International

Orlando und die ganze USA trauern am Sonntagabend um die Opfer des Attentats. Bild: AP/FR170905 AP

Disco-Massaker in Orlando: «Eine Tragödie für die gesamte Nation»

Ein Mann stürmt mit einer automatischen Waffe in einen Nachtklub und tötet 50 Menschen. Wieder einmal stehen die USA unter Schock. Doch das Massaker von Orlando war offenbar mehr als ein Amoklauf.

13.06.16, 04:44 13.06.16, 11:33

Marc Pitzke, Veit Medick, Orlando

Ein Artikel von

Vor dem Pulse ist an normalen Wochenenden viel los. Der Nachtklub liegt an einer grossen Verkehrsstrasse in der Innenstadt von Orlando. Viele Gäste, die hier bis in den Morgen hinein tanzen, gehen anschliessend zum Frühstück gerne ins Dunkin' Donuts oder ins Wendy's nebenan: Donuts und Burger.

An diesem Sonntag jedoch ist die ganze Gegend weiträumig abgesperrt. Streifenwagen blockieren die Zufahrt zum Pulse. Polizisten sichern das Gelände. Roboter werden herangefahren, wohl um Sprengsätze zu sichern.

Das Massaker von Orlando
quelle: reuters

Ein Beamter sitzt auf dem Bürgersteig und legt schweigend das Gesicht in die Hände. Er steht unter Schock. Das ganze Land steht unter Schock.

Die Bilanz der Nacht offenbart sich erst am Vormittag. Ein Schütze hat die beliebte Disco gestürmt und ein Massaker angerichtet. Als Orlandos Bürgermeister Buddy Dyer übernächtigt vor die TV-Kameras tritt, glaubt man sich erst verhört zu haben: 50 Todesopfer, 53 Verletzte. «Eine Tragödie für die gesamte Nation», sagt Orlandos Polizeichef John Mina.

Es ist der verheerendste Angriff eines einzelnen Schützen in der Geschichte der USA.

Orlandos Polizeichef John Mina während der gestrigen Pressekonferenz.
Bild: AP/Orlando Sentinel

«Dies sieht aus wie radikaler Islam»

Schlimmer noch. Je mehr über dieses Blutbad bekannt wird, desto klarer wird: Dies war womöglich viel mehr als der Amoklauf eines Waffennarren.

Erste Erkenntnisse über den mutmasslichen Täter sickern erstaunlich schnell durch – vor allem über seine mögliche Verbindung zu radikalem Islam. «Wir haben Hinweise, dass das Individuum Neigungen zu dieser spezifischen Ideologie haben könnte», sagt FBI-Bezirkschef Ronald Hopper.

«IS»-Nachrichtenagentur bekennt sich

Stunden nach dem Massaker verdichteten sich Hinweise darauf, dass der Täter von der Terrormiliz «Islamischer Staat» («IS») inspiriert war. Nach Angaben der US-Bundespolizei FBI bekannte er sich in einem Anruf bei der Polizei kurz vor der Bluttat zu der Terrorgruppe.

Wie bekannt wurde, arbeitete Mateen für eine Sicherheitsfirma in Florida und erwarb seine Waffen kurz vor der Tat legal. Das FBI habe ihn zwei Mal – 2013 und 2014 – wegen möglicher Verbindungen zum «IS» auf dem Radar gehabt, sagte ein FBI-Vertreter vor Journalisten. Der Mann habe aber nicht unter Beobachtung gestanden.

Eine «IS»-nahe Nachrichtenagentur behauptete am Sonntag, der Todesschütze sei «IS»-Mitglied. Die Behörden betonten indes, sie schlössen kein Motiv aus: Die Ermittlungen gingen in alle Richtungen. Es stehe auch im Raum, dass sich der Angriff gegen Homosexuelle gerichtet haben könnte.

Der Vater des mutmasslichen Täters sagte dem Sender MSNBC, er glaube nicht an ein religiöses Motiv. Stattdessen deutete er an, dass sein Sohn starke Antipathien gegen Schwule gehegt habe. Nach Medienberichten wurde Mateen in New York geboren, lebte in Port St.Lucie in Florida und fuhr mit einem Mietauto ins rund 170 Kilometer entfernte Orlando. (sda)

Der Kongressabgeordnete Adam Schiff – ein Demokrat, der im Geheimdienstausschuss sitzt und normalerweise nicht zu politischer Panikmache neigt – sagt auf CNN später, er habe gehört, der mutmassliche Täter habe der Terrormiliz «Islamischer Staat» («IS») einen Treueschwur geleistet. «Dies sieht aus wie radikaler Islam», sagt auch sein republikanischer Kongresskollege Devin Nunes, der gut informierte Vorsitzende des Geheimdienstausschusses.

