Schweiz

Verwandte oder vermeintliche Liebhaber locken die jungen Frauen nach Europa und zwingen sie, meist im Sexgewerbe, Geld zu verdienen. bild: shutterstock

Mit falschen Versprechen in die Schweiz gelockt – Menschenhändler unterwandern Asylwesen

30'000 Menschenhändler sind in Europa aktiv. Sie verdienen damit mehr Geld als im illegalen Geschäft mit Waffen und Drogen. Ein neuer Bericht von Europol zeigt: Die Zahl der Fälle wird zunehmen. 73 Opfer registrierte der Bund 2016.

18.03.17, 18:43 19.03.17, 09:25

Fabienne Riklin / Schweiz am Wochenende

Kurz bevor Joy 17 Jahre alt wurde, holte ihre Tante sie von Kamerun nach Zürich. Diese versprach ihr eine Ausbildung in der Schweiz. Es kam anders: Kaum hier angekommen, wurde Joy angewiesen, Asyl zu beantragen, und auf den Strassenstrich geschickt. Sieben Tage die Woche, die Einnahmen knöpfte ihr die Tante ab. Joys Geschichte ist kein Einzelfall. Bei der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) ist man alarmiert. «Fälle von Menschenhandel im Asylbereich nehmen seit einiger Zeit zu», sagt Rebecca Angelini von der FIZ. Opfer sind vor allem junge Frauen aus Nigeria, Äthiopien, Somalia und dem Kongo.

Unter falschen Versprechen locken Verwandte, Bekannte oder vermeintliche Liebhaber die Frauen nach Europa und zwingen sie, meist im Sexgewerbe, Geld zu verdienen. Einige reisen direkt in die Schweiz ein, andere über ein Dublin-Land. Dabei nutzen die Menschenhändler das oftmals langwierige und aussichtslose Asylverfahren, um die Frauen währenddessen auszubeuten. Es kommt auch vor, dass Menschenhändler erst in der Schweiz Asylsucherinnen täuschen und zur Kooperation zwingen. Wie viele Opfer von Menschenhändlern es im Asylwesen gibt, ist nicht bekannt.

2016 hat das Staatssekretariat für Migration (SEM) 73 Fälle verzeichnet. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Die Dunkelziffer dürfte allerdings hoch sein. «Nur die wenigsten Opfer werden erkannt», sagt Angelini. Dies liege daran, dass bei der Befragung die Zeit knapp sei. «Betroffene Frauen sind traumatisiert, manche können kaum sprechen. Es braucht daher Zeit, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, um die Sachlage zu klären.»

Gefahr nimmt zu

Rund 80 Prozent der Asylsuchenden gelangen über Schlepper in die Schweiz. Das bedeutet nicht, dass sie alle Opfer von Menschenhändlern sind. Seit das Botschaftsasyl abgeschafft worden ist, bleibt den Flüchtenden meist keine andere Wahl, als illegal zu migrieren und sich zumindest für einen Teil des Weges Schmugglern anzuvertrauen. Sie geraten in eine Abhängigkeit und verschulden sich.

Für kriminelle Banden sind insbesondere junge Migrantinnen attraktiv. Hohe Gewinne im Sexgewerbe und vergleichsweise niedrige Risiken für die Täter führen dazu, dass in Europa jährlich mehrere zehntausend Menschen Opfer dieses Verbrechens werden. Und das Problem wird sich verschärfen. Ein neuer Bericht der europäischen Polizeibehörde Europol analysiert: «Die derzeitige Migrationskrise in Nordafrika und im Nahen Osten wird einen grossen Einfluss auf den Menschenhandel haben.» Bereits über 30'000 Menschenhändler sind in Europa aktiv und machen mehr Geld als mit illegalen Drogen und Waffen.

