Schweiz

Manuel Stocker, Präsident von Retter ohne Grenzen, bei einem Einsatz auf dem Berner Bundesplatz.

«Tut extrem weh»: Verein Retter ohne Grenzen löst sich per sofort auf

Nach der medialen Schelte durch den «Blick» und der Gegenwehr von Verbänden löst sich der freiwillige Verein Retter ohne Grenzen per sofort auf.

21.06.17, 08:42 21.06.17, 10:56

Tobias Schalk / Oltner Tagblatt

Nur einen Tag nach der Veröffentlichung eines kritischen Artikels im «Blick» – die Betroffenen nennen es «Hetzkampagne» – lösen sich Retter ohne Grenzen mit ihrem Präsidenten Manuel Stocker aus Kappel per sofort auf.

Die Zeitung warf dem Verein vor, sich als Rettungssanitäter auszugeben, ohne über die entsprechende Ausbildung zu verfügen und mit täuschend echten Uniformen bei den Patienten ein falsches Sicherheitsgefühl zu erwecken.

Dabei wollten sie doch nur Gutes tun und Menschen in Not helfen: die freiwillige und selbsternannte humanitäre Organisation Retter ohne Grenzen. Im September 2015 gegründet, hatte sich der Verein der gesundheitlichen Unterstützung bei Grossereignissen wie Demonstrationen, Flüchtlingsströmen und Unwettern verschrieben. So tauchten die Retter mehrmals an Grossdemos wie der 1.-Mai-Kundgebung in Zürich auf oder begleiteten Antifa-Märsche in Bern als unabhängige Erstversorger im Notfall. Effektiv hätten aber nur rund sieben bis acht Personen behandelt werden müssen.

Grosse Vorbilder – grosse Gegenwehr

In seinem Tun lehnte sich der Verein, zumindest was die Namensgebung anbelangt, an eine ganz grosse Organisation an, nämlich an Ärzte ohne Grenzen. Dieser hohe Anspruch an sich selbst gepaart mit dem Laientum in einem sensiblen Bereich kam nicht überall gut an, erzählt Stocker. Besonders Branchenverbände wie der Interverband für Rettungswesen (IVR) oder der Verein Rettungssanitäter Schweiz (VRS) hätten nicht wohlwollend auf die Pionierarbeit der Retter ohne Grenzen als Freiwillige an der Front reagiert.

Retter ohne Grenzen Trailer

Video: YouTube/RETTER OHNE GRENZEN Schweiz

Den Schlussstrich zog Präsident Manuel Stocker noch am Montagabend. In einer ausführlichen – und fehlerdurchsetzten – Mitteilung im Internet legt er die Beweggründe dar. «Unser Ruf ist zerstört, da macht es keinen Sinn weiterzumachen. Jetzt muss ich mich selbst und meine Mitglieder schützen», ergänzt der 34-Jährige am Telefon mit dieser Zeitung. Der Reporter des «Blicks», welcher den Artikel unter dem Titel «Diese Sanitäter gefährden Ihre Gesundheit» zu verantworten hat, habe ihn unbedingt «in die Pfanne hauen wollen». Als Konsequenz hat Stocker denn auch eine Anzeige wegen Rufschädigung und Ehrverletzung bei der kantonalen Staatsanwaltschaft eingereicht.

Ausrüstung als Zankapfel

Als Streitpunkt offenbarte sich das Tragen von täuschend echter Ausrüstung – «nur zum Selbstschutz», sagt Stocker –, versehen mit offiziellen Symbolen. So ist den Rettungsorganisationen insbesondere die Verwendung des «Star of Life», eine Art Gütesiegel für Rettungsdienste, ein Dorn im Auge. Stocker sah diese Exklusivität anders und «klatschte sich das Symbol auf den Rücken», wie er selbst sagt. Auch die Kompetenzen und Berufsabschlüsse der freiwilligen Retter blieben laut dem kantonalen Gesundheitsamt fraglich. «Wir haben nie Medikamente verabreicht», beteuert Stocker.

