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Ein 175 Kilometer langer Riss im Larsen-C-Schelfeis. Nur noch 20 Kilometer fehlen, bis sich der Eisblock abtrennt. Bild: AP/NASA

So sieht es aus, wenn sich ein gigantischer Eisberg von der Antarktis ablöst

01.02.17, 15:20 01.02.17, 20:15

Forscher erwarten demnächst ein ganz besonderes Spektakel in der Antarktis: Ein Rieseneisberg wird sich ablösen, fast so gross wie der Kanton Wallis. Ob der Klimawandel etwas damit zu tun hat, ist unklar.

«Der Eisberg hängt am seidenen Faden.»

Adrian Luckman

Wie lange es noch dauert, weiss keiner. Es kann Wochen oder Monate dauern, aber vermutlich kein Jahr mehr: In der Antarktis wird einer der grössten Eisberge entstehen, die Forscher bisher registriert haben. Mit rund 5000 Quadratkilometern wird er fast so gross sein wie der Kanton Wallis. Der Koloss ist dabei, sich vom Larsen-C-Schelfeis zu lösen.

Schelfeise sind auf dem Meer schwimmende Eisplatten, die von Gletschern gespeist werden und mit ihnen noch verbunden sind. «Der Eisberg hängt am seidenen Faden», sagt Adrian Luckman, Leiter des Midas-Projekts der britischen Universität Swansea, das sich mit dem entstehenden Eisberg beschäftigt.

«Der Eisberg wird wahrscheinlich relativ stabil sein und nicht in viele Teile zerfallen.»

Daniela Jansen

Satellitenbilder zeigen einen 175 Kilometer langen Riss im Larsen-C-Schelfeis. Nur noch 20 Kilometer fehlen, bis sich der Eisblock abtrennt. Kalben nennt sich der Vorgang. «Das ist ein natürlicher Prozess im Schelfeis», sagt die Glaziologin Daniela Jansen vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. «Sonst würde es ja immer weiter ins Meer hinauswachsen.» Schliesslich fliesse von Land her immer neues Eis nach.

Nahaufnahme des Risses. Bild: EPA/NASA

Erholt sich das Schelfeis?

Trotzdem sind die Wissenschaftler alarmiert. Denn noch sei völlig unklar, ob das jetzige Kalben tatsächlich ein normaler Prozess ist oder sich das Schelfeis im Anschluss dauerhaft zurückzieht, so Jansen.

«Unbestritten ist jedoch, dass die Temperaturen an der Antarktischen Halbinsel in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen sind, weshalb wir hier einen Zusammenhang vermuten beziehungsweise nicht ausschliessen können.»

Olaf Eisen

In den letzten zwei Jahrzehnten sind bereits sieben Teile Schelfeis von insgesamt zwölf an der Antarktischen Halbinsel zerfallen oder sehr stark zurückgegangen. «Das hat ziemlich sicher mit der Erwärmung zu tun», sagt die Glaziologin. Experten vermuten, dass Schmelzwasser an der Oberfläche die Schelfeis-Teile instabil werden lässt.

«Ein Problem für das Verständnis dieses Prozesses sind unsere kurzen Beobachtungsreihen», schreibt AWI-Wissenschaftler Olaf Eisen in einem Blogbeitrag. Seit rund 40 Jahren können Forscher überhaupt erst flächendeckend auf Daten zurückgreifen, die solche Beobachtungen möglich machen.

«Wenn mehr Eis ins Wasser fliesst, steigt der Meeresspiegel.»

Daniela Jansen

«Unbestritten ist jedoch, dass die Temperaturen an der Antarktischen Halbinsel in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen sind, weshalb wir hier einen Zusammenhang vermuten beziehungsweise nicht ausschliessen können», schreibt der Forscher weiter.

Bröckelnde Kante

Bricht der aktuell entstehende Eisberg ab, ist die Front des Larsen-C-Schelfeises so weit zurückgebrochen wie nie zuvor beobachtet. «Modellrechnungen zeigen, dass die Kante langfristig instabil werden und sich dauerhaft zurückziehen kann», so Jansen. Geografisch würde sich dadurch einiges ändern. Ob die Computersimulationen stimmen, werde die Zukunft zeigen.

Im Jahr 2002 löste sich beim Larsen-B-Schelfeis ein Eisberg ab. Bild: AP IMAGE COURTESY OF TED SCAMBOS/PA

Dafür spricht allerdings die Entwicklung des Larsen-B-Schelfeises. Dort löste sich im Jahr 2002 ein Eisberg ab. «Danach ist die Kante immer weiter abgebröckelt, das Schelfeis hat sich nicht erholt», betont die Wissenschaftlerin. Wenn aber in der Bucht Schelfeis fehle, haben die Gletscher weniger Halt. «Wenn mehr Eis ins Wasser fliesst, steigt der Meeresspiegel.»

