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US-Polizisten bestätigen die Festnahme von Ahmad Khan Rahami. Bild: Bebeto Matthews/AP/KEYSTONE

Terrorangst in den USA – weshalb Clinton etwas überraschend profitieren könnte

Erst Schüsse, dann der Zugriff: Nach den Bombenexplosionen in New Jersey und New York hat die Polizei einen Verdächtigen festgenommen. Im Wahlkampf heisst es nun: Wer schützt die USA besser, wer greift härter durch – Clinton oder Trump?

Publiziert: 20.09.16, 03:19 Aktualisiert: 20.09.16, 06:48

Veit Medick und Patricia Dreyer / spiegel online

Ein Artikel von

Der Mann liegt auf einer Trage, festgeschnallt, er hat eine Wunde am rechten Arm, sein T-Shirt ist blutig und zerfetzt. Er ist bei Bewusstsein, neigt den Kopf zur Seite. Dann schieben Sanitäter die Trage in den Krankenwagen, die Türen schliessen sich.

Diese Bilder von einem Verdächtigen, der nach einem Schusswechsel mit der Polizei in der Stadt Linden in New Jersey dingfest gemacht wurde, laufen in Dauerschleife im US-Fernsehen.

Der Tenor der Berichterstattung ist eindeutig: Mit grosser Effizienz haben die US-Sicherheitsbehörden auf die Bombenexplosionen reagiert, die offenbar möglichst viele Menschen töten sollten. Anderthalb Tage, nachdem zunächst ein Sportfest in New Jersey und dann ein Ausgehviertel in New York von den Detonationen erschüttert wurden, ist der Verdächtige Ahmad Khan Rahami in Polizeigewahrsam.

Ahmad Khan Rahami wird in den Krankenwagen geschoben. Bild: AP/The Boston Herald

Nach bislang ungesicherten Informationen sollen Fingerabdrücke auf dem Bombenmaterial zu dem Mann geführt haben: Rahami ist 28 Jahre alt, seine aus Afghanistan stammende Familie betreibt in der Stadt Elizabeth in der Nähe von Linden offenbar ein Schnellrestaurant.

Die Hintergründe der Anschläge, bei denen 29 Menschen verletzt wurden, sind noch unklar. In New Jersey hatte es am Montag weitere Bombenfunde gegeben.

Erfolg für die Polizei: Der mutmassliche Bombenleger von New Jersey kann festgenommen werden. Video: watson.ch

Bislang ist noch nichts bekannt über eine etwaige politische Motivation. Und handelt es sich um einen Einzeltäter oder existiert eine Zelle, die gemeinsam plante und agierte? New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio sagte, es sei von einem «Terrorakt» auszugehen, schwieg sich über konkrete Anhaltspunkte aber aus.

Es dauerte jedoch nicht lang, bis die Anschläge den US-Wahlkampf erreicht hatten. Beide Kandidaten, Hillary Clinton und Donald Trump, äusserten sich zum Geschehen: «Ich wusste, dass sowas passieren würde», sagte der republikanische Kandidat Trump am Montagmorgen dem Nachrichtensender Fox. Die USA liessen «Tausende dieser Leute» ins Land. Er verurteilte den Kurs der Regierung Obama gegen Extremisten im In- und Ausland als zu weich.

Die Demokratin Clinton betonte, es sei erst an der Zeit, sich ausführlicher zu äussern, wenn die Hintergründe der Tat klar seien. Nur so viel: Sie wisse, wie man Terroristen besiege, sie sei schliesslich bei der Krisensitzung im Weissen Haus dabei gewesen, als der Zugriff auf Osama bin Laden erfolgte.

Das Rennen zwischen Clinton und Trump ist unerbittlich: Jeder Vorfall, jede Krise wird zum Charaktertest. Wer zeigt Schwäche, wer zeigt Stärke? Wer hat das Format, ist die geeignete Persönlichkeit, um die USA in unsicheren Zeiten erfolgreich zu führen?

Die Erfahrung der jüngsten Anschläge und nationalen Tragödien wie jenen in San Bernardino und Orlando zeigt, dass Trump nicht zwangsläufig von der Diskussion profitiert.

Natürlich kann sich der Milliardär einer von der Terrorgefahr aufgeschreckten amerikanischen Gesellschaft erneut als starker Mann präsentieren. Ausserdem hofft er, die Angst der Amerikaner zusätzlich schüren zu können, indem er das Thema Terrorismus mit der Einwanderungspolitik verknüpft. Eine Mehrheit der Wähler, das zeigen Umfragen, ist unzufrieden mit dem Stand der nationalen Sicherheit. Trump hat vor, das zu seinen Gunsten zu nutzen.

Drei Faktoren sind aber zu beachten:

Erstens ist Terrorismus ein Thema, bei dem sich auch Clinton profilieren kann. Sie kann auf ihre Erfahrung verweisen und ihre Rolle bei der Operation gegen Osama bin Laden 2011.