Im Rückblick hätte er nichts anders gemacht, erklärt der Angestellte im Pflegebereich. «Ich war überzeugt, dass wir etwas Gutes tun, war aber vielleicht etwas blauäugig», zieht er ein erstes Fazit. Es tue extrem weh, dass der Verein auf diese Weise kaputtgemacht würde. Nun möchte Stocker etwas Abstand gewinnen und sich vermehrt seinen Hobbies Musik und Fotografie zuwenden. Später könne er sich vorstellen wieder in den Rettungsbereich einzusteigen, doch wenn dann nur als Mitglied und sicher nicht mehr auf eigene Faust.

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Brikne, 20.7.2017
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  • Mercator 21.06.2017 12:06
    Highlight Abgesehen von der irrführenden Kleidung hatte diese gruppierung doch eigtl nur positives bezweckt. Aber hauptsache hetzen und schikanieren. Mal wieder ein Beweis mehr das Medien nur ein Machtwerkzeug sind und sie schon lange nicht mehr ihre ursprüngliche Rolle erfüllen. Macht weiter so.
    7 12 Melden
  • stookie 21.06.2017 11:38
    Highlight Was ist das Gegenteil von gut?
    Gut gemeint.
    12 3 Melden
  • Griffin 21.06.2017 11:36
    Highlight Alle die hier schreiben, der hätte doch einfach zu den Samariter gehen sollen, haben seine Motivation nicht verstanden. Denn 'Retter ohne Grenzen' war ein non-profit NGO, welches auf freiwilligem Einsatz der Mitglieder und Spenden basierte.

    Samaritervereine verlangen im Gegensatz 20 bis 25.-/h pro 'Samariter' plus weitere Kosten(ZH). Das ist nicht mehr non-profit, sondern ein semi-professioneller Sanitätsdienst, der Freiwilligenarbeit ausbeutet.

    Wo die 'RoG' waren, wird man deshalb auch nie Samariter sehen, da diese unerschwinglich wären für Veranstalter/Betroffene.
    10 11 Melden
    • Cmo 21.06.2017 13:57
      Highlight Bin auch deiner Meinung.
      Ich bin mal gespannt, wie viele Blitze dein Comment gibt. Aber wahrscheinlich ist der Beitrag bereits zu alt, als das er noch von genug Personen gelesen wird.
      2 4 Melden
  • The Writer Formerly Known as Peter 21.06.2017 10:22
    Highlight Da hätte man vielleicht besser einmal mit dem örtlichen Samariterverein Kontakt aufgenommen. Die freuen sich immer über Zuwachs, bilden aus und erfüllen eine wichtige Funktion im Dienste der Allgemeinheit. Schade kam es so.
    66 2 Melden
    • Eteokles81 21.06.2017 13:01
      Highlight Wenn die Samaritervereine auch ein wenig mehr ausbilden würden als Pflästerlen und perfekte Verbände im Kreuzmuster anzulegen.

      Leider sperrt sich der SSB gegen alles, was auch nur nach Tubus oder Spineboard riecht.
      4 8 Melden
  • modestia 21.06.2017 10:20
    Highlight Das Angebot von Rettungsdiensten ist bereits gross. Für Grossanlässe stehen Samariter im Einsatz, für schnelle Einsätze gibt es die First-Responser... Wer helfen will, kann sich dort ausbilden lassen und Einsätze leisten.
    41 2 Melden
  • tromboner 21.06.2017 10:10
    Highlight Wer sich in diese Richtung engagieren möchte, kann ja zum lokalen Samariterverein gehen! Die sind gut ausgerüstet und wissen auch gut was sie dürfen und was nicht. Eine andere Möglichkeit wäre in der freiwilligen Feuerwehr zur Sanitätsabteilung.
    70 4 Melden
  • jjjj 21.06.2017 09:50
    Highlight "In einer ausführlichen – und fehlerdruchsetzten – Mitteilung im Internet"

