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Aung San Suu Kyi. Bild: HEIN HTET/EPA/KEYSTONE

Friedensnobelpreisträgerin aus Burma: Viele sind von Volksheldin Aung San Suu Kyi enttäuscht

Seit 100 Tagen ist die Regierung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi an der Macht. Viele alte Mitstreiter wenden sich von ihr ab. Sie führe autoritär und umgebe sich nur noch mit engen Vertrauten.

10.07.16, 21:40 11.07.16, 14:42

Verena Hölzl, Rangun

Ein Artikel von

Sein weisses Hemd schimmert seidig, im Kragen glänzt ein goldener Knopf. U Bo Bo, 51, Brille mit Goldrand, standardmässig lächelnd, ist jetzt ein vielbeschäftigter Mann. Seit Februar ist der gross gewachsene Burmese Abgeordneter der Nationalen Liga für Demokratie (NLD). Bis es endlich soweit war, musste er fast sein halbes Leben im Gefängnis zubringen.

Das erste Mal nach über einem halben Jahrhundert Unterdrückung durch das Militär durfte das burmesische Volk im vergangenen November seine Regierung selbst wählen. Mehr als zwei Drittel der Stimmen gingen an die NLD von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Die Partei hatte mehr als 20 Jahre lang gegen die Junta gekämpft.

Ihre ersten 100 Tage an der Macht sind inzwischen verstrichen – doch die Hoffnungen, die viele alte Mitstreiter in den NLD gesetzt hatten, konnte die Partei bisher nicht erfüllen. Unmut, auch über Suu Kyi, macht sich breit.

20 Jahre und fünf Tage, U Bo Bo weiss das noch ganz genau, musste er in Haft ausharren. Als Parlamentarier sitzt er nun endlich an den Hebeln, um das Leben der Burmesen besser zu machen. Das Volk will Elektrizität, Krankenhäuser, Schulen und Universitäten, höhere Löhne, ein Ende des Bürgerkriegs und endlich Anschluss an die Welt.

Das Militär ist noch immer mächtig

Doch der Handlungsspielraum der NLD ist begrenzt. Ein Viertel der Sitze im Parlament steht den Militärs zu. Noch immer kontrollieren sie zentrale Institutionen wie das Innenministerium – und damit den Polizeiapparat.

Allein im Mai wurden laut der Organisation Human Rights Watch 70 Aktivisten und Journalisten auf Basis repressiver Gesetze verhaftet. Behörden verhindern, dass Berichte über Verbrechen der Armee öffentlich werden. Als die UN-Menschenrechtsbeauftragte für Burma jüngst durch das Land reiste, wurden ihre Gespräche von Geheimdienstmitarbeitern aufgezeichnet.

Viele burmesische Journalisten, grösstenteils ehemalige Aktivisten, sind enttäuscht. «Es ist alles so wie vorher», sagt Nyein Nyein Pyae. Die junge Reporterin arbeitet bei Burmas grösster Tageszeitung, «7Day». Ihr Facebook-Profil ist derzeit schwarz. Weil einer ihrer Kollegen öffentlich machte, dass ein General dem Nachwuchs der Militärakademie riet, mit der NLD zusammenzuarbeiten, gab es Drohungen. Der Chefredakteur entschuldigte sich daraufhin kleinlaut, die Redaktion war empört.

Oft reicht auch schon die Drohkulisse, die das Militär noch immer darstellt: Das Publikum sass bereits in den Kinosesseln, als den Organisatoren des Filmfestivals für Menschenrechte vergangenen Monat mitgeteilt wurde, dass sie den Eröffnungsfilm nicht zeigen dürfen. Er würde das Militär diskreditieren. Für viele Anhänger der NLD war es ein Affront, dass der Film nicht gezeigt wurde. Der Abgeordnete U Bo Bo nennt es «Komplikationen vermeiden».

