Schule - Bildung

Gespräch über gerechte Sprache an der Universität

Der akademische Gaul wiehert kräftig und will ein X für ein XX oder ein XY vormachen. AP

ProfessorIn wird im Geschlechterkampf zu «Professix»

Heisst es StudentInnen, Studierende oder Student_innen? An den Unis tobt ein Streit um gerechte Sprache. Lann Hornscheidt vom Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität schlägt eine neue Form vor: Studierx. 

24.04.14, 20:54

Ein Artikel von

Oliver Trenkamp, Spiegel Online

Spiegel Online: Auf Ihrer Website stehen Sie als Professx Lann Hornscheidt. Ich war mir unsicher, wie ich Sie korrekt anspreche und habe es in meiner Interviewanfrage mit «Liebex» probiert. 
Hornscheidt: 
«Hallo Lann Hornscheidt» wäre eine Möglichkeit gewesen. Wenn Sie mich aber ansprechen als eine Person, die eine Professur an der Uni hat, empfinde ich Professx als die angemessene Form. Verwenden Sie nur nicht Herr oder Frau.

Warum nicht?
Ich möchte mich in der Anrede nicht als Frau oder Mann identifiziert finden. 

Nie? 
Nicht, wenn ich es mir aussuchen kann. Natürlich gibt es Zusammenhänge, in denen es Sinn macht, nach Frauen und Männern zu unterscheiden. In Deutschland ist rechtlich zum Beispiel gar kein anderer Status möglich – anders etwa als in Neuseeland. Aber ich identifiziere mich nicht mit der Zwei-Genderung. Ich kritisiere sie für ihre Normsetzungen und die Ausschlüsse, die dadurch geschaffen werden. 

Sie haben zusammen mit Ihrer AG einen Leitfaden verfasst, in dem es um geschlechtergerechte Sprache geht (hier als PDF). Als ich studiert habe, kam gerade der Gender-Unterstrich in Mode wie in Student_in, dann gab es den dynamischen Unterstrich, der irgendwo im Wort auftaucht wie in Stu_dentin. Sie schlagen jetzt unter anderem die X-Form vor – Studierx. Warum? 
Alle anderen Sprachformen wie das Binnen-I in StudentInnen oder der Unterstrich in Student_innen sagen Folgendes: Es gibt Frauen und Männer und dazwischen vielleicht noch ein paar andere Leute. Die X-Form sagt erst mal nur: Da ist eine Person. Das könnte sprachlich viel grundlegender das Geschlecht als wichtige Kategorie in Frage stellen. Das X durchkreuzt herkömmliche Personenvorstellungen. 

Bild: Keystone

Zur Person

Bild: Lann Hornscheidt

Lann Hornscheidt ...

... ist je nach Schreibweise Professorin, Profe_ssorin oder Professx für Gender Studies und skandinavistische Linguistik am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt Universität Berlin. Sie und die AG Feministisch Sprachhandeln haben einen Leitfaden entwickelt, in dem es um antidiskriminierende Sprache geht.

Aber es gibt doch Frauen und Männer. 
Natürlich, in vielen Zusammenhängen ist es wichtig, sich darauf zu beziehen, dass es Frauen und Männer gibt. Das sind wirkungsmächtige soziale Kategorien. Es brächte überhaupt nichts, alle Texte in X-Form zu schreiben. Dann würden wir Machtverhältnisse wieder unsichtbar machen. 

Wenn wir also über die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen berichten, ist es okay, über Männer und Frauen zu schreiben? 
Richtig. 

Was ist mit den biologischen Unterschieden zwischen Frauen und Männern? 
Auch in der Biologie können Sie keinen eindeutigen Schnitt machen. Bei welcher körperlichen Ausprägung fängt eine Frau an? Wo ein Mann? Das sind immer soziale Konstrukte. Aber um es ganz klar zu sagen: Es ist vollkommen in Ordnung, wenn sich Personen als Frauen oder Männer begreifen. 

Ich habe es noch nicht ganz verstanden: Wann benutze ich die X-Form? 
Wenn sich Personen zum Beispiel nicht als männlich oder weiblich verstehen und durch die tradierte Sprache nicht angesprochen fühlen. In meine Sprechstunde kommen zum Beispiel Studierx, die nicht mehr in Lehrveranstaltungen gehen, weil sie immer als Herr oder Frau Sowieso angesprochen werden und sich diskriminiert fühlen. 