Beim Bundesamt für Polizei ist man sich dessen bewusst. «Die grösste Herausforderung ist, Opfer von Menschenhandel als solche zu identifizieren», sagt Fedpol-Sprecherin Lulzana Musliu. Da sie mit Gewalt oder Drohungen gegen sich selbst und ihre Familie konfrontiert sind, wagen sie nicht, gegen ihre Peiniger auszusagen. Das Staatssekretariat für Migration ist deshalb daran, die Mitarbeiter zu schulen und zu sensibilisieren. «Wir sind bestrebt, die Bedingungen für Opfer laufend zu verbessern», sagt SEM-Sprecher Martin Reichlin. So würden Betroffene auch einen Flyer mit Kontaktinformationen zu kantonalen Opferberatungsstellen erhalten.

«Dies allein reicht aber nicht», sagt Rebecca Angelini von der FIZ. «Spezialisierte Opferschutzstellen werden bei Verdacht auf Menschenhandel in der Regel nicht einbezogen.» Nur die wenigsten Frauen würden daher die nötige medizinische und psychosoziale Betreuung erhalten. «Es fehlt schlicht ein Szenario, wie mutmassliche Opfer von Menschenhandel im Asylverfahren geschützt werden können.» So komme es vor, dass Täter und Opfer in derselben Unterkunft untergebracht würden.

Nicolas Le Coz, ehemaliger Präsident der Menschenhandels-Expertengruppe Greta des Europarates, hat einen Bericht über die Situation in der Schweiz mitverfasst. Er sagt: «Im Asylverfahren sollte bei jeder Person überprüft werden, ob sie ein Menschenhandels-Opfer ist.» Besonders bei sogenannten Dublin-Fällen bestehe Nachholbedarf. «Die Schweiz muss sicherstellen, dass kein Opfer in einen Staat zurückkehren muss, in welchem es der Gefahr von Vergeltungsmassnahmen oder erneutem Menschenhandel ausgesetzt ist.» Die Thematik wird am Montag an einer Konferenz in Bern diskutiert. (aargauerzeitung.ch)

Das könnte dich auch interessieren:

Die «Ehe light» ist gut – doch zuerst müssen wir die «echte Ehe» für Homosexuelle öffnen

Vater fährt 2200 Kilometer, um den Herzschlag seiner Tochter in fremdem Mann zu hören

15 grossartige Memes zum Wochenende, die leider viel zu sehr auf dich zutreffen

«Ich hasse geizige Menschen! S*******!»

Cyber-Attacke auf britisches Parlament – und besonders ein Politiker nimmt's mit Humor

«Trennt euch!» – warum er will, dass du Schluss machst, und damit völlig falsch liegt

Fies! Wie Kinder-Pools in der Werbung aussehen vs. die bittere Realität

Todes-Schlepper vor Gericht

Über LinkedIn und MySpace: Russische Hacker stehlen Daten britischer Politiker

 Getafe steigt wieder auf +++ Hamilton in Baku auf der Pole

Über 2100 Bootsflüchtlinge dieses Jahr ums Leben gekommen

So viel kostet das Surfen im Flugzeug

Gefahr auf dem Golan – Israel unterstützt syrische Rebellen und riskiert die Eskalation

Schweizer Wirtschaft profitiert von Aufschwung im Ausland

Wow! Diese Eule kann schwimmen

Verbraucht, verlacht, verlassen: Was mit denen passiert, die sich mit Trump einlassen

7 Grafiken, die jede Schweizer Frau bei der nächsten Lohnverhandlung dabei haben sollte  

Diese kleine Kunstgeschichte des Badens bringt dich ins Schwitzen

Zu heiss fürs iPhone? Heute wird's brenzlig

Wenn du diese Umrisse von Berühmtheiten nicht erkennst, klauen wir dir deinen Schatten

Sie haben einfach nie den Durchbruch geschafft: Die grössten Produkte-Flops der Geschichte

Uber ist verloren – die unglaubliche Chronologie der Uber-Fails

Männer, je öfter, desto besser! Fleissig ejakulieren senkt das Prostatakrebs-Risiko

Zuerst schmeisst Le Pen ihren Vater aus der Partei, nun fordert dieser ihren Rücktritt

Sean Spicer – irgendwie vermissen wir ihn jetzt schon

Mit iOS 11 kommen die Killer-Apps für Shopping-Fans und Einkaufs-Muffel

Raucher und Trinker sollen selber zahlen – Entsolidarisierung im Gesundheitswesen?

