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Abschuss von MH17: Unbequeme Fakten – nicht nur für Moskau

Flug MH17 wurde von einer Boden-Luft-Rakete russischer Bauart getroffen, zu diesem Ergebnis kommen die niederländischen Ermittler. Wer aber ist für den Abschuss verantwortlich? Sicher ist: Die Boeing hätte an diesem Tag niemals über der Ostukraine fliegen dürfen.

13.10.15, 19:45

Fidelius Schmid

Ein Artikel von

Stück für Stück trugen die Ermittler ihr gigantisches Puzzle zusammen. Sie liessen sich im Krisengebiet Ostukraine von Anwohnern zu Wrackteilen führen. Sie sammelten Fragmente der Cockpitscheiben ein. Und sie transportierten grössere Teile der Aussenhülle des Flugzeugs mit Lastwagen und Zügen aus der Kampfzone zu einer knapp 3000 Kilometer entfernten niederländischen Militärbasis.

Dort setzten sie die Wrackteile zusammen. Sie hörten sich die letzten Millisekunden auf dem Stimmenrecorder im Cockpit wieder und wieder an. Sie untersuchten die Leichenteile der Piloten und fanden fliegenförmige Splitter. Nach 15 Monaten stand fest: Der Malaysian Airlines Flug MH17 von Amsterdam nach Kuala Lumpur, der am 17. Juli 2014 über der Ostukraine abstürzte, wurde von einer Boden-Luft-Rakete des Typs Buk mit einem Gefechtskopf 9M314M abgeschossen, einem russischen Fabrikat.

Ermittler Tjibbe Joustr bei der Präsentation des Berichts.
Bild: MICHAEL KOOREN/REUTERS

Überraschend ist die Erkenntnis nicht: Schon lange hatte es Spekulationen in diese Richtung gegeben, der «Spiegel» hatte im Juli 2015 über entsprechende greifbare Ergebnisse der Ermittler berichtet. Doch nun hat sich die offiziell untersuchende Instanz festgelegt. Und lässt keine Zweifel.

«Andere Szenarien wie eine Explosion im Innern des Flugzeugs, Kanonenfeuer oder eine Luft-Luft-Rakete von einem anderen Flugzeug wurden analysiert und ausgeschlossen», sagte Tjibbe Joustra, Chef des niederländischen Sicherheitsrats, bei der Präsentation der Ergebnisse auf der niederländischen Fliegerbasis Gilze-Rijen.

Damit dürfte russischen Propagandamanövern und weltweit verbreiteten Verschwörungstheorien langsam ein Ende gesetzt sein. Zur Erinnerung: Zwischenzeitlich wurde ein Meteoriten-Einschlag für den Absturz ins Spiel gebracht. In Moskau-nahen Medien wurde dagegen mitunter sogar der Name eines Piloten ventiliert, der mit seinem ukrainischen Kampfjet für den Abschuss verantwortlich sein sollte. Nun die unbequeme Nachricht für Moskau.

Die Erkenntnis aus 20 Millisekunden Ton

Wie unbequem sie ist, zeigen folgende Tatsachen:

  1. Russische Behörden hatten während der Untersuchung durch die niederländischen Ermittler versucht, das Szenario eines Abschusses durch ein anderes Flugzeug im Untersuchungsbericht unterzubringen – Joustra weigerte sich.
  2. Bereits im Juli startete in Moskau eine Kampagne, die den Bericht des Niederländers diskreditieren sollte - noch vor seiner Veröffentlichung.
  3. Und am Tag der Veröffentlichung selbst veröffentlichte ein russisches Rüstungsunternehmen eine Untersuchung, die Joustras Bericht anzweifelte.

Joustra stellte sich für die Präsentation seiner Ergebnisse vor den aus Wrackteilen zusammengesetzten Nachbau der verunglückten Malaysian-Airlines-Maschine - wohl auch, um die akribische Arbeit seines Teams zu dokumentieren. Sein Abschlussbericht hat 279 Seiten inklusive sekundengenauer Radarangaben, Wetterberichte und Fotos von Absturzstelle, Wrackteilen und Projektilteilen. Hinzu kommen Hunderte Seiten Anhänge.

Details des Berichts werden vorgestellt.
Bild: MAXIM ZMEYEV/REUTERS

Demzufolge flog MH17 am 17. Juli 2014 vollständig flugfähig von Amsterdam in Richtung Malaysia ab. Als die Maschine ukrainischen Luftraum erreichte, flog sie auf etwa 33'000 Fuss Reisehöhe. Zunächst blieb sie auf ihrem Kurs, wich dann aber leicht nach Norden aus, um Gewittern zu entgehen.

Die letzten 20 Millisekunden auf dem Stimmenrekorder im Cockpit dokumentieren einen lauten Knall. Die minimale Zeitverzögerung, die die Aufzeichnungen durch drei unterschiedliche Mikrofone aufweisen, lässt darauf schliessen, dass der Gefechtskopf der Buk-Rakete links oberhalb des Cockpits explodierte, ganz dicht an der Maschine.

