Schweiz

Noch-Regierungspräsident Guy Morin. Bild: KEYSTONE

Der Wikipedia-Eintrag von Noch-Regierungspräsident Guy Morin ging auf Staatskosten

Der scheidende Regierungspräsident liess sich seinen Wikipedia-Artikel von Mitarbeitern der Basler Verwaltung gestalten. So kommt es, dass dieser im Vergleich zu Einträgen über andere Regierungsräte deutlich länger ist.

20.01.17, 10:41 20.01.17, 12:06

Samuel Hufschmid / bz Basel

Von Basler Verwaltungscomputern aus wird kräftig an der Online-Enzyklopädie Wikipedia gearbeitet. Die höchste Anzahl Veränderungen weist der Eintrag über Regierungspräsident Guy Morin auf – seit 2012 wurde innerhalb der Verwaltung insgesamt 48 Mal in die Tasten gegriffen, um den Eintrag des Grünen-Politikers zu ergänzen. Entstanden ist ein Werk von 7700 Zeichen – mehr als die doppelte Länge der Einträge, die seine Regierungskollegen betreffen (und die allesamt nicht verwaltungsintern bearbeitet wurden).

Die Veränderungen sind durchaus gewollt, wie seine Mediensprecherin Melanie Imhof auf Anfrage sagt:

«Guy Morins Wikipedia-Eintrag wurde von seinen Mitarbeitenden dann verändert, wenn der Regierungspräsident in einem Gremium eine neue Funktion bekleidet hat oder in ein neues Gremium gewählt wurde.»

Mediensprecherin Melanie imhof

Eine Überprüfung durch die «BZ» zeigt jedoch: Von der verwaltungsinternen IP-Adresse aus wurde eine umfangreiche Würdigung seines beruflichen und politischen Werdegangs vorgenommen.

Der Eintrag ist dreimal länger geworden

Die Wikipedia-Seite von Guy Morin vor (links) und nach (rechts) der Behandlung durch einen seiner Mitarbeiter. bild: bz, screenshots wikipedia

2012, noch bevor die Angestellten erstmals mitschrieben, wies Morins Eintrag ein Drittel seiner jetzigen Länge auf und entsprach in etwa dem, was heute noch über aktuelle Regierungsratsmitglieder auf Wikipedia steht: Geburtsdatum, kurze Informationen zu seiner beruflichen Laufbahn sowie diverse politische Ämter in chronologischer Reihenfolge, inklusive der Wahl in den Regierungsrat. Danach wurde er ergänzt, etwa mit der Information, dass Morin die Wiederwahl «klar vor Baschi Dürr gewann», dass er in seiner ersten Amtszeit das Kulturleitbild lancierte und «ebenso in der staatlichen Museumslandschaft einiges ins Rollen brachte».

Ein Bild von Guy Morin ist dem Wikipedia-Artikel allerdings nicht beigefügt. Bild: KEYSTONE

Einige Wochen später wurde Morins Name aus der Verwaltungsstube durch ein «Dr.» ergänzt, um nur eine Minute später von einem freiwilligen Wikipedia-Mitarbeiter wieder gelöscht zu werden (da gemäss Richtlinien Titel in Namen nicht genannt werden). Anfang 2013 fügte der Morin-Mitarbeiter an, dass seinem Chef bereits in seiner Zeit als Vorsteher des Justizdepartements die Umsetzung der «umfangreichen Regierungsreorganisation oblag».

Im Januar 2014 kam ein ganzer Absatz zum Statistik-Gesetz dazu, der «wichtige Fragen, die sich im Umfeld der statistischen Tätigkeit stellen», beantwortet. Dieser Abschnitt wurde von Wikipedia unverzüglich wieder entfernt – jedoch liess Morins Schreiberling nicht locker und fügte die Verdienste seines Chefs beim Ausarbeiten des Statistik-Gesetzes im Juni 2014 erneut und in einer verlängerten Version an. Und fügte hinzu, dass der Zeitpunkt für die Erarbeitung dieses Gesetzes «optimal» war.

Die Statistik-Errungenschaften sind der letzte amtliche Schliff, der Morins Eintrag verpasst worden ist. Seither wurde es ruhig. Dass er 2016 nicht mehr zur Wiederwahl antreten wird, vermeldete ein registrierter Wikipedia-Nutzer.

Wieso nebst dem Morin-Artikel noch drei weitere Artikel mit Personen oder Institutionen des Präsidialdepartements bearbeitet wurden, jedoch keine Artikel mit Bezug zu anderen Departementen, beantwortete die Departementssprecherin nicht. Von der Staatskanzlei heisst es, dass es in der Verwaltung derzeit keine allgemeinen Regeln bezüglich Veröffentlichungen auf Wikipedia gebe, dass aber momentan Social-Media-Richtlinien ausgearbeitet würden, die ebenfalls Informationen zum Umgang mit Wikipedia enthalten werden. 