    wer findet den Fehler? :D
    45 1 Melden
    • jjjj 21.06.2017 11:28
      Highlight ist mittlerweile korrigiert
      0 0 Melden
  • acove 21.06.2017 09:42
    Highlight Mit der Gesundheit anderer ist nicht zu spaßen und schon gar nicht, wenn die nötigen Ausbildungen fehlen.Offenbar hat Herr Stocker all die Hinweise seitens der Rettungsorganisationen und Verbände einfach mal ignoriert und wollte, aus was für Gründen auch immer, mit seinem "Verein" selbst im Kreis der dafür zuständigen und kompetenten Fachleuten eine Rolle spielen. Hätte er sich vor der Gründung des Vereins mit den Bedingungen und Vorschriften mit den zuständigen Stellen für das Rettungswesen in Verbindung gesetzt müsste er jetzt nicht jammern und andere für das Scheitern verantwortlich machen
    24 4 Melden
    • TheBean 21.06.2017 13:47
      Highlight "Mit der Gesundheit anderer ist nicht zu spaßen und schon gar nicht, wenn die nötigen Ausbildungen fehlen."

      Also dürfen Passanten einer verunfallten Person nicht helfen, da sie keine nötige Ausbildung haben?

      So wie ich das verstanden habe, sind die RoG "normale" Menschen, die einfach speziell gekennzeichnet sind.