Die Grösse des künftigen Eisbergs vom Larsen-C-Schelfeis ist so oder so etwas Besonderes. Jansen beobachtet den Vorgang deshalb mit Spannung fast täglich an ihrem Computer. Im Jahr 2000 löste sich im Ross-Schelfeis ein Eisberg, der doppelt so gross war wie der, der jetzt entsteht. «Seitdem gab es keinen grösseren», berichtet Jansen.

Kein Risiko für Schiffe

Der Eisberg kann auf dem Meer treibend Tausende Kilometer zurücklegen. «Er wird vermutlich entlang der antarktischen Halbinsel nach Norden driften und dann weiter Richtung Osten», sagt Jansen. Es sei schon vorgekommen, dass Eisberge bis an die brasilianische Küste schwimmen. Eine Gefahr für die Schifffahrt oder für Menschen bestehe aber nicht.

Wahrscheinlich sei, dass der Eisberg vor der Inselgruppe South Georgia, 1400 Kilometer östlich der argentinischen Küste, im wärmeren Ozeanwasser vollständig schmilzt. «Das kann ein Jahr oder länger dauern», sagt Jansen. «Der Eisberg wird wahrscheinlich relativ stabil sein und nicht in viele Teile zerfallen.» Per Satellit wären seine Positionen sehr gut zu bestimmen. «Schiffe können so gewarnt werden.» (whr/can/sda/dpa)

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  • Baba 01.02.2017 18:58
    Highlight Hier wird dieses und gleich noch ein paar andere Phänomene enthüllt...

    Sorry, konnte einfach nicht widerstehen 😊.

    Spass beiseite: ein unglaubliches Naturschauspiel, das sich hier ankündigt. Die Aufnahme aus dem Flugzeug ist gigantisch!
    9 0 Melden
  • Lowend 01.02.2017 17:56
    Highlight Typisch für unsere kranke Zeit, dass bei wissenschaftlichen Themen nur noch dumme, scheinwitzige oder fehlerhafte Kommentare von Menschen kommen, die total neidisch zu sein scheinen, weil ihnen für solche Studien das geistige Rüstzeug fehlt und so liefern ihre Kommentare einzig den Beweis, dass es richtig ist, dass nicht jeder zum Studium an den Hochschulen zugelassen wird.
    18 10 Melden
    • 7immi 01.02.2017 19:37
      Highlight es ist nicht gesagt, dass menschen mit entsprechender bildung keine doofen kommentare schreiben oder sich weniger gut gebildete nicht für etwas interessieren können oder sollen. nur weil jemand nicht den schulischen anforderungen entspricht, darf man sich dennoch für komplexe themen interessieren...
      13 1 Melden
  • K3tsch 01.02.2017 16:47
    Highlight Zum Glück gibt es Forscher, die solche Sachen analysieren, sonst würde es wahrscheinlich nicht einer kratzen. xD
    10 28 Melden
  • A7-903 01.02.2017 16:16
    Highlight Anstatt satellitenbeobachtung könnte man doch ein paar GPS Sender mit Satellitendatenzugang verteilen und so jederzeit wissen wo der so rumgurkst.
    Mit eigenem Twitter Account dann sowieso :)
    14 4 Melden
    • 7immi 01.02.2017 19:40
      Highlight man überwacht den eisberg vermutlich so oder so per satellit, um grössenänderungen zu erkennen, so würde ein gps system nichts vereinfachen, da es die satellitenbeobachtung nicht ersetzt. spannend wäre die gps überwachung aber schon 😉
      4 0 Melden
    • Midnight 02.02.2017 06:34
      Highlight @A7 Er bräuchte noch Bluetooth: Because everything is better with Bluetooth! 😉
      2 0 Melden
  • WayneTheBrain 01.02.2017 15:55
    Highlight Im Text: "Ob der Klimawandel etwas damit zu tun hat, ist unklar"
    Im Video: "Die Klimaerwärmung bedroht den Südpol"
    Trump: "You are fake news!"
    18 14 Melden
    • Midnight 02.02.2017 06:37
      Highlight Man kann einen Zusammenhang nicht eindeutig feststellen, dennoch ist dieser äusserst wahrscheinlich. Insofern also durchaus keine "fake news".
      4 0 Melden
  • Mr. Raclette 01.02.2017 15:48
    Highlight Zuerst Trump und jetzt auch noch das! :-)
    8 10 Melden
    • goncman 01.02.2017 15:55
      Highlight Zufall? Ich denke nicht!
      6 8 Melden
    • Charlie B. 01.02.2017 16:01
      Highlight Zusammenhang?
      6 6 Melden
    • Gelöschter Benutzer 01.02.2017 16:12
      Highlight Haha, ich wollte schon ein "inb4 Trump" schreiben, aber hab mich noch zurückgehalten.
      2 7 Melden

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