Wieso weiss die «BZ» das alles so genau?

Wikipedia ist nicht nur die grösste Online-Enzyklopädie, sondern auch so konzipiert, dass Änderungen jederzeit nachvollzogen werden können. Bei jeder Änderung wird quasi eine neue Kopie erstellt, die alte bleibt erhalten. Diese alten Versionen können jederzeit und von allen eingesehen werden (ausser sie enthalten offensichtliche Beleidigungen oder rassistische Hetze, dann werden sie dauerhaft gelöscht). Gleichzeitig wird in der Kopie abgespeichert, wer die Änderung vorgenommen hat, bei registrierten Benutzern mit ihrem Nutzernamen, bei unregistrierten mit ihrer IP-Adresse.

Bei dieser Adresse handelt es sich um eine zehnstellige Zahl, die im Fall der Basler Verwaltung eindeutig zugeordnet werden kann. Es lässt sich jedoch nicht sagen, welcher der fast 10'000 Mitarbeiter des Kantons dahintersteckt, wie auch Morin-Sprecherin Melanie Imhof sagt. Deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass einzelne Bearbeitungen in den Texten nicht durch Morins Mitarbeiter, sondern durch andere Kantonsangestellte vorgenommen wurden.

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Brikne, 20.7.2017
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  • meine senf 20.01.2017 14:33
    Highlight Hinter der IP-Adresse können 10000 Personen stecken. Und vielleicht geschah es ja auch in der Mittagspause, so dass keine Steuergelder dafür verschwendet wurden.

    Ich glaube, es gab schon grössere Skandale.
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    • WolfCayne 20.01.2017 16:40
      Highlight Er kann dafür jemanden einstellen, der ihm diesen Eintrag schreibt. Damit sollte nicht die Kantonsverwaltung beauftragt werden. Privates von Berufliches gehört in diesem Fall getrennt.
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    • Shabina 20.01.2017 17:39
      Highlight @meine senf
      Du hast recht, von mir aus ist es der grössere Skandal, dass wir Steuerzahler dem Herrn Morin bis zur Pension einen monatlichen obulus von ca 17000.– SFr bezahlen. Dass er zusätzlich noch ein Mandat im Verwaltungsrat des FP-Spitals hat, das nochmals 20000/Jahr reinspühlt hat keinen Einfluss. Er muss schon eine viertel Million neben der "Entschädigung" verdienen, damit diese gekürzt werden kann. Wenn jemand in der Privatwirtschaft soviel verdient, bitte. Aber dass ich als Steuerzahler dafür noch aufkommen muss, das ist der Skandal!
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  • däru 20.01.2017 13:44
    Highlight Blick, bist du es?
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  • Corahund 20.01.2017 12:09
    Highlight Als einer der bestbezahlten Stadtpräsidenten der Schweiz
    mit ganz verrückt viel Arbeit in dieser kleinen Stadt ist es ja klar, dass er nicht alles selbst machen konnte.....Hauptsache das Image stimmt und die Pension
    30 12 Melden
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  • Gelöschter Benutzer 20.01.2017 12:08
    Highlight Soviel zum Thema in der Schweiz gibt es keine Propaganda und Zensur...Wenn sich Ämter schamlos auf Kosten der Steuerzahler ihre eigene Wahrheit auf Wikipedia schreiben...
    Mario Fehr in ZH hat seinen Beitrag auch reinigen lassen, bzw. vor einigen Jahren noch selber Hand angelegt...
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    • zettie94 20.01.2017 15:30
      Highlight "Ihre eigene Wahrheit"? Sofern etwas in einem Wikipedia nicht der Wahrheit entspricht oder sonst irgendwie den Richtlinien genügt, wird das jeweils ziemlich schnell wieder entfernt.
      15 4 Melden
    • SuicidalSheep 20.01.2017 16:19
      Highlight DasAuge
      Du hast nicht viel Ahnung von Wikipedia, oder?

      Wenn etwas nicht objektiv ist oder den vorhandenen Fakten entsprechend, wird dies jeweils sehr schnell rückgängig gemacht.
      18 4 Melden
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  • Linus Luchs 20.01.2017 11:22
    Highlight Aha, Guy Morin hat sich den Wikipedia-Eintrag verwaltungsintern pflegen lassen. Und jetzt?!

    Als Schneider-Ammanns "Rire c'est bon pour la santé"-Rede um die Welt ging, wurde zurecht gefragt, warum das kein Kommunikationsprofi verhindert hat. Bei hohen politischen Ämtern sollte eine professionelle und aktuelle Kommunikation selbstverständlich sein. Dazu braucht es Ressourcen. Und es müssen auch moderne Informationskanäle berücksichtigt werden, wie zum Beispiel Wikipedia.

