Islamischer Staat (IS)

Bei den Angriffen in Syrien kam laut Pentagon erstmals das Kampfflugzeug F-22 «Raptor» zum Einsatz: Der Jagdflieger hat Tarnkappeneigenschaften. Die F-22-Jets gelten als die teuersten und modernsten Jagdflugzeuge der US-Luftwaffe..   Bild: BRUCE OMORI/EPA/KEYSTONE

Luftangriffe in Syrien

Obama zieht in den Krieg

Kampfjets, Bomber, Tomahawks: In der Nacht haben die USA und arabische Verbündete die Terrormiliz IS erstmals auch in Syrien angegriffen. Die Offensive kommt pünktlich zum Beginn der UNO-Generalversammlung. 

23.09.14, 07:59 23.09.14, 12:52

sebastian fischer, new york / spiegel online

Ein Artikel von

Um exakt 21.30 Uhr US-Ostküstenzeit schickt Konteradmiral John Kirby am Montagabend vom Pentagon aus einen Tweet in die Welt, der den Kampf gegen die Terrormilizen des Islamischen Staats (IS) auf eine neue Stufe hebt: «Einheiten des US-Militärs und von Partnernationen haben mit Angriffen auf IS-Ziele in Syrien begonnen und setzen dabei Kampfjets, Bomber und Tomahawk-Marschflugkörper ein.»

In Nahost ist es da schon früher Morgen. Pentagon-Sprecher Kirby hat den Vollzug dessen gemeldet, was der US-Präsident vor zwei Wochen angekündigt hatte.

IS-Terroristen präsentieren in Raqqa die angeblichen Trümmer einer US-Drohne, die während des Angriffs abgestürzt sein soll. Bild: Raqa Media Center

Mutmassliche Amateur-Aufnahmen der Luftangriffe in Rakka, Syrien.

youtube/wshh http://youtu.be/qA6mXr1CTAg

Rückblende: Er werde «nicht zögern», die IS-Terroristen sowohl im Irak als auch in Syrien zu attackieren, hatte Barack Obama damals in einer Rede an die Nation gesagt. Fast 200 Luftschläge haben US-Kampfjets seit Anfang August im Irak geführt, auf Wunsch der Regierung in Bagdad. In den letzten Tagen haben sie Unterstützung von den Franzosen bekommen. Am Wochenende weiteten die Amerikaner ihre Angriffe gegen die IS-Hochburg Mossul aus.

Syrien aber stellt eine neue Qualität dar. Diktator Baschar al-Assad ist nach US-Angaben weder um Erlaubnis gefragt noch über die Luftschläge vorab informiert worden – auch wenn dies das syrische Staatsfernsehen nun behauptet. Und: Die Amerikaner führen die Schläge nicht allein, sondern gemeinsam mit ausschliesslich arabischen Verbündeten. Dabei handelt es sich US-Medienberichten zufolge unter anderem um Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Jordanien. Die Attacken in der Nacht auf Dienstag seien «heftig» gewesen, berichtete CNN; dem IS habe ein «massgeblicher Schlag» zugefügt werden sollen. Weitere Angriffe würden folgen.  

CNN-Bericht über die Luftschläge

youtube/cnn http://youtu.be/s70SWToRNTQ

Blockademacht Russland

Die Eskalation des Kriegs gegen den IS findet just in jener Woche statt, in der in New York die Staats- und Regierungschefs der Welt zur UNO-Generalversammlung zusammenkommen. Das beherrschende Thema - das war schon vor den Angriffen vom Montag klar – ist der Kampf gegen den IS-Terror. Am Mittwoch wird Obama persönlich eine Sitzung des UNO-Sicherheitsrats leiten, bei der eine bindende Resolution in Sachen Foreign Fighters verabschiedet werden soll: Die verpflichtet alle Staaten, Bürger strafrechtlich zu belangen, die zu terroristischen Zwecken ins Ausland reisen. Nur ein US-Präsident hat in der Geschichte der Vereinten Nationen zuvor eine solche Sitzung geleitet: Obama selbst.  

Seit Wochen haben sich Obama und US-Aussenminister John Kerry bemüht, eine internationale Koalition gegen die Dschihadisten zu schmieden, wobei der US-Präsident eigene Bodentruppen im Irak oder in Syrien stets ausgeschlossen hat. Dass es nun mehrere arabische Staaten sind, die gemeinsam mit den USA zuschlagen; dass all dies flankiert wird durch die Bemühungen während der Generalversammlung in New York: Dies zeigt, wie sehr sich Obama um einen multilateralen Ansatz müht. «Das hier ist nicht Amerika gegen den IS», hatte er bereits am Samstag gesagt: «Das ist die Welt gegen den IS.» Ein Wir-gegen-die wie zu Zeiten von Vorgänger George W. Bush jedenfalls soll es nicht mehr geben.

Kampfjets, Bomber und Tomahawk-Marschflugkörper: das Arsenal gegen IS-Stellungen. F-16 der Vereinigten Arabischen Emirate während einer Flugshow (Archivbild) Bild: ALI HAIDER/EPA/KEYSTONE

«Das hier ist nicht Amerika gegen den IS. Das ist die Welt gegen den IS.»

