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Skandal in St.Louis: Das Krankenhaus, in dem mein Baby verschwand

Ihre Babys seien tot, wurde schwarzen Müttern in den Fünfzigern und Sechzigern in einem US-Krankenhaus erzählt. In mindestens einem Fall war das gelogen – das Mädchen kam zu Pflegeeltern. Nun fragen sich Dutzende Frauen: Lebt mein Kind noch?

07.05.15, 14:22 07.05.15, 14:36

So wie Jackson Price soll es im Homer G. Phillips Hospital in St.Louis Dutzenden weiteren Frauen ergangen sein. Nach dem Bekanntwerden der Geschichte von Jackson Price meldeten sie sich mit ähnlichen Erfahrungen. Sie fragen sich nun, ob ihre angeblich verstorbenen Kinder noch leben.  Bild: Google Street View

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Als Zella Jackson Price am 25. November 1965 eine Tochter zur Welt brachte, währte die Freude darüber nur wenige Stunden. Dann wurde der damals 26-Jährigen im Homer G. Phillips Hospital in St.Louis mitgeteilt, ihr Kind sei gestorben.

Das Mädchen war zwar vorzeitig zur Welt gekommen und nur gut 900 Gramm schwer. Aber die junge Mutter konnte es in den Armen halten. Eine Krankenschwester habe das Baby mitgenommen, erinnert sich Jackson Price. Eine Stunde später sei sie zurückgekommen und habe gesagt, dem Kind gehe es nicht gut. Kurz danach habe die Schwester die Nachricht überbracht, das Neugeborene sei gestorben.

Zwei Tage lag Jackson Price noch im Krankenhaus, umgeben von glücklichen Müttern. «Es war deprimierend zu sehen, wenn die Kinder zu ihren Müttern gebracht wurden, aber ich hatte mein Kind nicht.» Jackson Price sah die Leiche ihrer Tochter nie, ebenso wenig einen Totenschein.

Wiedersehen nach 49 Jahren

Nun, nach Jahrzehnten, erklärt sich warum: Das Neugeborene war gar nicht gestorben. Jackson Prices Tochter ist 49, lebt in Eugene, Oregon. Sie heisst Melanie Gilmore. Ihre Pflegeeltern hatten ihr immer erzählt, die leibliche Mutter habe sie abgegeben.

Gilmores Kinder hatten via Facebook nach der Frau, ihrer Oma, gesucht. Ein im März veröffentlichtes YouTube-Video zeigt, wie sie Gilmore, die taub ist, mitteilen, dass sie fündig geworden sind – und wie Mutter und Tochter sich nach Jahrzehnten via Videochat erstmals wiedersehen. Ein DNA-Test bestätigte, dass sie Mutter und Tochter sind. «Sie sah wie ich aus», sagte Jackson Price. «Sie war so aufgeregt und voller Freude. Es war einfach wunderbar, ich werde es nie vergessen.»

Ein furchtbares Einzelschicksal mit Happy End? Das auf jeden Fall – aber nun zeigt sich: Vielleicht steckt ein Skandal dahinter, dessen Ausmass kaum abzusehen ist.

Als der Fall bekannt wurde, meldeten sich bei Jackson Prices Anwalt Albert Watkins Dutzende weitere Frauen, die im Prinzip identische Geschichten erzählten – und nun zweifeln, ob ihnen ihre angeblich toten Kinder weggenommen wurden. «Wenn ein weiteres Kind gefunden wird, ist es das wert», sagt Anwalt Watkins über die schwierige Suche.

Die meisten der Betroffenen brachten ihre Kinder in den Fünfzigern und Sechzigern zur Welt, meist wie Jackson Price im Homer G. Phillips Hospital – in der Zeit der Rassentrennung das einzige Krankenhaus der Stadt für Schwarze.

Kinderklau für private Adoptionsvermittler?

Die Mütter waren arm und jung, viele nur 15 bis 20 Jahre alt. Wenn es stimmt, was sie heute berichten, teilte ihnen immer eine Krankenschwester – nie ein Arzt, wie es Vorschrift gewesen wäre – mit, das Kind sei verstorben. Keine sah ihr totes Kind oder einen Totenschein.