    Mir scheint, da will jemand einen Skandal konstruieren. Eigentlich ist das eine Spezialität der Baz, nicht der bz.
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    • Gelöschter Benutzer 20.01.2017 12:09
      Highlight Ja ist auch völlig normal dass auf Staatsgelder Wikipedia-Einträge erstellt werden..Lago mio
      21 26 Melden
    • Majoras Maske 20.01.2017 12:24
      Highlight Nur ist Ammanns gefilmte Rede als Bundespräsident etwas anderes als ein persönlicher Wikipedia-Eintrag, oder nicht?
      23 7 Melden
    • Gelöschter Benutzer 20.01.2017 12:40
      Highlight Aha seit wann ist ein Wikipediaeintrag "verwaltungsintern" seit wann gehört Pflege von Enzyklopädien zu einer Aufgabe der Verwaltung??
      25 15 Melden
    • Linus Luchs 20.01.2017 13:38
      Highlight Ich erklär's euch: Wenn man mit "Alexander Tschäppät", "Doris Leuthard" oder "Christoph Blocher" googelt, wird zuoberst der Wikipedia-Eintrag angezeigt. Tausende Menschen lesen sich das durch, wenn sie nach diesen Personen recherchieren. Es ist das weltweite digitale Curriculum Vitae jedes Politikers höheren Ranges. Entsprechend relevant ist es, was da drin steht. Und deshalb werden auch in einer Stadtverwaltung Fachleute angestellt, die Kommunikation gelernt haben.
      Zudem haben Regierungsverantwortliche noch ein paar andere Verpflichtungen in der Agenda als die Pflege ihres Wikipedia-Eintrags.
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    • Maria B. 20.01.2017 13:56
      Highlight Wenn der Eintrag 3x (in Worten: dreimal) solange wie bei anderen Lokalpolitikern ist, dazu von eigens beauftragten und durch den Staat bezahlten Mitarbeitern erstellt, dann gibt es dafür eigentlich nur ein träfes Wort :

      Profilierungssucht
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    • Majoras Maske 20.01.2017 14:16
      Highlight Noch ein Nachtrag: Ich bin nicht per se dagegen, dass öffentliche Verwaltungen auch Texte auf Wikipedia schreiben, denn viele Einträge zu Dörfern würden ansonsten vermutlich gar nicht existieren. Mich stört auch nicht die "Steuerverschwendung", sondern die Tatsache, dass Herr Morin aufgrund seiner Position professionelle Unterstützung geniesst, um seinen Lebenslauf auf Wikipedia aufzubessern. Wenn das ein Politiker will, soll er das privat organisieren und wenn nötig auch selber bezahlen. Ein Kommunikationsprofi, der Bundesräte vor der Kamera berät, wäre aber etwas anderes und daher okay.
      10 3 Melden
    • Gelöschter Benutzer 20.01.2017 14:34
      Highlight @Luchs: Ja schöne Ausrede um Propaganda schön zu reden.
      Finanzieren darf es der dumme Steuerzahler. Er liest dann dafür nur gutes über seine Abzocker...
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    • Majoras Maske 20.01.2017 14:44
      Highlight Nein Linus, es ist nicht Aufgabe des Staates Wikipedia-Einträge über Politiker zu schreiben und wenn die einen gepflegteren oder geschönten Eintrag wollen, sollen sie das privat oder von mir aus mit ihrer Partei organisieren. Und das Zeitargument zählt nicht, denn das ist doch keine Herkules-Aufgabe.

      Ausserdem sollte ein Wikipedia-Eintrag sowieso von Dritten verfasst werden und nicht von einem selber. Wikipedia sollte neutral sein und niemandem als Sprachrohr dienen.
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    • Charlie Brown 20.01.2017 16:53
      Highlight @Linus: Lass die Wutbürger toben. Die kommen alle vielleicht auch einmal im digitalen Zeitalter an. Wahrscheinlich haben die noch nicht verstanden, dass es das auch früher schon gab, einfach viel aufwändiger mit professionell gestalteten Drucksachen, die von der eigenen PR-Abteilung erstellt wurden.
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    • Hinkypunk 20.01.2017 23:14
      Highlight @DasAuge

      Es steht dir frei den Wikipedia-Eintrag mit kritischen Themen zu ergänzen. Vorrausgesetzt du hast dafür eine Quelle.
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  • Luca Brasi 20.01.2017 11:21
    Highlight Unterbeschäftigte Kantonsangestellte...
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  • Majoras Maske 20.01.2017 11:04
    Highlight Dann kann man jetzt - mit Watson als Quelle - den Wikipediaeintrag vervollständigen und noch anmerken, dass der Beitrag von Basler Verwaltungsangestellten geschrieben wurde als letzte Station seines Wirkens...
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