne Grenzen, Erol Önderoglu, und zwei weitere Aktivisten wegen «terroristischer Propaganda» vor einem Gericht in Istanbul verantworten. Zusammen mit Önderoglu sind die Vorsitzende der türkischen Menschenrechtsstiftung (TIHV), Sebnem Korur Fincanci, sowie der Schriftsteller und Journalist Ahmet Nesin angeklagt.

Die Staatsanwaltschaft forderte 14 Jahre Haft für die drei Angeklagten. Ihnen wird zur Last gelegt, sich an einer Aktion für die prokurdische Zeitung «Özgür Gündem» beteiligt zu haben. (sda/afp/dpa)

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  • saukaibli 11.11.2016 13:31
    Highlight Was ich beim besten Willen nicht begreifen kann, ist, dass sogar Türken die in der Schweiz oder Deutschland leben und Zugang zu unabhängigen Informationen haben, diesen faschistischen Sultan unterstützen können. Ich mein' echt, wie verblendet kann man eigentlich sein? Das schockiert mich noch mehr als alles was der kleine Diktator da unten abzieht. Dass da niemand eingreift ist traurig und peinlich für die Demokratien, lässt sich aber politisch erklären. Aber dass man diesen Typen noch unterstützen kann, das lässt sich für mich nicht erklären.
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    • greenhorn69 14.11.2016 15:50
      Highlight Es gibt ja auch Leute, die die SVP unterstützen...
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  • R&B 11.11.2016 12:45
    Highlight Wie schrecklich: Wutbürger in Europa ermöglichen es Erdogan eine Diktatur in der Türkei aufzubauen. Würde die EU Sanktionen gegen die Türkei verhängen, würde die Türkei das Flüchtlingsabkommen mit der EU kündigen. Die Flüchtlingswelle in die EU würde wieder losgehen und die faschistischen Parteien hätten weiteren Zulauf, welche die Demokratien in der EU stark auf die Probe stellen würden.
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  • demokrit 11.11.2016 11:32
    Highlight Bald wird es gewalttätig, während die EU, Deutschl. und die Nato weiter untätig bleiben:

    "Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan will die Außengrenzen seines Landes ausdehnen. „Wir können nicht auf 780.000 Quadratkilometern eingesperrt werden“, sagte der Staatschef bei einem Festakt zum 78. Todestag von Republiksgründer Mustafa Kemal Atatürk gestern im Atatürk-Mausoleum in Istanbul."

    http://news.orf.at//stories/2366180/

    Das deckt sich mit den massiven Panzerverschiebungen an die Grenzen zum Irak (Silopi und Sirnak):

    https://twitter.com/metesohtaoglu/status/796863350672162816

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    • TanookiStormtrooper 11.11.2016 12:11
      Highlight Die Nato ist auf die Türkei angewiesen, immerhin stellt die Türkei nach den USA die meisten Truppen und mehr als doppelt soviel wie z.B. Deutschland.
      Dazu kommen die Militärbasen, die im Kampf gegen den IS momentan wichtig sind. Erdogan weiss das sehr genau und nutzt die Zeit um sich in der Türkei sein Kalifat zu errichten.
      Deswegen und wegen des Flüchtlingsdeals schaut ganz Europa dem treiben zu und traut sich nichtmal zu sagen, dass sich die Türkei den EU Beitritt für sehr lange Zeit abschminken kann.
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    • demokrit 11.11.2016 12:35
      Highlight Die Amerikaner haben heute bereits mehrere Basen in Syrien und im Irak und Zypern gibt es auch noch. Es ist nicht so, als ob man auf die Basen angewiesen wäre. Es geht eher um die geologische Lage.

      Der Flüchtlingsdeal (für dessen Nutzen es keinerlei Beleg gibt) und ein Zusammengehen mit Russland sind genau besehen zwei grosse Bluffs des Diktators Erdogan. Weit über 60% der Exporte der Türkei gehen in die EU. Diese könnte ihn jederzeit eiskalt abservieren.
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    • TanookiStormtrooper 11.11.2016 14:07
      Highlight Einfach mal so alle Truppen verschieben ist nicht so leicht, jetzt wo der IS sowieso nicht mehr lange durchhält würde es vermutlich auch nicht viel Sinn machen und sie würden etwas Zeit gewinnen.
      Warum die EU vor dem Sultan kuscht ist mir auch nicht klar, und das schon seit langer Zeit.
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    • demokrit 11.11.2016 15:24
      Highlight Man darf nicht vergessen, dass Deutschland in Incirlik massiv Gelder investiert, während von der Leyen gleichzeitig von der NATO-Wertegemeinschaft schwadroniert um Trump an seine Pflichten zu erinnern (http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-11/nato-ursula-von-der-leyen-wertegemeinschaft-kein-geschaeft-buendnistreue). Das ist eine riesige Sauerei. Gegen den IS gehen die Türken sowieso bloss halbherzig vor, wenn dort Sunniten wohnen. Und vorher hat man familiär Handel mit der Organisation getrieben. Die nächsten Wochen dürften mit Al-Bab in Syrien und Mossul im Irak sehr interessant werden.
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