Islamischer Staat (IS)

IS-Chef Baghdadi: 2007 promovierte er, dann ging der Theologe in den Untergrund. Bild: REUTERS TV/REUTERS

Neue Erkenntnisse über Kalif

IS-Chef Baghdadi: In der Schule sitzen geblieben und von der Armee ausgemustert 

In der Schule blieb er sitzen, für das Militär war er nicht fit genug, er war Langzeitstudent: Heute führt Abu Bakr al-Baghdadi die gefährlichste Terrortruppe der Welt. Reporter von «Süddeutsche Zeitung» und ARD haben das Vorleben des IS-Chefs rekonstruiert.

19.02.15, 08:04 19.02.15, 09:10

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Abu Bakr al-Baghdadi ist ein Phantom. Der selbsternannte Kalif führt den «Islamischen Staat» (IS), die derzeit gefährlichste und mächtigste Terrororganisation der Welt. Doch nur wenig ist über den IS-Anführer bekannt. Im Juli 2014 predigte er in einer Moschee in Mossul, seither hat er sich nur per Audiobotschaft zu Wort gemeldet. Öffentliche Auftritte meidet Baghdadi.

Ein Rechercheteam von ARD und «Süddeutsche Zeitung» hat nun bislang unbekannte Fotos und Unterlagen entdeckt, die Einblicke in den Werdegang des heutigen Top-Terroristen liefern. Zudem haben die Journalisten mit ehemaligen Nachbarn und Freunden Baghdadis gesprochen.

Die Journalisten entdeckten bei ihrer Recherche eine Kopie von Baghdadis erstem Personalausweis, Nummer 234250, aus dem Jahr 1980. Demnach wurde er am 1. Juli 1971 im irakischen Samarra als Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri geboren. Laut Angaben von Nachbarn stammt er aus einer unauffälligen Bauernfamilie. Baghdadi ist der drittälteste von vier Söhnen.

Als Schüler bleibt er einmal sitzen. Trotzdem schafft er 1991 das Abitur – mit 481 von 600 möglichen Punkten. Der Abiturient erhält einen zusätzlichen Bonus, weil er als «Bruder eines Märtyrers» gilt. Sein jüngerer Bruder starb als Soldat der irakischen Armee unter Saddam Hussein. Baghdadi selbst kam um den Wehrdienst herum: Für das Militär war der heutige Terrorchef nicht fit genug. Ein Gesundheitszeugnis seiner Universität wird später feststellen, dass der heutige «Kalif» kurzsichtig ist.

Das Abitur ist nicht gut genug

Nach dem Schulabschluss bewirbt sich Baghdadi um einen Studienplatz in Bagdad. Er will laut Dokumenten der Hochschulverwaltung Rechtswissenschaften studieren, sein Zweit- und Drittwunsch sind Sprachen und Erziehungswissenschaften. Doch dafür ist sein Abitur nicht gut genug. Deshalb schreibt er sich schliesslich an der Universität für Islamisches Recht in Bagdad ein – zunächst in der Abteilung für Rechtsprechung, später wechselt er in die Koranwissenschaft.

1999 macht Baghdadi seinen Magister, in seiner Abschlussarbeit beschäftigt er sich mit Koranrezitationen. Anschliessend beginnt er, zu promovieren. 2003 heiratet er seine erste Ehefrau in der Provinz Anbar.

Nach dem Einmarsch der US-Armee wird er im Februar 2004 verhaftet. Warum, ist bis heute unklar. Zehn Monate lang halten ihn die Amerikaner im Gefangenenlager Camp Bucca fest. Die Rechercheure von «Süddeutsche Zeitung» und ARD haben ein Dokument vom 30. Juni 2004 entdeckt. Baghdadis Betreuer von der Fakultät hat darauf vermerkt: «Hat mich nicht kontaktiert (inhaftiert).»

Nach seiner Freilassung im Dezember 2004 kehrt er an die Universität zurück. Ausserdem wird er Muezzin im Bagdader Stadtteil Tobdschi. Im März 2007 legt er seine Dissertation vor. Er erhält 82 von 100 Punkten, Note «sehr gut», obwohl sich sein Doktorvater an vielen Rechtschreibfehlern stört. Die Universität Bagdad behauptet gegenüber den Reportern von «Süddeutsche Zeitung» und ARD, dass Baghdadis Doktorarbeit unauffindbar sei, alle drei Ausgaben seien gestohlen worden.

Er liefert die religiöse Rechtfertigung für Terror

Offenbar geht er erst nach seiner Promotion in den Untergrund. Das spricht dagegen, dass Baghdadi den langjährigen Chef von al-Kaida im Irak, Abu Musab al-Sarkawi, persönlich kannte. Dieser war bereits 2006 bei einem Angriff der US-Armee getötet worden.

Nach Erkenntnissen der irakischen Regierung und westlicher Geheimdienste kämpft Baghdadi zunächst in seiner Heimatstadt Samarra und steigt schnell innerhalb der Terrororganisation auf, die sich damals noch al-Kaida im Irak nennt. Seine theologische Ausbildung hilft ihm dabei offenbar, er liefert die religiösen Rechtfertigungen für die Grausamkeiten der Terroristen.

2010 küren ihn die Dschihadisten zu ihrem Emir, zum Chef der Terrororganisation. Im April 2013 ruft er den «Islamischen Staat» aus, zunächst im Irak, später in Syrien, inzwischen strebt der Bauernsohn aus Samarra nach der Weltherrschaft.

Baghdadi beruft sich dabei auf den Propheten Mohammed, behauptet sogar, sein direkter Nachfahre zu sein. Dafür haben die Rechercheure von «Süddeutsche Zeitung» und ARD in den Dokumenten aber keinen einzigen Beleg gefunden.

(syd)

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • zombie1969 19.02.2015 13:33
    Highlight "In der Schule sitzen geblieben"
    Das dürfte auch auf die meisten "europäischen" Muslime zutreffen die in den Jihad gen Syrien und Irak gezogen sind.
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