Schweiz

Kommt intern unter Druck: SVP-Überfliegerin Karin Bertschi. Bild: screenshot/telem1

Nach den Aargauer Wahlen gerät die «neue Wunderwaffe» der SVP intern unter Beschuss

Der «Blick» widmete ihr in der heutigen Printausgabe die Seiten 2 und 3, parteiintern schlägt der frisch gewählte Recycling-Unternehmerin Karin Bertschi jedoch ein harter Wind entgegen. Auslöser sind Gerüchte, die Wynentalerin plane einen Umzug nach Wettingen. SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati spricht sogar von Wahlbetrug.

Publiziert: 29.10.16, 09:15 Aktualisiert: 29.10.16, 15:55

Urs Helbling / az Aargauer Zeitung

Die SVP-Überfliegerin: Am Sonntag stand Karin Bertschi (26) als gefeierte Wahlsiegerin im Mittelpunkt. Heute, sechs Tage später, ist sie inmitten eines Orkans – und muss sogar erklären lassen, sie werde das Amt antreten. Die Wynentalerin steht wegen Gerüchten über einen Umzug nach Wettingen in der Kritik. Und wegen ihr ist in der SVP ein offener Streit ausgebrochen. Gestern Morgen fand eine erste Krisensitzung statt, an der auch Nationalrätin Sylvia Flückiger dabei war. Für nächsten Donnerstag ist in Schlossrued eine ordentliche Bezirkspartei-Versammlung geplant. Spätestens beim Traktandum 5 «Rückblick Grossratswahlen» wird der Fall Bertschi zu reden geben. Die Bezirksparteileitung stellt sich offiziell hinter ihre neue Grossrätin. An der Basis ist aber laut verschiedenen Quellen das Unverständnis über das Umzugsthema gross.

Im Frühsommer davon geredet

Die Ausgangslage: Die Recycling-Unternehmerin Karin Bertschi nahm am letzten Wochenende ihren Freund mit an die Wahlfeiern. Gegenüber der az verriet sie nur, der Mann heisse «Sigi». Er selber scheint die Öffentlichkeit nicht zu scheuen. Siegfried Ladenbauer (43) schreibt auf seiner öffentlich einsehbaren Facebook-Seite: «In einer Beziehung mit Karin Bertschi». Er arbeitet in leitender Funktion bei der Flugsicherungsgesellschaft Skyguide. Siegfried Ladenbauer ist daran, in Wettingen an Top-Lage ein Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung zu errichten. Das Baugesuch dazu lag bis am 12. September öffentlich auf.

Die kritischen Fragen: Zieht Karin Bertschi in das Haus ihres Partners? Und seit wann hat sie Umzugspläne? Sie selber äussert sich mit Verweis auf die Privatsphäre nicht dazu. Es gibt aber Quellen, die behaupten, Bertschi habe bereits im Frühsommer – vor ihrer Nomination als Grossratskandidatin – von einem bevorstehenden Umzug gesprochen. Nur scheint das nicht bis zur Parteileitung der SVP des Bezirks Kulm durchgedrungen zu sein.

Juristisch ist der Fall einfach: Grossrätin Karin Bertschi kann jederzeit aus ihrem Wahlbezirk wegziehen und das Mandat behalten. In der letzten Legislatur machten das die zwei SVP-Politiker Maya Meier (wiedergewählt) und Wolfgang Schibler (abgewählt).

Politisch ist der Fall heikler: Denn ein Grossratssitz ist in der Wahrnehmung vieler Leute ein sehr bezirksbezogenes Mandat. Ein Wegzug ist deshalb nicht erwünscht. Schon gar nicht, wenn der Mandatsträger entsprechende Pläne bereits vor der Wahl hatte.

Grossratswahlen wiederholen

Jean-Pierre Gallati, Präsident der SVP-Fraktion im Grossen Rat, sagt zum Fall Bertschi: «Das ist ein klarer Fall von Wählerbetrug. Karin Bertschi ist eine intelligente Frau und erfolgreiche Unternehmerin. Sie weiss, welche Konsequenzen sie jetzt ziehen muss.»

Karin Bertschi erzielte am Wochenende 4796 Stimmen – über tausend mehr als der zweitbeste SVP-Gewählte. Sie gewann damit das zusätzliche Mandat der SVP praktisch im Alleingang. Fraktionschef Gallati wirft eine grundsätzliche Frage auf: «Man sollte prüfen, ob die Grossratswahlen nicht wiederholt werden müssen. Ohne die Kandidatin Karin Bertschi hätte die SVP im Bezirk Kulm den vierten Sitz wohl nicht geschafft. Möglicherweise wäre der Freisinnige Adrian Meier wiedergewählt worden. Und dies hätte auch Auswirkungen auf andere Bezirke haben können. Vielleicht hätte dann Wolfgang Schibler im Bezirk Aarau den fünften SVP-Sitz errungen und damit die Wiederwahl geschafft.»

