Schweiz

So sieht die Pflege der Zukunft aus: Zu Gast im modernsten Heim der Schweiz

Die Altenpflege der Zukunft richtet sich alleine nach den Bedürfnissen der Kunden. Diese sollen einen möglichst grossen Freiraum geniessen. So wie im Lindenhof in Oftringen AG.

04.08.16, 06:48 05.08.16, 10:27

Anna Wanner / Nordwestschweiz

Im Gruppenraum sitzen sechs ältere Damen und schälen Rüebli. Eine reisst Witze, die anderen sind in ihre Aufgabe vertieft: Die rechte Hand zieht den Schäler, die Linke dreht das Rüebli um ein paar Millimeter. Die «Kochgruppe» hilft mit, das Essen im Pflegeheim Lindenhof zuzubereiten. Im Jargon spricht man von «Aktivierung»: Anwohner werden ermuntert, an alltäglichen sozialen Aktivitäten teilzuhaben.

Gärtnern, Backen oder Jassen, das Angebot klingt per se nicht aussergewöhnlich. Als aber vor zwei Monaten der Heimverband Curaviva das «Wohn- und Pflegemodell 2030» vorstellte und die individuelle Lebensqualität ins Zentrum der Betreuung rückte, wussten die Verantwortlichen nicht, dass es in der Schweiz eine Institution gibt, die das Konzept vollumfänglich erfüllt – und offenbar ihrer Zeit gut 15 Jahre voraus ist.

Der Lindenhof in Oftringen funktioniert als Drehscheibe für Pflege und Betreuung von älteren und kranken Menschen, aber auch als Dienstleister für eine ganze Gemeinde samt Umgebung. In der Podologie lässt sich eine Frau gerade die Füsse pflegen, eine andere sitzt auf dem Coiffeursessel und gönnt sich eine neue Frisur.

Für Notfälle ist nicht nur die Pflege, sondern auch ein Arzt rund um die Uhr erreichbar – sowie überhaupt der gesamte Betrieb. Ein Nachtcafé für Nachtaktive inklusive. So arbeiten 200 Menschen im und um das Pflegeheim.

Organisch gewachsen

Bis 1982 standen im Lindenhof noch 44 Betten für Pflegebedürftige bereit, dann kamen erste Alterswohnungen und eine Cafeteria dazu. 2008 übernahm eine private Stiftung das Heim. Und Geschäftsführer Ralph Bürge brachte eine Vision mit: «Ich fragte mich, wie ein Alters- und Pflegeheim ausgestaltet sein muss, dass auch ich gerne darin leben würde – und baute es danach aus.»

Das Zentrum aus der Luft gesehen.

Ob der vielfältigen Bedürfnisse der Kunden wuchs das Angebot kontinuierlich. So stellten die neuen Alterswohnungen den bisherigen Betrieb vor ein Betreuungsproblem: Die Spitex besucht ihre Patienten bis 22 Uhr. Wer springt also ein, wenn in der Nacht etwas passiert? Bürge sah sich angesichts der Versorgungslücke gezwungen, eine eigene Spitex aufzubauen.

Heute bedient die Lindenhof-Spitex Kunden nicht nur in Oftringen, sondern auch in Aarburg, Rothrist, Zofingen, Murgenthal, Strengelbach und Brittnau. Davon profitieren auch die Senioren, die als Gönner der Lindenhofstiftung in einer der 70 angegliederten Alterswohnungen wohnen. 88 Wohnungen werden bald neu bezogen.

Und auch diese werden den Service vom anliegenden Pflegeheim beziehen: Essen, Kochen, Waschen und Putzen. Der Concierge-Dienst hilft, Altpapier zu bündeln, und füllt den Kühlschrank auf. Auch Gesellschaft ist gefragt: Das Café mit 30 Plätzen wuchs zu einem Restaurationsbetrieb, der über 300 Menüs täglich zubereitet.

Wer zahlt was?

Die Pflegekosten in der Schweiz werden auf drei Parteien verteilt: Staat, pflegebedürftige Person und Krankenkasse. Der Beitrag der Krankenkasse sollte rund 60 Prozent der Pflegekosten decken, wobei der tägliche Aufwand in der Langzeitpflege mit höchstens 108 Franken abgegolten wird. Je nach Kanton und Pflegestufe bezahlt der Patient selbst maximal Fr. 15.95 pro Tag für die Pflege der Spitex und maximal Fr. 21.60 für die Pflege im Heim. Gerade Westschweizer Kantone verzichten aber häufig auf eine Kostenbeteiligung des Patienten. Ebenfalls abhängig von der kantonalen Gesetzgebung ist die sogenannte Restfinanzierung, die entweder Sache der Gemeinden, des Kantons oder eine Mischrechnung zwischen den beiden ist. Nicht in der Pflege-Rechnung enthalten sind Betreuung, Kost und Logis. Die Pflegebedürftigen bezahlen die Hotellerie (im Heim) oder den Ess- und Wäscheservice sowie das Catering (ambulant) aus dem eigenen Sack. Die Betreuung, Hilfe im Haushalt und Beaufsichtigung von psychisch kranken Menschen wird über eine Pauschale vergütet. Falls die Kunden für diese Leistungen nicht mehr genügend Erspartes haben und die AHV nicht ausreicht, springt der Staat ein und finanziert die Differenz via Ergänzungsleistungen.

