Kobane

Schlacht um Kobane

Das sind die Zuschauer des Todes

Tausende Flüchtlinge aus Kobane harren auf den Hügeln auf der türkischen Seite der Grenze aus, um die Gefechte in Syrien zu beobachten. Sie wissen: Ihre Heimat ist verloren.

09.10.14, 06:53 09.10.14, 12:59

Hasnain Kazim, Suruc / spiegel online

Ein Artikel von

Als wieder das Grollen eines Kampfjets zu hören ist, starren alle in den Himmel. Ein paar Wolken schweben dort, ansonsten alles blau. Die Maschine ist nirgendwo zu sehen. Das Donnern des Triebwerks wird immer lauter, plötzlich explodiert etwas in Kobane. Eine dicke, schwarze Rauchwolke steigt auf. «Endlich», sagt Abdul.

Das Flugzeug ist so klein und so schnell wieder weg, dass niemand es entdeckt. Trotzdem brandet Applaus auf, ein paar Dutzend Männer jubeln, recken beide Arme in die Höhe, die Finger als Victory-Zeichen. Dann hocken sie sich wieder hin und halten sich zum Schutz vor der gleissenden Sonne die Hand über die Augen. Manche haben Ferngläser dabei. Sie alle beobachten, was in ihrer syrischen Heimatstadt Kobane geschieht, ein paar hundert Meter vor ihren Augen und doch in einer anderen Welt.

Abdul, 20, arbeitete bis vor einigen Monaten als Uhrmacher in Kobane. Seine Eltern flüchteten vor ein paar Wochen in die türkische Stadt Sanliurfa, ein paar Kilometer nördlich von Kobane, als Gerüchte die Runde machten, IS-Kämpfer rückten an. Abdul blieb und kämpfte.

«Du bist zu jung zum Sterben»

«Wir hatten nur alte Gewehre, während der IS mit modernen Waffen vorrückte. Aber wir verteidigten jedes Haus, jede Strasse, bis wir keine Munition mehr hatten. Manchmal schafften wir es sogar, Gebiete zurückzuerobern», erzählt Abdul. Aber dann schickte ihn ein Kommandeur der kurdischen Volksverteidigungseinheit (YPG), des syrischen Ablegers der verbotenen kurdischen PKK, vor drei Tagen weg. «Er sagte mir: ‹Du bist zu jung zum Sterben. Geh zu deinen Eltern in die Türkei!› Also ging ich.»

Jetzt steht er auf einem der Hügel in der türkischen Grenzstadt Suruc und ist nur noch Beobachter. Selbst das ist gefährlich: In den vergangenen Tagen verirrten sich Geschosse hierher und verletzten Menschen, ausserdem feuert die türkische Polizei gelegentlich Tränengas in die Menge, wenn ihr die Menschenansammlung zu gross wird. «Ich sehne mich danach, zurück nach Kobane zu gehen und zu kämpfen», sagt Abdul. Niemand sonst würde den Kurden in der Stadt helfen, die USA flögen ihre Luftangriffe «halbherzig und viel zu selten».

Genauso sieht es Erkan, ein IT-Student aus der türkischen Stadt Batman. Er ist auch Kurde und war noch nie in Kobane, aber er hat die Nachrichten verfolgt und möchte nun seinen «Brüdern», wie er sie nennt, zur Hilfe eilen. Kurzerhand hat er seinen Rucksack gepackt, ein paar Ersatzklamotten, ein Buch, ein paar Schokoladenriegel, das war alles. «Aber jetzt lassen uns die türkischen Soldaten nicht die Grenze nach Syrien überqueren», schimpft er. «Die stecken doch mit dem IS unter einer Decke!»

Kobane wirkt wie eine Geisterstadt

Leute wie Abdul und Erkan verbringen nun Stunden, manche Tage auf den Anhebungen und beobachten die katastrophale Lage. Auf den Hügeln westlich und östlich von Kobane, auf syrischem Boden, wehen schon die schwarzen IS-Flaggen. «Täglich kommen neue auf den Gebäuden in der Innenstadt hinzu», sagt Mehmet, ein Rentner aus Kobane, der seit Wochen in der Türkei ist und keine Absicht hat, zum Kämpfen zurückzugehen. «Zu alt», urteilt er über sich selbst. Stattdessen schreibt er in seinen Block, wann wo eine neue IS-Flagge auftaucht und welches Gebäude neue Schäden aufweist. Immer wieder blickt er durch sein Fernglas.

