Kobane

Beratungen im Weissen Haus: Barack Obama mit Chuck Hagel (l.) und Martin Dempsey (r.). Bild: EPA/ISP pool /Black Star

«Es bleibt eine schwierige Mission»

Kampf gegen IS: Obama bittet um Geduld

Die USA fliegen wieder Luftangriffe auf IS-Stellungen in der Nähe von Kobane - gestehen aber auch ein, dass diese allein die Milizen wohl nicht aufhalten werden. Der Konflikt könne nicht «über Nacht gelöst werden», sagte US-Präsident Barack Obama. 

09.10.14, 03:48 09.10.14, 08:13

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Seit drei Wochen befindet sich die kurdische Grenzstadt Kobane (arabisch: Ain al-Arab) in Nordsyrien im Klammergriff der Kämpfer des «Islamischen Staats» (IS) - trotz der Luftangriffe der von den USA angeführten internationalen Koalition. Nach langwierigen Gefechten vor den Toren der Stadt hat sich der Kampf inzwischen in die Strassen verlagert.

«Es bleibt eine schwierige Mission», sagte Obama am Mittwoch nach Beratungen mit Verteidigungsminister Chuck Hagel, Generalstabschef Martin Dempsey und anderen ranghohen Militärvertretern im Pentagon. «Ich habe von Beginn an gesagt, dass dies nicht etwas ist, was über Nacht gelöst werden kann.» Die «gute Nachricht» sei, dass es einen «breiten Konsens im Nahen Osten und unter den Nationen der Welt» gebe, dass die IS-Miliz den Frieden und die globale Sicherheit bedrohe. 

«Ich habe von Beginn an gesagt, dass dies nicht etwas ist, was über Nacht gelöst werden kann.»

Barack Obama

Wenige Stunden zuvor hatte das kanadische Parlament einem Militäreinsatz im Kampf gegen die Dschihadistengruppe zugestimmt. Und im Irak flogen in der Nacht auf Donnerstag erstmals auch australische Soldaten Luftangriffe auf Stellungen der Terrormiliz. 

Rauch über Kobane nach einem Luftschlag. Bild: AFP

Kurden behalten laut USA Kontrolle über Kobane 

Die US-Armee hat Angaben der Kurden im Norden Syriens bestätigt, nach denen die umkämpfte Stadt Kobane weiterhin in der Kontrolle der kurdischen Einheiten ist. Die kurdischen Kampfgruppen kontrollierten «den grössten Teil» von Kobane und leisteten dem IS Widerstand.

Das US-Militär habe gemeinsam mit Jordanien am Mittwoch acht Luftangriffe auf mutmassliche Stellungen der Extremistengruppe Islamischer Staat (IS) nahe der Grenze zur Türkei geflogen, teilte das US-Militärkommando Centcom in der Nacht zum Donnerstag mit. Unter anderem wurden gepanzerte Fahrzeuge, ein Nachschubdepot sowie ein Kommandozentrum und Baracken der IS zerstört. (sda/afp/dpa)

«Auch andere Städte werden wahrscheinlich fallen»

Das US-Verteidigungsministerium hatte vor Obamas Besuch allerdings die nüchterne Einschätzung abgegeben, dass Luftangriffe wohl nicht ausreichen werden, um die drohende Eroberung der nordsyrischen Stadt Kobane zu verhindern. «Luftangriffe alleine werden die Stadt Kobane nicht retten», sagte Pentagon-Sprecher John Kirby. Auch andere Städte würden wahrscheinlich noch unter die Kontrolle der Dschihadisten fallen. Im syrischen Bürgerkrieg fehle derzeit ein «williger, fähiger, effektiver Partner», um es mit der IS-Miliz am Boden aufzunehmen. «Das ist einfach Fakt», sagte Kirby. 

