Schweiz

Ein syrischer Flüchtling in Serbien schätzt mithilfe seines Smartphones die Distanz zur ungarischen Grenze ab.  Bild: Santi Palacios/AP/KEYSTONE

Flüchtlingshilfe fordert Gratis-WLAN in Schweizer Asylheimen – Swisscom winkt ab

05.09.15, 14:56 06.09.15, 15:32

Smartphones gelten als Luxus. Wenn Flüchtlinge in der Öffentlichkeit mit einem solchen Gerät hantieren, irritiert das viele Leute. Sie sehen darin einen Beweis dafür, dass es diesen Asylbewerbern materiell besser gehen muss als manchen Einheimischen. Wutbürger finden es eine Unverschämtheit, dass Flüchtlinge überhaupt solche Geräte besitzen dürfen. Das Phänomen erinnert an die Lederjacken, an denen sich in den 80er Jahren die Entrüstung über die tamilischen Asylbewerber festmachte. 

Für Flüchtlinge sind Smartphones indes kein teures Spielzeug, kein Statussymbol, sondern oft das einzige Mittel, um in Kontakt mit Angehörigen zu bleiben. Das beginnt schon in den Herkunftsländern: In Afrika, aber auch im Nahen Osten, sind günstige Handys – meistens handelt es sich um technisch weniger leistungsfähige oder gebrauchte Geräte – viel wichtiger als die oft rudimentäre Festnetztelefonie. In Ghana zum Beispiel besitzen über 83 Prozent der Menschen ein Mobiltelefon, aber nur ein Prozent hat einen Festnetzanschluss. 

Jährliche Verkäufe von Smartphones und herkömmlichen Handys in Afrika (ab 2011 prognostiziert).
Jährliche Lieferung von Grafik: Quartz

Überlebenswichtige Geräte

Auf der Flucht sind die mobilen Geräte besonders wichtig – sie können sogar über Leben und Tod entscheiden, zum Beispiel wenn damit ein Notruf abgesetzt werden kann. Mit ihrer Hilfe orientieren sich die Flüchtlinge – beispielsweise per GPS– oder kontaktieren Verwandte und Bekannte vor Ort. Oft ist ein Smartphone der einzige Wertgegenstand in ihrem Besitz. Die meisten kommen daher bereits mit einem Mobiltelefon hier an. Das vermutet auch Stefan Frey, Sprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe: Wie viele Asylsuchende ein Handy besitzen, wisse man nicht, sagt er, aber es sei wohl die Mehrzahl von ihnen. 

Auch Frey betont, wie wichtig die Geräte für die Flüchtlinge sind, um mit ihren Angehörigen zu kommunizieren: «Ich kenne den Fall eines Eritreers, dessen Mutter sich im Sudan befindet. Das Smartphone ist die einzige Verbindung zwischen ihnen», sagt er. Asylbewerber könnten sich allerdings die teuren Roaminggebühren nicht leisten: «Sie kaufen günstige Prepaid-Karten in darauf spezialisierten Läden oder nutzen Flatrate-Angebote von Anbietern wie Lebara.» Auch der Mobilfunkanbieter Lycamobile profitiert von den Flüchtlingen und bietet günstige Internet- und Telefon-Abos an, die sowohl in Schwellenländern als auch in Zielländern wie der Schweiz oder Deutschland funktionieren. 

In Mailand verkaufen Lyca-Mitarbeiter Flüchtlingen SIM-Karten auf der Strasse. 
screenshot: ard

«W-Lan in den Asylheimen ist eine grundsätzliche Forderung von uns. So kann man den Leuten auf einfache Art das Leben erleichtern und die Kosten runterbringen.»

Stefan Frey, Schweizerische Flüchtlingshilfe

Smartphones sind aber vor allem darum wichtig, weil sie im Gegensatz zur Festnetztelefonie oder einfachen Handys günstige Kommunikation über das Internet ermöglichen: WhatsApp, Skype oder Viber kann man nur auf einem Smartphone nutzen. 

Auf einfache Art das Leben erleichtern

Frey fände es deshalb auch vernünftig, wenn man den Menschen in den Flüchtlingsunterkünften kostenlos W-Lan zur Verfügung stellen würde. Telekom-Anbieter wie die Swisscom könnten sich damit profilieren. «W-Lan in den Asylheimen ist eine grundsätzliche Forderung von uns. So kann man den Leuten auf einfache Art das Leben erleichtern und die Kosten runterbringen», sagt Frey. Es sei gescheiter, fügt er hinzu, die Menschen voranzubringen als eine Neid-Diskussion vom Stapel zu lassen. «Hier hat schliesslich schon jedes 5-jährige Kind ein Smartphone in der Tasche.»

