Schweiz

Ignazio Cassis und FDP-Chef Bixio Caprara (l.) äussern sich am Dienstag zur Einerkandidatur. Bild: KEYSTONE/TI-PRESS

Alles spricht für Cassis – er kann sich fast nur selber schlagen

Ignazio Cassis soll nach dem Willen der Tessiner FDP in den Bundesrat gewählt werden. Seine Chancen sind exzellent. Für ihn sprechen das Fehlen einer überzeugenden Alternative und die Konstellation im Parlament.

14.07.17, 06:56 14.07.17, 11:38

Im Vatikan gibt es eine Redensart: Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus. Oder anders gesagt: Wer als Favorit für ein hohes Amt gehandelt wird, dem bleibt die Krönung häufig versagt. Diese Erkenntnis trifft nicht nur für Papstwahlen zu. Auch bei einem eher profanen Ereignis wie einer Bundesratswahl sind die Favoriten verschiedentlich gestolpert.

Ignazio Cassis ist sich dessen bewusst. Seit Didier Burkhalter vor einem Monat überraschend seinen Rücktritt aus dem Bundesrat bekannt gab, gilt der 56-jährige Arzt, Nationalrat und Chef der FDP-Bundeshausfraktion als Topfavorit für die Nachfolge. Seit Dienstag ist er dies mehr denn je. Der Vorstand der Tessiner FDP hat beschlossen, ihn als einzigen Kandidaten zu nominieren.

Bis zur Wahl, die vermutlich am 20. September stattfinden wird, sind es noch mehr als zwei Monate. Cassis muss mit Störmanövern rechnen. Vorgeworfen wird ihm seine Rolle als Krankenkassen-Lobbyist. Dennoch gibt es drei gute Gründe, warum es dieses Mal klappen und der Favorit aus Montagnola sich am Ende die Krone aufsetzen kann:

Die Taktik

Die italienische Schweiz will nach 18 Jahren zurück in die Landesregierung. Die Tessiner Freisinnigen haben deshalb frühzeitig ihren Anspruch angemeldet. Die Delegiertenversammlung dürfte die Einerkandidatur von Cassis am 1. August abnicken. Taktisch ist dies geschickt, die Tessiner sind möglichen Konkurrenten aus der Westschweiz damit um mindestens einen Schritt voraus.

Die Konzentration auf einen Kandidaten ist ebenfalls eine kluge Strategie, auch wenn der «Blick» dagegen polemisiert. Mehrere Kandidaten könnten als Zeichen der Schwäche interpretiert werden, sagte FDP-Kantonalpräsident Bixio Caprara. Oder als Jekami, denn Cassis gehört im Bundeshaus zu den Schwergewichten, während die möglichen Alternativen dort kaum bekannt sind.

Die Konkurrenz

Prominente Stimmen aus der Westschweiz haben nach Burkhalters Rücktritt zur Verteidigung seines Sitzes aufgerufen. Das Problem ist nur, dass kaum überzeugende Konkurrenten für Ignazio Cassis in Sicht sind. Offiziell beworben hat sich noch niemand. Dabei verfügt die FDP in der Romandie über vielversprechende Talente. Für sie ist die Zeit aber wohl nicht reif.

Isabelle Moret (r.) könnte Ignazio Cassis herausfordern. Bild: KEYSTONE

Der 33-jährige Walliser Nationalrat Philippe Nantermod hat verzichtet, ebenso der Neuenburger Regierungsrat und frühere Nationalrat Laurent Favre (44), der laut «NZZ am Sonntag» über grossen Rückhalt in der FDP-Fraktion verfügt. Die Walliser und die Neuenburger FDP wollen laut «Blick» den Anspruch des Tessins respektieren. Gleiches gilt für die Jurassier.

Es bleiben Freiburg und Waadt, die beide schon im Bundesrat vertreten sind, sowie Genf. Dort stehen Nationalrat Christian Lüscher und Regierungsrat Pierre Maudet im Vordergrund. Lüscher aber ist ein streitbarer Typ, der kürzlich mit seiner Attacke auf einen Journalisten für Aufsehen sorgte. Der 39-jährige Maudet soll nach dem Willen seiner Kantonalpartei als Zugpferd für die kantonalen Wahlen 2018 dienen. Er hält sich zu einer Kandidatur bislang bedeckt.

Der Freiburger Nationalrat und Bauernverbands-Direktor Jacques Bourgeois ist interessiert, aber kaum eine valable Alternative zu Ignazio Cassis. Bleibt die Waadtländer Nationalrätin Isabelle Moret, die sich bis Ende Juli entscheiden will. Bei einer Absage könnte Regierungsrätin Jacqueline de Quattro einspringen. Für beide spricht der Frauenbonus. Aber will das Parlament wirklich eine zweite Person aus der Waadt neben Guy Parmelin wählen und das Tessin desavouieren?

Die sieben bisherigen Tessiner Bundesräte

Die Wahlarithmetik

Ignazio Cassis ist kein strammer Rechter, dennoch ist die Linke nicht begeistert über seine Kandidatur. In der Debatte über die Altersvorsorge 2020 hat der FDP-Fraktionschef mit seinem forschen Vorgehen viel Geschirr zerschlagen. SP-Präsident Christian Levrat liess im Interview mit der «NZZ am Sonntag» durchblicken, dass er ein FDP-Ticket mit zwei Frauen bevorzugt.

