Naher Osten
Iraqi Shiite tribal fighters deploy with their weapons while chanting slogans against the al-Qaida inspired Islamic State of Iraq and the Levant (ISIL), to help the military, which defends the capital in Baghdad's Sadr City, Iraq, Friday, June 13, 2014. The tribal leaders met in Sadr city on Friday and declared their readiness along with their tribesmen to take up arms against the al-Qaida inspired group that has made advances in Iraq's Sunni heartland .(AP Photo/ Karim Kadim)

Bild: Karim Kadim/AP/KEYSTONE

Blutiger Machtkampf in Nahost

Das irakische Puzzle

Dschihadisten marschieren auf Bagdad zu, kurdische Einheiten und schiitische Milizen stellen sich entgegen. Iran verspricht der Maliki-Regierung uneingeschränkte Solidarität. Wer verfolgt welche Ziele und Interessen im Irak? 

13.06.14, 23:08 14.06.14, 16:40

Christoph Sydow / Spiegel Online

Ein Artikel von

Wer sind die ISIS-Dschihadisten und was wollen sie? 

Die Terrorgruppe «Islamischer Staat im Irak und in Syrien» (ISIS) gründete sich offiziell im April 2013. Die Organisation entstand aus dem irakischen Zweig des Terrornetzwerks al-Qaida. Inzwischen hat sich Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri jedoch von der ISIS distanziert, weil die Dschihadistengruppe in Syrien die Nusra-Front – den syrischen Ableger von al-Qaida – bekämpft. 

Anführer von ISIS ist Abu Bakr al-Bagdadi. Der Mann ist ein Phantom, nur sehr wenig ist über ihn bekannt. Er wurde Anfang der Siebzigerjahre in Bagdad oder Samarra geboren und ist seit etwa zehn Jahren in irakischen Dschihadistengruppen aktiv. Angeblich soll er die Eroberung Mossuls an vorderster Front befehligt haben. Sicherheitsexperten schätzen, dass ISIS mehr als 10'000 Kämpfer zählt – unter ihnen sind Tausende Ausländer. In den vergangenen Tagen haben die Terroristen zudem Tausende Anhänger aus irakischen Gefängnissen befreit, sie dürften die Reihen der Dschihadisten nun verstärken. 

Das erklärte Ziel von ISIS ist die Wiederrichtung des islamischen Kalifats auf dem Gebiet des Irak und Grosssyriens – dazu gehören auch der Libanon, Jordanien, Israel und Palästina. Die Gruppe hat die Gebote und Bestimmungen der islamischen Gesellschaft zu Lebzeiten des Propheten Mohammed zum Massstab ihres islamischen Staates erklärt. In den von ihr eroberten Gebieten hat ISIS drakonische Regeln erlassen. 

In den vergangenen Wochen haben die militanten Islamisten die Grenze zwischen Syrien und dem Irak auf Hunderten Kilometern Länge praktisch weggewischt – aus ihrer Sicht ein wichtiger Etappenerfolg im Kampf gegen die Grenzen, die einst von den Kolonialmächten Grossbritannien und Frankreich im Nahen Osten gezogen wurden. Auf Twitter haben ISIS-Anhänger bereits zum Sturm auf Bagdad gerufen. Die irakische Hauptstadt hat auch deshalb besonderen Symbolwert, weil dort jahrhundertelang die islamischen Kalifen residierten. 

Wie stark ist die irakische Regierung? 

Bild: Karim Kadim/AP/KEYSTONE

Ministerpräsident Nuri al-Maliki hält sich seit 2006 im Amt, stützt seine Macht aber fast ausschliesslich auf die Unterstützung der schiitischen Bevölkerungsmehrheit. Der Premier hat nichts unternommen, um die sunnitische Minderheit in den neuen Irak zu integrieren. Die Folge ist, dass der Staat die Kontrolle über die sunnitischen Bevölkerungsgebiete westlich und nördlich von Bagdad Stück für Stück verloren hat. Die einflussreichen Stammesverbände in Anbar und anderen Provinzen empfinden keinerlei Loyalität gegenüber der von Schiiten dominierten Zentralregierung. 