Swisscom-Sprecher Josef Huber weist auf Anfrage von watson darauf hin, dass eine direkte Unterstützung von Flüchtlingsunterkünften durch die Swisscom «derzeit nicht geplant» sei. «Wir engagieren uns über die Glückskette, die aktuell eine Sammelaktion zugunsten von Flüchtlingen durchführt.» Die Swisscom unterstütze die Glückskette als Partnerin mit einem jährlichen Sponsorenbeitrag und Sachleistungen.

Überlebenswichtige Orientierungshilfe: Flüchtlinge versuchen an der ungarisch-serbischen Grenze ihren Weg zu finden. 
Bild: Darko Bandic/AP/KEYSTONE

Die Flüchtlinge seien gut vernetzt, sagt Frey. Infos, wo es günstigere Prepaid-Karten gebe, machten jeweils schnell die Runde. Die Smartphones hätten aber noch mehr Potential, meint er. Zum Beispiel Apps auf Tigrinya, der wichtigsten Sprache in Eritrea, oder – für Leute mit Arbeitserlaubnis – Tools für die Stellensuche. «Eine Art Jobbörse, wo Arbeitssuchende ein einfaches Profil erstellen könnten», sagt Frey. Und hofft, dass – «bei all der Kreativität, die es im Web gibt!» – noch mehr möglich wäre. 

Kinder auf der Flucht

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.
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  • magicfriend 07.09.2015 14:28
    Highlight Es ist immer schwer zu sagen, ob Aussagen in solchen Aritkeln aus dem Kontext wiedergegeben wurden oder genau in dieser Form. Jedoch muss auch ich die reisserische Behauptung entkräften, dass hierzulande jeder 5-Jährige ein Smarphone in der Tasche hat. Ich habe zwei Kinder, die sind sieben und neun Jahre alt. Weder sie selber, noch ein einziger in ihrer Klasse, besitzt ein Smartphone. Stichprobe: 38 Kinder, 0 Smartphones, Durchdringung 0%.
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    • Hansjürg Wüthrich 08.09.2015 08:16
      Highlight Entschuldigung, aber das kann ich nicht glauben ! So viele Kinder und keiner soll ein Smartphone haben ? Das ist hier völlig anders. Seit dem Kindergarten Alter oder spätestens in der erster Klasse haben sicher 8 von 10 ein Smartphone. Unsere Kinder seit dem Kindergarten und das war vor 7 Jahren schon ! Leben die Eltern da hinterm Mond oder sind die alternativ komisch drauf ? Wie kann man nur im 2015 ! Ist mir unbegreiflich ! Man tut den Kindern damit nichts gutes wenn man sie vor Kommunikation/Medien/Technik fern hält !
      1 1 Melden
  • elivi 05.09.2015 22:08
    Highlight zur statistik sollte schon vermerkt werden, dass es sich mehrheitlich um normale natels handelt. Das is ja auch der grund weshalb Nokia dort immer noch marktführer ist. Das hat oft was damit zu tun, dass das mobile netz einfach nicht soweit ausgebaut ist, damit es flächendeckend 3G oder HSDPA anbieten kann ergo macht smartphone kein sinn.
    ps. 5 järige haben schon smartphones? die statistik will ich sehn ...
    18 4 Melden
  • Zeit_Genosse 05.09.2015 19:08
    Highlight WLAN ist auch für Flüchtlinge sinnvoll. Da findet sich sicher noch ein Sponsor. Man muss die Geschichte aber nicht grösser schreiben als nötig. Damit liese sich unnötige Polemik verhindern.
    15 41 Melden
  • Robson-Rey 05.09.2015 16:55
    Highlight Verstehe die Aufregung nicht. Ein Gratis WLAN kostet immer. Jedenfalls den Besitzer kostet es.
    Die paar Franken im Monat und einen Access Point sollte man noch zahlen können. Meistens bekommt man ja einen halbwegs anständigen Router mit WLAN-Funktion mitgeschickt.
    Wenn jeder Leiter einen Zwei-Fränkler im Monat in eine Topf wirft reicht das für die Zahlung des Abonnements.
    56 19 Melden
  • Mr.Stepper 05.09.2015 16:16
    Highlight In Frauenhäuser gibts auch öfters gratis WLAN, das sollte eigentlich auch im Asylbereich kein Problem sein... Wieviel kosten das für so eine "Standardunterkunft"? Dürfte ja nicht allzu teuer sein!
    40 60 Melden
  • leclerc 05.09.2015 15:41
    Highlight ..jeder 5jährige hat bereits ein smartphone in der tasche..