Laut Watkins wurde den Frauen erzählt, die toten Babys seien bereits eingeäschert worden. Dem widersprechen ehemalige Angestellte: Müttern sei gestattet worden, tote Babys zu halten.

Zella Jackson Price dachte jahrzehntelang, die Tochter, die sie am 25. November 1965 im Homer G. Phillips Hospital von St.Louis zur Welt brachte, sei kurz nach der Geburt gestorben. So hatte es ihr eine Krankenschwester erzählt. Es war eine Lüge. Das Baby wurde an Adoptionsvermittler gegeben, heißt Melanie Gilmore und lebt in Oregon.  Bild: Jeff Roberson/AP/KEYSTONE

Inzwischen sind etwa 25 Betroffene bekannt. Gussie Parker aus St.Louis ist eine von ihnen. Als sie Jackson Prices Geschichte gehört habe, sei sie wegen der Ähnlichkeiten zu ihrem Leben schockiert gewesen, sagte die 82-Jährige. Parker brachte am 5. November 1953 ein Mädchen zur Welt, vor dem errechneten Geburtstermin. Dem Kind schien es gut zu gehen. Wenig später habe eine Krankenschwester gesagt, das Mädchen sei gestorben. «Wenn man jung ist und jemand kommt und sagt, dass dein Baby tot ist, hat man das damals akzeptiert», sagte Parker.

Anwalt Watkins hat St.Louis und den Bundesstaat Missouri aufgefordert, die Sache zu untersuchen. Die Stadt hat inzwischen eine Hotline eingerichtet, unter der Geburts- und Sterbeurkunden aus dem Krankenhaus angefordert werden können.

«Die Frage nach dem Loch in ihrem Herzen»

In einem Brief an Gouverneur Jay Nixon und Francis Slay, den Bürgermeister von St.Louis, skizziert Watkins einen ungeheuerlichen Verdacht: Das Krankenhaus soll absichtlich die Mütter schwarzer Babys belogen haben, um die Kinder an private Adoptionsvermittler weiterzugeben. Zu der Zeit habe es für betuchte Schwarze, die adoptieren wollten, wenige Anbieter auf dem Markt gegeben. Die Gesundheitsbehörden in St.Louis haben sich bislang nicht zu dem Fall geäussert.

Brenda Stewart war 16, als sie im Homer G. Phillips Hospital eine Tochter zur Welt brachte. Eine Krankenschwester teilte ihr wenig später mit, das Kind sei gestorben. «Du brauchst kein Baby, haben sie zu mir gesagt», so Stewart. «Ich sei zu jung, um ein Kind zu haben.» Noch immer muss Stewart weinen, wenn sie ihre Geschichte erzählt. Sie gehört zu den mehr als 25 Frauen, die sich nun fragen, ob ihre vermeintlich verstorbenen Kinder tatsächlich noch leben. «Ich weiß, dass mein Baby nicht tot ist.»  Bild: Jeff Roberson/AP/KEYSTONE

Watkins sagt, um Geld gehe es keiner seiner Mandantinnen. «Das sind Mamas. Sie sind Mütter am Ende des Lebens, die Antworten auf die Frage nach dem Loch in ihrem Herzen suchen, das sie ihr Leben lang gespürt haben.»

Das Homer G. Phillips Hospital wurde 1937 eröffnet und war ausschliesslich für Schwarze gedacht. Selbst nach Aufhebung der Rassentrennung waren die Patienten vorwiegend Afroamerikaner. 1979 wurde das Krankenhaus geschlossen.

Ehemalige Mitarbeiter können die Vorwürfe nicht glauben. «Keiner meiner Mitarbeiter hätte so etwas getan», sagte Helen Wallace, eine ehemalige Oberschwester. Sie arbeitete von 1947 bis zur Schliessung in dem Krankenhaus. Die Ärztin Mary Tillman arbeitete 19 Jahre in dem Hospital und sagt, es habe strikte Identifikationsregeln gegeben, etwa mit Armbändchen für Neugeborene.

ulz/AP/Reuters

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