Sind das nicht nur Einzelfälle? 
Nein, allein im letzten Semester haben sich zwölf Personen bei mir gemeldet, die sich diskriminiert fühlten. Es würde schon viel helfen, wenn zu Semesterbeginn gefragt würde, wie Personen angesprochen werden wollen – und dies dann respektiert und nicht hinterfragt würde. 

Bild: Shutterstock

Ich finde die X-Form kompliziert und in Texten schwer lesbar. 
Ich würde es immer wie -ix lesen, also «Professix» sprechen. Natürlich irritieren solche Formen, darum geht es ja. Überlieferte Normen in Frage zu stellen, das eigene Sprachhandeln zu hinterfragen und Sprache kreativer zu benutzen. Es ist der Versuch, etwas auszudrücken, das vorher nicht ausdrückbar war. Für Communitys, die sich nicht in der Zweier-Genderung wiederfinden, bedeuten solche Sprachformen eine grosse Erleichterung. 

Ich muss mich jetzt aber nicht Journalx nennen, der über Politikx für seine Lesx schreibt? 
Nein, wir wollen niemandem etwas vorschreiben, keine neuen Regeln aufstellen. Wir sagen nicht: So soll es sein. Wir sagen: So kann es sein. Ich habe nichts dagegen, wenn Personen sich Frau oder Mann nennen bzw. Professorin oder Professor. Wer sich aber in der Zweigeschlechtlichkeit nicht wiederfindet, soll ein anderes Angebot bekommen. 

Wir schreiben nach wie vor Studenten. Sollten wir das ändern? 
Es wäre schon ein Gewinn, wenn Sie ab und zu wenigstens eine Unterstrichform verwenden. Es gibt unzählige Untersuchungen, die zeigen: Wer das Wort Studenten liest, denkt nur an Männer. So verfestigen sich Vorstellungen und Machstrukturen. 

Professx Hornscheidt, danke für das Gespräch.

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!
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  • koala 25.04.2014 10:05
    Highlight Mann und Frau sind nunmal einfach verschieden. Die Idee von der totalen Gleichberechtigung wird durch solchen Pipifax auch nich gewährleistet! Kümmert euch lieber um die Richtigen differenzen z.B. im Lohnbereich.
    0 1 Melden
    • Tomboy 25.04.2014 20:12
      Highlight Sie behauptet doch gar nicht, dass es keine Unterschiede gäbe. Es geht darum, feste Kategorien zu öffnen, die Menschen freier zu machen von sozialen Zwängen.

      In der Sprache drückt sich ein Verständnis aus, in dem Geschlecht als wichtigste soziale Kategorie angeschaut wird, die in allen Lebensbereichen entscheidend ist. Hier anzusetzen, ist sicherlich angebracht, denn diese absolute Unterscheidung ist es, die Diskriminierung schafft.
      Statt nun das Maul aufzureissen und anderen, die etwas Gutes tun vorschreiben zu wollen, was sie (in ihren Augen) noch Besseres machen könnten, können Sie sich doch selber um Differenzen im Lohnbereich kümmern.
      1 0 Melden
    • koala 25.04.2014 22:10
      Highlight Vielen Dank für ihre Antwort! Ich muss zugestehn, dass ich dieses Interview bloss überflogen habe. Sie haben mich eben dazu bewogen, es nochmals zu lesen. In vielen Punkten liegen Sie ganz richtig , doch meinerseits führen unterschiedliche Anschriften und Suffixe nicht zwingend zu Diskriminierung. Es sind die Menschen die ständig urteilen. Um diese Formen durchzusetzen, braucht es primär vernünftige Personen. Also hoffen wir, auf eine faire besonnnene Generation von jungen Leuten. Veränderung benötigt ja bekanntlich Zeit.
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    • Tomboy 26.04.2014 00:07
      Highlight Danke <3
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  • Urs83 25.04.2014 08:17
    Highlight Hobbylose Germanisten, die in ihrer Jugend zu viel Asterix gelesen haben und aus Gründen der Nostalgie nun die deutsche Sprache ver-ix-en wollen?!
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  • Androider 24.04.2014 23:42
    Highlight Die hat ja wohl völlig einen an der Klatsche. Ich hoffe schwer, dass sich diese x-Form nie durchsetzt.
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  • Snus116 24.04.2014 21:46
    Highlight Einige dieser Feministinnen (Feministix?) übertreiben es einfach...
    1 1 Melden

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