Schweiz

Wahldebakel in Bern: Die Bürgerlichen schaufelten sich ihr eigenes Grab

Publiziert: 28.11.16, 10:59 Aktualisiert: 28.11.16, 13:21

Haben in Bern das Sagen: Nause, von Graffenried, Wyss, Teuscher und Aebersold Bild: KEYSTONE

Berns Bürgerliche haben in der Stadtregierung nichts mehr zu sagen. Für FDP und SVP ist das ein historischer Tiefpunkt. Überraschend kommt er allerdings nicht: Die beiden Parteien haben so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.

In der Minderheit sind die Bürgerlichen zwar schon seit 1992. Damals kam eine Rot-Grün-Mitte-Allianz an die Macht, die das Wahlrecht geschickt ausnutzte und mit einem Wähleranteil von nur 49 Prozent die Mehrheit der Sitze holte. Seither konnte das Bündnis mehrmals zulegen und erreicht mittlerweile fast 62 Prozent.

Die Bürgerlichen behielten aber stets Zugang zum Gemeinderatszimmer. Der stolze Berner Freisinn war dort seit Einführung des Proporzwahlrechts im Jahr 1920 Dauergast. Damit ist jetzt Schluss, ihr letzter Magistrat Alexandre Schmidt wurde am Wochenende abgewählt.

Vorwerfen kann man ihm wenig, der Baselbieter hatte seine Finanzdirektion im Griff und führte einen engagierten Wahlkampf. Doch wenn im Proporz gewählt wird, wie es nur wenige Schweizer Städte tun, dann braucht man Verbündete – und die FDP hatte diesmal nur die praktisch bedeutungslose EDU als Partnerin.

Folgenschwerer Alleingang

Denn die SVP war es leid, nur die Steigbügelhalterin des Freisinns zu sein. Als stärkste bürgerliche Kraft in Bern wollte sie endlich zurück in die Regierung und trat deshalb alleine an. Das war ein ziemlich mutiger Entscheid.

Nichts zu Lachen: Erich Hess. Bild: KEYSTONE

Für die nötigen Zugewinne beim Wähleranteil hätte die SVP nämlich zweierlei gebraucht: Attraktive Wahlthemen und überzeugende Kandidaten. Aus Sicht vieler Beobachter hatte die SVP weder das eine noch das andere. Der Dauerkampf für mehr Parkplätze und gegen die Reitschule war den Wählern wohl doch zu wenig.

Bekanntester Kandidat war der Rechtsausleger Erich Hess, der letztes Jahr überraschend Nationalrat geworden war. Ein Regierungsamt trauen ihm die Berner aber nicht zu. Dazu kamen ein gut aussehender Ex-Stadtratspräsident, ein aus Deutschland stammender Tierpark-Direktor, ein parteiloser Rocker und ein völlig unbekannter Landwirt – sie scheiterten alle grandios.

Im Nachhinein sei man immer klüger, kommentierte der SVP-Präsident den gescheiterten Alleingang. Es sei halt ein Versuch gewesen. Seinem Amtskollegen von der FDP ist auch klar, dass es den Bürgerlichen mit einer gemeinsamen Liste gereicht hätte. Über partei-interne Konsequenzen des Debakels wollte er aber nicht reden.

Nause machts vor

Wie man es besser macht, demonstrierte Reto Nause: Der CVP-Mann verteidigte seinen Sitz in der Stadtregierung einmal mehr, obwohl seine Partei in Bern praktisch inexistent ist und er von Freisinn und SVP nicht als «klassisch bürgerlich» wahrgenommen wird.

CVP-Mann Nause freut sich. Bild: KEYSTONE

Nause kümmerte das wenig, er scharte einfach die Mitte-Parteien um sich, getreu dem Motto: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Die Strategie hatte Erfolg – Nause sicherte sich das Restmandat.

Wie sehr sich die bürgerlichen Wähler von FDP und SVP entfremdet haben, zeigt die Stadtpräsidiumswahl. Viele Bürgerliche gaben lieber dem Grünen Alec von Graffenried ihre Stimme als eine der chancenlosen FDP- oder SVP-Kandidaturen zu unterstützen.

«Angst um Bern»

Er habe nicht Angst um sich, versicherte der abgewählte Freisinnige Schmidt – aber er habe Angst um die Stadt. Ein Teil der Bevölkerung werde nun nicht mehr in der Regierung vertreten sein. Dieses Interregnum dürfe höchstens vier Jahre dauern.

Rechnerisch gesehen müssten die Bürgerlichen 2020 in die Regierung zurückkehren. Aber wenn es jemand schaffen kann, sogar über diese recht tiefe Hürde zu stolpern, dann wohl die FDP und die SVP der Stadt Bern. (sda)

