Klima

Delegierte auf der Klimatagung in Lima: «Die alten Lager sind obsolet geworden.» Bild: ENRIQUE CASTRO-MENDIVIL/REUTERS

Uno-Klimatagung in Lima

Die heimliche Veränderung der Welt

Am Ende herrscht Entsetzen: Die Uno-Klimatagung in Peru hat sich nicht auf konkrete Schritte zur Minderung der Treibhausgase einigen können. Und doch hat sie die Welt entscheidend verändert.

14.12.14, 12:15 14.12.14, 13:01

Axel Bojanowski / Spiegel Online

Ein Artikel von

Nur noch 362 Tage bleiben. In 362 Tagen will die Gemeinschaft aller Staaten in Paris einen Vertrag schliessen, der die erwartete Erwärmung des Klimas bremsen soll. Die entscheidenden Voraussetzungen dafür sollten in der peruanischen Hauptstadt Lima in den vergangenen zwei Wochen geschaffen werden. Doch nun herrscht Entsetzen.

Nach dem Ende der Uno-Klimakonferenz von Lima, die sogar noch um zwei Tage verlängert werden musste, haben manche die Hoffnung aufgegeben: «Wir rasen mit Vollgas in eine vier Grad wärmere Welt», schimpft etwa ein Vertreter der Südseeinsel Tuvalu angesichts des Gipfelbeschlusses.

«Die Lima Konferenz war eine Verschwendung von Zeit und Energie», sagt Regine Günther vom WWF. «Mit solchen Beschlüssen werden wir den Klimawandel nicht eindämmen», sagte der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Kaum ein Staat befände sich auf dem Weg in eine klimafreundliche Zukunft. «Lima setzt ein falsches Signal: Alle können die Atmosphäre ungestört weiter aufheizen», kommentiert er.

«Die Lima Konferenz war eine Verschwendung von Zeit und Energie»

Regine Günther vom WWF

Die wichtigsten Ergebnisse von Lima sind:

Greenpeace zur Klimatagung in Peru. Bild: Rodrigo Abd/AP/KEYSTONE

Damit hat die Lima-Konferenz ihr entscheidendes Ziel verfehlt: Eigentlich sollten präzise Umrisse eines Weltklimavertrags für Paris entstehen. Deutlich werden sollte, mit welchen Massnahmen der Treibhausgasausstoss bis 2030 seinen Höhepunkt erreichen kann.

Stattdessen ist das Lima-Dokument allenfalls eine Einladung, sich konkrete Beiträge zum Klimaschutz zu überlegen. Die schwierigen Entscheidungen wurden nach Paris verschoben. «Der Frage, wie man diese Klimaschutzangebote auf Fairness überprüfen könnte, sind die Regierungen auch in Lima wieder ausgewichen», sagt Jan Kowalzig von Oxfam.

Kampf gegen die Klimaerwärmung verloren?

Und was geschehen soll, wenn die Klimaschutzbeiträge der Länder nicht ausreichen, um die globale Erwärmung unter der vereinbarten Grenze von zwei Grad Celsius zu halten, bleibt auch nach Lima unklar. Ist der Kampf gegen die Klimaerwärmung jetzt verloren?

«Alles im grünen Bereich», beruhigt Reimund Schwarze, Klimaökonom vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ, ein langjähriger Beobachter der Klimapolitik. Die Ergebnisse von Lima seien auf den ersten Blick zwar dürftig. Aber unterschwellig habe sich Erstaunliches getan. Und tatsächlich: Bei genauerer Betrachtung hat sich in Lima in gewisser Weise die Welt verändert.

Das Lima-Dokument ermöglicht den Industrienationen Unterstützung: Es wird nicht mehr strikt unterschieden zwischen Industrie- und Entwicklungsländern- damit wird nun angedeutet, dass alle Staaten zum Klimaschutz beitragen sollten.

War's doch langweilig in Lima? Bild: ENRIQUE CASTRO-MENDIVIL/REUTERS

Die Industriestaaten liessen sich aber nicht darauf ein, einen konkreten Plan für das Aufstocken der Zahlungen für Klimaschutzmassnahmen zu erstellen. Auch eine historische Schuld aufgrund ihrer CO2-Emissionen seit Beginn der Industrialisierung gegenüber der weniger entwickelten Welt bleibt unerwähnt.

«Entscheidendes bewegt»

Wirtschaftsmächte wie China oder Indien, die auf Klimakonferenzen weiterhin als Entwicklungsstaaten gelten, gehören mittlerweile zu den grössten CO2-Verursachern. Die «schematische Unterscheidung zwischen Industrie- und Entwicklungsländern» müsse aufhören, hatte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in Lima gefordert.

«In dieser Hinsicht hat sich in Lima tatsächlich Entscheidendes bewegt», meint Klimaökonom Schwarze. Die scharfe Trennung der Welt sei gebröckelt, nicht mehr nur Industrieländer würden sich zum Klimaschutz bekennen. «Die alten Lager sind obsolet geworden», sagt der Experte. Tatsächlich haben die wichtigsten Schwellenländer China, Brasilien, Indien und Indonesien erklärt, erhebliche Anstrengungen gegen die erwartete Klimaerwärmung unternehmen zu wollen.