«Es gab ausreichende Gründe, den Luftraum zu schliessen»

Die Piloten waren sofort tot. Die meisten Passagiere waren wahrscheinlich durch den Aufprall bewusstlos. Die Maschine brach daraufhin entzwei. Der hintere Teil des Flugzeugs schlug mit der Unterseite nach oben am Boden auf und fing Feuer. Damit beantworten die niederländischen Ermittler die Frage, was MH17 zum Absturz brachte - aber nicht, wer direkt dafür verantwortlich ist.

Hinterbliebene trauern im Juli am Flughafen Amsterdam Schipol.
Bild: EPA/AAP

Sie berechneten eine Zone von 320 Quadratkilometern, aus der die Buk hätte abgefeuert werden können - zu grossen Teilen waren diese Gebiete zur damaligen Zeit in der Hand prorussischer Separatisten in der Ostukraine. Nach «Spiegel»-Informationen verfügten diese Separatisten damals über mehrere Buk-Systeme. Details zur Frage, wer die Rakete abschoss, versucht derzeit noch eine ebenfalls von den Niederlanden geführte strafrechtliche Untersuchung zu klären.

Allerdings machte Joustra klar, dass MH17 an jenem Tag im Juli gar nicht in der Luft sein hätte dürfen. Seit Juni 2014 waren in der Region bereits 16 Flugzeuge und Helikopter abgeschossen worden - weswegen der Luftraum in niedrigeren Regionen über der Ostukraine auch gesperrt war. Am 17. Juli selbst allerdings überflogen 161 zivile Flugzeuge die Region in grösserer Höhe. «Keine der Fluglinien glaubte, dass die zivile Luftfahrt in Reisehöhe in Gefahr sein könnte», sagte Joustra.

Eine Ukrainerin im Juli über einem Wrackteil von MH-17.
Bild: Mstyslav Chernov/AP/KEYSTONE

Das mag daran gelegen haben, dass die ukrainischen Behörden den Luftraum über der Zone nicht gesperrt hatten. Dabei gab es bereits in den Wochen zuvor Warnhinweise: Von den 16 abgeschossenen Flugzeugen und Helikoptern vor MH17 wurden auch manche mit Waffensystem getroffen, die bis in die Reiseflughöhe von Zivilmaschinen reichen können. Die russische Buk gehört dazu.

«Es gab ausreichende Gründe, den Luftraum zu schliessen. Die Ukraine tat es nicht», sagte Joustra. Aber nicht nur die Ukraine, sondern auch Luftlinien, internationale Behörden «und andere Staaten» hätten die Gefahr erkennen müssen, sagte Joustra. Er hoffe, dass sein Bericht zu «mehr Sicherheit» in der Luftfahrt beitrage. Den 298 Opfern aber wird er nicht mehr helfen.

Zusammengefasst: Der niederländische Sicherheitsrat hat seinen Abschlussbericht zum Absturz des Fluges MH17 über der Ukraine vorgelegt. Die Maschine wurde demnach von einer Boden-Luft-Rakete des Typs Buk russischer Bauart mit einem Gefechtskopf 9M314M abgeschossen. Russland versuchte nicht nur, den Bericht schon vorher zu beeinflussen, sondern zweifelt auch das Ergebnis an. Schuld am Absturz tragen auch die Ukraine und die Airlines: Der Luftraum über der Ukraine war zum Zeitpunkt des Abschusses so unsicher, dass die Boeing dort nicht hätte fliegen dürfen.

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Yanik Freudiger, 23.2.2017
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  • roger.schmid 13.10.2015 21:35
    Highlight anstatt die untersuchungen voll zu unterstützen werden sie von russland in der uno sabotiert und mit eigenen abstrusen theorien gestört. es liegt also ganz klar auf der hand wer hier etwas zu verbergen hat.
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  • Dingsda 13.10.2015 21:15
    Highlight das sagt schon alles. 👎
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    • sapperlord 14.10.2015 11:12
      Highlight Wenn's die "BILD" gewesen wäre, ok...
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  • Gelöschter Benutzer 13.10.2015 20:50
    Highlight Dass die Parteien in der Ukraine mit Waffenfabrikaten aus russischer Produktion kämpfen, überrascht jetzt nicht wirklich, da die Russlandanbindung der Ukraine ja immer sehr eng war. Dies jetzt als Indiz dafür zu nehmen, dass prorussische Kräfte für den Absturz verantwortlich waren, halte ich für abenteuerlich.
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    • Easypeasy 13.10.2015 21:50
      Highlight Das ist nicht das Indiz. Dort wo die Rakete abgefeuert wurde, war prorussisches Rebellen Gebiet.
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    • Hierundjetzt 13.10.2015 23:15
      Highlight Abenteurlich ist eher Deine konsequente Realitätsverweigerung. Es war Russland. Punkt. Ende. Akzeptiers, dass Deine Freunde für nichts 298 Menschen ermordet haben
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    • Gelöschter Benutzer 14.10.2015 08:37
      Highlight @Easypeasy: Das, was Sie erwähnen, ist ein anderes und aussagekräftigeres Indiz. Ich bemängle an dem Artikel, dass die russische Bauart der Rakete insgesamt dreimal erwähnt wird (inkl. Lead), was rein gar nichts aussagt.