    das ist mir neu..
    72 20 Melden
    • Tatwort 05.09.2015 15:55
      Highlight An der Zürcher Goldküste sind es sogar die Dreijährigen...
      79 20 Melden
  • Sille 05.09.2015 15:33
    Highlight Wutbürger... das sagt doch alles.... Watson... wie wärs mal mit neutraler Berichterstattung?
    108 71 Melden
  • niklausb 05.09.2015 15:28
    Highlight waaas gratis?? da gibts ja kein Profit!
    48 40 Melden
  • atomschlaf 05.09.2015 15:26
    Highlight Wenn die Flüchtlingshilfe kostenloses WLAN fordert, dann soll sie das meinetwegen selbst organisieren und mit Spendengeldern finanzieren.
    Ist aber leider typisch für diese unglaubliche Anspruchshaltung von Leuten, die im Sozialbereich tätig sind. Immer wieder sollen irgendwelche Dritten kostenlose Leistungen erbringen. Kenne ich zur Genüge von gewissen Kunden aus dieser Branche...
    172 47 Melden
    • SanchoPanza 05.09.2015 17:55
      Highlight immer diese Verallgemeinerungen von allen Leuten die keine Ahnung haben wie es ist im Sozialbereich zu arbeiten!

      (Spiegel, kennst du?)
      18 75 Melden
    • Bowell 05.09.2015 19:41
      Highlight @SanchoPanza: Na, wurde da evtl. ein Nerv getroffen von Jemandem der in der Branche tätig ist;)?
      46 8 Melden
  • derBurch 05.09.2015 15:06
    Highlight Aber Swisscom könnte ein Münztelefon aufstellen..
    76 23 Melden
  • Tatwort 05.09.2015 15:05
    Highlight Swisscom will nicht? Da, weshalb dann nicht wir? Ich kann das zwar nicht koordinieren, stelle aber gern einige Wifi-Router zur verfügung. Verdammt nochmal, es kann doch nicht sein, dass Milliardenkonzerne hier auf Prinzipienreiterei machen! Wo kann ich meine Router abliefern? Und bei Bedarf stelle ich gerne auch noch ein paar funktionstüchtige Laptops zur Verfügung!
    55 89 Melden
    • smilemore 05.09.2015 15:35
      Highlight Nicht schlecht ein paar funktionstüchtige Laptops und Router zur Verfügung zu stellen. Mein Respekt. Ich wüsste nicht einmal woher ich so viele Geräte hernehmen soll.
      70 7 Melden
    • User01 05.09.2015 15:36
      Highlight Wurden Salt und Sunrise auch gefragt? Warum spenden die nicht? Warum nicht die Asylheimbetreiber selbst? Das ständige Swisscom- und SBB-Gebashe auf 20min und nun offensichtlich auch auf Watson nervt.
      91 18 Melden
    • Tatwort 05.09.2015 15:57
      Highlight @User01: Das hat nichts mit Gebashe zu tun. Sondern mit Berichterstattung. Und wenn man das liest und auch versteht, dann reagiert man eben. Ganz simpel. Und so, wie Du das angebliche "Gebashe" anprangerst, könnte ich zurückschreiben: Weshalb das wehleidige Gejammere?
      24 57 Melden
    • Mr.Stepper 05.09.2015 16:21
      Highlight @Speed als Unternehmen im öffentlichen Besitz eignen sie sich zum gebashe und man erwartet irgendwie weniger Gewinnsucht wie bei privaten Unternehmen .. Aber hey da könnten auch Salt und co ein soziales Zeichen setzen. Die Flüchtlingshilfe könnte koordinieren für private Spender usw.
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    • AL:BM 06.09.2015 07:39
      Highlight Oder man könnte auch fragen, warum der Bund diese Infrastruktur nicht zur Verfügung stellt. Denn die Armee hat entsprechendes Equipment.
      Da müsste aber zuerst noch die Frage beantwortet werden war die Flüchtlinge so dringend WLAN brauchen...
      6 7 Melden

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