      Ob die Erstversorung von einem "normalen" Menschen oder einem RoG durchgeführt wird, spielt doch keine Rolle, oder? Hauptsache, jemand hilft (und alarmiert die Rettungsdienste).
      3 4 Melden
  • Heinz Nacht 21.06.2017 09:38
    Highlight "Dabei wollten sie doch nur Gutes tun und Menschen in Not helfen..." Was ist das Gegenteil von "gut gemacht"? "Gut gemeint". Wenn er so etwas freiwillig und ehrenamtlich machen will, wieso geht er denn nicht in einen Samariterverein? Auch dort wird Ausbildung betrieben. Auch das sind Laien. Aber es werden andere Kennzeichnungen verwendet. Da liegt eben genau der Hund begraben. Und auch, dass dieser Verein unangefordert auftauchte und vom Veranstalter engagierte Firmen oder Vereine konkurrenzierte, war alles andere als sauber. Schon nur der Vereinsname deutet auf eine Profilierungsneurose hin.
    36 3 Melden
  • URSS 21.06.2017 09:31
    Highlight Artikel geschrieben. Gruppe aufgelöst. Mission Accomplished.
    47 5 Melden
  • Oly 21.06.2017 09:19
    Highlight Wenn gar nix klappt, kann er ja Coach werden. Es gibt immer irgendwas zu coachen....
    41 5 Melden
  • Ohniznachtisbett 21.06.2017 09:19
    Highlight Da kamen sie wohl doch an ihre Grenzen ;)
    68 5 Melden
  • Silas89 21.06.2017 09:19
    Highlight Ich han's den Artikel vom Blick gelesen. Gelogen ist wohl nichts. Aber wer einen Funken Anstand hat, der setzt sich erst mit der Organisation in Verbindung und erklärt die Probleme. Vielleicht hätte man eine Lösung gefunden. Vermutlich wäre der Verein ohne die entsprechenden Logos doch wertvoll.
    50 22 Melden
    • Mia_san_mia 21.06.2017 12:19
      Highlight Nein das ist schon ok so, dass es der Blick so gemacht hat. Solche Vereine braucht es nicht. Es gibt sicher genug Samariterveine die froh um Nachwuchs wären.
      5 3 Melden
    • Silas89 21.06.2017 15:05
      Highlight Genau das meine ich eigentlich. Sie hätten sich auflösen und einem professionellen Verein anschliessen können. Keine Ausbildung heisst ja nicht unfähig. Ich denke, dass die alle einen ordentlichen Druckverband oder eine Herzmassage beherrschen und professionelle Helfer unterstützen können. Der Blick hat deren Engagement aber aus Sensationsgeilheit zerstört.
      0 2 Melden
  • Janik Klopfa Duppenthaler 21.06.2017 09:12
    Highlight Richtig so...!
    32 11 Melden
  • Against all odds 21.06.2017 09:10
    Highlight "In einer ausführlichen – und fehlerdruchsetzten – Mitteilung im Internet..." der ist jetzt aber schon ein bisschen peinlich.
    32 0 Melden
  • Loe 21.06.2017 09:04
    Highlight Wirklich schade, dass solche Hetzartikel solchen Schaden anrichten können...
    Hier haben sich Menschen zum Helfen an Orten bereit erklärt, an welchen die wenigsten Leute freiwillig hingehen wollen. Wenn sowas an einer (notabene nicht geschützen!) Uniform scheitert, dann frage ich mich schon... Es gibt einige andere Organisationen, welche auch ähnliche Kleidung tragen, aber nicht in die Zielscheibe vom Schweizer-National-Hetz-Blatt (Blick) geraten. Warum? Sehr schade.
    23 51 Melden
  • Robi14 21.06.2017 09:02
    Highlight Also die Retter waren einfach Leute mit Uniform und ohne Rettungsausbildung?
    53 4 Melden
    • Cmo 21.06.2017 10:33
      Highlight Nein, es waren Retter welche diverse Ausbildungen für Rettungen und Erstversorgung absolviert haben.
      Samariter sind auch keine Profis und werden trotzdem akzeptiert, wieso sollen diese Retter hier anders behandelt werden als Samariter?? Ich finde das eine Schweinerei des Blick.
      11 37 Melden
    • derEchteElch 21.06.2017 10:47
      Highlight Genau
      1 9 Melden
    • Heinz Nacht 21.06.2017 11:33
      Highlight "Samariter sind auch keine Profis und werden trotzdem akzeptiert, wieso sollen diese Retter hier anders behandelt werden als Samariter??" Ganz einfach: Weil sich die Samariter mit "Samariter" und ihrem Samariterlogo auf den Uniformen kennzeichnen und sich nicht erdreisten, sich als "Rettungssanitäter" mit dem entsprechenden, international verwendeten, Logo zu kennzeichnen. Ausserdem gibt es für die Samariter gemeinsame Ausbildungen und Standards, die man bei diesem Verein nicht nachweisen konnte.
      9 1 Melden
    • Loe 21.06.2017 11:55
      Highlight @cmo
      Ich kann die ganzen Blitze nicht verstehen. Ich kann den Unterschied zu den Samaritern oder JDMT nicht sehen - und ich bin verankert im Gesundheitswesen. aber wenns der Blick schreibt.. *eyeroll*
      2 8 Melden
    • Mia_san_mia 21.06.2017 12:19
      Highlight Der Blick hat das ausnahmsweise genau richtig gemacht.
      6 2 Melden
  • Ehringer 21.06.2017 08:55
    Highlight Die Idee des Vereins finde ich ja eigentlich schön. Sich allerdings mit offiziell aussehender Rettungskleidung zu kleiden ist halt leider Etikettenschwindel.
    Zudem: gibt es nicht genau für solche Aktionen die freiwilligen Samariter? Man könnte ja auch dort beitreten.
    80 5 Melden
    • Cmo 21.06.2017 10:35
      Highlight Die Samariter sind auch keine Profis! Und die tragen auch Kleidung die professionell aussieht. Wieso wir da kein Theater daraus gemacht? Die Retter ohne Grenzen gehen an Orte wo Samariter nicht hingehen. z.b Demos, wie im Artikel beschrieben. Und schlussendlich ist jede Hilfe eine gute Hilfe. Solange die ersten paar Minuten bis zum eintreffen der richtigen Ambulanz mit diesen Rettern überbrückt werden kann, ist doch jedem geholfen.
      10 18 Melden
    • Ehringer 21.06.2017 11:12
      Highlight Die Samariter sind allerdings eine Vereinigung, die anerkannt ist und sie sind auf ihre Uniformen gross als Samariter erkennbar. Ich sage ja, wenn auf den Uniformen gross gestanden hätte "Retter ohne Grenzen", hätte ich auch kein Problem damit. Leider war dem aber nicht so, diese Leute sahen im Endeffekt wie Rettungssanitäter aus. Das ist das Problem. Ich habe kein Problem mit Leuten, die helfen, aber dann bitte nicht unter Vorschwindeln von falschen Tatsachen.
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