      Hierundjetzt: Ganz ruhig. Dein schnuckeliges kleines Weltbild wird hier ja gar nicht bedroht. Für einen neuen Versuch in sinnentnehmendem Lesen beachte meine Antwort an easypeasy. Und ich muss Dich leider enttäuschen: Isch abe gar keine russischen Freunde.
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    • Habicht 14.10.2015 08:40
      Highlight @Hierundjetzt
      Es war nicht Russland sondern die Separatisten, dass die (auch Aufgrund fehlender Technik) nicht wissen auf was sie da am Himmel schiessen halte ich durchaus für glaubwürdig.
      Putin ist nicht so dumm und lässt eine Zivilmaschine abschiessen.
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    • Hierundjetzt 14.10.2015 10:15
      Highlight easypeasy: Netter Versuch. Die Russen haben andere Artikelnummern für Ihre Raketen als die Ukraine. Daher ist dieser Sachverhalt sehr wohl ein elementarer. Zudem: Für eine BUK-Rakete abzufeuern müssen Sie ein wenig mehr können, als den Entsicherungsmechanismus einer AK47 zu betätigen. Da brauchts ein Leitsystem, einen Radar, ein Lenkwaffen-Offizier, mehrere Panzerfahrer usw. also 3-4 Fahrzeuge, 8-10 Soldaten. Eine Rakete kostet +/- 400'000.- So, und das alles haben die "Separatisten" die einfach mal ebenso "ihr" Land "spontan" verteidigen. Natürlich hahaha, Sie sind mir ein ganz lustiger.
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    • Gelöschter Benutzer 14.10.2015 10:58
      Highlight Hierundjetzt: Ich glaube, Du verwechselst die Kommentatoren und ausserdem machst Du einen ein Bisschen überspannten Eindruck.
      Zum Inhaltlichen: Wieso die Separatisten in der Ukraine nie Militärdienst geleistet haben sollten und die von Dir erwähnte Mann- bzw. Kommandostärke nicht aufbringen sollten, ist anhand Deines Eintrags unersichtlich.
      BUK-Raketen sind radargesteuert, das heisst, jemand muss auf einem Radar sehen können, dass da ein zu erfassendes Ziel rumschwirrt. Es heisst aber nicht, dass er das Ziel auch differenziert erkennen muss, um es abzuschiessen.
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    • Gelöschter Benutzer 14.10.2015 11:00
      Highlight Und noch zu den Artikelnummern der Raketen: Darüber steht in dem Artikel rein gar nichts. Lediglich, dass die Rakete ein russisches Fabrikat war. Das wären aber auch diejenigen der ukrainischen Streitkräfte. Es bleibt dabei: Die Erwähnung des Fabrikats alleine ist völlig nichtssagend.
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  • Gelöschter Benutzer 13.10.2015 20:50
    Highlight Eine tragische Sache. Gelernt haben die meisten Airlines daraus anscheinend gar nichts. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die nun frischfröhlich über Syrien und den Irak fliegen. Ist halt näher nach Asien. Geld vor Sicherheit. So läufts.
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    • goschi 13.10.2015 21:02
      Highlight Tun sie das denn?
      Meines Wissens wird primär auf die Türkei/Iran-Route ausgewichen
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    • Friends w/o pants 13.10.2015 21:20
      Highlight Über Syrien und Irak fliegen keine* zivilen Maschinen mehr. Die schlängeln sich alle von der Türkei über den Iran. Da ist es sogar schon zu eng. Wenn sie von Zurich in den Mittleren Osten fliegen, überqueren sie garantiert weder Syrien noch den Irak.

      *keine stimmt natürlich nicht komplett, denn die Fluglinien, die Städte im Irak anfliegen bzw. inländische Fluggesellschaften fliegen natürlich über dem irakischen und syrischen Luftraum, meiden aber umkämpfte Gebiete.

      Bild Quelle Flightradar24.com (Anmerkung: Russische An-124 über Süd-Syrien)
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    • Habicht 14.10.2015 11:45
      Highlight Sie fliegen nicht über Syrien, kreuzen aber die Flugrouten der russischen Marschflugkörper, die von Kriegsschiffen auf dem kaspischen Meer starten. Natürlich fliegen die Marschflugkörper unter der Flughöhe der Passagiermaschinen, zumindest wenn alles so läuft wie es soll.
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