Schweiz

Bundesrat verschiebt Weichenstellung in der Europapolitik

28.06.17, 15:04 28.06.17, 18:03

Aussenminister Didier Burkhalter Bild: KEYSTONE

Bei den Verhandlungen über ein institutionelles Rahmenabkommen mit der EU sucht der Bundesrat nach einer Paketlösung. Bevor er seine Unterschrift unter den Vertrag setzt, will er Zugeständnisse in anderen Dossiers. Ergebnisse sind frühestens im Herbst zu erwarten.

Seit drei Jahren verhandelt die Regierung ergebnislos über ein institutionelles Abkommen. Seit Wochen wurde ein Grundsatzentscheid dazu erwartet. Am Mittwoch nun hat die Regierung entschieden, vorerst nichts zu entscheiden und weiter zu verhandeln. «Wir brauchen noch den Sommer, um zu versuchen, echte Fortschritte zu machen», erklärte Aussenminister Didier Burkhalter den Bundeshausmedien.

Wo die Verhandlungen über das institutionelle Abkommen stehen, ist ungefähr bekannt. Geeinigt haben sich die Unterhändler über Regeln zur Auslegung und Überwachung der bestehenden Abkommen sowie zur Übernahme künftigen EU-Rechts. Umstritten ist die Streitbeilegung.

Unverändertes Verhandlungsmandat

Das Verhandlungsmandat des Bundesrats sei in diesem Punkt klar, sagte Burkhalter. Es sehe eine verbindliche Interpretation des Rechts durch den Europäischen Gerichtshof vor. Die konkrete Lösung müsse im Gemischten Ausschuss politisch diskutiert werden.

Wenn es keine Lösung gebe, drohten der Schweiz Kompensationsmassnahmen bis hin zur Suspendierung des Vertrags. Die Angemessenheit der Sanktionen könne von einem Schiedsgericht beurteilt werden. «In diesem Rahmen verhandelt der Bundesrat weiter», erklärte Burkhalter.

Doch die Verhandlungen gehen inzwischen weit darüber hinaus. So möchte die Schweiz die flankierenden Massnahmen absichern, die der EU ein Dorn im Auge sind. Im Zusammenhang mit dem Stromabkommen werde über Subventionen diskutiert, sagte der Aussenminister.

Welche weiteren Verträge inzwischen zur Verhandlungsmasse gehören, wollte er nicht verraten. Der Bundesrat müsse mit einer gewissen Vertraulichkeit arbeiten können, um die Interessen der Schweiz zu wahren. Dazu gehört laut Burkhalter insbesondere die Information, welche Abkommen für die Schweiz besonders wichtig sind.

Unterschriftsreif sind das Stromabkommen und das Abkommen zur Verknüpfung der Emissionshandelssysteme. Weitere Marktzugangsabkommen könnten nicht so rasch verhandelt werden, stellte Burkhalter klar. Um den Marktzugang für den Finanzsektor dürften sich die Gespräche also nicht drehen.

Bekannt ist weiter, dass sich die Schweiz Anpassung des Abkommens zu technischen Handelshemmnissen wünscht. Dessen Aktualisierung gehört zu jenen Fragen, über die die EU mit der Schweiz eine Zeit lang nicht mehr sprechen wollte. Im Frühjahr verkündeten die beiden Seiten dann die Deblockierung der Gespräche. Das sei gut, sagte Burkhalter. «Eine Einigung ist besser.» Es brauche nun Resultate und eine Verständigung.

Kohäsionsbeitrag als Hebel

Der Aussenminister ist überzeugt, dass eine Einigung in gewissen Fragen im gegenseitigen Interesse wäre. Doch allein darauf will sich der Bundesrat nicht verlassen. Er setzt den neuen Kohäsionsbeitrag als Hebel ein.

Der Bundesrat hat am Mittwoch entschieden, bei einer allfälligen weiteren Zahlung Schwerpunkte bei Berufsbildung und Migration zu setzen. Ob die Schweiz aber tatsächlich einen Beitrag leistet zur Verringerung der wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten in den EU-Mitgliedstaaten, entscheidet er erst im Licht der Verhandlungsergebnisse der nächsten Monate.

Diese Gesamtbeurteilung will der Bundesrat im Herbst machen. Danach plant er ein «hochrangiges Treffen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union». Bei der Gelegenheit sollen jene Verträge unterzeichnet werden, über die ein Einigung erzielt werden konnte. Danach will der Bundesrat das weitere Vorgehen in der Europapolitik festlegen.

Brüssel nimmt den Entscheid des Bundesrates zur Kenntnis. «Die Verhandlungen zwischen der EU und der Schweiz gehen weiter - genau wie auch seitens der Schweiz heute bestätigt», schreibt die EU-Kommission auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Weiter heisst es lediglich, die Gespräche liefen zudem «zu allen offenen Dossiers und Fragen» parallel weiter. (sda)

26 Küsse, die nichts gebracht haben – die EU steckt in der Krise

Das könnte dich auch interessieren:

Kein Schamgefühl – dieses Trump-Getue von CC macht alles nur noch schlimmer

Cassis muss in der Europapolitik liefern – und den Beschuss von rechts aushalten

Extrem hässliche Menschen erzählen uns, wie es ist, extrem hässlich zu sein

Ständemehr als Stolperstein: Bei der AHV-Reform wird um jeden Swing State gekämpft

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
Abonniere unseren NewsletterNewsletter-Abo
7Alle Kommentare anzeigen
7
Um mit zudiskutieren oder Bilder und Youtube-Videos zu posten, musst du eingeloggt sein.
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • Steely Dan 28.06.2017 20:47
    Highlight "Wenn es keine Lösung gebe, drohten der Schweiz Kompensationsmassnahmen bis hin zur Suspendierung des Vertrags."