Fünf Stunden nach dem Blutbad identifizieren die US-Medien den Schützen als Omar Saddiqui M., 29, aus dem 170 Kilometer entfernten Port St.Lucie. FBI-Bezirkschef Hopper bestätigt, dass der mutmassliche Täter identifiziert sei, ohne jedoch zunächst seinen Namen zu nennen. Die Washington Post und die «New York Times» melden, M. sei US-Staatsbürger gewesen, seine Eltern stammten aus Afghanistan. Ein Angehöriger sagt der «Washington Post», die Familie stehe unter Schock und es tue ihnen sehr leid, was passiert sei.

Warum der Täter – im Juni, dem «Gay Pride Month» – einen Nachtklub für Schwule und Lesben wählte, bleibt unklar. Das Pulse ist ein populärer Treffpunkt für Homosexuelle, vor allem Latinos. Die Samstagsparty heisst «Upscale Latin Saturday» – drei DJs, eine Drag-Show. «Zeit, zu feiern», lockt die Facebook-Seite des Klubs noch Stunden vor dem Massaker.

Der nächste Facebook-Post folgt um 2.09 Uhr in der Nacht zum Sonntag und klingt plötzlich ganz, ganz anders – ängstlich, chaotisch, panisch: «Everyone get out of pulse and keep running.» «Alle raus aus Pulse und weiterrennen.»

Augenzeugen schildern dramatische Szenen

Drinnen tobt bereits das Inferno. Sieben Minuten vor dem letzten Facebook-Eintrag, so die ersten Erkenntnisse der Behörden, stürmt der Täter den Club. Er trägt ein AR-15-Sturmgewehr, eine Handfeuerwaffe und etwas, was die Polizei später als «möglichen Sprengkörper» beschreibt. «Es scheint, als sei er organisiert und gut vorbereitet gewesen», sagt Polizeichef Mina.

«Zuerst dachte ich, die Schüsse wären Teil der Musik.»

Obwohl es nur noch knapp eine halbe Stunde bis zur Schliessung des Lokals ist, halten sich zu der Zeit noch mehr als 300 Gäste auf der Tanzfläche, an den Bars und in den Sitzecken auf. Die Musik, berichten Zeugen, sei so laut gewesen, dass man die Schüsse erst gar nicht bemerkt habe.

«Zuerst dachte ich, die Schüsse wären Teil der Musik», sagt Club-Besucher Kenneth Melendez der Lokalzeitung «Orlando Sentinel». «Ich fing an zu rennen und sah einen, der am Arm blutete, und dachte, wow, das passiert wirklich.» Vier seiner Freunde seien verletzt worden. Das Pulse sei immer eine so sichere Umgebung gewesen, «in der man sich ausleben konnte».

«Ich habe mich fallengelassen und bin rausgekrochen», sagt der Disco-Gast Christopher Hansen. «Die Leute versuchten durch die Rückseite des Klubs zu fliehen.» Er habe jemanden auf dem Boden geholfen: «Ich war nicht sicher, ob er tot war oder noch lebte.» Er habe sein Kopftuch verknotet und es in die offene Schusswunde im Rücken des Mannes gesteckt, um das Blut zu stillen.

«Alle fielen zu Boden», sagt auch Rosie Feba, die ihre Freundin zum ersten Mal mit ins «Pulse» genommen hatte. «Ich sagte ihr, dass das nicht echt sei, ich hielt es für Musik, bis ich dann sah, wie aus seinem Gewehr Feuer kam.»

Vier Stunden dauert das Massaker

«Die Leute schrien und rannten und suchten ihre Freunde», schreibt der Augenzeuge Anthony Torres auf seiner Facebook-Seite. «Es war surreal.»

Hansen und andere berichten von 40 bis 50 Schüssen. Ein Zivilbeamter, der für den Klub arbeitete, habe sich mit dem Schützen ein Feuergefecht geliefert und ihn nach draussen gejagt. Nach einem erneuten Schusswechsel mit weiteren Polizisten sei der Täter wieder in den Klub gerannt und habe Dutzende Geiseln genommen. Schliesslich sei ein SWAT-Einsatzkommando angerückt.

Doch erst um fünf Uhr morgens startet das Kommando einen Rettungsversuch. Neun Cops stürmen den Klub mit einem Panzerfahrzeug und detonieren zwei Sprengsätze. Rund 30 Geiseln seien gerettet worden, sagt Polizeichef Mina. Viele hätten sich in Ecken des riesigen Klubs und in einer Toilette versteckt.

