Populärkultur

River Phoenix. illustration: florian burkhardt/electroboy

Auf ein paar Frozen Margaritas mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet. Prost!

Es braucht nicht viel, um ein Held zu werden. Manchmal reicht ein einziger Gang durchs Scheinwerferlicht, irgendwo in New York. Denn Berühmtsein ist nichts als ein Spiel.

21.06.15, 11:57 22.06.15, 15:08

Jeder braucht seinen Helden. Meiner ist River Phoenix. Der Schauspieler aus «My Own Private Idaho» wirkt integer, ist wunderschön und kommt aus einem Umfeld der Hippie-Kultur, die schon in den 70er-Jahren vegan lebte. Er stirbt 1993 im Alter von 23 Jahren an einer Überdosis Heroin vor dem kleinen Club von Johnny Depp, dem «Viper Room» in Hollywood. 

Drei Jahre später liege ich in genau diesem Club im Klo auf dem kalten Boden. Jemand von der Security leuchtet mir mit der Taschenlampe ins Gesicht. Eine Stimme hallt verschwommen: «Nein, er ist nur betrunken.» Ich liege, wo River lag, bevor er sich auf die Strasse schleppte und verstarb. Ich finde es spirituell. 

Weniger spirituell berührt, lerne ich ein Jahr später einen lebenden Helden kennen, einen, der als Teenager bei Andy Warhol gearbeitet hat und selbst zum berühmten Künstler herangewachsen ist: David LaChapelle. Wir sitzen in irgendeiner Kneipe in Manhattan und er meint, dass ich nicht Model bleiben dürfe, ich solle etwas «Seriöses» machen: Popstar? Ich zögere. Begeistert sagt er: «Ich produziere dich.» Doch ich habe kein Bedürfnis, «gemacht» zu werden.

«Ich sitze neben Björk, die sich über ihr Kind nervt, das nicht still sitzen will. Nach der Show pisse ich im Klo neben Lenny Kravitz und schüttle Bono artig die Hand.»

Weil David berühmt ist, sind wir am nächsten Abend an die U2-Konzertpremiere im grossen Stadion eingeladen. Es wird auf die Leinwand übertragen, wie wir uns auf die Gästetribüne setzen. Als ich ins Scheinwerferlicht trete, jubelt die Arena. Und zwar, ohne zu wissen, wer ich bin. Aber weil ich aus dieser Türe komme, bin ich es in ihren Augen nun mal, wenn auch nur für zehn Sekunden: ein Held. 

Auf der Tribüne sitze ich neben Björk, die mit weiten Augen verzückt dem Konzert lauscht und sich über ihr Kind nervt, das nicht still sitzen will. Nach der Show pisse ich im Klo neben Lenny Kravitz und schüttle Bono artig die Hand. Auf der Treppe draussen wartet müde Naomi Campbell. Der Fahrer in der Limo ist eingeschlafen. David weckt ihn mit heftigem Klopfen ans Autofenster und erzählt mir, dass wir am nächsten Tag zur Privatparty von Grace Jones gehen sollten. Falls ich will. Ich will nicht. Irgendwie fühle ich mich nicht wohl in dieser Welt, diesem exklusiven Universum voller Helden.

«Mein Running Gag war, nach einer Schweizer Zigarre zu verlangen und erstaunt die Augen aufzureissen, wenn man bedauerte, keine zu haben.»

Zwanzig Jahre später bin ich immer noch «nur» ich und freue mich, dass einige meiner alten Bekannten aus L.A. Helden geworden sind: die unscheinbare Kate Winslet, der freche Leonardo DiCaprio. Ich erinnere mich, wie wir damals regelmässig beim Mexikaner Unmengen an Frozen Margaritas getrunken haben. Und stockbesoffen durch die nächtliche Stadt der Engel cruisten. 

Wir machten uns über die Unsitten der Stadtkultur lustig, indem wir extra banal gekleidet in Luxusbars und -clubs gingen, in abgewetzten Jeans und weissem T-Shirt. Wo man dachte, dass wir Helden sein müssen, denn wer so banal daherkommt, hat es nicht nötig, sich darzustellen. Wir definierten es als das Understatement des Stars.

Mein Running Gag war, nach einer Schweizer Zigarre zu verlangen und erstaunt die Augen aufzureissen, wenn man bedauerte, keine zu haben. Es war alles ein Spiel. Und ich bin froh, ist es nur beim Spiel geblieben. 

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Brikne, 20.7.2017
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  • Michael Mettler 21.06.2015 16:43
    Highlight @eboy: normalerweise lese ich dich um mich zu nerven. Heute hatte ich Spass an deinem Text!
    1 0 Melden
    • eboy 21.06.2015 16:58
      Highlight da bin ich jetzt aber neugierig :) wieso nerven dich meine texte sonst?
      4 0 Melden
    • Michael Mettler 21.06.2015 18:48
      Highlight Ich habe gelesen was deine Lebensgeschichte war. Ich finde es wichtig das Menschen mit solchen Erfahrungen ihre Geschichte erzählen. Ich finde es hingegen schwierig die Therapie öffentlich zu machen. Und ich empfinde deine Texte als öffentliche Therapie
      1 0 Melden
    • eboy 21.06.2015 20:21
      Highlight Ich verstehe unter einer Kolumne einen persönlich geschriebenen Beitrag. Und ja, persönliches Schreiben hat wahrscheinlich oft eine therapeutische Qualität.
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  • Gelöschter Benutzer 21.06.2015 13:22
    Highlight Electroboys Beiträge kreisen stets um drei Dinge: Anekdoten aus seiner Zeit als Star, unglückliche Liebe, Angst. Das ist nicht wenig - allerdings macht es den Eindruck, als zehre er immer noch von seinem alten Leben. Dabei hat er es doch zurücklassen wollen. Oder etwa doch nicht?
    5 3 Melden
    • eboy 21.06.2015 13:43
      Highlight das ist korrekt. aber ich muss berücksichtigen, was mögliche leser von mir lesen wollen. und auch als kolumnist unterliege ich einer redaktion
      13 0 Melden
    • Pokerlady 21.06.2015 15:59
      Highlight Ich les dich gern, eboy. Auch Vergangenheit inspiriert ... resp.: Geschichten tun es. Ob von jetzt, oder früher.
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    • Gelöschter Benutzer 21.06.2015 20:32
      Highlight @eboy Danke für die Antwort auf meinen Kommentar. Ich bin gespannt auf deine weiteren Beiträge - vielleicht wagst du dich Schritt für Schritt in die Zukunft. Ich wär als "möglicher Leser" gern dabei - lieber als in deiner Vergangenheit. Und @redaktion: lasst ihn machen, meine Güte!
      5 0 Melden
    • eboy 21.06.2015 20:41
      Highlight wir werden sehen :) am mittwoch entscheidet sich, ob die Kolumne weitergeführt wird, oder ob die nächste die letzte sein wird.
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