    Man stelle sich vor, die EU würde die Bilateralen kündigen. MEI, wäre das witzig...
    0 0 Melden
    600
  • Telomerase 28.06.2017 16:18
    Highlight Wir brauchen eine gute wirtschaftliche Partnerschaft mit der EU.
    Jedoch erinnert das Verhalten der EU gegenüber der Schweiz mehr an eine Hegemonialmacht als an eine Partnerschaft.
    22 11 Melden
    • FrancoL 28.06.2017 17:20
      Highlight Sind Sie sicher dass die Schweiz eine Partnerschaft möchte?
      Ist es nicht ein wenig sonderbar dass man von Partnerschaft spricht und bei jeder Gelegenheit auch seine eigenen Rechte pocht und wo immer es geht die EU in den Schmutz zieht?
      Haben Sie sich zB die Evaluation von Blocher, Köppel und Co bezüglich dem Zustand und dem Sinn der EU einmal genauer abgehört? Denken Sie dass man da von Partnerschaft spricht? und es ist nicht eine kleine Minderheit die den Voten von Köppel und Co. folgt sondern wohl eher eine Mehrheit.
      Da würde ich als Gegenpart sicherlich nicht auf eine Partnerschaft setzen
      8 11 Melden
    • Telomerase 28.06.2017 18:29
      Highlight Man beachte das Adjektiv vor "Partnerschaft". Handelshemmnisse abbauen, gemeinsame Industriestandards etc.
      Die eigene Rechte zu beschneiden, das Abbauen von demokratischen Möglichkeiten, die Verlagerung der Judikative nach Brüssel, da kann nicht mehr von einer Partnerschaft gesprochen werden. Und wenn du das als Partnerschaft betrachtest, dann will ich eine solche nicht.
      1 1 Melden
    • Fabio74 28.06.2017 19:20
      Highlight Sehe das Verhalten beider Seiten kritisch. Die CH hält von Partnerschaft auch nicht viel
      1 0 Melden
    • FrancoL 29.06.2017 10:45
      Highlight Mir ist das Adjektiv nicht entgangen. Da scheinen wir offensichtlich eine ganz andere Auffassung von Wirtschaft zu haben. Ich betrachte die Wirtschaft ganzheitlich, also inkl. der PFZ, nicht nur eine Reduktion auf den Handel. Darum frage ich: Will die CH überhaupt eine Partnerschaft auf der wirtschaftlichen Ebene? Das wäre doch zB das EWR gewesen? Und noch heute finden viele dass es ein Glück ist dass Blocher uns vor dem EWR gerettet hat. Ich finde dies nicht, ich glaube mit dem EWR wären wir mindestens so gut gefahren und ich glaube auch nicht dass wir mit dem EWR nun in der EU wären.
      0 0 Melden
    • FrancoL 29.06.2017 11:00
      Highlight Vie3lleicht müsste man ja so ehrlich sein und feststellen dass ein Rahmenabkommen die eingegangenen Verträge betrifft und somit nicht alle unsere Lebensbereiche. Somit ist es falsch zu argumentieren dass grundsätzlich die eigenen demokratischen Rechte verloren gehen. Sie werden dort geändert oder angepasst, wo Verträge bestehen und das ist für mich klar ein MUSS, denn Verträge können nicht 2 Rechtsgrundlagen haben.
      Man kann nicht von Partnerschaft sprechen und dann hat jeder seine eigene Auslegeordnung.
      Ich kann auch nicht bei einem Mietvertrag den Rahmen zB das Mietrechtes ummodeln.
      0 0 Melden
    600

DSI-«Arena»: Ein alter Berner Secondo sagt, wie's ist – und Guts und Amstutz' Abend ist gelaufen

Die zweite «Arena» zur Durchsetzungs-Initiative drohte zu einer nervigen Paragrafenreiterei zu werden. Dann hatte der Star des Abends seinen Auftritt. 

Die Abstimmung über die Durchsetzungs-Initiative findet eine Woche zu spät statt und sollte auf den morgigen Sonntag vorverschoben werden. 

Das ist der vorrangigste Erkenntnisgewinn für den geneigten Zuschauer der gestrigen zweiten «Arena» zur Durchsetzungs-Initiative. Denn weder «Weltwoche»-Vizechef Philipp Gut noch SVP-Nationalrat Adrian Amstutz noch SP-Ständerat Daniel Jositsch noch watson-Mitarbeiter David Kohler alias Knackeboul konnten mit irgendeinem in den letzten Wochen noch …

Artikel lesen