Uber-Chef Travis Kalanick tritt zurück

Rap-Ikone Prodigy von «Mobb Deep» ist tot

Scheinbeschäftigung: In Frankreich rollen reihenweise Köpfe von Macrons Ministern

So geht Apples Security gegen iPhone-Leaks vor

Sportlerpics auf Social Media: Rio Ferdinand ist eine krasse Maschine

«Wir werden mit frischem Hass zurückkommen»: Bye Bye «Circus HalliGalli»

Marco Streller hat's per WhatsApp eingefädelt – Cristiano Ronaldo wechselt zum FC Basel! 

Welches Land suchen wir? Wenn du Nummer 1 nicht weisst, sind die Ferien gestrichen!

Frauenhaut verboten! 23 absurde Album-Cover-Zensuren aus Saudi Arabien

Quizz den Huber! Bist du schlauer als unser schlauster Mitarbeiter?

Warum zwei Appenzeller Piloten im Mittelmeer Flüchtlinge retten müssen – eine Reportage

«Leute, die Anglizismen benutzen, gehen mir sooo auf den Sack!»

Verloren auf dem Meer des Unwissens: Rettet den Geschichtsunterricht!

History Porn – Showbiz Edition Teil III!

Liebe Karnivoren, lasst die Vegi-Wurst in Ruhe!

Sag mir doch einfach, dass du mich scheisse findest

EU schafft jetzt die Roaming-Gebühren ab – darum zahlen Schweizer nun gar mehr

Medikamente neu interpretiert – Teil 2!

20 Gründe in Bildern, warum du deinen Bart nicht abrasieren solltest

«Martha» ist der «hässlichste Hund der Welt»

Dress like a «Goodfella»: So geht der perfekte Mafia-Look – vom Hut bis zum Hemdkragen

Ein Abend im Luxus-Restaurant: So sieht ein Menü für 400 Franken aus

Starkoch Gordon Ramsay kriegt Filet auf einem Dachziegel serviert ... und ist sprachlos

Macron-«Tsunami» bei Parlamentswahl: Der Durchmarche

Lucrezia Borgia: Die päpstliche Bastardbrut der Renaissance

Alle Artikel anzeigen

Hol dir die App!

User-Review:
Galghamon, 3.12.2016
Ein guter Mix von News und Unterhaltung, sowie der Mut zur kritischen Analyse.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
10 Kommentare anzeigen
10
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • MysticPhenix 19.03.2017 11:00
    Highlight Traurig, dass die Polizei gegen derartige Formen der Ausbeutung nicht härter vorgeht, dieses Leck im Asylwesen ist mehr als bedenklich...
    Meanwhile im Polizei HQ: "Wir benötigen noch einen Raderkasten mehr an dieser Autobahn..."
    14 6 Melden
    • Tiger9 19.03.2017 20:34
      Highlight Hauptsache ein bisschen gegen die Polizei pöbeln... In unserem Land muss man einer Person eine Straftat erst mal nachweisen und das ist gerade bei diesen Verbrechen, in einem Umfeld das schweigt und mit Opfern die Sprach- und Landesunkundig sind, besonders schwierig.
      Übrigens: Von Geldern, die aus Ordnungsbussen stammen, hat die Polizei überhaupt nichts.
      15 0 Melden
    • Bruno S. 88 20.03.2017 07:14
      Highlight @Tiger
      Wer hat den etwas davon, von den Geldern aus Ordnungsbussen? Soweit ich weiss, plant die Polizei Gelder aus Ordnungsbussen fest in ihrem Jahresbudget ein.
      0 0 Melden
    600
  • atomschlaf 18.03.2017 21:29
    Highlight Ein Grund mehr, das Asylwesen von Grund auf neu zu konzipieren:
    - Annahme von Asylanträgen nur noch via Botschaftsasyl oder via UNHCR
    - Einreise erst nach abgeschlossenem Asylverfahren und positivem Entscheid
    - Keine Annahme von Asylgesuchen an der Landesgrenze