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  • Thinktank 28.11.2016 13:08
    Highlight Bern ist eine Failed Town, die kann man getrost den Melonen überlassen. Wenn man dereinst den Finanzausgleich stoppt oder den Hauptsitz verschiebt, wird auch dort Leistungsorientierung einkehr nehmen. Bis es soweit ist, sollen sie sich nur verdichten, begrünen und auto- und einkaufsmöglichkeitenfrei machen. Als Disneyland für Touristen gar nicht mal so falsch. In der Zwischenzeit leben die Bürgerlichen in der Agglo in ihren Einfamilienhäuschen und schoppen in den Malls mit unbegrenzten Parkplätzen und geniessen das Leben.
    27 144 Melden
    • Fabio74 28.11.2016 13:19
      Highlight Absurd, einfältig, arrogant, hochnäsig und vollkommen an de Tatsachen vorbei.
      Das Volk hat gewählt und damit ist das Verdikt zu akzeptieren!
      108 19 Melden
    • Flughund 28.11.2016 13:22
      Highlight Genau so ist es. Leider...
      13 64 Melden
    • Hoppla! 28.11.2016 13:29
      Highlight Nur ein paar Fakten:
      - Den Finanzausgleich, den du wohl ansprichst, betrifft Kantone, nicht Gemeinden. https://de.wikipedia.org/wiki/Finanzausgleich_(Schweiz). Im Kanton Bern geht das Geld primär in die Randregionen (Oberland, Emmental, Jura).
      - Die momentane Parteiverteilung auf Kantonsebene findest du hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Kanton_Bern#Verfassung_und_Politik Der Kanton Bern ist nicht links.
      73 2 Melden
    • Walter Sahli 28.11.2016 13:41
      Highlight Ich weiss gar nicht, ob man es noch als Tank bezeichnen darf, wenn's soviele Löcher hat XD
      37 1 Melden
    • Alnothur 28.11.2016 13:59
      Highlight @Hoppla!:
      Falsch, im Kanton Bern gibt es auch einen kantonalen Finanzausgleich.
      8 18 Melden
    • phreko 28.11.2016 14:40
      Highlight Thinktank, der postfaktische fake News Vertreiber. Behauptungen ohne jegliche Grundlage.
      24 0 Melden
    • ands 28.11.2016 15:21
      Highlight @ Alnothur: In den die Stadt Bern kräftig zahlt und nicht etwa bezieht. Die Empfänger sind die bürgerlich regierten Gemeinden in den Randregionen.
      27 1 Melden
    • INVKR 28.11.2016 15:49
      Highlight @Alnothur: Den gibt es zwar, allerdings solltest du auch erwähnen, dass die Stadt dort Nettozahlerin ist und nicht Empfängerin. Thinktank schreibt also wie immer groben Unfug zusammen.
      26 2 Melden
    600
  • Alnothur 28.11.2016 12:37
    Highlight Oh ja, "die Bürgerlichen"! Wir sind ja alle gleich, nicht wahr? Warum fusionieren wir nicht einfach CVP-FDP-SVP-BDP?
    10 33 Melden
    600
  • atomschlaf 28.11.2016 12:03
    Highlight Ärgerlich, wie die SVP mit ihrer Starrköpfigkeit und Kooperationsverweigerung immer wieder der linken Seite zuarbeitet.
    14 43 Melden
    • Walter Sahli 28.11.2016 13:26
      Highlight Ist ja nicht neu, dass die SVP immer auf ihren Maximalforderungen beharrt und nicht kompromissbereit ist.
      67 7 Melden
    • atomschlaf 28.11.2016 13:59
      Highlight @Sahli: Nein, ist nicht neu, aber doch immer wieder überraschend, wie man sich freiwillig in absehbar aussichtslose Positionen manövriert.

      Und dann noch eine Nullnummer wie Hess aufstellen...
      39 4 Melden
    600
  • Hierundjetzt 28.11.2016 11:50
    Highlight In der STADT Bern wird gewählt und das Bild zeigt das Rathaus von Moutier / Münster im Berner Jura.

    Mol Watson 👌🏼😜
    41 3 Melden
    • Raphael Bühlmann 28.11.2016 13:34
      Highlight Danke für den Input, wir haben's angepasst ;)
      9 2 Melden
    • Hierundjetzt 28.11.2016 14:12
      Highlight ☺️
      5 0 Melden
    600
  • banda69 28.11.2016 11:47
    Highlight Hess ist Spitzenkandidat der SVP.
    Das sagt alles über diese Partei aus.
    111 9 Melden
    600
  • Raban T. Jolibois 28.11.2016 11:20
    Highlight Man könnte auch einfach erwähnen, dass RGM extrem gute Kandidaten aufgestellt hat. So ein Ticket wäre ja der feuchtr Traum eines jeden Bürgerlichen. Nur zicken die gleich rum und zerstreiten sich.
    48 7 Melden
    • Alnothur 28.11.2016 13:15
      Highlight Ist bei dir heute Gegenteiltag?
      12 28 Melden
    • Flughund 28.11.2016 13:24
      Highlight Was soll an denen extrem gut sein ? Bitte um Aufklärung.
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    • Raban T. Jolibois 29.11.2016 02:00
      Highlight @Alno: näh, phasenweise bin ich nur trotzig.
      @Flughund: AvG ist tief ins bürgerliche Lager wählbar, Wyss und Aebersold sind zumindest bis zu den Mittewählern wählbar. Und Teuscher schien vier Jahre so gut gearbeitet zu haben, dass sie keinen Grund lieferte sie nicht zu wählen.
      Wo bleiben da Bürgerliche mit diesem Label? Die bekannten Bürgerlichen in der Stadt sind nicht mehrheitsfähig. Müller, Wasserfallen, Fuchs, Hess, Jakob...
      Nichts dabei
      5 1 Melden
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