Kobane wirkt verlassen, wie eine Geisterstadt. Man sieht kaum Menschen, nur ein paar vereinzelte Kämpfer, die auf Dächern liegen oder hinter Hauswänden kauern. Es ist schwer zu erkennen, wer auf Seiten der YPG und wer für den IS kämpft, aber die Zuschauer scheinen es genau zu wissen. Als ein Mann vom Dach geschossen wird, jubeln sie. Wenn in YPG-dominierten Stadtteilen Schüsse zu hören sind, schnalzen sie missbilligend mit der Zunge. Flüchtlinge erzählen, es sei «so gut wie kein einziger Zivilist» mehr in Kobane und in den umliegenden Dörfern.

Es ist ein Grauen: Ständig hört man Feuergefechte, Maschinengewehrsalven, Bombenexplosionen. «Das Schlimme ist, dass wir wissen: Jetzt stirbt wieder jemand, jetzt wird wieder jemand verletzt. Und wir können nichts tun», sagt Khalid. «Wir sind Zuschauer des Todes.» Sie alle ahnen, dass die USA Kobane aufgegeben haben.

«Es ist die Hölle, man kann sich das nicht vorstellen.»

Das US-Militär wird später melden, es habe zusammen mit der jordanischen Armee bei den Luftangriffen nahe Kobane gepanzerte Fahrzeuge, ein Nachschubdepot, ein Kommandozentrum und Baracken des IS zerstört.

Die Nachricht von einem Selbstmordattentäter des IS macht die Runde: Er habe versucht, in eine Polizeistation in Kobane einzudringen, sei aber rechtzeitig von YPG-Kämpfern gestoppt und getötet wurde. Dabei sei sein Auto voller Sprengstoff explodiert. Die Dschihadisten dagegen teilen mit, dem Mann sei das Attentat gelungen. Überprüfen lässt sich das – wie die meisten Nachrichten aus Kobane – nicht.

Noch am späten Mittwochabend, als der Mond längst über Kobane steht, werden Verletzte und Tote aus dem Gefechtsgebiet nach Suruc gefahren. Die Verletzten werden in einem Lazarett behandelt, die Toten zunächst in eine Leichenhalle gebracht und später in Särgen ihren Angehörigen übergeben. Allein am Mittwoch kommen mindestens 20 Leichen aus Kobane. «Da sind noch viel mehr, aber man kann sich kaum bewegen, geschweige denn Verletzte und Tote rausbringen», sagt ein Kämpfer, der am Mittwochabend aus Kobane kommt. «Es ist die Hölle, man kann sich das nicht vorstellen.»

Ein Angriff auf die Autonomiebemühungen

Die Lage ist angespannt, in der ganzen Türkei. Weil die Regierung in Ankara lange nichts gegen den IS tat und den Terroristen den Nachschub über die Türkei sowie die medizinische Behandlung in türkischen Grenzorten ermöglichte, richtet die Wut der Kurden sich nun auch gegen Premierminister Ahmet Davutoglu und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Dabei hatten die in den vergangenen Monaten mühsam und oft in Geheimgesprächen einen Friedensprozess mit der PKK in Gang gebracht. Die repräsentiert längst nicht alle Kurden, aber dennoch wurde die Entwicklung von den meisten positiv bewertet.

Jetzt droht die PKK wieder mit Gewalt, auch weil die Türkei einen Sicherheitspuffer an der Grenze auf syrischem Boden fordert, also genau dort, wo Kobane, eine bislang friedliche kurdische Enklave, liegt. Viele Kurden fassen das als Angriff auf ihre Autonomiebemühungen auf.

Im Südosten der Türkei, in den kurdischen Gebieten, kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen, bei denen sich Kurden und Sicherheitskräfte gegenseitig die Schuld zuweisen. Seit Dienstagabend starben mindestens 19 Menschen. Allein in Diyarbakir verloren zehn Menschen bei Zusammenstössen zwischen PKK-Anhängern und IS-Sympathisanten ihr Leben.

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