Auf der Facebook-Seite von Pulse laufen zahllose Kondolenzbekundungen ein. «Bitte betet für alle, während wir mit diesem tragischen Vorfall fertigwerden», schreibt der Klub. «Danke für eure Gedanken und eure Liebe.»

Massaker in Orlando

Nach Orlando-Attentat: Schwuler CNN-Moderator grillt Floridas Staatsanwältin live im TV 

Szene mit Orlando-Attentäter in einem Dokumentarfilm aufgetaucht

Trump nutzt die Gunst der Stunde und wettert einmal mehr über Muslime: «Sie versklaven Frauen und ermorden Schwule»

Trump und Orlando: Charlie Hebdo mit der Feder einmal mehr, wo es richtig weh tut

Perfekte Frage nach Orlando: Was wenn eine Waffe ebenso schwer zu bekommen wäre wie eine Abtreibung? 

8 Staaten kondolieren Orlando-Opfern – und verfolgen die Schwulen im eigenen Land

Disco-Massaker in Orlando: «Eine Tragödie für die gesamte Nation»

Letzte Nachricht eines Opfers von Orlando an seine Mutter: «Er kommt. Ich werde sterben»

US-Zerstörer kollidiert mit Tankschiff

Gepanzertes Fahrzeug als Rammbock benutzt: So lief die Geiselrettung in Orlando

Alle Artikel anzeigen

Die schlimmsten Massaker in der US-Geschichte

Hol dir die App!

Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
6Alle Kommentare anzeigen
6
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • alessawardo 13.06.2016 07:49
    Highlight Dass genau in diesem Monat so eine Tat passiert, macht es nicht viel besser...
    Am Smastag freute ich mich noch, nun bin ich in trauriger Verfassung. :(
    11 3 Melden
    600
  • Mathias Wenger 13.06.2016 07:10
    Highlight Warum soll man für die Opfer und Angehörigen "Beten". Es ist doch genau diese Religion, die Menschen zu solchen Taten führt! Früher wars das Christentum, heute vielleicht mehr der Islam.. Beides ist Gehirnwäsche und jeder halbwegs normal denkende müsste das auch erkennen. Zu den USA kann ich auch nicht mehr sagen als "Selber schuld"! Wer Waffen und Krieg säht wird Terror und Tod ernten!
    43 27 Melden
    • Fabio74 13.06.2016 07:53
      Highlight Nur sind die Opfer nicht jene die an der Macht sind, sondern normale Menschen, die Samstag Nacht feiern wollten.
      In diesem Sinne idt Selber Schuld deplatziert.
      33 5 Melden
    • Captain obvious 13.06.2016 08:47
      Highlight So wie ich das sehe tötet nicht die USA Zivilisten weil sie an irgendein dämliches Buch glauben (Koran), das Menschenverachtende Lehre verbreitet...Abgesehen davon sind ganz sicher nicht die Leute in diesem Club schuld. Selber Schuld ist in dem Fall absolut deplatziert.
      15 5 Melden
    • Gelöschter Benutzer 13.06.2016 15:35
      Highlight @Alcapone: Was sind denn die US-Drohnenmorde anderes als Leute wegen eines Glaubens umzulassen.
      Was Bush Junior damals rausgelassen hat anlässlich des Irakkriegs, war auch auf dem Level eines "Gotteskriegers"...
      1 1 Melden
    • Beobachter24 18.06.2016 14:16
      Highlight Ja, lasst uns beten ...
      https://vimeo.com/170905810
      0 0 Melden
    600

Feuerwaffen in der Schweiz und in den USA: Ein Vergleich in drei Grafiken

Beinahe täglich hört man von Schusswaffen-Verbrechen aus den USA, zuletzt vom Massenmord in einem Club in Orlando. In der Schweiz sind solche Verbrechen wie die Tötung in Fislisbach eher selten. Was unterscheidet die beiden Staaten, was verbindet sie? 

Verbrechen oder gar Tötungen, die mit Schusswaffen begangen werden wie in Fislisbach, sind in der Schweiz eine Seltenheit. In den USA hingegen scheinen grössere Vorfälle im Zusammenhang mit Waffen, besonders mit Sturmgewehren, fast an der Tagesordnung zu sein. Klar, die USA haben auch 40 mal mehr Einwohner, doch ist das der einzige Grund? Ein Vergleich in drei Grafiken:

Die grössere Anzahl privater Feuerwaffen in den USA ist auf die Grösse des Landes zurückzuführen. Die USA zählt 319 …

Artikel lesen