Islamischer Staat (IS)

Der türkische Premierminister Ahmet Davutoglu und seine Frau Sare (M.) empfangen mit zwei Kindern im Arm die freigelassenen Geiseln in Ankara. Bild: EPA/PRIME MINISTER PRESS OFFICE

Türkische IS-Gefangene

Die mysteriöse Geiselbefreiung von Mossul

101 Tage waren 49 Menschen aus dem türkischen Generalkonsulat in Mossul Geiseln der Terrormiliz «Islamischer Staat». Jetzt kamen sie frei. Über die Hintergründe schweigen die Mächtigen in Ankara.

20.09.14, 19:28

Hasnain Kazim, Istanbul / spiegel online

Ein Artikel von

Ein Bild erfreut die Türkei: Premierminister Ahmet Davutoglu, gerade mal ein paar Wochen im Amt, hält den Kopf von Öztürk Yilmaz mit beiden Händen und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn. Yilmaz lächelt, er wirkt erschöpft. 

Yilmaz ist türkischer Generalkonsul in Mossul, jedenfalls war er es bis zum 11. Juni, als Kämpfer der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) die diplomatische Vertretung stürmten und insgesamt 49 Menschen, darunter Yilmaz und seine Familie, als Geiseln nahmen. 

Am Samstag verkündeten Davutoglu und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, die Geiselnahme sei beendet. Erdogan liess schriftlich verbreiten, die Geiseln seien in einer «nächtlichen Rettungsoperation» befreit worden. Angeblich wurde sie vom Geheimdienst MIT geführt, beteiligt waren nach Angaben des türkischen Aussenministers Mevlüt auch sein Haus sowie die türkische Armee

Regierung und Opposition in seltener Eintracht

Die türkischen Staatsbürger waren am frühen Samstagmorgen von Syrien aus über die Grenze nach Sanliurfa gebracht worden, wo Davutoglu sie empfing. Anschliessend flog er gemeinsam mit ihnen in die Hauptstadt Ankara. Ein Mitarbeiter des Aussenministeriums sagte, es handele sich um 46 Personen, drei der Gefangenen seien Iraker gewesen, die für das Generalkonsulat gearbeitet hätten. Sie seien nicht in die Türkei gebracht worden. 

Davutoglu begrüt Konsul Yilmaz in Ankara. Bild: STRINGER/TURKEY/REUTERS

Regierung und Opposition äusserten sich am Samstag in seltener Eintracht. Davutoglu sprach von einer «freudigen Nachricht», Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu von «grosser Freude» und erklärte, er habe den Premierminister angerufen und ihm gratuliert. 

Doch wie die nächtliche Befreiungsaktion vonstatten ging, darüber schweigen die Mächtigen. Weder Davutoglu noch Erdogan nannten Details. Mehrere türkische Zeitungen verbreiten, es sei kein Lösegeld gezahlt worden. Auch habe es keinen Gefangenenaustausch gegeben. 

Die Geiseln, heisst es weiter in den Berichten, seien von IS-Kämpfern bis an die Grenze gebracht und dort an die Türkei übergeben worden. Waffengewalt soll demnach nicht angewandt worden sein. Darauf deutet auch Davutoglus Aussage hin, der glückliche Ausgang sei Folge «tagelanger, wochenlanger harter Arbeit». Dabei seien «Kontakte» hilfreich gewesen. Zudem seien alle Geiseln unverletzt und wohlauf. 

Verhandlungen zwischen Ankara und IS

Aussenminister Cavusoglu erklärte am Samstagvormittag, IS hätte als Zeitpunkt für die Freilassung den 20. September genannt, nachdem frühere Termine ohne Ergebnis verstrichen waren. Damit räumte er ein, dass es Verhandlungen zwischen Ankara und IS gegeben hat. 

Die Geiselnahme hatte enorme Verrenkungen für die türkische Regierung zur Folge: Sie weigerte sich beharrlich, IS als Terrororganisation zu bezeichnen. Erdogan, bis Ende August noch Premierminister, hatte erklärt, er lasse sich nicht zu einer Wortwahl drängen, die die türkischen Geiseln in Gefahr bringe. 

Als vor einer Woche US-Aussenminister John Kerry nach Ankara reiste, um die Türkei zur Unterstützung im Kampf gegen IS zu bewegen, holte er sich eine Abfuhr ab. Der Nato-Partner gab sich zögerlich und erlaubte nicht einmal, dass der Luftwaffenstützpunkt Incirlik nahe der syrischen Grenze für Luftschläge gegen IS-Stellungen genutzt werden darf. Lediglich humanitäre Hilfe würde man leisten. Mehrere hunderttausend Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien leben derzeit in der Türkei. Eine Offensive in Syrien löste eine neue Massenflucht aus

Ihre Zurückhaltung begründeten türkische Politiker immer wieder mit ihrer Sorge um die Geiseln. Das «Wall Street Journal» nannte die Türkei daraufhin «unseren Nicht-Verbündeten in Ankara». Die türkische Nachrichtenseite «Takva Haber» hingegen sieht in der Weigerung der Türkei, sich der Koalition gegen IS anzuschliessen, einen Erfolg. Diese Haltung sei der Grund für die Freilassung der Geiseln gewesen. Die Türkei habe durch die Verhandlungen mit den Dschihadisten den «Islamischen Staat» inoffiziell anerkannt. IS habe das belohnt. 

Westliche Diplomaten verärgert

Ob eine solche Lösung ausgehandelt wurde, ist ungewiss. Auch wie es überhaupt zu der Geiselnahme kommen und ein hochgesichertes Generalkonsulat eingenommen werden konnte – 30 Geiseln waren immerhin Spezialkräfte zum Schutz der Vertretung –, ist nicht beantwortet. Die Regierung hatte, angeblich nur zum Schutz der Gefangenen, eine Nachrichtensperre verhängt. 

Aus westlichen Diplomatenkreisen hiess es am Samstag, die Türkei habe IS-Kämpfer bisher unterstützt und vergeblich dazu genutzt, den syrischen Machthaber Baschar al-Assad zu stürzen. Einer, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte, er freue sich über den «guten Ausgang dieses Dramas», aber es sei «bemerkenswert, dass amerikanische und britische Geiseln vor laufender Kamera geköpft werden, während türkische freikommen». Jetzt, da die «Ausrede der Geiselnahme» nicht mehr gelte, müsse die Türkei beweisen, auf wessen Seite sie stehe. 

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  • zombie1969 21.09.2014 12:28
    Highlight Angenommen, es gelingt, mit einer breit angelegten Allianz den IS aus dem Irak und womöglich auch noch aus Syrien zu verjagen. Was kommt dann? Solange den Finanziers und ideologischen Unterstützern des "Heiligen Kriegs" nicht das Handwerk gelegt und stattdessen auch zukünftig gestattet wird, die Köpfe junger Muslime mit Hass und Hetze zu verseuchen, kann sich die Welt schon jetzt auf die nächste Generation von Jihadisten einstellen. So nachvollziehbar ein militärisches Vorgehen gegen IS erscheinen mag, es kann nur ein erster Schritt sein.
    2 0 Melden
  • SeKu 20.09.2014 21:35
    Highlight Erdogan finanziert und beliefert die IS sowieso schon, ein paar Millionen mehr oder weniger, darauf kommts nun auch nicht mehr an.
    4 0 Melden
  • sewi 20.09.2014 19:51
    Highlight Erdogan ist der selben Ideologie hörig wie die IS Leute. Ihn stört höchstens dass er nicht als der grosse Führer aller Sunniten gilt.
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