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Museum Shangri-La: Italienisches Wunderland aus Müll und Schrott

Wecker, Teddybären und Madonnen: In dem Museum Shangri-La erhob ein Italiener Schrott und Alltägliches zu Ausstellungsstücken – und zeigte auf einer riesigen Fläche mehr als zwei Millionen Objekte. Ein wunderbarer Wahnsinn!

03.11.15, 22:06

Benjamin Maack

Ein Artikel von

Er sei «für Stunden in Ekstase» gewesen, hätte sich «zwischen all diesen Objekten bewegt, die zu ihm sprachen».

Was klingt wie die Schilderung eines Anfalls von Wahnsinn in einem medizinischen Bericht, ist die Schilderung eines Museumsbesuchers durch einen italienischen Journalisten. Der Mann in Ekstase war Eugenio Montale, späterer Nobelpreisträger und schon bei diesem Besuch 1972 ein literarisches Nationalheiligtum Italiens.

Das Museum, das den Schriftsteller so begeisterte, war ein 5000 Quadratmeter grosses Stück Land, bewaldet, uneben, die Ausstellungsstücke hätte man leicht für Müll halten können.

Kaffeemühlen, Kuscheltiere, Nippes-Madonnen und etlicher anderer Kram standen dicht an dicht in herrlicher Unordnung drapiert, schmutzig von Staub, voller Spinnweben, unter mehr schlecht als recht gezimmerten Überdachungen notdürftig vor den Einflüssen der Witterung geschützt. Dennoch entfesselte dieser Ort einen Sturm von Bildern und Assoziationen in dem Lyriker, der seinen Geist lustvoll mal hierhin, dann dorthin tragen liess.

Der merkwürdige Ort hiess Shangri-La, er wurde von einem einzigen Mann gegründet und mehr als 50 Jahre geführt – als Leiter, Verwalter und Kurator war der Glockenreparateur Pietro Benzi die Seele dieses unglaublichen, unordentlichen Museums.

Das Erbe der Menschheit retten

Anfang der 60er-Jahre hatte Benzi das Gebiet nahe dem italienischen Städtchen Acqui Terme erstanden. Der Italiener war Zeit seines Lebens Umweltaktivist mit erstaunlicher Weitsicht. So sprach er sich zum Beispiel bereits damals gegen die schädlichen Wirkungen von Asbest aus, während die Allgemeinheit Jahrzehnte länger brauchte, um den gefährlichen Stoff zu verbannen. Mit Fahrrad und Anhänger, später mit einem Pritschenwagen, fuhren seine Frau und er von Hof zu Hof durch das ländliche Piemont und agitierten für den Umweltschutz. Dabei lud er alles ein, was eigentlich auf Müllkippen landen sollte. Benzi wollte nicht weniger, als «die Vergangenheit, das Erbe der Menschheit retten», erinnert sich seine Frau.

Rund 2,7 Millionen Ausstellungsstücke

Anfänglich sammelte er Werkzeuge und Maschinen. Dann dehnte er sein Interesse aus, auf Möbel, Schlüssel, Mausefallen, Marionetten und vieles mehr. Schliesslich fanden sich in Shangri-La kaputte Plastikradios neben Kopien altgriechischer Plastiken, ein hölzerner Pinocchio neben dem Bildnis des Papstes oder ein grellrotes Stofftier mit Seidenschleife neben einer alten Küchenkommode.

Es ist schwer, der Verführung zu widerstehen, die Beschreibung der Dinge in diesem «Museum» immer weiter zu führen. Das Museum beherbergte, so schätzte Benzi selbst, rund 2,7 Millionen Dinge und ist damit so übervoll mit zufälligen und gewollten Arrangements, so unglaublich weit in seinen Verweisen, so unerklärbar wie das neuronale Netz des menschlichen Gehirns – und dabei genauso schön in seiner Komplexität und Funktionalität.