Bezirkspartei hinter Bertschi

Bezirksparteipräsident und alt Grossrat Martin Sommerhalder hat sich gestern Morgen mit dem Wahlkampfleiter und der Nationalrätin des Bezirks getroffen: «Für uns ist klar, dass Karin Bertschi die Wahl annimmt und das Amt antritt. Alles Weitere werden wir sehen.» Sollte sie irgendwann wegziehen, werde man weiterschauen.

In der az von gestern hatte Bertschi erklärt: «Die nächsten 1,5 Jahre ist ein Wegzug aus dem Bezirk kein Thema.» So lange dauert es, bis ihr Partner das Haus erstellt hat. Kommentar der az-Leserin Patrizia Gautschi aus Reinach dazu: «Sie haben ja nicht ernsthaft das Gefühl, dass das Haus nur für eine Person gebaut wird.»

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  • dä dingsbums 30.10.2016 00:12
    Highlight Eigentlich oberoberpeinlich, wenn jemand aus der eigenen Partei sie dafür kritisiert, dass sie in Zukunft möglicherweise etwas tun könnte, was völlig legal ist und ziemlich normal ist.

    Was kommt als nächstes? Regen sich manche SVP-Männer darüber auf, dass sie zum Freund zieht obwohl sie nicht verheiratet sind?
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  • SemperFi 29.10.2016 20:29
    Highlight Popcorn!!! Amüsant, der SVP-Kindergarten 😂
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  • Thinktank 29.10.2016 20:24
    Highlight Frau Bertschi repräsentiert, wie übrigens andere junge Frauen, die für die SVP gewählt wurden, eine neue Generation von SVP Vertretern, egal ob Mann oder Frau. Wirtschaftlich erfolgreich oder unabhängig, ihrer sozialen Verantwortung bewusst, pragmatisch und respektieren ihre Heimat und haben keine Angst ihren Patriotismus zu zeigen und dafür mit persönlichem Engagement bei Militär, Feuerwehr oder Gemeindearbeit einzustehen. Sie wird auch in Zukunft von der Basis gewählt werden, egal wo sie wohnt. Wenn die SVP ihre linke Seite entdecken, akzeptieren und fördern würde, wäre sie nicht zu stoppen.
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    • SemperFi 29.10.2016 21:00
      Highlight Also eigentlich ist Frau Bertschi einfach in der falschen Partei.
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    • Taebneged 31.10.2016 17:21
      Highlight SVP und ihre linke. Der hat gesessen. Hohoho
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  • falco 29.10.2016 11:20
    Highlight Sie bewundert Pascale Bruderer - zu Christoph Blocher meint sie: "Politisch gehöre ich einer anderen Generation an". Das ist eine deutliche Abgrenzung und bemerkenswert. Da werden die SVP-Hardliner keine Freude haben. Aber man wird sie in Ruhe lassen. Sie sieht gut aus, ist erfolgreich und intelligent. Und sozial eingestellt.
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    • Fischra 29.10.2016 20:02
      Highlight Sozial ist bei der SVP kein Wahlkampfslogan. Evtl. sollte sie die Partei wechseln. Bei der SVP verkommen die guten Politiker zu Abstellfiguren.
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  • pamayer 29.10.2016 10:39
    Highlight Toll! Die SVP sägt ihre eigenen Highlights ab.
    So blöd muesch no chönne sii.
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    • c_meier 29.10.2016 12:31
      Highlight Och da mögen wohl einige ältere Herren der neuen Parlamentarierin den Erfolg nicht gönnen...
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    • pamayer 29.10.2016 16:01
      Highlight Mayer grüsst Meier:
      Ja. Sehr denkbar, da sie z.B. auch mit Flüchtlingen arbeitet. Und evtl. für die SVP etwas zu selbstbestimmt ist.
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    • patztop 29.10.2016 17:21
      Highlight "Toll! Die SVP sägt ihre eigenen Highlights ab.
      So blöd muesch no chönne sii."

      Ja, man könnte meinen, die SVP würde geradezu von Nachwuchs-Hotshots überschwemmt. Dabei ist es doch gerade das drückendste Dilemma der SVP, dass ihr diese Nachwuchstalente mit dem Potential fürs Grossformat fehlen. Also das Gegenteil von Leuten wie Erich Hess, Mauro Tuena, Natalie Rickli oder Lukas Reimann (auch wenn dieser jetzt plötzlich ein Sozi ist :-) ). Und wenn jetzt vermehrt solch vernünftige Personen zur SVP stossen, dann steht ihr die gleiche Zerreissprobe bevor wie den Republikanern in den USA.
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    • Hayek1902 30.10.2016 02:05
      Highlight patztop: selten so ein Recyclematerial gelesen. Das Problem der GOP ist ein ganz anderes und begann in den 80ern mit den diversen Flügelkämpfen. Das "Problem" der SVP ist etwa dasselbe wie jenes der SP AG mit Wehrmut. Neid und Missgunst von Lowperformern, mehr nicht.
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