Barack Obama

Dennoch zweifeln viele in Amerika, ob der IS in Syrien auf diese Art und Weise dauerhaft zurückzuschlagen ist. Werden jene syrischen Oppositionellen, die man in Washington erst nicht ganz ernst nahm und nun hoffnungsvoll bewaffnet, am Boden sowohl gegen die brutalen Truppen Assads als auch gegen die IS-Terrorbanden bestehen können? Und: Welche völkerrechtliche Argumentation ist denkbar, um die Luftschläge der Amerikaner und Araber zu legitimieren? Schliesslich hat Assads Regierung nicht zugestimmt. Und die UNO-Vetomacht Russland hält dem Diktator noch immer die Treue. 

Es ist paradox: Selten hat die Welt so aufmerksam auf die am Mittwoch beginnende UNO-Generalversammlung geblickt wie in diesem Jahr. Denn selten waren die Herausforderungen so verdichtet wie im Jahr 2014, dem hundertsten Jubiläum des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs: In Westafrika wütet Ebola, in Nahost die IS-Terrormiliz, in Europa zertrümmert Wladimir Putin die Nachkriegsordnung, im November läuft die Frist für die Atomverhandlungen mit Iran ab. Die Welt im Chaos, irgendwie aus den Fugen geraten. Und, das hätte man fast vergessen, UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon hat für diesen Dienstag ja auch noch zum Weltklimagipfel geladen

Gemässigte Rebellengruppen sollen das Rückgrat im Kampf gegen den IS bilden – Kämpfer der Freien Syrischen Armee im Juni dieses Jahres nahe Hama, Syrien. Bild: NOUR FOURAT/REUTERS

«Das ist ein globaler Kampf, das geht uns alle an»

Grosse Aufgaben also. Dennoch wirkt die UNO gelähmt. In den vergangenen Jahren hat sie ihr Hauptquartier renoviert, alles glänzt, ist hergerichtet. Politisch und strukturell aber geht nichts voran. Russland mag am Mittwoch zwar Obamas Foreign-Fighter-Resolution zustimmen, aber ein gemeinsames Vorgehen, um den Bürgerkrieg in Syrien zu beenden – also Assad und den IS gleichermassen zu schlagen – das ist utopisch. 

Wie sehr Wunsch und Wirklichkeit in der Gegenwart auseinanderklaffen, das wird am Montag deutlich, als Bill und Hillary Clinton in New York zum Stelldichein in die heile Welt bitten: Seit einigen Jahren findet jeweils zu Beginn der UNO-Woche das Treffen der Clinton Global Initiative statt, also der Familienstiftung, die weltweit das Gute fördert: Wasserversorgung, Bildung, Gleichberechtigung und so weiter. Es ist ein schönes, optimistisches Bild von der Welt, das hier vermittelt wird: Etwas ist furchtbar schlecht und dann nehmen sich die Menschen der Sache solange an, bis es gut ist. 

«Berichten Sie uns doch mal was Positives aus Nahost!»

Bill Clinton

Ex-Präsident Bill Clinton, links, mit König Abdullah II. von Jordanien. Bild: Mark Lennihan/AP/KEYSTONE

Aber irgendwann bittet Bill Clinton den jordanischen König Abdullah II. auf die Bühne. «Berichten Sie uns doch mal was Positives aus Nahost!», muntert der Ex-Präsident den König auf. Im Publikum lachen sie. Und Abdullah sagt, na ja, er habe früher immer gesagt, dass es schlimmer nicht werden könne. Das sage er jetzt nicht mehr. Dann redet er über die Flüchtlingsproblematik. Und über den IS: «Das ist nicht mehr nur ein Kampf, den wir im Nahen Osten führen, das ist ein globaler Kampf, das geht uns alle an.» Wenige Stunden später fliegt die arabisch-amerikanische Koalition ihren ersten Einsatz in Syrien. Darunter auch jordanische Kampfjets.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • zombie1969 23.09.2014 11:37
    Highlight Das kleine Israel muss sich behaupten in einer Region, wo sich regelmässig die Tore der Hölle öffnen. Einmal nicht wachsam sein, und schon könnte es gewesen sein.
    Israel ist angewiesen auf sein herausragendes Militär und die ausgezeichnete Geheimdienstarbeit. Israel kann sich letztlich auf niemanden verlassen als auf sich selbst.
    Die Willenskraft und der Behauptungswille in einer feindlich gesinnten Umwelt, die Fähigkeit trotz aller Widrigkeiten, einen funktionierenden Staat nach demokratisch-rechtsstaatlichen Grundsätzen aufzubauen, beeindruckt immer wieder aufs Neue.
    7 3 Melden

Spielball der Mächte: Weshalb der Syrien-Konflikt in erster Linie ein Stellvertreterkrieg ist

Die westliche Berichterstattung über den Syrien-Konflikt sei einseitig, unreflektiert und spiegle die Interessen der Industriemächte, schreibt der langjährige SRF-Korrespondent Helmut Scheben. Dabei gehe oft vergessen, dass am Anfang des syrischen «Bürgerkriegs» ein Kampf um die Vormacht im globalen Energiemarkt stand.

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