Das Problem ist nur: Für Machtspiele à la Blocher-Abwahl fehlen der SP in der Bundesversammlung die Verbündeten. Der Anspruch der Freisinnigen auf den Burkhalter-Sitz ist trotz Spekulationen in den Medien unbestritten, insbesondere bei den Bürgerlichen. Die SVP wird ihren wichtigsten Bündnispartner in Bern nicht brüskieren, und die CVP will keine Retourkutsche riskieren.

SVP-Präsident Albert Rösti sagte dem «Tages-Anzeiger», seine Partei werde bei zwei gleichwertigen Kandidaturen den Tessiner Bewerber vorziehen. Ähnliche Wortmeldungen gibt es aus anderen Parteien. Insbesondere bei Deutschschweizer Politikern scheint die Einsicht verbreitet, dass die Svizzera Italiana nun an der Reihe ist.

So gut wie alles spricht somit dafür, dass Ignazio Cassis bald die Bezeichnung Bundesrat vor seinen Namen setzen darf. Ausser man findet eine Leiche in seinem Keller, oder er schiesst einen kapitalen Bock. Das aber ist wenig wahrscheinlich. Cassis hat bereits angekündigt, dass er sich im Abstimmungskampf über die Rentenreform zurückhalten will.

Umfrage

Wer soll Didier Burkhalter ersetzen?

  • Abstimmen

1,867 Votes zu: Wer soll Didier Burkhalter ersetzen?

  • 30%Ignazio Cassis
  • 5%Isabelle Moret
  • 1%Christan Lüscher
  • 4%Pierre Maudet
  • 2%Jacqueline de Quattro
  • 1%Raphaël Comte
  • 7%Andrea Caroni
  • 19%Karin Keller-Sutter
  • 5%Fulvio Pelli
  • 15%Hauptsache ein Tessiner
  • 2%Hauptsache ein Welscher
  • 7%Hauptsache ein Deutschschweizer

Das wird die Medien in den nächsten Wochen nicht an mehr oder weniger abseitigen Planspielchen hindern. Die Tessiner Kantonsregierung aber kann den Merlot für die Bundesratsfeier reservieren. Ohnehin trifft die oben erwähnte Redensart nicht immer zu. Joseph Ratzinger galt 2005 als Favorit für die Nachfolge von Papst Johannes Paul II. und wurde auch gewählt.

Video: srf/SDA SRF

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  • Lünchen 14.07.2017 12:23
    Highlight
    Weil es mich wunder nahm:
    Wann welcher Kanton zuletzt einen Bundesrat hatte:
    Aargau (AG) aktuell
    Bern (BE) aktuell
    Freiburg (FR) aktuell
    Waadt (VD) aktuell
    Zürich (ZH) aktuell
    Neuenburg (NE) aktuell
    Graubünden (GR) 2015
    Genf (GE) 2011
    Appenzell A.-Rh. (AR) 2010
    Wallis (VS) 2009
    Appenzell I.-Rh. (AI) 2003
    Luzern (LU) 2003
    Tessin (TI) 1999
    Solothurn (SO) 1995
    St. Gallen (SG) 1986
    Zug (ZG) 1982
    Basel-Stadt (BS) 1973
    Obwalden (OW) 1971
    Thurgau (TG) 1934
    Basel-Land (BL) 1897
    Glarus (GL) 1878
    Jura (JU) nie
    Schffhausen (SH) nie
    Nidwalden (NW) nie
    Schwyz (SZ) nie
    Uri (UR) nie
    10 0 Melden
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  • The Origin Gra 14.07.2017 09:57
    Highlight Und wieso nicht mal einen Rhätisch sprechenden Bundesrat resp. Bundesrätin?
    5 3 Melden
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  • klugundweise 14.07.2017 08:02
    Highlight Kann sein, dass er es wird.
    Aber dann muss man sich nicht fragen warum viele Schweizer immer politverdrossener sind.
    Das ist keine echte Wahl mehr und riecht extrem nach abgekartetem Spiel.
    Und Watson könnte sich doch für eine echte Alternative (junge Frau, Tessin oder Romandie) einsetzen!
    4 16 Melden
    • Hansdamp_f 14.07.2017 10:42
      Highlight Der Anspruch der FDP auf diesen Sitz ist unbestritten, ebenso, dass ein Tessiner im Bundesrat nach 18 Jahren überfällig ist. Wenn die FDP also zum Schluss gelangt, dass Cassis der mit Abstand beste Kandidat ist, gilt es das zu akzeptieren.

      Cassis ist perfekt dreisprachig, unbestritten kompetent und mit einem gut gefüllten Rucksack für diese Aufgabe. Das ewige Genörgle ist hier fehl am Platz.
      6 2 Melden
    • Alex_Steiner 14.07.2017 11:48
      Highlight @klugundweise: Warum? Wir wählen den Bundesrat nicht... die Vereinigte Bundesversammlung wählt den Bundesrat. Und warum sollten die anderen Parteien wollen, dass jemand kompetentes in den Bundesrat gewählt wird? Der Kandidat muss so langweilig wie möglich sein um wählbar zu sein.
      4 1 Melden
    • klugundweise 14.07.2017 13:00
      Highlight @hansdampf:
      1. So ganz unbestritten ist der FDP-Anspruch nicht
      2. Es gibt Kantone die hatten noch nie und Regionen schon länger nicht als der Tessin einen BR
      3. Wenn die FDP nur einen fähigen Kandidaten hat und keine geeignete Frau ist das ihr Problem
      4. Ein Einer-Ticket wird vom Parlament als Diktat empfunden.
      5. Frischer Wind täte dem BR gut.
      4 3 Melden
    600

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