Mafia & Co
Marco D'Amore und Antonio Milo

Willkommen in der Sozialbausiedlung «Vele di Scampia»: Die Mafiosi lassen es sich vor der Hochhausruine gutgehen. bild: Betafilm/ Sky 

«Gomorrha»: neue Mafia-Serie

Vergesst die Sopranos, hier sind die Savastanos

05.08.14, 12:32 05.08.14, 16:01

christian buss, spiegel online

Ein Artikel von

Mord gehört zum Geschäft – und macht doch mürbe. Die grandiose TV-Serie «Gomorrha» nach dem Bestseller von Roberto Saviano erzählt vom Geschäft der Mafia in Zeiten globalisierter Märkte. Die alten Paten sind müde, ihre Frauen übernehmen. 

Roberto Saviano: Der Verfasser von «Gomorrha», der dokumentarischen Studie über die neapolitanische Mafia. Bild: EPA

Denn Mutter ist ja nun mal die Beste. Ohne sie wäre die Familie nichts. Der Patriarch der Savastanos sitzt im Hochsicherheitstrakt, der Sohn rennt treudoof einer aufgetakelten Blondine hinterher, die er mit Geschenken überhäuft, aber wenn mal jemand erschossen werden muss, kneift der feine junge Herr. So muss Immacolata Savastano (Maria Pia Calzone) also selbst ran. Ein Geldwäscher hat die Familie betrogen, sein Tod soll Genugtuung bringen. 

Nachwuchs-Mafioso «Ciro» (Marco D'Amore) beim Autoanzünden. Bild: APA

Donna Savastano hat den Verräter ins Restaurant geladen, wo sie gerade Pasta mit Muscheln speist. Während sie kunstfertig das Fleisch aus der Schale pult, erklärt sie dem Mann, was sie von ihm erwartet: Er habe sich selbst umzubringen, dafür werde man seine Familie leben lassen. Kurze Zeit später stürzt sich der Mann aus dem Fenster. Als der viel zu weiche Mafia-Sohn später fragt, ob die Mutter einen guten Tag gehabt habe, verzerrt die nur mit Migräneblick die Augenbrauen.

Die Russen kommen

Nein, das Töten und Tötenlassen kann einem schon zusetzen. Aber der Familienbetrieb muss nun mal am Laufen gehalten werden. 

Ein echter «Soprano»-Moment, der da in der fünften Folge der italienischen Gangsterfamilienserie «Gomorrha» den Zuschauer überrascht: Mafiosi sind auch nur Menschen. Aber eben auch Geschäftsleute. Brutalität ist hier kein Zeichen von Charakterschwäche, sie ist schlicht und einfach ökonomische Notwendigkeit, um die Familientradition am Leben zu erhalten. 

Geld und Gewalt, sie bilden die beiden grossen Kraftströme, denen die Mitglieder der Savastano-Familie besser folgen, wenn sie ihre Macht nicht an andere Clans der Camorra, oder noch schlimmer: an Banden aus dem Ausland verlieren wollen.

Renn, solange du noch kannst: Ein Junge in der Sozialbausiedlung auf der Flucht. Bild: betafilm/ sky

2006 hatte der Italiener Roberto Saviano seine aufsehenerregende, dokumentarische Studie «Gomorrha» über die Umtriebe der neapolitanischen Mafia veröffentlicht, kurz danach wurde er wegen Drohungen der Camorra unter Polizeischutz gestellt. Bis heute wird er bewacht und wechselt regelmässig seinen Aufenthaltsort. 2008 kam der Film zum Buch ins Kino, in dem der Stoff als Gangsterdrama aus den eher prekären Regionen des Organisierten Verbrechens umgesetzt wurde. Im Februar dieses Jahres lieferte Saviano mit «Zero Zero Zero» eine brisante Studie zur Weltwährung Koks, auch hier spielt die italienische Mafia eine wichtige Rolle. Zwischenzeitlich entwickelte er nach weiteren Recherchen zur Camorra die Drehbücher zur Serie. Auf dem Münchner Filmfest wurden im Juni bereits zwei Folgen gezeigt, zurzeit läuft der Zwölfteiler in Italien, im Oktober startet er auch bei Sky Deutschland, im Frühjahr 2015 schliesslich bei Arte. 

Im Inneren von «Vele di Scampia»: Im Schatten ist gut Töten. bild: Betafilm/ Sky

Wie der Kinofilm startet auch die Serie «Gomorrha» im «Vele di Scampia», einem einstigen Sozialbau-Vorzeigeprojekt im Norden Neapels, das inzwischen verwahrlost ist. Im Gegensatz zum Kinofilm weitet sich der Blick aber in unterschiedlichste soziale und ökonomische Bereiche des Mafia-Hoheitsgebiets. So geht es in einer Folge um den Wettbewerb, den sich die Camorra mit eingewanderten afrikanischen Dealern liefert. In einer anderen geht es um die Russen-Mafia, die ebenfalls Einfluss in Südeuropa zu gewinnen versucht und nicht durch starre Traditionen und Ehrbegriffe in ihrem Handeln gebremst wird. 

Die prekäre Seite der Organisierten Kriminalität: Wie der Kinofilm beginnt auch die Serie «Gomorrha» in der Sozialbausiedlung - öffnet sich aber dann in ein grösseres gesellschaftliches Panorama. bild: Betafilm/ Sky

Die alten Rituale, die alten Bündnisse, die alten Verteilungsschlüssel gehen für die Filmfamilie der Savastanos nicht mehr auf. Der Clan muss sich den neuen globalen Herausforderungen stellen. Das hat zuweilen etwas von brutaler Tragikomik. 

Leider kommt der Sohn nicht nach dem Vater: Genny Savastano (Salvatore Esposito) überlässt die Drecksarbeit meist seinem Kumpel. bild: betafilm/ sky

Etwa wenn Donna Savastano mit ihrem tapsigen Nichtsnutz-Sohn zu Besuch in Mailand ist, um beim Geldwäscher Bargeld einzusammeln, damit die Familie endlich wieder den guten Stoff einkaufen kann, für den sie ihren guten Namen hat. Da spazieren die beiden durch die Stadt und die Alte zeigt auf verschiedene schicke Apartmentkomplexe, die ihnen zum Teil gehören sollen. Aber liquide ist der Clan trotzdem nicht, weil der «Anlageberater» das Kapital gerade über obskure internationale Kanäle an den Behörden vorbeispült und sie deshalb nicht herankommen. 

Die Welt ist unübersichtlich geworden, die Paten müde. Zum Glück weiss Mama, wo es langgeht.

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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