«Luftangriffe alleine werden die Stadt Kobane nicht retten»

Pentagon-Sprecher John Kirby

Am Mittwochmorgen hatte es zunächst Berichte gegeben, wonach sich die Terrormiliz nach amerikanischen Luftangriffen aus Teilen der Stadt zurückgezogen habe. Am Mittwochabend berichtete die syrische Kurden-Partei PYD, dass es den Dschihadisten gelungen sei, mehrere Gebäude am Ostrand Kobanes zu besetzen. Auch die Nachrichtenagenturen Reuters und AFP meldeten, die IS-Milizen rückten mit Panzern in Richtung Stadtzentrum vor. Diese Berichte sind jedoch nicht bestätigt - die genauen Bewegungen der Terrormilizen bleiben damit weitgehend unklar. 

Die kurdischen Widerstandskämpfer sind den Dschihadisten heillos militärisch unterlegen. In einem dringenden Appell baten sie die internationale Gemeinschaft um die Lieferung schwerer Waffen

So griff der IS die Stadt Kobane an. Die Lage ist mittlerweile sehr unübersichtlich. Bild: watson/melanie gath

Das Weisse Haus drängt darauf, die Trainings- und Ausrüstungsmission für die als gemässigten syrischen Rebellen in Saudi-Arabien zu beginnen. Allerdings dürfte es von da an noch weitere Monate dauern, bis die ausgebildeten Kämpfer sich den Islamisten stellen können. 

Pufferzone für Flüchtlinge im Grenzgebiet gefordert

In Folge der blutigen Entscheidungsschlacht um das strategisch bedeutsame Kobane waren Millionen Menschen in Richtung Norden über die türkische Grenze geflohen. Die USA und Grossbritannien haben unter diesen Vorzeichen nun selbst die von Frankreich und der Türkei geforderte Pufferzone für Flüchtlinge in den Kurdengebieten an der türkisch-syrischen Grenze ins Spiel gebracht. 

Der Vorschlag aus Ankara sei es «wert, sehr, sehr genau geprüft zu werden», sagte US-Aussenminister John Kerry. Auch sein britischer Amtskollege Philip Hammond sagte bei dem Treffen mit Kerry, die Idee einer Pufferzone sei noch nicht vom Tisch. Kurz darauf ruderte das Weisse Haus jedoch leicht zurück: US-Präsidentensprecher Josh Earnest sagte, eine Pufferzone sei zumindest «nichts, worüber im Moment nachgedacht» werde. 

Kurden an der Grenze festgenommen

Derweil zeichnet sich eine neue Entwicklung an der türkischen Grenze ab: Laut einem Medienbericht will die Türkei vermeiden, dass Kämpfer der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) innerhalb des Flüchtlingsstroms aus Kobane in das Land einreisen. Wie Zeit Online unter Berufung auf türkische Behördenangaben berichtet, sollen mehr als 260 Kurden an der türkisch-syrischen Grenze festgenommen worden sein. Sie würden festgehalten, um ihre Identität zu überprüfen, zitiert das Nachrichtenportal einen Behördenvertreter in der türkischen Grenzstadt Suruç. «Wer jetzt noch von der anderen Seite der Grenze herüberkommt, gehört entweder zur PKK oder zu YPG.» 

An der Grenze sind mehr als 260 Kurden festgenommen worden. Bild: AFP

Während sich die heftigsten Gefechte auf den syrisch-türkischen Grenzbereich konzentrieren, hat der Bürgermeister der nordirakischen Stadt Erbil auf die Notlage in der Kurden-Metropole aufmerksam gemacht. Er forderte Deutschland auf, mehr Hilfe zu leisten. «Wir versuchen unser Bestes zu geben, aber wir sind am Rande unserer Möglichkeiten», sagte Nihad Latif Kodscha der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin. Bald würde die Temperatur in der Stadt mit rund 300.000 Flüchtlingen auf bis zu minus zehn Grad sinken - es werden zudem Seuchen befürchtet. 

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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