    Würde viele der heutigen Probleme und Missstände im Asylwesen lösen und wäre sowohl für die Schweiz wie auch für die zu Recht Asyl Suchenden von Vorteil.
    36 7 Melden
    • äti 19.03.2017 11:36
      Highlight Das hatten wir mal und hat funktioniert. Allerdings wurde es abgestellt. Erinnere ich mich korrekt, waren es Kostengründe und Hr. Blocher. Damals wurden alle Gründe für den Beibehalt überhört. Kurzfristiges Sparen kann auch seinen Preis haben.
      11 2 Melden
    600
  • Corahund 18.03.2017 19:01
    Highlight Das ist alles nichts Neues, man weiss es und man tut nichts dagegen. Unseren Politikern geht das quer am A.
    vorbei. Nein, sie erstellen für teures Geld Verrichtungsboxen, (ein abscheuliches Wort) in denen
    die armen jungen Frauen ausgebeutet und missbraucht werden. Auch von Schweizern notabene, sicherlich hats auch Politiker dabei. Es wäre ein Leichtes, diesen Mädchen Schutz zu bieten, würde man die gleiche Akribie wie bei Verkehrskontrollen etc. anwenden. Die erforderlichen Gesetze sind vorhanden, nur werden sie nicht angewendet. (s. Vermummungsverbot etc.)
    63 5 Melden
    • atomschlaf 18.03.2017 21:31
      Highlight Nicht jede Prostituierte wird ausgebeutet und missbraucht.

      Das beste Mittel dagegen wäre, diesen Beruf den anderen Berufen gleichzustellen, inkl. aller Rechte und Pflichten. Je mehr Rechte eine Prostituierte hat und je selbständiger sie arbeiten kann, desto geringer ist die Gefahr von Ausbeutung und Missbrauch.
      46 6 Melden
    • Corahund 19.03.2017 07:04
      Highlight wenn sie es tun muss und Kohle abliefert, wird sie ausgebeutet,hin oder her. Im Grundsatz stimme ich dir zu, den Beruf zu liberalisieren. Dies ist aber weit von der Realität entfernt.
      12 0 Melden
    • NucQB 19.03.2017 10:52
      Highlight Prostitution ist immer Ausbeutung und Missbrauch, das zumindest ist meine Meinung. Sex gegen Geld ist doch nicht normal. Da müssten sich aber unsere widerwärtigen Mitbürger, die freien, an der eigenen Nase nehmen. Tun sie aber nicht, diese Schwächlinge.
      5 19 Melden
    • atomschlaf 19.03.2017 14:30
      Highlight @NucQB: Sex gegen Geld ist das Normalste der Welt. Und wenn es nicht direkt gegen Geld ist, dann oft gegen irgendwelche Gefälligkeiten.

      Welcome to the real world.

      @Corahund: Ist mir bewusst, dass dies weit von der heutigen Realität weg ist. Wäre m.E. aber trotzdem die beste Lösung, in diese Richtung zu gehen.
      14 5 Melden
    600

7 Grafiken, die jede Schweizer Frau bei der nächsten Lohnverhandlung dabei haben sollte  

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist ein wichtiges Thema. Manche Politiker sind der Meinung, dass diese in der Schweiz bereits erreicht sei. Die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Statistik sprechen eine andere Sprache. Ein Überblick in Charts.

«Die Gleichstellung ist längst erreicht», sagte SVP-Nationalrätin Natalie Rickli anlässlich des internationalen Frauentags am 8. März zu zueriost.ch. Ihre Parlamentskollegin und SP-Nationalrätin Mattea Meyer hingegen ist überzeugt: «Nach wie vor haben Frauen im Durchschnitt am Ende des Monats 1000 Franken weniger im Portemonnaie als Männer.»

Dies zeigt: Gleichberechtigung von Mann und Frau ist nach wie vor ein strittiges Thema. Haben Frauen heute in der Schweiz die gleichen Rechte wie …

Artikel lesen