Die «Systemfehler»

Zwar hat der Aufenthalt im Lindenhof seinen Preis, für Kost und Logis bezahlt ein Kunde rund 6500 Franken im Monat. Dieser Betrag entspricht etwa dem Durchschnitt, trotzdem frisst er das Ersparte bei längerem Aufenthalt schnell auf. Doch die Heimbewohner sind abgesichert: Sie können bis zu 6000 Franken Ergänzungsleistungen beantragen, wenn sie nachweisen können, dass sie über keine ausreichenden Mittel mehr verfügen.

Eine Person, die in ihren eigenen vier Wänden wohnen bleibt, kann für Ess-, Wäsche- und Putzservice keine Ergänzungsleistungen beantragen, obwohl dieser Service unter dem Strich viel günstiger als ein Heimaufenthalt ist. Bürge nennt das einen «Systemfehler».

Solche «Fehler» lassen sich noch einige mehr finden. Seit Jahren wisse die Branche, dass die Krankheitsbilder sich ändern, wenn Menschen älter werden. Die Zahl der Demenzkranken wird sich in 15 Jahren fast verdoppeln. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) rechnet 2030 mit 218'000 Demenzkranken in der Schweiz.

Nicht nur die Einrichtungen sind darauf noch zu wenig vorbereitet, auch die aktuelle Pflege-Finanzierung funktioniert für viele Demenz-Patienten nicht, weil sie anstatt medizinischer Pflege Betreuung und Aufsicht benötigen. Nur: Das bezahlt die Krankenkasse nicht. Die Kosten werden auf die Bewohner abgewälzt.

Wir wollen uns das leisten

Die Politik hat derzeit andere Baustellen im Fokus. Die Alterung stellt die Gesellschaft vor äusserst delikate Finanzierungsfragen. Wenn sich bis 2045 die Ausgaben für die Langzeitpflege tatsächlich verdreifachen sollten: Können auch 18 Milliarden Franken weiterhin von Prämienzahlern und vor allem von der öffentlichen Hand finanziert werden?

Tatsächlich steht im Raum, ob wie bisher weitergefahren werden soll oder ob eine solidarische Pflegeversicherung oder ein privates Pflegekapital analog zur Säule 3a vielleicht besser wäre.

Allen Herausforderungen zum Trotz sieht Ralph Bürge die Zukunft der Pflege optimistisch. «Das Glas ist halb voll.» Bald werde eine Generation in den Ruhestand treten, die über ein grösseres Vermögen verfüge – und die den gewohnten Lebensstandard weiterführen wolle. Wie etwa im Lindenhof, wo er sich nun vorstellen kann, selbst alt zu werden.

Alterspflege im Wandel der Zeit

An der Sprache lässt sich ablesen, wie stark sich die Langzeitpflege gewandelt hat: Bis in die Sechzigerjahre wohnten «Insassen» in «Verwahranstalten». Dort lebten ältere, meist einsame und arme Menschen, die in grossen Schlafsälen versorgt wurden. Weitgehend kümmerten sich Angehörige aber wie bisher um pflegebedürftige Alte und Kranke. Erst ab dem 20. Jahrhundert bildeten Gemeinden und Kantone Spitalschwestern aus.

In den Sechzigern begannen auch spitalexterne Krankenschwestern und -pfleger, ihre Arbeit aufzunehmen (Spitex). Die Aufgabe verschob sich zunehmend von der Betreuung von Wöchnerinnen hin zur Pflege von alten und chronisch kranken Patienten. Die Behandlung wird damit immer komplexer, weil viele Patienten mehr als nur eine Krankheit haben (Polymorbidität).

Bis in die Achtzigerjahre kümmerten sich vor allem auch Spitäler um die Therapie und Pflege von älteren Menschen. Seither hat sich der Fokus von der Pflege zusätzlich auch auf das Wohnen der Betroffenen erweitert. Der Patient wird nicht nur behandelt, sondern betreut. Das heisst, er wird ermuntert, möglichst viele Aufgaben noch selbstständig und in geeignetem Umfeld zu erledigen. Auch das Zusammenleben, das Gemeinschaftliche, wird gefördert.

Dieses Prinzip wurde Mitte der Neunziger weiterentwickelt, indem die Bewohner in betreutem Wohnraum selber walten, kochen und ausgehen können. Die Pflege und wenn nötig auch der Essensservice wird eingekauft. So agieren die Bewohner zunehmend autonom und selbstbestimmt – ob zu Hause oder in einer Wohngemeinschaft.

(aargauerzeitung.ch)

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  • FrancoL 04.08.2016 10:05
    Highlight Das Angebot ist nun wirklich nicht aussergewöhnlich, dafür ist der Bau außergewöhnlich hässlich. Ich frage mich immer ob man beim heutigen Wissenstand nicht eine etwas motivierte Architektur für der 3. Lebensabschnitt fördern könnte. Manchmal muss man auch etwas für die "Seele" anbieten.
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  • amore 04.08.2016 07:56
    Highlight Enttäuschend dieser Titel: Praktisch alle Pflegheime in der Region bieten die aufgeführten Dienstleistungen ebenfalls an. Andere haben sogar noch zusätzliche Ideen umgesetzt wie z.B. die mobile Zahnarztpraxis im Pflegeheim Sennhof in Vordemwald. Dass das Pflegeheim in Oftringen das modernste Pflegeheim der Schweiz sein soll, ist wohl allzu hoch gegriffen und wahrscheinlich einfach falsch.
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