Die Führung in Bagdad befehligt nach eigenen Angaben mehr als 900'000 Sicherheitskräfte. Die USA hatten die Armee nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein 2003 zunächst praktisch aufgelöst – nur um in den Folgejahren schätzungsweise 14 Milliarden US-Dollar in den Neuaufbau des irakischen Militärs zu pumpen. Die Armee ist jedoch ein Scheinriese: Die Moral der Truppen ist auf dem Tiefpunkt, besonders bei jenen, die in den sunnitischen Gebieten stationiert sind. Kommandeure schilderten der «New York Times», dass in dem Gebiet um Mossul in den vergangenen Wochen pro Tag bis zu 300 Soldaten desertierten. So ist auch zu erklären, dass ISIS mit einigen Tausend Kämpfern grosse Teile des Irak einnehmen konnte. 

Welche Rolle spielen die Kurden? 

Nach dem Sturz des Saddam-Regimes hat sich die Autonome Region Kurdistan deutlich friedlicher entwickelt als der Rest des Irak. Ihre Sicherheitskräfte, die Peschmerga, sind gut ausgerüstet und hoch motiviert. Wegen der stabilen Lage haben ausländische Unternehmen in Kurdistan investiert. Inzwischen gibt es sogar eine Pipeline, mit der die Kurden ihr Erdöl zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan liefern können. Die Autonomieregierung hat begonnen, ihren wichtigsten Rohstoff zu exportieren, ohne dass die Regierung in Bagdad an den Erlösen beteiligt wird – ein weiterer Schritt zur kurdischen Unabhängigkeit. 

Der Vormarsch der ISIS gefährdet den Aufschwung in Kurdistan. Die Region muss nun nicht nur Hunderttausende arabische Flüchtlinge aufnehmen – ihre Kämpfer müssen zudem ein Vorrücken der Dschihadisten verhindern. In den vergangenen Tagen gab es bereits gescheiterte Anschlagsversuche gegen Vertreter der kurdischen Regierung. 

Was will die Türkei? 

Die Türkei hat das Erstarken der Dschihadisten in Syrien lange gefördert. Die Regierung in Ankara hoffte so auf einen schnellen Sturz des Assad-Regimes in Damaskus. Diese Hoffnung hat sich inzwischen zerschlagen, stattdessen wird ISIS zu einer Gefahr für die Sicherheit der Türkei. Das hat nicht zuletzt die Entführung türkischer Diplomaten aus dem Konsulat in Mossul gezeigt. 

Bild: STRINGER/IRAQ/REUTERS

Welche Rolle spielt Iran? 

Irans schiitisches Regime zeigt sich fest entschlossen, die sunnitischen Dschihadisten mit allen Mitteln zu bekämpfen. Das Assad-Regime in Syrien und die Maliki-Regierung in Bagdad sind die wichtigsten arabischen Verbündeten Teherans. Sie sollen daher an der Macht bleiben, das ist das oberste regionalpolitische Ziel der iranischen Führung. 

Die Regierung von Präsident Rohani hat selbst dem erklärten Erzfeind, der US-Regierung, ihre Unterstützung in Kampf gegen die Dschihadisten versprochen. Die Führung in Teheran weiss, dass Obama kein Interesse hat, in einen neuen Irak-Krieg gezogen zu werden. Offenbar spekuliert Iran darauf, dass Washington im Gegenzug für eine iranische Unterstützung im Irak zu Zugeständnissen auf anderen Feldern bereit sein könnte – etwa im Atomstreit oder in Syrien. 

Was bedeutet die Entwicklung für das syrische Regime? 

Baschar al-Assad ist der Gewinner der vergangenen Wochen. Für die USA und ihre Verbündeten hat inzwischen nicht mehr der Sturz des Diktators oberste Priorität, sondern der Kampf gegen die Dschihadisten. Assad selbst hat daran einigen Anteil: Während er gemässigte Rebellengruppen in Syrien rücksichtslos bekämpft, lässt er ISIS weitgehend unbehelligt. Das Regime hat zugesehen, wie ISIS in der eroberten Stadt Rakka im Verlauf des vergangenen Jahres einen sicheren Rückzugsort geschaffen hat, von dem aus sie ihre Eroberungszüge startete. Nun zahlt sich für Assad aus, dass er ISIS gewähren liess. 

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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