Kurz: Shangri-La entzieht sich jeder Interpretation und ist zugleich offen für unendlich viele Deutungen. So wird jeder Betrachter einen anderen Horizont und seine ganz persönlichen Erfahrungen mitbringen und damit ein anderes Shangri-La sehen. Eines, das genauso weit oder speziell ist wie sein Gedanken-, Erfahrungs-, Gefühls- und Wissensschatz. Und genau das ist das Wunder dieses einzigartigen Museums.

Irren im Verweis-Labyrinth

Etliche pilgerten nach Shangri-La, um durch die Verschläge und die Schuppen, unter Bäumen und hölzernen Dächern zu wandeln, Schritt für Schritt, Gedanken für Gedanken, durch dieses verwunschene Verweis-Labyrinth zu irren. Eingeladen, alles mit allem zu vergleichen. «Es kamen Stars, coole Leute würde man heute sagen, zum Beispiel die Fussballer von Juventus Turin», erinnert sich Benzis Frau Rosa heute, im Alter von über 80 Jahren.

Der Museumsleiter Benzi selbst starb 2014 im Alter von 83 Jahren – und mit ihm die Weiterentwicklung seines Museums. Wer auch sollte diesen herrlichen Wahnsinn in seinem Sinne weiterführen? Um die Erinnerung an den Ort wach zu halten, hat der Verlag Modo mit «Shangri-La – Das Museum hinter der Brücke» einen fantastischen Band vorgelegt. Dem «Bildessay von Cosima und Klaus Schneider» gelingt damit nichts weniger als die Rettung des Werkes Benzis.

Renate Flagmeier, Kuratorin des Museums der Dinge in Berlin, nimmt Shangri-La zum Anlass, über das Sammeln nachzudenken, während der Autor und Literaturwissenschaftler Heiner Boencke mit kunstvoll verwobenen historischen Verweisen die «grösstmögliche Katastrophe» und eine «kopfstehende Welt» hineindeutet.

Die Kunstkritikerin Sandra Danicke begrüsst derweil den Humor des Zufalls und prüft Benzis Eignung zum Outsider-Künstler, während Roland Meyer, bis 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste in Berlin, über den Staub nachdenkt, der auf allen Objekten liegt.

Es ist ein Kunstwerk für sich, das die Arbeit des Museumsleiters respektvoll zitiert und dem Leser näherbringt. Etwa mit dem Bildersturm, den der mehr als 350 Seiten starke Band seinem Betrachter zumutet. Oder den Aufsätzen im letzten Teil des Buches.

Dort sind sechs kluge Essays versammelt. Die Herausgeber haben für diese Texte eine Runde illustrer Autoren mit unterschiedlichen Hintergründen gewonnen, die Benzis Dingwelt mit sechs vollkommen unterschiedlichen Thesen würdigen.

Alle folgen dabei lustvoll dem Reiz des Museums, ihre Gedanken und ihr Wissen auf der Vielfalt der Deutungsangebote spielen zu lassen. Und Pietro Benzis Shangri-La ist ein so erstaunliches Instrument, dass es jede dieser vollkommen unterschiedlichen Melodien und Spielweisen gleich schön und daseinsberechtigt erklingen lässt.

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Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.
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  • iNDone 03.11.2015 22:38
    Highlight Messie
    2 1 Melden
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Ich war «Mother!» gucken und nach zwei Stunden mit den Nerven am Ende

Schöpfung und Niedergang wird in «Mother!» in einen Mantel aus Horror gepackt und in einer alten spukhaften Villa erzählt. Das macht den Film aber nicht zu einem klassischen Horror-Film, sondern verordnet ihn mehr in die Kategorie «Was zum Teufel habe ich da eigentlich geschaut?».

Als wäre das Wort nicht schon genug bedeutungsschwanger, setzt Regisseur Aronofsky noch ein Ausrufezeichen dahinter. Wir verstehen: «Mother!» – mit Ausrufezeichen – soll also melodramatisch werden. Mother mit Ausrufezeichen kann man nämlich auch auf ganz viele verschiedene Arten aussprechen. Oder schreien: Verzweifelt, verärgert, reuig. Sie ist schliesslich Ursprung des Lebens und deshalb verantwortlich für beides: Freude und Leid.

Das tönt jetzt alles ein bisschen geschwollen und hochgekocht. …

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