Islamischer Staat (IS)

Brett, ein 28-jähriger Amerikaner, hat sich im Nordirak einer radikalchristlichen Miliz angeschlossen. Bild: STRINGER/REUTERS

Christliche Miliz vs. IS

Westliche Kämpfer im Irak – Der Kreuzritter von al-Qosh

Eine kleine christliche Miliz hält im Nordirak gegen die IS-Dschihadisten die Stellung. Brett, ein amerikanischer Ex-Soldat, rekrutiert für die Christen andere Kämpfer aus westlichen Ländern – mit Erfolg.

19.02.15, 13:58 19.02.15, 14:13

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Ein Maschinengewehr ist auf Bretts linken Arm tätowiert, auf seinem rechten ein Jesus mit Dornenkrone, dem das Blut über das Gesicht strömt. Brett, 28, bezeichnet sich selbst spöttisch als «Kreuzritter».

Der Amerikaner kämpft seit kurzem für eine radikal-christliche Miliz im Nordirak. Sie nennt sich «Dwekh Nawsha», Selbstaufopferung auf Assyrisch, einer Sprache, die dem Alt-Aramäisch verwandt ist, das Jesus gesprochen haben soll. «Dwekh Nawsha» besteht aus insgesamt 100 bis 300 Kämpfern.

Brett ist es bereits gelungen, fünf Westler für die Miliz zu rekrutieren – Amerikaner, Briten, Kanadier. Das Bild zeigt sie beim Selfie. Alle fünf waren früher beim Militär oder bei Sicherheitsdiensten. Bild: STRINGER/REUTERS

Die Assyrer sind eine von vielen verschiedenen christlichen Glaubensgemeinschaften, die es im Irak und in Syrien gibt. Viele von ihnen haben inzwischen ebenfalls eigene kleine Milizen gebildet. Wo die staatlichen Strukturen in den beiden Bürgerkriegsländern zerfallen, wird zunehmend die Konfessions- oder Ethnienzugehörigkeit wichtig.

«Ich kämpfe hier für ein Volk und für einen Glauben.»

Brett

In seiner Tasche hat er eine abgewetzte Bibel, die er schon von 2006 bis 2007 dabei hatte: Damals war er als amerikanischer Soldat in Bagdad stationiert.

Brett rekrutiert Ausländer für die Christen-Miliz

Nun ist Brett auf Privatmission im Irak unterwegs: Er hat es sich zum Ziel gemacht, Ausländer für die «Dwekh Nawsha»-Miliz zu rekrutieren. Für ihn ist das, was sich im Irak abspielt, ein biblischer Krieg zwischen Gut und Böse. Er ist der einzige aus seiner Familie, der in den Irak gereist ist.

Insgesamt mischen Zehntausende Ausländer in den Bürgerkriegen im Irak und in Syrien mit. Die meisten von ihnen haben sich den grössten Gruppen angeschlossen: Der radikalsunnitischen Miliz «Islamischer Staat» oder radikalschiitischen Milizen. Einige kämpfen für die kurdischen Milizen und wohl kaum mehr als ein paar Dutzend haben sich den radikalchristlichen Kämpfern angeschlossen, so wie Brett.

Auch eine westliche Frau hat sich der «Dwekh Nawsha»-Miliz angeschlossen. Sie will ihren Namen nicht nennen, verrät aber, dass sie sich entschied, in den Irak zu reisen, als sie die kurdischen Kämpferinnen sah. Sie kämpfe zwar nicht, doch könne sie sich mit den «traditionellen Werten» der assyrischen Miliz «Dwekh Nawsha» identifizieren. Bild: STRINGER/REUTERS

Sein erster Rekrut war Louis Park, ein stiller Amerikaner aus Texas, der sich Kautabak in den Mund schiebt. Wie Brett war auch er bei der US-Armee. Erst im Dezember hatte er gekündigt und war zurück nach Texas gezogen.

«Ich habe mich nicht gut an die Friedenszeiten gewöhnen können. Ich wollte wieder raus.» 

Louis Park

In der US-Armee hatte er keine Perspektiven mehr: Louis Park waren nach einem Afghanistan-Einsatz eine posttraumatische Belastungsstörung und «ein paar andere Dinge» attestiert worden, wie er sagt.

Viele seiner Rekruten sind rechtskonservative Ex-Militärs

Brett hat bisher fünf Freiwillige rekrutiert – Amerikaner, Kanadier und Briten. Alle von ihnen, sagt er, hätten Erfahrung in der Armee oder in anderen Sicherheitskräften. Viele stammen aus dem fundamentalistisch-christlichen, rechten Spektrum.

Andrew, ein älterer Mann aus Ontario, sagt, dass er in den Irak gereist ist, nachdem er von den «Schlachthäusern» gehört habe. In manchen rechten Kreisen in Nordamerika zirkuliert das Gerücht, dass Islamisten im Irak Schlachthäuser für Menschen eingerichtet hätten, um Organe von vermeintlich Ungläubigen zu «ernten» und zu verkaufen.

Solche Gerüchte tauchen in vielen Bürgerkriegen auf, um die jeweilige Gegenseite zu diskreditieren. Bisher gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass es solche Einrichtungen gibt. Und rätselhaft ist auch, wie die Kühlkette für die Organe zwischen Entnahme und Implantation funktionieren sollte. Doch Andrew glaubt die Gerüchte bereitwillig.

Scott aus Kanada hatte sich ursprünglich der syrisch-kurdischen Miliz YPG anschliessen wollen, bis ihm klar wurde, dass es sich dabei um eine linke Gruppe handelte – «verdammte Rote». Also schloss er sich den rechtskonservativen Christenkämpfern im Irak an. Bild: STRINGER/REUTERS

Scott hat sieben Jahre in der US-Armee gedient. Er sagt, er habe ursprünglich mit den syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kämpfen wollen, einem Ableger der türkisch-kurdischen Arbeiterpartei PKK. Doch dann habe er bemerkt, dass die YPG «ein Haufen verfluchter Roter» sei: Die sozialistisch angehauchte Miliz war ihm zu links, also ging er lieber zur rechtskonservativen assyrischen Miliz.

Kämpfe erleben die Männer kaum. Die kleine «Dwekh Nawsha»-Miliz hält die Stellung in al-Qosh, einem Dorf im Nordirak, in dem hauptsächlich christliche Iraker wohnten. Die meisten von ihnen sind längst geflohen. Sollte der «Islamische Staat» doch noch anrücken, will «Dwekh Nawsha» das Dorf verteidigen.

(ras/AFP/Reuters)

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