Die Gruppen jener Länder, die auf einer Zweiteilung der Welt beharrten, gingen erheblich geschwächt aus Lima heraus, betont Schwarze. Die finale Fehde in Lima zwischen den USA und China sieht er als taktisches Manöver: China wolle das Vertrauen der Entwicklungsländer nicht verspielen, deren Anführer es immer war.

Verständnis der Bedrohten

Selbst die vom Klimawandel wohl am meisten bedrohten Staaten der flach über dem Meeresspiegel liegenden Inselstaaten stimmten in Lima frühzeitig für die Vorschläge der Industrienationen. Sie vertrauen in ein zweigleisiges Programm: Dass 2015 in Paris eine konsequente Minderung der CO2-Emissionen beschlossen wird. Und dass 2016 Kompensationszahlungen für Umweltschäden wieder auf die Tagesordnung kommen - das heikle Thema war 2013 vertagt worden, um Abstimmungen zu vereinfachen.

Oder ermüdend? Bild: ENRIQUE CASTRO-MENDIVIL/REUTERS

Gleichwohl versuchten in Lima drei Gruppen die Zweiteilung der Welt aufrechtzuhalten: Eine Sammlung afrikanischer Staaten, die «am wenigsten entwickelten Staaten» und die «Gruppe der Gleichgesinnten». Bis zum Schluss forderten sie Entschädigungen der Industrienationen für angebliche Schäden durch den Klimawandel. Vergeblich.

Am härtesten kämpften sie dafür, dass die Klimafonds aufgestockt werden. 100 Milliarden Euro pro Jahr sollen ab 2020 fliessen, um Folgen des Klimawandels abzumildern. Bislang sind erst zehn Milliarden zusammengekommen, was in Lima regelrechte Wutausbrüche bei Delegierten von Entwicklungsländern auslöste.

Wutausbrüche

Allerdings hatte Uno-Chef Ban Ki Moon stets betont, dass ein Grossteil der Summe aus der Privatwirtschaft kommen solle — nachdem staatliche Gelder die Grundlage für Investitionen gelegt hätten. «Das hätte in Lima klarer gesagt werden müssen», meint Schwarze.

Dem dürren Beschluss von Lima zum Trotz hat sich die Uno-Klimakonferenz also in ihr entscheidendes Jahr gerettet. Neues Vorgehen soll den Klimaschutz beflügeln: Statt den Staaten Ziele aufzuzwingen, kann jeder nun freiwillige Klimaschutzziele vorschlagen. Es sollen Methoden entwickelt werden, die Massnahmen bewerten zu können. Zudem sollen ab sofort Massnahmen ergriffen werden, nicht erst ab 2020.

Doch diese Perspektiven allein genügten diversen Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas nicht, die bis zum Schluss versucht haben, den Beschluss von Lima zu ändern. Ihnen bleibt nur die Hoffnung auf Paris.

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
4Alle Kommentare anzeigen
4
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
  • Zeit_Genosse 14.12.2014 16:40
    Highlight Versucht einfach mal weniger Far-East-China-Ware zu kaufen. Nicht die Politiker verändern die Welt, sondern die Konsumenten. Aber da ist sich auch jeder selbst der nächste, wie bei den Politikern, hinter deren Rollen auch nur ängstliche und unsichere Menschen stecken.
    0 0 Melden
  • Gelöschter Benutzer 14.12.2014 14:23
    Highlight die rechtspopulistischen abzocker und weltzerstörer sind sich mal wieder einig.
    2 0 Melden
  • Der Tom 14.12.2014 13:23
    Highlight Och jetzt wo doch das Öl so schön günstig ist und das fracking so richtig in Schwung kommt kann man doch nicht einfach auf etwas anderes umsteigen. Das mit der Braunkohle bringt doch auch so schön viel Geld und Arbeitsplätze. Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann. Das hat schon der Indianer mal gesagt. Er hatte recht und das wissen alle aber was geht uns das an? Es betrifft ja erst die nächsten Generationen. Vielleicht müsste die Lebenserwartung verdreifacht werden...
    3 0 Melden
    • jamaika 14.12.2014 15:13
      Highlight Es interessiert wirklich keiner, der viel "Kohle" macht !!!
      Hat es noch nie......!!!! Geld regiert auch wenn alles auf andere auf der Strecke bleibt.
      Scheisse.....der Mensch....tickt völlig in eine falsche Richtung und das seit beginn der Menschheit !!!!
      2 0 Melden

Ganz ohne Plastiksäckli: In Zürich öffnet der erste Zero-Waste-Laden der Deutschschweiz

In Zürich eröffnet der erste Laden ganz ohne Abfall. Wer was kaufen will, muss seinen eigenen Behälter mitnehmen, auch für Nudeln, Reis oder Alkohol. «Zero Waste» heisst die Philosophie und steht ganz im Zeichen der Kreislaufwirtschaft. 

Rüebli, Kartoffeln, Nudeln oder Seife, im Foifi, dem ersten Zero-Waste-Lasten in Zürich, findet man eigentlich alles – ausser eben Plastiksäckli. Der neue Laden steht ganz im Zeichen der Kreislaufwirtschaft und setzt sich zum Ziel, keinen Abfall zu produzieren. Der Durchschnittsschweizer produziert im Jahr 344 Kilogramm Abfall – viel zu viel, finden die Betreiber des «Foifi». Der Name ist ein Vermerk auf die fünf Axiome von Zero Waste, aber auch eine Liebeserklärung an den Zürcher …

Artikel lesen