Die NLD versichert regelmässig in Richtung der Generäle, Versöhnung zu wollen. Das Militär bereicherte sich jahrzehntelang am ressourcenreichen Burma. Das Land hatte eine Vorzeigerolle in der Region, bis die Generäle die Wirtschaft ruinierten und das Volk, wenn sie es nicht brutal unterdrückten, sich selbst überliessen.

«Mutter Suu» ist für viele eine Heilige

Lichtblick in die Misere brachte nach den Studentenprotesten 1988, die auch U Bo Bo ins Gefängnis brachten, Aung San Suu Kyi. Mit anderen gründete sie die NLD und gab für ihr Volk ihre Familie in England auf. Für die meisten Burmesen ist «Mutter Suu» eine Heilige.

Anderen gilt sie inzwischen als autoritäre Parteiführerin: Statt innerhalb der NLD demokratische Strukturen aufzubauen, umgibt sie sich nur mit engen Vertrauten. Abgeordnete sollen nicht ohne Genehmigung mit zivilgesellschaftlichen Gruppen verkehren und das Propagandablatt des Militärs arbeitet jetzt im Dienste der NLD. Experten aus dem Ausland munkeln hinter vorgehaltener Hand, dass es nicht das erste Mal wäre, dass ein Regimewechsel Enttäuschung bringt.

Laut der vom Militär diktierten Verfassung konnte Suu Kyi nicht Präsidentin werden, weil ihre Söhne ausländische Pässe haben. Stattdessen lenkt sie nun als Aussenministerin und mächtige Staatsrätin die Geschicke Burmas. Der Abgeordnete U Bo Bo hat in seinem Wahlkreisbüro in einem wuseligen Wohnviertel von Rangun eine kleine goldene Büste der 71-Jährigen stehen.

Nicht alle profitieren

Die NLD gibt sich Mühe, der enormen Hoffnung, die das Volk in sie setzt, gerecht zu werden. Sie hat eine nationale Friedenskonferenz anberaumt, politische Gefangene freigelassen und einer Reihe von enteigneten Bauern ihr Land zurückgegeben.

Doch nicht alle profitieren. Die NLD scheint keinerlei Ambitionen zu haben, etwa die Diskriminierung der muslimischen Minderheit zu beenden. Während viele Wähler nach so langem Warten auf die Demokratie nun auch Geduld mit der NLD haben wollen, sehen manche vor allem, dass sich in ihrem Leben nichts verändert hat. Ihr Heilsbringer-Image fängt an, der Partei Schwierigkeiten zu machen.

Auch Ko Jimmy, sonore Stimme, zwanzig Jahre Haft, hätte Grund, enttäuscht zu sein. Der 47-Jährige gehört der Generation 88 an, einer Bewegung, die seit den Studentenprotesten an der Seite der NLD gekämpft hat. Suu Kyi hat sie weder ins Parlament noch in die Regierung geholt.

Für Versöhnung mit dem Militär seien sie zu aggressiv, erklärt Jimmy. Statt allerdings wütend zu sein, hält er nach wie vor zur NLD und kämpft mit der Zivilgesellschaft für ein besseres Burma. Er sagt: «Mit den Machtspielen in der Politik will ich sowieso nichts zu tun haben.»

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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2Alle Kommentare anzeigen
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Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • flohehe 11.07.2016 02:39
    Highlight Natürlich schade, dass die NLD (noch) nicht die erhofften Änderungen brachte. Ich glaube aber, dass sich Suu Kyi trotzdem probiert für das Wohl der dort lebenden Bevölkerung einzusetzen. Die vorsichtigen Schritte könnten auch darauf hindeuten, dass die Parteispitze bewusst ist, dass das Militär immer noch grossen Einfluss hat und man nicht den gleichen Fehler machen will wie 1990 als das Militär die Demokratiebemühungen sofort wieder im Keim erstickte.
    1 0 Melden
  • URSS 11.07.2016 00:01
    Highlight Ist immer das gleiche.Macht korrumpiert . Siehe Aristide in Haiti. Oder gugg in die Ukraine ...
    7 1 Melden

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