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Bild: STEFAN WERMUTH/REUTERS

Ihre Grosseltern flohen vor den Nazis – Brexit treibt britische Juden zurück nach Deutschland

Publiziert: 22.09.16, 13:51

Seit der überraschenden Annahme des Brexit-Referendums überlegen sich viele Briten, wie sie zu einem zweiten EU-Pass kommen. Sie wollen auch nach dem Ausscheiden des Vereinigten Königreichs von den Vorteilen der Union profitieren können. Die Republik Irland etwa wurde im Nachgang der Abstimmung mit tausenden Einbürgerungsgesuchen eingedeckt.

Auch Deutschland verzeichnet eine markante Zunahme an Anfragen aus Grossbritannien, und zwar basierend auf Artikel 116 des Grundgesetzes:

«Frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge sind auf Antrag wieder einzubürgern. (...)»

Artikel 116, Grundgesetz quelle: bundestag.de

Tatsächlich überlegen sich etliche jüdische Briten deutscher Abstammung, diesen Weg zu beschreiten. Der Antrag ist reine Formsache und für die Betroffenen kostenlos. Unter ihnen ist die Londoner Rabbinerin und Mitglied des House of Lords, Julia Neuberger, deren Mutter 1937 aus Nazi-Deutschland nach Grossbritannien floh.

Julia Neuberger mit dem Reisepass ihrer Grossmutter (20.09.2016). Bild: STEFAN WERMUTH/REUTERS

«Meine Tochter fragte mich: ‹Wie kannst du nur, nach all dem, was sie uns angetan haben?›», sagt Neuberger gegenüber Reuters. Die Last der Geschichte ist allgegenwärtig, auch im Antragsverfahren. Als Nachweis ihrer deutschen Abstammung dient zum Beispiel der Reisepass der Grossmutter mit dem berüchtigten Judenstempel auf der ersten Seite: 

Bild: STEFAN WERMUTH/REUTERS

Auch anderen bereitet die Vorstellung Mühe: «Als mein Sohn mir nach der Abstimmung eröffnete, dass er einen Antrag stellen würde, war ich entsetzt und sagte, dass sich meine Mutter im Grab umdrehen würde», sagt Frank Harding, dessen Eltern ebenfalls in den 1930er-Jahren aus Deutschland flohen.

Der über 70-Jährige habe die Entscheidung zunächst wie einen Verrat an seinen Eltern empfunden, die deutsche Produkte boykottierten und sie in ihrem Haus verbaten. Inzwischen verstehe er seinen Sohn, für die jüngere Generation sei es wichtig, die Tür nach Europa offen zu halten. «Es ist sicher auch eine Art Versöhnung, aber ich selbst habe noch nicht entschieden, ob ich den Antrag stellen werde.»

Auch Rabbinerin Neuberger sagt, nach all den Jahren habe Sie Ihren Frieden mit Deutschland gemacht. Mehr noch: «Ein wenig deutsch bin ich ja doch, ganz tief drin.»

Laut dem Auswärtigen Amt in Berlin sind in der deutschen Botschaft in London bislang 400 Anfragen betreffend Einbürgerung nach Artikel 116 sowie rund 100 Gesuche eingegangen. In einem normalen Jahr habe es 20 solcher Anfragen gegeben. Und es könnten noch weit mehr werden: Viele jüdische Briten sagten gegenüber Reuters, sie würden die Austrittsverhandlungen abwarten und dann entscheiden. Glaubt man den jüngsten Verlautbarungen aus London, könnte am Ende auch ein Totalbruch mit der EU stehen.

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20 Kommentare anzeigen
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600
  • JonLar 23.09.2016 21:19
    Highlight Werde wohl einige Blitze kassieren... aber Hallo?

    Liebe britische Juden - wo lebt ihr denn? In welchem Jahr? 1936?

    Deutsche Produkte boykottieren und Aussagen wie "Mutter würde sich im Grab drehen"... völlig daneben und fast nicht rassistisch.

    Traurig dass ihr 80 Jahre später nichts dazu gelernt habt und so nachtragend seid.
    21 9 Melden
    600
  • whatthepuck 23.09.2016 12:02
    Highlight Zum Glück leben wir im Jahr 2016 wo sowas kein Thema mehr ist. Oder?
    Juden können ohne besondere Erwähnung nach Deutschland zurückkehren, genauso wie heutige Generationen den Juden nichts mehr schuldig sind.
    23 3 Melden
    600
  • Addi 22.09.2016 16:15
    Highlight "Wieder Deutscher werden wegen den Vorteilen" - nach all dem, was die Deutschen den Juden damals angetan haben. Hört sich so an wie: 'Für einen Vorteil machen wir alles.'

    ich könnte das nicht. Und ich glaube nicht, dass das viele können.
    35 53 Melden
    • herschweizer 22.09.2016 20:36
      Highlight Ist doch schön dass die lieben Deutschen nichts dazu sagen dürfen. Ist ja nur ein Pass... Wenns von Nutzen ist?
      8 18 Melden
    • Oberon 22.09.2016 21:52
      Highlight Achso, die Schweizer zu dieser Zeit waren wohl alle rosa Wattebäuschchen schmeisser.