Zweitens lenkt die Diskussion von mehreren für Clinton weitaus unvorteilhafteren Debatten ab – darunter die E-Mail-Affäre, ihr Schwächeanfall und Fehlentscheidungen in ihrer Aussenpolitik. Clinton wird viel vorgeworfen im Wahlkampf, sicherheitspolitische Schwäche gehört jedoch eher nicht dazu.

Drittens hat Donald Trump bislang nie entscheidend von der terroristischen Gefahr profitiert. Das dürfte an eklatanten Fehlern liegen, die er in dieser Hinsicht zuletzt machte, so zum Beispiel seine Reaktion nach der Massenschiesserei in Orlando, als er soziale Netzwerke und Fernsehstationen mit Deutungen und Interviews geradezu überflutete. Nur Minuten nach der Tragödie unternahm er damals den Versuch, den Fall politisch auszuschlachten.

Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt gestern Montag in Florida. Bild: Evan Vucci/AP/KEYSTONE

In Umfragen stürzte er damals regelrecht ab. Angesichts dieser Erfahrung ist es vergleichsweise überraschend, dass Trump sich nun abermals so vehement und hektisch in die Diskussion einschaltet.

Am Montagabend hatte Trump einen Wahlkampfauftritt in Florida, einem der besonders umkämpften Swing States. Der festgenommene Tatverdächtige Rahimi sei ein «übler Halunke» – doch statt in solchen Fällen hart durchzugreifen, werde in den USA dafür gesorgt, dass er in einem Krankenhaus «von den besten Ärzten der Welt» behandelt werde, wahrscheinlich habe er noch Zimmerservice. Dann bekomme er einen grossartigen Anwalt gestellt, und bestraft werde er am Ende «auch nicht so wie früher». Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, sollen einige Zuhörer im Publikum «Hängt ihn auf» gerufen haben.

Gute Frage ...

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  • ei8ht 20.09.2016 08:22
    Highlight Allrn Opfern und deren Angehörigen möchte ich mein tiefstes Mitgefühl mitteilen. Aber eine Frage geht mir, auch wegen der NDG Abstimmubg nicht aus dem Kopf: Haben nicht die USA mit NSA, CIA und einer weltumfassenden Abh9ranlage die gr9sste Vorratsdatenspeicherung der Welt?
    Falls ich richtig liege, warum wurde dieser Ansvhlag nicht durch diese verhindert? Genau dies wird uns doch immer gepredigt.
    16 2 Melden
    • Ben88 20.09.2016 10:56
      Highlight Nur weil die das predigen heisst es noch lange nicht das es auch so ist.
      Die NSA ist nicht dazu da Terror zu verhindern. Das ist bestenfalls mal ein Nebeneffekt.
      3 1 Melden
    • ei8ht 20.09.2016 12:11
      Highlight Dann erklär mir doch bitte, wozu die ganze Datensammelei dann sonst sein soll, ausser einer (illegalen) Pauschalüberwachung (egal ob Vorratsdatenspeicherung oder NDG). Illegal, da Sie mein Recht auf Privatsphäre, welches in der Bundesverfassung verankert ist, aushebelt

      Und sorry für die Rechtschreibfehler. Meine Handytastatur hat auf englisch geswitcht -.-
      3 0 Melden
    • Ben88 20.09.2016 12:26
      Highlight ei8ht: Ich beziehe mich nun auf die NSA, schliesslich gehts in diesem Bericht nicht um die Schweiz.

      Spionage. Um sich im globalen Kampf um Macht, Geld und Ressourcen einen Wissensvorsprung zu verschaffen.
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  • Radiochopf 20.09.2016 08:10
    Highlight Das war das erste was ich bei diesen News gedacht habe am Wochenende. Wer profitiert von diesen Anschläge am meisten? Welche Themen verschwinden plötzlich aus den Medien? Es ist ja immer die gerade regierende Partei, die von solchen News profitieren. Zufälligerweise gibt es ja meistens Kriege/Angriffe/Terrorattacken vor wichtigen Wahlen..
    8 4 Melden
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  • Blubbzz 20.09.2016 06:10
    Highlight Klar leben wir in einer globalisierten Welt.
    Natürlich wird die Wahl in den USA einen Einfluss auf uns haben...
    Doch bevor wir uns auf Trump als Unheilsbringer stürzen, sollten wir zunächst das Unkraut im eigenen Garten tilgen. Erst dann ist es möglich, gegen Unkraut im Nachbargarten vorzugehen.
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    • trio 20.09.2016 10:42
      Highlight Unkräuter sind Beikräuter, so sollte man sie auch behandeln. Nicht zu wichtig nehmen, und wo sie stören einfach ausreissen.
      5 1 Melden
    • MadScientist42 20.09.2016 17:37
      Highlight @Blubbzz Ich stimme Dir grösstenteils zu. Es wirs enorm viel unnötiges aus den USA berichtet. Aber dennoch haban die Wahlen in den USA einen ähnlich grossen Einfluss uf die Schweiz, wie eine Parlamentswahl in der Schweiz. Ausserdem hat es auch etwas unterhaltendes, das Schauspiel aus sicherer Entfernung zu sehen, weil es etwas ist, auf das wir kaum Einfluss nehmen können und dennoch für viel Gesprächstoff sorgt.
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