      Natürlich kann man das nicht mit Nazi-Deutschland vergleichen, aber der aktuellen Bevölkerung dies noch vorzuwerfen würde ich nie machen.
      28 6 Melden
    • DerTaran 23.09.2016 07:37
      Highlight Deutschland ist ein modernes, demokratisches Land, dass sich wie kein anderes um die Aufarbeitung der eigenen, düsteren Vergangenheit bemüht hat.
      Es spricht nichts dagegen, das durch den Antrag auf wiedereinbürgerung zu würdigen. Auch wenn es aus opportunistischen Gründen passiert.
      20 2 Melden
    • Alienus 23.09.2016 20:47
      Highlight @Herrenschweizer

      Würde gerne von Ihnen erfahren, was die lieben Deutschen nicht sagen dürfen.

      Der § 116 GG ist richtig und berechtigt vorhanden und auch noch viel komplizierter als das Sie sich dies vorstellen möchten.
      4 0 Melden
    600
  • the brain 22.09.2016 14:55
    Highlight Anekdotische Evidenz, mein Lieber, sei gewahr, genauso falsch wie der Vergleich der Fluchtgründe während dem Krieg versus aktueller Partikularinteressen im Bereich staatlicher Vorteile.
    32 11 Melden
    • neewa 22.09.2016 21:06
      Highlight während des Krieges
      5 5 Melden
    600
  • Trader 22.09.2016 14:16
    Highlight Das sind aber zwei verschiedene Beweggründe. Ob von den Nazis verfolgt oder ob von den sog. Vorteilen der EU nicht mehr profitieren zu können.
    90 13 Melden
    • Louie König 22.09.2016 14:49
      Highlight Ja, das sind zwei völlig verschiedene Dinge... Du bringst hier etwas durcheinander, denke ich... oder kannst du mir deinen Kommentar näher erklären, vielleicht verstehe ich auch etwas falsch...
      15 37 Melden
    • Mach_ke_Stei 22.09.2016 15:13
      Highlight Ich denke der Trader meint wohl dass es unterschiede gibt zwischen Jude sein und zu 99% entweder vergast oder versklavt zu werden und nicht EU-Bürger sein und entweder....keine Ahnung was als nicht EU-Bürger so schlimm ist heutzutage.
      38 22 Melden
    • Louie König 22.09.2016 15:26
      Highlight Das gibt doch noch immer keinen Sinn. Es geht doch darum, dass Nachfahren von Deutschen, denen zwischen 1933 - 1945 die Staatsangehörigkeit, aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen, entzogen wurde, das Recht haben, die deutsche Staatsangehörigkeit (wieder) zu erhalten. Die Gründe, warum sie das wollen, sind nicht relevant.

      PS: Wir haben das Privileg der Bilateralen Verträge, GB wird wohl eher härter drangenommen werden, daher werden Nachteile befürchtet.
      55 12 Melden
    • Mach_ke_Stei 22.09.2016 15:51
      Highlight Louie, Arikel 116 besteht nicht erst seit Berxit, sondern schon vorher. Der Sohn/Tochter hatte genung Zeit sich mit Deutschland zu "versöhnen".

      Es ist nicht verwerflich diesen Vorteil zu wahren. Nur hat es keinen Zusammenhang.

      Deutschland ist zudem schon lange nicht mehr das 3te Reich und darum ist es auch nicht eine Verzweiflungstat.
      30 6 Melden
    • Louie König 23.09.2016 08:17
      Highlight @Mach_ke_Stei: Das ist mir bewusst, danke. Aber vorher gab es für ihn/sie keinen Grund, die deutsche Staatsangehörigkeit zu beantragen, das hat sich mit dem Brexit geändert.

      Sorry, beim zweiten Abschnitt von dir komme ich nicht nach..

      Wie gesagt, jetzt gibt es aber für Briten einen Grund, eine Möglichkeit zu suchen für eine Staatsangehörigkeit in einem anderem EU-Staat, weil angenommen wird, dass der Bruch mit der EU viele Nachteile für die Briten mit sich bringen wird.
      2 1 Melden
    600
  • herschweizer 22.09.2016 14:00
    Highlight Würde ich auch machen. Wieso hat denn jemand damit ein Problem?
    63 30 Melden
    • Fabio74 22.09.2016 17:39
      Highlight Weil den Vorfahren die Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, weil sie alles stehen und liegen lassen mussten und eine Ausreisesteuer zahlen mussten; aber so vor dem sicheren grausamen Tod davon kamen.
      Dass Leute, die diese Zeit mitgemacht haben, ihre Probleme damit haben, ist sehr gut verständlich.
      19 9 Melden
    • herschweizer 22.09.2016 20:34
      Highlight Würde es nicht so toll finden wenn ich deutsch werden müsste...aber es wäre eine späte Wiedergutmachung wenn du Pass einen praktischen Nutzen hat
      2 22 Melden
    • neewa 22.09.2016 21:08
      Highlight die warten ja auch alle auf dich Herr Schweizer..
      12 4 Melden
    • Fabio74 22.09.2016 23:20
      Highlight naja das dachten sie sich wohl auch. Aber mit dem britischen Pass haben Sie heute einen EU-Pass. Evtl falls Brexit käme, dann nicht mehr.
      Und das deutsche Gesetz bietet es an die Staatsbürgerschaft wieder zu erlangen. Dann sollte man sich überlegen
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